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Chronik
Sunday, August 22, 2004
  26.7.04 (Mo), Berlin, Haliflor, nachmittags, heiter, frisch
Jeder Schritt aus dem Haus war für ihn wie ein unverhofftes Comeback

Stephans Open-Mike-Text korrigiert. Das Problem an der Kurzgeschichte, der originelle Schluß, der automatisch als moralischer Hinweis empfunden wird. Eine Form der Kurzgeschichte finden, die unbestimmt und zutreffend wie ein Haiku ist. Ein Maximum an angesprochenem Thema, aber wenig Entwicklung auf einen Punkt zu. Sonst wirkt es wie ein zu langer Witz.

Anruf B. Sagt immer: "trallalla und pipapo" Wenn man das kritisiert, wirkt man gleich pedantisch. Aber die Sprache sollte einem so wichtig sein, wie sein Körper, zu dem sie gehört. Oder wenigstens wie seine Kleidung.

Fahrkarte von Minsk nach Berlin. Aber man bekommt keine Reservierung. Unwohl in der Kapelle, weil ich mitten im Raum sitzen muß. Handke angefangen "Unter Tränen fragend".

Von der Sache her müßte sich die Erde kreisförmig und nicht ellipsenförmig um die Sonne drehen, damit ich in Ruhe schreiben kann.

2h H-Café. 13 Seiten Notizen auf 13 Seiten übertragen. Ein Kraftakt, die Hände zittern.

Film: "Time of the gipsies" (Regie: Kusturica), Babylon
Der Drug Luka aus "Profesionalac" spielt einen Zigeunerbaron. Branko ?uri? als sein