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Chronik
Monday, July 04, 2005
  2.6., Do
Im Senatssaal der Uni. Prof.Gerhard Neumann über "Kafka als Ethnologe". Es hat schon seinen Sinn, daß bei Vorlesungen vorgelesen wird, das Gehör hält ja etwas länger durch. Kann kaum noch was lesen.
Anschließend Fragen aus dem Publikum. Der Vorlesende versteht sie nicht, weil die Fragenden nicht nah genug ans Mikro gehen. Verschwinde kurz vor Schluß. Eben noch im Senatssaal der HU, Minuten später auf der Bühne des RAW.
Ansage mit Stephan: "Was hältst du von Dominique de Villepin?" Angelina Jolie, u.a. wegen ihres sozialen Engagements als "Sexiest woman of the world" gewählt. Auf welchen Platz kämen wir, wenn es ohne Beschiß zuginge?
3.6., Fr
Bis 1 die Kafka-Vorlesung für die Taz. Die Hälfte wegkürzen.
Ausgekoppelt: Kafka als Ethnologe
Im Senatssaal der HU sehen die Humboldtbrüder auf uns herab. Alexander greift sich ins Revers, man könnte meinen, er würde gleich eine Waffe ziehen. Hier bieten die öffentlichen Mosse-Lectures einem die Gelegenheit, als Universitäts-Karteileiche wieder einmal Tuchfühlung mit dem akademischen Betrieb aufzunehmen. Wenn man lange nicht an der Uni war, wird man ja schnell von ganzen Straßenzügen überrascht, die inzwischen neu entstanden sind. Und auch, daß man die an die Wand projizierten Folien inzwischen nicht mehr scharf sieht, registriert man besorgt.
Professor Gerhard Neumann widmet sich heute Kafka als Ethnologen. Statt Diskursen galt Kafkas Faszination "den wortlosen Rätseln von Handlungen und Körperakten". Rituale setzen kulturelles Wissen in Szene und leisten eine strukturelle Bindung des Überschusses an Gewalt, zu der es bei jeder Ordnungsgründung kommt. "Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer. Das wiederholt sich immer wieder, schließlich kann man es vorausberechnen und es wird ein Teil der Zeremonie." Das Wilde wird durch das Ritual in die Kultur eingebürgert. Man denkt unwillkürlich an den Kreuzberger 1.Mai, wo das Erscheinen der Steinewerfer irgendwann vorausberechnet werden kann und Teil der Zeremonie wird, bis Polizisten und Steinewerfer eine Art urbane Performance aufführen, von der später, wie beim Stierkampf, nicht mehr klar sein wird, was eigentlich ihr ursprünglicher Sinn war.
Immer wieder sind Kafkas Erzähler Ethnologen. In "Schakale und Araber" wird ein europäischer Reisender von Schakalen gebeten, den Arabern die Kehle durchzuschneiden, das sei ein altes Erlösungsritual und er der Erlöser. In "Der Dorfschullehrer" erforscht ein Lehrer einen Riesenmaulwurf und scheitert am Ritual wissenschaftlicher Aufmerksamkeit in der Gelehrtenwelt. In "Ein Bericht für eine Akademie" rekonstruiert ein Affe seine kulturelle Karriere, die in seiner Menschwerdung besteht. Seine Erinnerung setzt ein mit dem Schmerz, den die Schüsse von Hagenbecks Mitarbeitern verursacht haben. Der Übergang ist der Ausnahmezustand. Fortan ist er ein Ethnologe des radikal fremden, der menschlichen Kultur. "In der Strafkolonie" zeigt einen Forschungsreisenden, der den Untergang der rigoristischen Strafordnung des verstorbenen Kommandanten einer Tropeninsel beobachtet und verschwindet, als es gefährlich wird. Das Paradox des teilnehmenden Beobachters. Verstehen in der Distanznahme und Ruinieren des Rituals. Das Ritual hört auf, eines zu sein, wenn der Teilnehmer zum Beobachter wird. Aber andernfalls gibt es keine Zeugen. Man kennt diese Erfahrung von der Loveparade. Man kann die Peinlichkeit der Bewegungen der Tänzer nicht bezeugen und gleichzeitig Teil des Rituals sein.
"Ein Hungerkünstler" widmet sich dem Artistenritual des Schauhungerns. Als der Künstler die übliche Hungerzeit überzieht, bleiben die Erfolge aus. Er wird weggestellt und schließlich aus dem Käfig gefegt und durch einen jungen Panther ersetzt. Die Negation, das Hungern, als Organ der Welterfahrung. Sein Ritual stiftet nicht kulturellen Sinn, sondern schließt ihn aus der Gesellschaft aus. Darin sieht Professor Neumann eine Absage an die Tradition der Ästhetik einer symbolisierenden Kultur der Kunst. Kafkas Rituale sind nicht Etablierung von kultureller Ordnung, sondern zeigen eine Wunde.
Dem Vortrag schließt sich das Ritual der Zuhörerdiskussion an. Wie üblich gibt es zunächst eine peinliche Pause. Dann hört man die Fragen, versteht die Antworten nicht ganz und formuliert im Kopf eigene Fragen, die man nie stellen wird. Man denkt an die feinen, tröstlichen Rituale, in die Sophie Calle ihre Alltagsexistenz einspinnt. Haben wir eigentlich noch ein Leben jenseits von Ritualen? Es fängt ja mit dem Morgenkaffee an. Und wie kommt es, daß der ethnologische Blick auf die eigene Gesellschaft heute Teil der Massenkultur ist, von Startrek bis Mork vom Ork.
Aber der eigentliche Sinn der Universität ist es ja auch, das Gefühl der intellektuellen Unruhe zu entfachen, und letztlich eine Wunde zu hinterlassen. Das einsehend macht sich der teilnehmende Beobachter des akademischen Wahrheitsrituals aus dem Staub und wirft im Foyer der HU noch einen Blick auf die Schautafeln. Zur Zeit wird hier die Arbeit der Rehabilitationswissenschaften vorgestellt. Es geht um "Tasten, Lernen, Orientieren, Rehabilitieren", und man überlegt, bei welcher dieser Tätigkeiten man nach Jahren des Studiums eigentlich angekommen ist.
Dann bei bestem Klima laufen. Aber die Kraft reicht nicht für 10 Km unter 44Min.
Ein Leserbrief von einer Frau, die unbedingt "über Lou Reed reden will". Die Redaktion gibt ihr meine Mailadresse nicht weiter. "Ich fühle mich nicht für voll genommen von eurer Zeitung." Ihr ginge sowieso schon alles schief, im Leben, Arbeitslosigkeit. "Ich sitze hier weinend vor der Tastatur!" Ich antworte lieber nicht.
Freitag: "In der Berufsforschung gibt es ein Theorem, das besagt, daß ein Beruf um so mehr an Reputation verliert, je mehr Frauen darin beschäftigt sind." Ursprünglich war Sekretär ein angesehener Beruf, bis er vom Heer der Tippmamsells ersetzt wurde.
M-Bar. Nur ca. 23 Seiten Chronik durchsehen können, trotz Konzentration und Alkohol.
Film: "Star Wars III - Die Rache des Siff", Colosseum, mit Volker.
Werbung für "Nochnoi dozor". Das ist die Zukunft, ein zweites Imperium schickt und Filme aus Rußland. Dasselbe in anderer Verkleidung, mit anderen Dämonen unter der kommerziellen Oberfläche.
Satz des Tages: "R2, lokalisiere den Kanzler"
"Meine Kräfte haben sich seit unserer letzten Begegnung verdoppelt, Mylord!"
Alberne, pseudoromantische Dialoge in griechisch-römischem Nachtambiente über dem Zukunftsstadtpanorama. Er küßt sie. Sie: "Nicht hier"
"Du zitterst ja."
"Es kommt mir vor, als hätten wir uns eine Ewigkeit nicht gesehen."
"Du bist so wunderschön."
"Das liegt daran, daß ich dich so sehr liebe."
Interessant allenfalls die Stadtlandschaften, aber die sind immer nur so kurz zu sehen.
Eigentlich ist es doch ein Kung-Fu-Märchen. Meister Yoda: "Alles loslassen, worum man fürchtet, daß man es verlieren könnte."
General Dingsbums in der Synchronisierung mit russischem Akzent. Der Verräter mit französischem.
Rat der Jedi-Ritter. Weil der Kanzler ein Schläfer ist, beschließen die Ritter einen Militärputsch, um die Republik vor der eigenen Regierung zu retten. Ist das nicht wie in Polen unter Jaruselski?
Auch ein bißchen SS-Gedanke, die Elite, die über die Macht wacht.
Wandlung zum Bösen vom Schauspieler nicht ansatzweise gemeistert.
Die Frau erkennt ihren zum Bösen übergetretenen Krieger nicht wieder. Schön wäre es, in Wirklichkeit verdrängen sie alles, was ihn in schlechtem Licht dastehen lassen könnte und unterstützen ihn noch im Knast.
Am schlimmsten die ätzende, alles zusuppende Musik. Eine konzertante Aufführung der Star-Wars-Musik müßte einen umbringen.
4.6., Sa
Eine Tschechin mit bulgarischem Großvater. Baba Wanka, die wichtigste bulgarische Wahrsagerin sei vor kurzem gestorben. Ihr Opa sei hingefahren, um ihre Krankheiten auf sich zu übernehmen. "Ich bin den Menchen, welcher zieht sich um allen zwei Jahren."
Sie haben so tolle Klettergerüste heute. Eine Kettenwinde, mit der man ein Stück Reifen hochziehen kann, das man vorher mit Sand füllt. Dann wird der Sand in ein Rohr gekippt und kommt unten, wenn man eine Klappe öffnet, wieder raus. Wer weiß, wie man sich entwickelt hätte, wenn uns so etwas damals schon zur Verfügung gestanden hätte. Aber wir mußten in muffige Gullylöcher steigen, um uns zu amüsieren.
Im Holzklettergerüst steht: "I love Steffen", "Ich hasse Jana Scher (sie nutzt alle Jungs aus" und "Ich liebe dich, Lars (in Klammern denkste)".
Gegenüber von A.s Wohnung eine Änderungsschneiderei, die im Schaufenster eine Eigenkreation anbietet: "Der handgefertigte Staubsaugerbeutel, universell, waschbar, 10 Euro". Wenn alle Deutschen so einfallsreich wären, gäbe es gar keine Rezession.
Unterwegs ins Oderbruch. Tote Tiere säumen die Straße. Als ABM-Maßnahme würden sie hier auf dem Feld stehen und durch Klatschen Saatkrähen verscheuchen.
Im Kirchenblatt ein Beitrag über "50 Jahre Notkirche". '45 war das Dach offen. Eine Glocke ging noch, der Junge, der in den Dachstuhl stieg, um sie zu schlagen, machte die Uhr kaputt, weil er Edelmetalle wollte, die aber nichts einbrachten. Lehnenlose Bänke wurden aus der Orgel gebaut.
5.6., So
Laufen am Deich. Alte Männer mit Lederhüten und ausgewaschener, blauer Arbeitskleidung kontrollieren den Wasserstand. Heu wird gehäufelt. Nach einer halben Stunde geht der böige Wind in eiskalten Regen über, der mir entgegenschlägt. Vorne fast eingefroren, reibt man sich die Haut, wird es noch kälter, weil der Schweiß nicht mehr schützt. Schließlich das Hemd gedreht.
In Horno lebt immer noch ein letztes altes Paar, alle anderen Häuser sind schon abgerissen. Jetzt muß der Tagebau sicherstellen, daß tagsüber kein Staub aufwirbelt. Sie haben aus Versehen 30 (!) seiner alten Obstbäume gefällt. A. hat kein Verständnis mehr dafür, die seien alle fürstlich abgefunden worden, wohnen jetzt in einer neuen Siedlung in neuen Häusern. Wie gruslig die aussehen, kann man sich schon vorstellen.
Erinnerungen an schwimmende Ringelnattern werden ausgetauscht.
Ha dreht beim Essen die Tasse dreimal um sich selbst, auf der Suche nach dem Henkel.
6.6., Mo
In der Kuglerstraße eine unrenovierte Fassade. "Ausgeführt 1.10.32 mit Kammerbleiweiß. Brünke, Malermtr."
Motiviert, noch was zu machen, aber da tritt jemand aus einem Thailänder und ruft mir "Schnappi!" nach, was sich dann aber als "Schmitti!" herausstellt. Rente und Milan speisen in diesem Laden, der nach Bratfett stinkt, sogar der Stuhl klebt. Außerdem aus Sparsamkeit nichts bestellt.
Aufzeichnung vom Philosophischen Quartett. Thema: Schule/Erziehung
Fernsehen heute der Erzieher der Nation. Allerdings eine Erziehungsinstanz ohne Erziehungsauftrag.
Bernhard Bueb, Rektor von Salem und der Langenscheidt-Erbe zu Gast.
Das Problem am Fernsehen sei nicht der Inhalt, sondern die Passivität. Erfahrungen aus zweiter Hand. Aussichtslos für Lehrer, dagegen anzuerziehen.
Sloterdijk: Erziehungsmonopol vom Staat auf den Markt übergegangen.
Fernsehen, ein natürliches Bedürfnis?
Christliche Anthropologie: der gefallene Mensch.
Biologische Anthropologie: Der Mensch stammt vom Savannenaffen ab. In überschaubarer, langweiliger Landschaft konnte er viel dösen.
Außerdem wie der Löwe, ein Lebewesen ohne natürliche Feinde, und die neigen zum dösen.
Kindheit, eine Erfindung der Neuzeit. Das Fernsehen hat sie schon wieder zum Verschwinden gebracht. Kein Schutz mehr vor Sexualität, Gewalt und Korruption der Erwachsenen.
Kein Konsens mehr in der Gesellschaft über Erziehung der Kinder. Früher gabe es ihn, selbst, wenn er falsch war.
Unterscheiden zwischen Erziehung, Bildung und Ausbildung.
Die erste Aufgabe des Lehrers ist zu ermutigen. In Deutschland werde "Schule und Glück nicht zusammengedacht". Man erinnert sich vor allem an seine Sünden.
Gegenteil des Fernsehens sei Rhetorik. Zu lernen, "seine Seele in die Rede zu legen." Daher die Fächerstruktur zerschlagen und wieder, wie bei den Griechen, "alle Fächer auf das sich kundig machen in Angelegenheiten ausrichten."
Bei uns: Mütter verwöhnen, Väter versagen. Die Schule bietet den Lehrer als Ersatzvater. Daher als Männerberuf prädestiniert. Aber in Grundschulen erleben heute schon 90% der Kinder keine Männer mehr als Lehrer.
7.6.05, Di
In der Taz der Text zu "Abschied von Rot-Grün". Aber das Brecht-Zitat im Titel "Wer aber ist die Partei" haben sie in "Was aber ist die Partei" umgeändert. Warum?
Ein idealer Zeitungstext wäre eigentlich das Gegenteil von einem Text, weil man seine Elemente beliebig umbauen und streichen kann, ohne einen innertextlichen Zusammenhang zu verlieren.
Sie empfiehlt mir "Wobenzym N" gegen jegliche Entzündungen. Aus der Bauchspeiseldrüse vom Schwein gewonnen.
"Sag mal Tomate"
"Tomate"
"Deine Oma kann Karate"
Weil ich "ins Zauberland eingebrochen bin", wo "die Feen leben", womit sie anscheinend sich meinen., werde ich in eine Kröte verwandelt.
Film: "Der längste Tag" von ca. 1962.
Mit Gert Fröbe, Curt Jürgens, Sophia Loren, John Wayne, Robert Mitchum, Richard Burton, Rolf Völz, Dietmar Schönherr, Bourvil, Loriot (!), Hans-Christian Blech, Henry Fonda, Peter van Eyck.
Invasion in der Normandie, gut 15 Jahre nach den Ereignissen nachgestellt. Ob sich etwas von der wirklichen Erfahrung im Film findet? Mit Sicherheit bei den deutschen Schauspielern, die die kleinen Soldaten spielen. Haben den Kommandoton und das ehrliche Muckertum noch perfekt drauf.
Die Engländer warten auf besseres Wetter, der Himmel ist bewölkt, alle sind heiß auf den Angriff. Rundstedt fährt, weil keine Gefahr droht, zum Geburtstag seiner Frau nach Deutschland.
Die Amis lassen "Rupert" herunter, eine schießende Fallschirmjägerattrappe aus Gummi.
Benutzen Klickgeräte zur Erkennung, dieselben gab es irgendwann in Buch in der Kaufhalle.
Die private Gesprächigkeit auf der Überfahrt, wildfremde schütten sich das Herz aus.
Lastensegler landen lautlos hinter den deutschen Linien.
Fallschirmspringer landen in den Bäumen, im Hühnerstall, auf dem Kirchendach.
Der Rosen züchtende deutsche Offizier. Das strategische Genie. Kaltblütige Ermordung von Résistance-Kämpfern.
Die Deutschen rechnen nicht mit der Invasion in der Normandie, weil es "gegen alle Logik wäre."
Der Führer kann nicht die Verlegnung der Panzerreserven kommandieren, weil er eine Schlaftablette genommen hat.
"Abwehrchef", seit wann gibt es den Begriff im Fußball? Auch "Innenverteidigung", "Spielführer", "Rechtsaußen", "Stürmer". DJ Abwehrchef.
Die Engländer motivieren sich mit der "Rache für Dünkirchen".
Ein schottischer Haudegen bringt bei der Invasion am Strand mitten im Kugelhagel ungerührt seine Zigarre rauchend einen Motor mit einem Schlag seines Stocks wieder zum Laufen.
Die Journalisten schicken Nachrichten aus dem Gefecht mit Brieftauben ab.
John Wayne bricht sich bei der Landung mit dem Fallschirm den Knöchel. Marschiert aber trotzdem mit seinen Leuten weiter, läßt sich auf einem Karren schieben.
9.6., Do
Chaussee: Wir sind jetzt eigentlich überflüssig, wo die Backstreet Boys sich wiedervereinigt haben.
Ein Diabolo-Jongleur am Offenen Mikro.
Bohni über eine Mücke, die ihn sticht: "Ein kleiner Stich für den Menschen, ein großer Stich für eine Mücke."
10.6., Fr
Laufen mit Udo. Jahresbestleistung über 10 Km angegangen. Er steigt aber nach 10 Runden wegen Achillessehnenschmerzen aus. Glaube erst nicht daran, wegen schwerer Beine, beiße mich aber durch. Nach 19 Runden wird die Lunge plötzlich frei. 10 Km in 43Min43Sek.
Eckstein, komische Kartoffeltaschen und Kaffee.
"Freitag": - Robert Kurz: Das Bürgerveto zur Verfassung bedeutet "den regressiven Wunsch, vor der Krise in die Renationalisierung zu flüchten." "Nach dem Verlust der Goldbindung war es die konkurrenzlose US-Militärmaschine, die als Garantiemacht für den sich globalisierenden Prozeß der Kapitalverwertung quasi zum 'Gold' des Dollars wurde."
1h brauche ich, um diese ganzen Artikel durch meinen Kopf zu schleusen. Dilemma der SPD, Entwicklung des Euro, Dollarpolitik, Scheitern der Regierung, Rente, Speer-Film. Der wochenlange Versuch, sich in das, was angeblich Politik ist, einzulesen. Der latente Verdacht, daß all das bald Schnee von gestern sein wird.
Lokalrunde: Sehr verraucht. Die Barfrau ist Rumänin, aber ich kriege spontan keinen Satz mehr zusammen.
Man müßte mal einen Text schreiben, von dem jeder, der ihn hört, wahnsinnig wird, ähnlich dem Killer-Poke beim C64..
11.6., Sa
Die 4h-Aufnahme von "Sartre par lui-même" durchgesehen.
André Gorz, Simone de Beauvoir und andere sitzen um ihn herum. Hinter ihm der vermüllte Schreibtisch. Alles wirkt ein bißchen schmuddlig. Durchs Fenster der im Bau befindliche Montparnasse-Turm. Sartre stützt sich auf die Knie, während er doziert, als sei das alles schon gedruckt. Alle rauchen ununterbrochen.
'05 geboren. '74 besucht er die RAF in Stammheim.
Gloire und Immortalité ersetzen Aufnahme in Königreich Gottes. So hätte er in seiner Jugend gedacht, erst 30 Jahre später das, was er seine Neurose nennt, überwunden.
Die Beauvoir siezt ihn, spricht auffallend schnell und schrill. Kindheit, mit der Mutter zum neuen Vater nach La Rochelle, Triviallektüren.
'33 ein Jahr in Deutschland, um "Ideen" von Husserl zu lesen. Morgens Lektüre, danach Flanieren.
Literatur sei immer mehr als Literatur, sie sei Infragestellung des Ganzen. Darin bestehe schon das Engagement.
'46, nach dem Tod des Stiefvaters zur Mutter gezogen, die in Paris eine Wohnung gekauft hatte.
"Ist der Existenzialismus ein Humanismus?" 100000 (!) Exemplare verkauft. Mokiert sich über den Erfolg.
Hält de Gaulle für "une figure nefaste dans l'histoire". Leben in Frankreich in einer Gesellschaft von Mördern und Dieben.
Nach der Machtergreifung durch de Gaulle '58 "Dieses Land wird, wenn die Heuschreckenschwärme (sic!) (sauterelles) an der Macht verschwunden sind nicht mehr das sein, was es einmal war."
Bis '53 gedacht, daß das Leben eines Schriftstellers sich in seinen bleibenden Werken ausdrückt. Erkannt, daß es sich dabei um eine bürgerliche Neurose handelte. In "Les mots" untersucht, wie es kam, daß ein Junge mit 9 Jahren dieser Neurose verfallen konnte. Das Buch sei ein Abschied vom schönen Stil, aber in schönem Stil gehalten. Typisch sei, daß ihm ausgerechnet dafür der Nobelpreis verliehen wurde, weil das bürgerliche Lager "Les mots" als Abbitte verstanden hätte. So liefe das immer. Den Nobelpreis abgelehnt, nur deshalb lebe er noch. Normalerweise besiegele der das letzte Lebenszeichen eines Autors.
"Diskussionen haben mich noch nie weitergebracht". Wirkliche Beziehungen zwischen Menschen entständen durch Handlungen (auch intellektuelle Handlungen).
1960 nach Kuba. Man muß eine Revolution unterstützen, und wenn sie wegen der Zwänge des dialektischen Materialismus (?) in der Bürokratie, etc. stockt, muß man sie kritisieren. Die Kubaner hätten damals "Demokraten" genannt werden wollen, nicht "Sozialisten", so weit seien sie noch nicht gewesen.
Die Ersatzreligion von der literarischen Ewigkeit ist also eine bürgerliche Neurose. Was ja alle schon immer gesagt haben. Aber selbst, wenn ich Sartre irgendwann Recht gebe, ist das keine Kapitulation, weil ja die Entwicklung zur Einsicht zählt. Es ist mehr wert, von weit weg zu kommen, als immer schon recht gehabt zu haben.
(Artikel in der ZEIT: das eigene Ich ohne Empathie darstellen. "Mein Stolz ist es, keine Solidarität mit mir zu haben." Analyse seines Intellektuellentums, als Knabe den Gestus vom Großvater übernommen.)
Die Epiphanie emphatischer Augenblicke unmittelbaren Erlebens als Selbstbetrug entlarvt. Als Schreibender intensivste Erlebnisse von Präsenz.
Was ist ein Intellektueller? Den klassischen zeichnet Hegels "unglückliches Bewußtsein" aus. Er klagt partikuläres bürgerliches Denken an im Namen des universellen politischen Rechts. Typischerweise unterzeichnet er Petitionen. Glücklich mit seinem unglücklichen Bewußtsein, weil es ihm erlaubt anzuklagen.
'68 ändert sich für ihn alles. Infragestellung der Vorlesungspraxis. Daß Wissen der Professoren qua bürgerlicher Institution Selektionsmacht bedeutet. Daß Kultur elitär ist. Der Intellektuelle müsse der Masse folgen.
Ich halte das für einen Geruch.
"Mexikanisch" im "El Sol". Das heißt, das Essen wird auf Kartoffelchips serviert, was man ja wohl ernsthaft keinem anbieten kann. Kein Wunder, daß die alle in die USA auswandern wollen.
In der M-Bar Kundera. Zwei Schwule setzen sich auf meine Couchgarnitur und holen ein Scrabble-Spiel raus, während sie über jemanden reden, der "einen süßen Hintern" habe.
Buch: Milan Kundera "Verratene Vermächtnisse" zuende.
Intelligent, apodiktisch und fast immer locker geschrieben.
Eigentlich verlangt die Kritik heute wieder Romane à la Balzac. Als hätte es danach keine ästhetische Entwicklung gegeben.
Gestern hieß es, Mladic solle bald gefangen werden. Man kriegt schon fast einen Schreck, weil die Ereignisse den eigenen Text, der noch gar nicht erschienen ist, obsolet werden lassen könnten. Dabei ist das doch die Voraussetzung von Literatur, daß sie unabhängig davon funktioniert.
Heute Entwarnung, Kostunica bezeichnet alles als Gerücht.
Schlaf. "Rocker" nochmal durchgesehen und zur Kantine. Auf dem Hof ein Straßentheaterfest. Ein Fackeljongleur vor begeisterten Kindern und Eltern, die sich so benehmen, wie sie sich begeisterte Kinder vorstellen.
Alles gegeben, vier Texte, bis sie am Ende jubeln. Aber trotzdem kein Buch verkauft.
Micha: Fährt mit der U-Bahn, weil er im Berliner Fenster vorkommen soll. "Der einen Schaden hat, muß sich über seinen Spot Sorgen machen."
Einer aus dem Publikum schaltet sich im Schusterjungen ein. Glaubt nicht an das Parteiensystem, entscheiden würden immer die Konzerne. Die würden ja nicht mal einführen, daß in allen Ländern am gleichen Tag gewählt wird, obwohl das nichts koste.
12.6., So
Morgens in Jogginghose die Kusturica-Kritik überarbeitet. Schließlich doch noch trotz schwerer Beine den langen Lauf in die Schönholzer. Dort drei Runden, 1h26:10.
Ein Hoffest in der Senefelder. Zum ersten mal im Leben Ballongas geschluckt und wie Micky Maus geredet. Wenn man das Hitler mal vor einer Rede eingeflößt hätte, wäre sicher das ganze System zusammengebrochen.
Abends mit Bier am Fernsehen hängengeblieben, weiter in der Sartre-Aufnahme, ein bißchen Kosmonautenkult in der DDR geguckt, aber langweilig gemacht.
Dafür ist meine Kohlsuppe ein voller Erfolg.

13.6., Mo
Nochmal den Kusturica-Text. Mühsam, etwas zu kritisieren, was man aus Sympathie und Solidarität loben möchte. Außerdem runterkürzen auf 200 Zeilen.
Fußball 3 Stunden. Flaches Zuspiel von links, präziser Schuß, genau in die rechte, obere Ecke. Als hätte die Welt auf diesen Moment hinexistiert, in dem dieses Ereignis unfehlbar eintreffen mußte.
Film: "Darwin's nightmare", im Acud, das mit dem neuen Innenhof aus Beton jetzt leider etwas bedrückend wirkt.
Film über das ökonomische Geflecht um den Victoriasee in Tansania, der zweitgrößte See der Welt. In den 50ern hat jemand möglicherweise nur einen einzigen Nilbarsch dort ausgesetzt, der sich rasend vermehrt und die anderen 400 Fischsorten ausgerottet hat. Dadurch veralgt der See. Riesige Barsche fangen sie, 500 Tonnen täglich.
Russische Piloten fliegen die Filets mit alten Iljuschins, den stärksten Flugzeugen der Welt, nach Europa. In Afrika entspannen sich am Abend mit Prosituierten.
Die Fischer kommen aus dem Landesinneren. Sie leben in improvisierten Dörfern am Seeufer mit Prosituierten. Viele sterben deswegen an Aids. Wenn einer merkt, daß er sterben wird, muß er mit dem Bus nach Hause fahren, weil die Überführung der Leiche viel teurer wäre als das Ticket für den Lebenden.
Der Priester predigt ihnen, daß sie keine Kondome benutzen sollen, das sei die Sicht der Katholischen Kirche.
Die EU hat den Bau einer normgerechten Fischfabrik gefördert. Seit '99 ist die Qualität gut genug für den Import nach Europa.
Die Reste von der Filetierung, Kopf und Gräten, werden auch noch verwertet. Arbeiterinnen stehen im Schlamm zwischen verfaulten Fischresten, die Füße voller Maden. Der Fisch wird in der Sonne getrocknet. Man spaltet den Kopf, beim Braten entsteht Ammoniak, das zu schweren Gesundheitsschädigungen führt, einer hat es ein Auge weggeätzt. Trotzdem sind sie froh, die Arbeit zu haben.
Der Frage, was mit den Flugzeugen, die angeblich leer kommen, antransportiert wird, weichen alle aus. Waffen für die Kriege in Afrika. Die Regierung ist am Geschäft beteiligt. Ein ehemaliger Soldat arbeitet als Nachtwächter an einem Fischforschungslabor. Er hat vergiftete Pfeile dabei "local style". Im Krieg hatte er Schußwaffen. Der letzte Nachtwächter wurde von Dieben ermordet. Der Dienst bei der Armee sei viel besser bezahlt. Viele würden sich freuen, wenn Krieg käme, weil das gutes Geld bedeutet.
Ganz unten in der Hierarchie sind die Straßenkinder, die untereinander ums Essen kämpfen. Sie schmelzen die Fischverpackungen zu Klebstoff ein, den sie schnüffeln. Dann schlafen sie ohne Angst ein und werden oft vergewaltigt.
Man kann es der EU nicht vorwerfen, daß sie Fisch importiert und die Reste nicht will. Den Fischern nicht, daß sie den Fisch fangen. Den russischen Piloten nicht, daß sie den Job machen, zu Hause haben sie keinen anderen. Mit Moral kommt man nicht weiter.
14.6., Di
Ich wußte nicht, was ich machen sollte, ein Ohr abgeschnitten hatte ich mir heute schon, das ging langsam an die Substanz.
Berliner Szene: Topographie des Terrors
Trotz Hitzewelle entschlossen, die Ausstellung israelischer Kunst im Gropius-Bau zu besuchen. Es wäre leichter, wenn einen die Sommerstimmung nicht so depressiv machen würde. Zumal man ja auch schon im Winter immer depressiv ist. Unterwegs ein Eis gekauft, schließlich muß man nicht mehr die Eltern um Erlaubnis fragen. Teure Motorräder stehen vor dem Berliner Landtag, ob die den Abgeordneten gehören? Und ob sie dazu dienen, schnell zur Arbeit zu kommen, oder schnell wieder zuhause zu sein? Der Gropius-Bau hat zu. Dienstag ist Ruhetag, wie mir in dem Moment wieder einfällt. Man rüttelt an der Tür und überlegt, wann man das letzte mal an einer verschlossenen Tür gerüttelt hat, sicher war sie nicht so groß. Ein peinliches Gefühl, dabei beobachtet zu werden, wie man irgendwo nicht hineinkommt. Dabei könnte es doch auch als stolzer Akt der Auflehnung gelten, demonstrativ Einlaß zu begehren. Der Plan für heute ist jedenfalls gescheitert. Was jetzt? Einfach zurückfahren? Aber dafür war es zu anstrengend, herzukommen. Zum Holocaust-Mahnmal gehen? Aber wo ist das überhaupt? Auswärtige Schulklassen lagern erschöpft im Schatten der Topographie des Terrors, ob sie sich Berlin so vorgestellt haben? Ältere Touristenehepaare in bequemen Turnschuhen grasen eine Hauptstadt ab. Rentner beugen die Köpfe über Stadtplänen und treffen Entscheidungen. Vor der Treuhand kommt mir ein Mann mit Turban entgegen, und ich versuche, ihn so anzusehen, daß er nicht das Gefühl bekommt, aufzufallen. In der U-Bahn liest ein Mädchen einen Roman von Konsalik, und ich überlege, ob eine Reise in ihre Welt für mich nicht viel exotischer wäre, als die nach Rumänien, die ich gestern gebucht habe.
Um ihre Gewehre bei der Invasion in der Normandie vor dem Salzwasser zu schützen, zogen die Engländer Kondome über die Läufe. Churchill ließ an alle die größten Kondome verteilen, aber mit der Aufschrift "small". Psychologische Kriegsführung, um die Deutschen einzuschüchtern.
Film über Trainingsprogramme für Auslandseinsätze der Bundeswehr.
In Sachsen-Anhalt, in der Letzlinger Heide bei Magdeburg, das fiktive "Stullenstadt". Modernster Übungsort Europas. 5000 Soldaten werden dort jährlich geschult.
Dort leben die "Heidanier" und "Dollanier". Gemischte Bevölkerung, Übergriffe gegen die Schutzruppe von einer der beiden Seiten seien jederzeit zu erwarten.
Jeder Soldat hat eine elektronische Apparatur, die genau anzeigt, wo und wie schwer er getroffen wurde, oder ob er tot ist. Über GPS ist alles im zentralen Übungszentrum auf Monitoren zu verfolgen. Mobile Videoteams filmen alles, so daß man in der Zentrale live dabei ist.
Die Ausbilder entwerfen Szenarien, wie "Hinterhalt", oder "Zivilbevölkerung randaliert wegen einer Festnahme", oder "Während Rettung von Minenopfern kommt es zu Überfall durch Selbstmordattentäter".
Nach dem Einsatz Auswertung im Gelände am mobilen Auditorium. Mitten in der Landschaft Großbildwände.
Die Aktionen wirken aber viel unbeholfener, als in den Filmen. Man sieht, an was für einen Standard man gewöhnt ist, wenn man immer Tom Cruise und Konsorten vor Augen hat. Es ist eben ein Handwerk, oder eine Sportart.
Doku über die Geschichte des Intershops. Typisches Beispiel für langweilige Dokus, die ihr Thema verschenken. Unklar, nach welchem System sie ihre Zeitzeugen ausgewählt haben (Silly-Gitarrist...). Die sich dann auch ganz unkonkret erinnern.
'62 Intershop-Handelsgesellschaft gegründet, Anfangs von der Mitropa betrieben. Läden am Bahnhof Friedrichstraße, aber nur im Westteil. Später floriert das Geschäft, vor allem mit steuerfreien Zigaretten, die an die Westberliner verkauft werden. Proteste vom Westberliner Zigarettenhändlerverband.
Ein Rentnerpaar, das in seinem Wohnzimmer sitzt, jeder vor einem Laptop mit Drucker. Schreiben Artikel fürs Internet über die DDR.
1974 Westgeld legalisiert.
Erst im April '79 Forumschecks eingeführt.
"Rundgang nur mit Korb"
Raststätte Michendorf.
Duplos, oder Fritt, die man bei Pfennigbeträgen statt Wechselgeld bekam.
15.6., Mi
Ich weiß nicht, ob meine Schlafprobleme daher kommen, daß ich nicht weiß, wen ich wählen soll. Das Problem ist, daß es so wenig Parteien gibt. Wenn es 1000000 Parteien gäbe, würde jede vielleicht nur 50 Stimmen bekommen, dann wäre es schon entscheidend, welche man wählt. Man müßte dann allerdings 1000000 verschiedene politische Richtungen haben. Dann würde man mit links und rechts nicht mehr auskommen, man müßte oben und unten dazunehmen. Und die Farben würden nicht mehr reichen. Schwarz, Rot, Gelb, Grün. Man bräuchte auch noch golden und silbern und orange und saharagelb.
Laufen, Hu-Hain, zwei Runden, Treppe. Treppab geht es schwer, wegen dem am Montag umgeknickten Fuß, bergauf merkt man gar nichts.
Tom Cruise ist auch nicht zu beneiden, daß er sich praktisch jede Frau aussuchen kann. Wie soll man sich denn da entscheiden. Jetzt behauptet er mit glücklichem Lächeln, in Katie Holmes verliebt zu sein. Er sagt das bestimmt täglich einmal auf einer Pressekonferenz, und es sieht jedesmal so aus, als würde er den Journalisten ein Geheimnis verraten, das eigentlich nicht für sie gedacht war.
Wer ist eigentlich die Frau, die dieses Jahr den Büchner-Preis bekommt?
Also noch einmal zum Gropius-Bau, diesmal nicht so wetterfühlig. Wieder das gleiche Eis im gleichen Laden.
Wegen der Ausstellung israelischer Kunst muß ich durch eine Schleuse und den Fotoapparat abgeben.
In der Eingangshalle Flugzeugmotorenlärm. Die arme Kassenfrau: "Das höre ich den ganzen Tag." Eine Installation, große Bildleinwand, ein Motorenflugzeug über isralischem Wüstenland.
Ungarische Fotografieen 1914-2003 (10.6.05-29.8.05)
Kertész-Curtis.
"Aufgrund meiner Erfahrung als Fotograf muß ich allerings sofor hinzufügen, daß die Menschen im allgemeinen mit den von ihnen angefertigten Fotografien zufrieden sind, wenn es ihnen gelingt, sie von ihren charakteristischen Zügen zu befreien."
Ungarische Fotografie
In der Eingangshalle vom Gropius-Bau scheint dem Geräusch nach ein Propellerflugzeug zu kreisen. Die arme Kassenfrau klagt: "Das höre ich den ganzen Tag." Schuld ist eine Video-Installation, die zur Ausstellung "Die neuen Hebräer" gehört. So etwas ähnliches wie Lärm fürs Ohr stellen ja heute Bilder fürs Auge dar. Muß man nicht verrückt sein, wenn man in seiner Freizeit freiwillig Ausstellungen besucht, wo man noch mehr Bilder zu sehen bekommt? Eigentlich schon, aber manchmal können Bilder auch Erholung von Bildern sein.
Die Ausstellung ungarischer Fotografien des 20.Jahrhunderts, die Péter Nádas kuratiert hat, bietet einige solcher Inseln fürs Auge. Den Begleittexten ist zu entnehmen, daß Nádas, der selbst als Fotograf begonnen hat, nach Gemeinsamkeiten zwischen seinen und den Arbeiten seiner zahlreichen ungarischen Kollegen gesucht hat, vom "Wunder der ungarischen Fotografie des 20.Jahrhunderts" ist gesprochen worden angesichts der Fülle von Talenten aus diesem Land. Zeigt sich ein "Nationalcharakter" in der ungarischen Fotografie? Auf jeden Fall scheint es ein ungarisches Fotografenaltersgen zu geben, sieht man sich die Lebensdaten der Ausgestellten an: Brassaï 85, Ferenc Haár 89, André Kertész 91, Eva Besnyö 93, Iván Vydareny 95, Ata Kando und Lucien Hervé leben noch und sind 92 und 95 Jahre alt.
Am Anfang steht der erste Weltkrieg, wie alle Kriege ein Inkubator neuer Medien, weiter zurück reicht kaum ein Familienalbum. Rudolf Balogh soll als Korrespondent 10000 Kriegsfotografien angefertigt haben, auf einer davon durchqueren Soldaten ein Schneefeld, im Gänsemarsch unterwegs in den Tod. Iván Vydareny fotografiert gefesselte Soldaten, ausgemergelte Gestalten, die nichts mit ihren heutigen Hollywoodkollegen zu tun haben, keine Spur Männlichkeitskult, eher verlauste Hausknechte in schlotternder Uniform. André Kertész zeigt Soldaten auf der Latrine hinter der Front. Friedlich rauchend teilen sie sich einen Donnerbalken. Eine archetypische Situation auch der modernen Kriege, wie ein Veteran des zweiten Weltkriegs einmal zu Protokoll gab: "Der Krieg, das waren für mich vor allem vier Jahre mit wundem Arsch." Erschütternd dagegen Baloghs Bilderserie einer Exekution durch den Strang. Der Verurteilte bleibt völlig teilnahmslos, als würde er die Szene nur proben.
In den anderen Räumen fallen vor allem die so genialen wie berückend einfachen Kompositionen von André Kertész auf, die zeigen, daß man auch ein großer Mann werden kann, wenn man aus einem Ort, wie "Szigetbecse" stammt. Man staunt wieder, daß in der Fotografie die schöpferische Leistung schon allein darin bestehen kann, den richtigen Ausschnitt zu wählen, man muß nichts dazuerfinden. Eine Bordsteinkante und die zufällige Struktur von Pflaster und Teerbelag ergeben eine abstrakte Komposition. Und aus einer verwelkten Blume im Glas wird eine "melancholische Tulpe".
Die Bilder Robert Capas sind, wie Brassaïs Porträt des greisen Matisse beim Skizzieren eines Aktmodells, längst zu Ikonen geronnen. Umso überraschender Brassaïs Bilderserie von einem auf dem Bordstein sterbenden Mann, anscheinend aus dem Fenster seiner Wohnung fotografiert. Eine Menschentraube bildet sich, der Leichenwagen kommt, und auf dem letzten Bild sind alle Spuren des Geschehens beseitigt, so daß die Straße wirkt, wie ein verwaistes Bühnenbild. Man erinnert sich an Walter Benjamins Charakterisierung der Bilder Eugène Atgets, der die menschenleeren Pariser Straßen "aufnahm wie einen Tatort."
Wie steht es nun um das Konzept der Ausstellung, sofern es über den lobenswerten Versuch hinausgehen soll, schöne und interessante Fotos aus Ungarn zugänglich zu machen? Gibt es eine "Seelenverwandtschaft" zwischen Nádas und seinen Kollegen? Um die zu zeigen werden Motive parallel gesetzt, ein allein stehender Baum findet sein Echo in einem von Nádas 30 Jahre später fotografierten allein stehenden Baum, und ein Bild von ungarischen Reitern hängt neben einem älteren Bild von ungarischen Reitern. Man darf sich allerdings fragen, ob es in Ungarn für einen jungen Fotografen überhaupt zu vermeiden ist, irgendwann einmal alleinstehende Bäume und Reiter zu fotografieren. Besonderes Vergnügen muß es Nádas bereitet haben, seine "Magda auf dem Balkon in der Andor-Straße" von '75, neben einen 40 Jahre älteren kopflosen Akt von Brassaï zu hängen, so daß es scheint, als würde Magdas Kopf zum Körper von Brassais Modell gehören.
Nimmt man das noch als augenzwinkernde Hommage, dann ist doch auffällig, daß für die ungarische Fotografie ab 1950 nur noch Nádas steht. Den Höhepunkt der Ausstellung bildet ein Raum mit 507 Polaroids, in denen Nádas einem Birnbaum in seinem Garten die Ehre erwiesen hat. Angesichts des schönen Baums ist das verständlich, aber wenn es sich nicht um Péter Nádas' Baum handeln würde, wäre es doch weit weniger spektakulär.
Auch das Interesse an den "Erniedrigten und Beleidigten", auf das im Geleitwort hingewiesen wird, zeichnet ja eigentlich jede Fotografierkultur aus. Seltsamerweise wird dafür Zeitgeschichte nach '45 fast völlig ausgeblendet. Vom kommunistischen Ungarn sieht man lediglich die Flüchtlinge, '56 von Ata Kando an der Österreichischen Grenze aufgenommen. Immerhin reizen diese Bilder zum Vergleich mit den in der Erinnerung ungleich prosaischer erscheinenden Flüchtlingen an derselben Grenze 30 Jahre später.
Ein besseres Ausstellungskonzept wäre, 10 beliebige Personen, Bäcker, Taxifahrer, Polizist dürften jeweils 10 beliebige Fotos aussuchen, aus Zeitung, Internet, Privatalben.
Ein Stockwerk tiefer Israelische Kunst
Michail Shamir, '04, "Mauerwunde". Eine Wunde aus Weingummi in der weißen Wand.
Foto von einer Frau mit Tätowierung auf der Brust: "Feldhure". Oder "Nur für Offiziere".
1903 britischer Außenminister "Uganda-Plan"
Zeev Jabotinsky (?) (1880 Odessa, 1940 N.Y.)
Im 1.WK in Joseph Trampeldors (?) jüdischem Bataillon in der britischen Armee. Rechter, militanter Flügel der zionistischen Bewegung. Aber schreibt 1940 in "Das arabische Problem" daß ein israelischer Staat möglich sei ohne Vertreibung der Palästinenser. Gleichberechtigung. Premier und Vize jeweils paritätisch. Proporz in Militär, Staatsetat. Sprachen gleichberechtigt. Heilige Stätten exterritorialer Status, wie Botschaften.
Herzl 1896 in "Der Judenstaat" über Palästina: "Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden, den Vorposten der Cultur gegen die Barbarei besorgen."
Weltrekord jetzt bei 9,77. Langsam nähern sie sich meiner 60 Meter Zeit an.
Ein Mann vom Roten Kreuz weckt mich auf. Ich soll eine Einzugsermächtigung unterschreiben, damit jedes Jahr etwas von meinem Konto auf ihres abgebucht wird. Er wirkt ein bißchen beleidigt, weil ich nicht sofort spure. Haben auch kein Info-Material, sicher mit Absicht, damit man sie nicht abwimmeln kann. Wußte gar nicht, daß das Rote Kreuz im Prenzlauer Berg tätig ist.
Westhafen, U9 bis Spichernstraße. A. ist nicht nicht einverstanden mit meiner Krtik der Nadas-Ausstellung. Er hätte eben auf handwerkliche Qualität bei den Fotos gesetzt. Aber ist das nicht anachronistisch?
Theater: "Donde estaré esta noche" im Haus der Berliner Festspiele. Mattausch. gesehen.
Johanna von Orléans von Mexikanern gespielt. Über Kopfhörer die Übersetzung, manche stellen ihre so laut, daß alle mithören können. Der König wird von einem behinderten im Rollstuhl gespielt, der seinen Text lallt. Dann wird er gegen einen Zuschauer ausgetauscht. Später müssen Zuschauer als englische Soldaten mitmachen und werden aufgefordert, ihr Hemd auszuziehen. Einer macht es sogar, so oder so ist es peinlich für sie. Die Erstürmung der Festung mit Leitern dargestellt, großer Radau, sie lassen sie direkt neben den Zuschauer auf den Boden knallen. Ein interessantes Instrument aus aneinandergeklebten, runden Glasscheiben. Der Zylinder wird von einem Motor gedreht, und mit nassen Fingern kann man mehrstimmig Melodien auf Glas spielen. Dann sogar Almhörner.
Aber das Stück ist unkonsumierbar. Dieser schreckliche Nationalmythos. Der religiöse Aspekt vielleicht für die Mexikaner noch interessant. Man müßte es schon auf Terrorismus und Fanatismus umdeuten. Darf man jemandem folgen, der von seiner Sache überzeugt ist? Ist nicht jeder, der von seine Sache überzeugt eine Art Terrorist, das Gegenteil eines Intellektuellen?
Dann in der Oranienburger vor der "Assel" mit den beiden kalifornischen Bekannten von A. über die Rolle der USA im Irak. Kriege seit '45 immer nach dem Muster des dem 2.WK legitimiert. Er hat in San Diego bei Reinhard Lettau studiert. Ein Vogel scheißt mir auf den Kopf.
16.6., Do, Seelower, mittags, Sonne
Notizen übertragen. Sartre-Doku zuende. Auf dem Balkon sitzen und mit Begeisterung "Les mots" anfangen. Böse ironisch, knapp und analytisch. Völlig überraschend nach dem in meiner Erinnerung sehr langweiligen "Ekel".
17.6., Fr
Jetzt immer morgens auf dem Balkon Kaffee und Sartre "Les mots".
Laufen, 25 Runden unter 43Min. angegangen, aber nach 15 Runden abgebrochen, obwohl gut in der Zeit. 1000M in 3:29.
Mit Stephan zum "Groben Unfug", langes Suchen nach Geschenk für seinen Vater. Dann in den Gorki-Park. Die Kellnerin arrogant, arbeitssscheu und beleidigend. Gerade mal nach einem Getränk fragt sie, als ich mich setze, ich schicke dem hinterher: "Kann man denn auch was essen?" "Willste die Karte haben?"
"Freitag": - Guter Text über das unterschiedliche Reiseerlebnis vor und nach der Wende. "Reisen ist eine traurige Sache geworden, die Welt ist erschlossen, man kann sich verschicken lassen wie ein Postpaket." Vielleicht bleibt man im Sommer einfach alleine, abends auf dem Balkon?
- Ralf Stork über das letzte Ehepaar in Horno. Seine Obstbäume, die sie versehentlich gefällt hatten. Alte Sorten: "Goldparmäne, Kaiser-Wilhelm, Ingrid-Marie, Danziger Kant". "Wenn das Wetter schön ist, sitzt er auf dem alten Stuhl in einer windgeschützten Ecke vor dem Schuppen und beobachtet stundenlang die Vögel."
- Lothar Warneke ist schon am 6.5. gestorben. Als Taz-Leser erfährt man davon natürlich nichts. Auch er hat nach der Wende keinen Spielfilm mehr gedreht.
- Soll man jetzt noch eine Seite zur Gen- und Klon-Problematik lesen, nur um eine Meinung zu haben?
- Das Tötungsvideo aus Srebrenica stand jahrelang in der Stadt Sid in einer Videothek und konnte von Insidern ausgeliehen werden.
- Sartre-Beilage: Andrea Roedig: Hatte ein Problem mit Klebrigem, Teigigem, Löchrigem. In "Das Sein und das Nichts" Abschnitt über das "Klebrige" und das "Loch": "Der Honig,... der von meinem Löffel fließt ist wie das Breit- und Flachwerden der etwas reifen Brüste einer Frau, die sich auf den Rücken legt... Das Klebrige ist fügsam. Doch im gleichen Moment, in dem ich es zu besitzen glaube, besitzt es plötzlich mich... seine Weichheit ist saugend... Das Klebrige ist die Rache des An-sich. Eine süßliche, weibliche Rache."
Man könne ihn nicht gründlich und ernsthaft lesen.
Walter von Rossum: "Branche der Geistesdienstleister", "in der Rechtschreibreform findet die zeitgenössische Intelligenz seit fünf Jahren ihre größte Herausforderung" "Die letzte verbliebene Gesellschaftsutopie heißt: Nichtrauchen."
Zu den anderen auf den Falkplatz. Himbeerschaumkuchen und Grillen. Zweimal will wer Leergut haben, ein heiserer Mann "von der Waterkant".
Die türkischen Schulfreundinnen von der Weddinger Schule brechen auf und gehen in Richtung Wedding. Ein seltenes Schauspiel, daß man jemanden in diese Richtung nachhause gehen sieht. Eigentlich bin ich noch nie Zeuge davon geworden. Als würden sie in die Landschaft hinein verschwinden.
18.6., Sa
Teresa: Nancy Fraser ist ihre "inspiradora espiritual" "Justice interruptus". Und ich soll Habermas lesen "Teoría del espacio publico"
Behauptet wieder, ich könne nicht über mich lachen. Sartre auch nicht. Sie hat gegen die EU-Verfassung gestimmt. Ihre Eltern nennen sie deshalb eine "facha". Dabei hat sie doch immer gesagt, ihre Eltern seien reaktionär.
19.6., So
Tagesspiegel auf dem Balkon. Eine ganze Seite Bilanz von Rot-Grün, die ganzen Themen, an denen man das Gelingen oder Scheitern der Politik festmacht. Man kämpft sich durch, langsam kapiert man ja, wovon sie immer reden. Aber das macht das Leben nicht schöner.
Mittags laufen. 50 Km in 1:54er-Runden angegangen, aber trotz problemlosem Beginn nach 20 Runden abgebrochen, weil die Sonne rauskommt. Wenigstens noch 1000M in 3:24.
Auf Euronews ein Beitrag über die Wahlen in Bulgarien. Man sieht ein Wohnzimmer, die Gastgeber im Jogginganzug, auf dem Couchtisch für jeden ein Glas auf einem Serviettchen und in der Mitte eine Flasche Pepsi-Cola. Wie lange es gedauert hat, bis ich Gastfreundschaft darin erkannt habe, so etwas sinnloses, wie Pepsi-Cola angeboten zu bekommen, wo es doch nur um die Geste ging.
Gedicht
Ich fühl mich wie ein Rollstuhlfahrer nach einem Großevent
alle sind weg, nur ich warte an der Straße
auf den Hol und Bringedienst
Buch: Annett Gröschner "Essays und Artikel" (Kontext-Verlag) zuende.
Konfetticup. Die Japaner erfrischend. Abends Mexiko großartig. Alle fallen auf das System herein. Stark in der Verteidigung, weit zurückgezogen, und dann blitzschnelle Konter. Nahezu perfektes Kurzpaßspiel.
Fernsehen bis der Kopf dröhnt.
Waum es immer Monópoly hieß und nicht Monopóly.
20.6., Mo, Seelower, vormittags, Sonne
Damals wurde ich immer gefragt, wenn es um technische oder wissenschaftliche Fragen ging. Heute gelte ich eher als Experte für Gefühle.
Der Gedanke, daß die literarische Antwort auf die neue Wirklichkeit, die nach der Wende so lange ausblieb, nicht von den Schriftstellern, sondern von den vielen neuen Comic-Autoren kam.
Noteinkauf wächst sich aus. Lese verträumt im Tip und bemerke nicht, daß es schon nach 8. Verlasse schließkich die Halle als letzter. Auf der Straße reißt der Beutel, schaffe es kaum nach Hause.
21.6., Di
Den Text über die Ungarischen Fotos an die Taz.
In dem Buch über Alfred Jarry. Eine Maschine, die sich in den Menschen verliebt. Jesus' Kreuzweg als sportlicher Wettkampf beschrieben. Das sind doch eigentlich Lesebühnen-Techniken. Wieviel davon von den Surrealisten stammt, kein Kritiker hat das bisher analysiert. Auch den Zusammenhang von Pop-Roman und Huysmans noch nirgends beschrieben gefunden.
Eine Baufirma vermietet am Wochenende ihre Bagger. Die Ehefrau schenkt ihrem Mann zum Geburtstag einen Nachmittag baggern. Er ist glücklich, wie ein Kind, als er seine erste eigene Grube aushebt. Sie sitzt solange unterm Sonnenschirms im Schatten und liest ihre Zeitschriften. Am Ende sagt er, daß er bestimmt wiederkommen wird.
Erwachsene seien für Kinder wie langweilige Kinder, die immer nur rumsitzen und reden.
Heulen, trösten, wir sind ein eingespieltes Team, in dem jeder seine Aufgaben kennt.
22.6., Mi
Auf 3Sat behauptet die Radisch, Frauen würden eher die literarischen Konventionen brechen, mutiger und experimenteller schreiben.
Die Kurzporträts der Bachmannteilnehmer studiert. Jeder zweite trinkt im Porträt Kaffee. Erstaunlich viele sagen, sie würden sich von ihren Figuren überraschen lassen.
King of Queens: Sein Fernseher ist geklaut worden. Erst jetzt liest er zum ersten Mal in der Gebrauchsanweisung, während sie die leere Wand anstarren.
"Ich kenne noch nicht mal die Gebrauchsanweisung. Ich dachte, wir hätten noch Zeit."
Brasilien-Japan mit enttäuschend schwachen Japanern. Es scheint gegen ihre Mentalität zu verstoßen, Tore zu schießen, weil das ja eine Form von Unhöflichkeit und Indivdiualismus wäre.
23.6., Do
Morgens bei Bachmann reingeguckt und den plötzlichen Impuls empfunden, mit dem Gewehr hineinzuhalten. Schwere Schuldgefühle: Habe ich wirklich alles getan, was in meiner Macht stand, um diese Texte zu verhindern?
Pausendiskussionen über Stil. Heute würde es auch in der Literatur oft nur noch um Lifestyle gehen, Stil sei aber kein Einrichtungsgegenstand, in der Literatur die Suche nach dem individuellen. Aber das ist doch gerade der Witz an der Sprache, daß man mit einem kollektiven Medium arbeitet. Und es geht doch in der Lebensstil-Frage nicht darum, Moden zu folgen, sondern die richtigen, dem eigenen Charakter entsprechenden Entscheidungen zu treffen, bis ins kleinste Warendetail. Dabei geht es doch gerade um Individualitätsprobleme im Zeitalter der Massenkultur. Zieht man das von der Kritik ab, bleibt nur noch die Binsenweisheit, von einem Text zu verlangen, daß er perfekt ist.
Ausgekoppelt: Kinderkreuzzug
Chaussee: Stephan: Ihr dahinten quatscht. Ich würde gerne daneben stehen, aber ich muß ja arbeiten.
"Die natürlichen Grenzen der Kommunikation" und "Kinderkreuzzug".
Im Sportunterricht hätten wir Handgranatenattrappen über die Mauer in den Westen geworfen.
Disko versackt schnell. Mit Elektrobeats im Radio nach Hause. Sehr mild.
24.6., Fr
Rekordversuch über 10Km abgebrochen. Die Beine zu schwer vom Training, außerdem kommt prompt die Sonne raus. Immerhin noch 1000 Meter auf 3:21 hochgeschraubt. Also doch noch einen Rekord gebrochen in diesem Jahr.
Auf dem Rückweg R. getroffen, der spazieren geht, weil er nächste Woche Fahrprüfung hat. Er sei ein Wackelkandidat, deshalb müsse er noch üben.
"Und wieso gehst du dann spazieren?"
"Weil ich mir die Kreuzungen angucke."
"Weißt du denn schon, daß du hier langfahren wirst?"
"Nein, wir fahren durch Reinickendorf, aber die Kreuzungen sind ja die gleichen."
360 Mill. Euro haben die Deutschen im letzten Jahr für Klingeltöne ausgegeben und hören trotzdem nicht auf zu jammern.
Die Mehrheit der Menschen interessiert sich eben nicht für sich selbst und zieht es vor, glücklich zu sein.
Gegen 9 zum "Frannz", die Magazin-Party. Eine Band spielt Beatles auf chinesisch. Die Getränkepreise auf Flachbildschirmen über der Bar. Falko liest aus Zeitdruck einfach einen kurzen Zeitungsartikel aus der BZ vor. Irgendwann wird er nur noch auf die Bühne kommen, um die Liste rumzugeben, in die man seine e-mail-Adresse eintragen soll und gar nicht mehr lesen.
25.6., Sa
Gegen Warzen helfe Schellkraut (?). Aber da das nur sowas ähnliches wie Schellkraut sei, was da in der Ecke wachse, helfe es sicher auch nur gegen sowas ähnliches wie Warzen.
Um 9 Richtung Berlin gerast. Durch den Wald, die Privilegiengrundstücke von damals. Das lange Stück bis Niederschönhausen. Die Kühle des Abends. Staunend durchs alte Pankow, wieviele häßliche, billig gemachte Häuser seit der Wende an jeder Ecke gebaut worden sind.
26.6., So
Laufen, wieder die 10 Km abgebrochen, wieder wegen der Sonne. Aber 400 Meter in 1:09Min, Rekord.
Danach der Bachmann-Sieg im Fernsehen. Der Bosnier bekommt den Publikumspreis, sicher haben wie beim Grand-Prix wieder alle Immigranten aus Patriotismus für ihn gestimmt.
Film: "Crossing the bridge", Kulturbrauerei.
Gänsehaut bei der Kurdin (Aynur).
Auch der Rapper (Ceza) großartig.
Eine bulgarischstämmige Kanadierein, die die Musik der türkischen Bulgaren erforscht und singt.
Die Zigeuner küssen den Klarinettisten vor Begeisterung mitten im Solo auf den Kopf. Das müßte einem mal beim Schreiben einer tollen Passage passieren.
Ein Wort vom türkischen Verstanden: Duschman ? Feind, auch auf rumänisch.
Rauchen am offenen Hotelfenster, abends Pizza in hell erleuchtetem Eckbistro.
Orhan Gencebay (?) wie ein König in seiner edel einerichteten Wohnung. Mit gefärbtem Schnurrbart. Singt ein Liebeslied, begleitet von seinen ehrfürchtigen Jüngern.
Man braucht eine Partnerin, damit sie einem im Moment des Todes eine letzte Zigarette reichen kann.
Plötzlich sind Amadou und Mariam aus Mali in aller Munde.
27.6., Mo
Film: "Melinda und Melinda", zweites mal. Die Kino-Werbung für den NVA-Film, sensationell.
Den Film diesmal sogar noch besser gefunden, auch wenn der tragische Teil sich vom anderen kaum unterscheidet, nur durch die langweiligen Monologe der neurotischen, gestreßten Frau. Ein paar haltbare Gags. Danach vor dem scheußlichen Albert's, das tatsächlich wegen Einstein so heißt. Die Kellnerin tippt alles in einen Apparat, es wird direkt in die Küche gefunkt. Aber sie kommt nicht richtig klar damit "entschuldigen sie, ich bin erst seit zwei Tagen hier." Man könnte es ja auch selbst vom Tisch aus an einem Display eintippen.
Der Erdbeereisbecher ist halbvoll mit Naturjoghurt. Falko auf Entzug, aber nur eine Woche. Was Politik ist. Für ihn das, was im Politikteil steht. Fischer habe "seine Leute verraten" und sei "eine gebrochene Person" sei. Das macht ihn doch erst interessant.
28.6., Di
Immer noch am Oderbruch-Text.
Chaussee: Ansage: Ihr habt ja beim Comfed-Cup gesehen, daß immer wieder Zuschauer auf den Rasen gerannt sind, um die Spieler zu küssen, Franz Beckenbauer hat gesagt, das sei eine Blamage für Deutschland. Ich denke, wenn es hier bei uns dazu kommen würde, daß Zuschauer auf die Bühne rennen, um uns zu küssen, wäre das zwar auch eine Blamage für Deutschland, aber wir hätten trotzdem nichts dagegen. Unsere Ordner sind jedenfalls angewiesen, jeden durchzulassen. Literatur darf sich nicht abgrenzen von ihrem Publikum.
Jorge Campos hätte auf dem Gut seines Vaters immer Kampfhähne fangen müssen, daher seine Begabung zum Torwart.
Zu S. Die Bücherwand mit Werken, wie "Holzverbindungen", "Porsche".
Im Fernsehen "Die Firma". Ganz spannend, wenn auch widerlich in der Art, wie das geprüfte Pärchen am Ende wieder zueinander findet. Ich könnte den Film wahrscheinlich dreimal sehen und hätte immer noch nicht verstanden, wie er sie nun am Ende alle ausgetrickst hat, FBI, Mafia und seine Firma. Und das, während er dauernd vor neurotischen Killern flüchtet.
30.6., Do
Obwohl nur 3 Stunden geschlafen, aufgestanden und gepackt. Chronik durchsehen, den Juni geschafft.
Bei schönem, mildem Wetter zur Humboldt, Mosse-Lectures: Joseph Vogl "Kafkas Komik". Scherpe nuschelt was zur Einführung.
20:45 muß ich abhauen, bevor ich meine Frage zur Verwandtschaft von Slapstick und Action-Kino stellen konnte. Buster Keatons und Schwarzeneggers stoischer Gesichtsausdruck. Wenn Arnold als lebende Abrißbirne durch eine Häuserreihe rast, ist das doch auch eine Form von Slapstick.
Durch die Stadt gerast, schweißtriefend bei der Chaussee, wo es voll ist, 250 Leute.
Chaussee: Aufnahmesession. Üben mit den Zuschauern ihr Lachen, mit dem sie in die Literaturgeschichte eingehen wollen. Und sie sind schon rührend kooperativ.
Stephan: Die Handys bitte abschalten, sonst sammel ich die ein, und eure Eltern können sie sich abohlen.
Gleich ins Bett, aber eine halbe Stunde keinen Schlaf gefunden.
1.7., Freitag
Morgens packen und dann in unter 2 Stunden den Kafka-Text für die Taz.
Joseph Vogl "Kafkas Komik"
Joseph Vogl ist Professor für Geschichte und Theorie Künstlicher Welten an der Bauhaus-Universität Weimar. Man kennt sein Gesicht Fernsehgesprächen mit Alexander Kluge, 20 Produktionen soll es von den beiden schon geben. Im Rahmen der öffentlichen Mosse-Lectures an der Humboldt-Universität, spricht er über "Kafkas Komik" und schickt seinen Ausführungen voraus, daß Vorträge über Komik nicht komisch zu sein pflegen, woran auch er sich halten wolle. Tatsächlich gelingt ihm das über weite Strecken.
Bei Kafka denken die wenigsten an Komik, ein grundlegendes Mißverständnis. Er selbst soll sich beim Vorlesen vom "Prozeß" immer wieder mit Lachkrämpfen unterbrochen haben. Es ist, wie er Fräulein Bürstner zu K. sagen läßt: "Sie sind ein unerträglicher Mensch, man weiß nie, ob sie es ernst meinen oder im Spaß."
Walter Benjamin hat als erster auf das attrappenhafte in Kafkas Werk hingewiesen, durch das von Schmierentheatertypen mit angeklebten Bärten geistern, und wo Tiefsinn immer mit Unsinn umspült ist. Von der Künstlernovelle bleibt bei ihm der Zirkusartist, vom Bildungsroman der Durchschnittstyp. Seine ganze Lebensanstrengung beschreibt er selbst als komisch: "Mein Ermatten ist das eines Gladiators nach dem Kampf, meine Arbeit die des Tünchens einer kleinen, weißen Stelle in einer Beamtenstube."
Man darf unter Komik natürlich nicht die geistige Betäubung verstehen, als die sie heute dasteht, eine Art soziales Palliativum, das Revolutionen durch Unterhaltung vorbeugt. Sie ist vielmehr ein Phänomen der Selbstbeobachtung der Gesellschaft, und enthält als solches ein radikal-kritisches Element. Es geht nicht darum, zu beschreiben, nach welchen Regeln sie funktioniert, sondern sie ist selbst ein Testverfahren, mit dem sich die Regeln und Gesetze einer Kultur ertasten lassen.
Bei Kafka wimmelt es von Übersteigerungen, Verzerrungen, entkräfteten Machtverhältnisse, Stürzen in den Unsinn, Kollision von Wörtern und Dingen. Er war als Kinogänger ein großer Slapstick-Künstler. Überall finden sich nachäffende Bewegungen, Körper, die den Gesetzen der Ballistik folgen. Buster Keaton macht es vor, bei ihm wird das Öffnen einer Konservendose zu einer höllischen Turnübung, bei der der Held allein ist, verlassen, in die Welt geworfen. Im Slapstick zeigt sich die Aufsässigkeit der Dinge, das organische Wesen verwandelt sich in eine Maschine für die Produktion mechanischer Bewegungen. Das Objekthafte zieht sich aus dem Objekt zurück und gewinnt ein nicht organisches Leben. Als Student kennt man dieses Phänomen von den stets komischen Versuchen der Professoren, ihre Projektortechnik zu beherrschen. Heidegger wird aufgerufen, von dem man nicht geahnt hätte, daß er in "Sein und Zeit" nebenbei eine Theorie des Slapstick geliefert hat: "In der Aufsässigkeit wird das Dasein in seiner ontischen Benommenheit gestört und an die Möglichkeit einer fundamentalen Ontologie erinnert."
Ein zweites Element der Komik bei Kafka ist der Sturz von Gesetzmäßigkeiten und Urteilssystemen. Nietzsche kommt ins Spiel, sein genealogisches, radikal-historisches Verfahren der Historisierung von Gefühlen, Affekten, ethischen Prinzipien, die auf Naturalität zurückgeführt werden: "Es gibt Kulturen, die an Verdauungsproblemen zugrunde gegangen sind." Der Historiker besitzt für ihn einen niederen Instinkt, er kennt nichts großes, aristokratisches mehr, hat Spaß am Widerlichen, macht keinen Unterschied zwischen großen Taten und niederen Dingen. Er pflegt ein Ressentiment gegen historische Größen, sieht immer nur deren Sturz. Deshalb ist der historische Sinn ein Spezialsinn für den komischen Fall. Ein Paradebeispiel dafür bei Kafka ist der Affe in "Ein Bericht für eine Akademie", der seine Evolution so beschreibt: "Alles begann mit einem Unfall". Im Rahmen seiner Höherentwicklung zum Menschen lernt er als erstes Schnaps trinken.
Wenn Kafka die Welt in Anführungszeichen setzt, reagiert er auf das historische Gefühl für ein Gründungsdefizit seines Zeitalters. Bekannt ist sein fehlender Sinn für Feierlichkeiten. Einmal mußte er das Büro mit einem Lachanfall verlassen, der ihn bei der Einsetzung eines neuen Chefs schüttelte. Darin liegt auch eine politische Komponente seiner Komik, die Machtverhältnisse einstürzen läßt. Die Praxis in der Unfallversicherung zeigte ihm, daß Gesetze nicht mehr hinreichen, moderne Ökonomie zu beschreiben, wo Schicksale zu Unfällen werden, Verbrecher zu Schädlingen, wo statistische Berechnungen die Forschung nach Schuld und Unschuld ersetzen und das Leben sozialstatistisch verwaltet wird. Aus den Stürzen von Leitern, dem Stolpern in Maschinen, dem allgemeinen, massenhaften Verunfallen in seinem Verwaltungsbezirk wird eine Art großes Gesellschaftsslapstickballett. Das Groteske ist also bei Kafka ein Mittel der historisch-politischen Analyse. Denkt man daran, daß in Klagenfurt in diesem Jahr der einzige komisch-groteske Beitrag durchgefallen ist, mit der Begründung, über einen Witz könne man nicht zweimal lachen, muß man sich sorgen, wie Kafka bei diesem Wettbewerb abschneiden würde.
Das traurig-tragische seiner Protagonisten liegt nicht darin, daß sie Erlösung nicht finden, sondern daß sie sie suchen. Als einzige frei davon sind Tiere, Narren, kindliche Gehilfen, die die öden Kontinente von Gesetz und Schrift hinter sich gelassen oder nie gekannt haben. Ihnen gilt laut Prof. Vogl Kafkas Sympathie, sie sind Bewohner des Limbus, wo die Ungetauften leben. Den Weg dorthin weist ein wesenloses Lachen, das einen aus der Welt hinausbalanciert.
Auf dem Uni-Hof spricht mich eine empörte Frau an: "Dieser Mann und Kafka, das sind zwei Welten!" Der Vortrag hat ihr nicht gefallen. Auch sie wirkt ziemlich "aus der Welt hinausbalanciert". Ist das nun traurig oder komisch?
Warum kommt es in der Neuzeit zur Dosenszene? Sind die Menschen denn früher nicht gestolpert? Ist das nur nie erzählt und beschrieben worden?
Zum Flughafen. Den Stracciatella-Joghurt im geöffneten, ausgeschalteten Kühlschrank stehen lassen. 
Zurück zu Jochens Homepage: www.enthusiasten.de/jochen.htm Hinweise und Kritik: chronik at enthusiasten.de

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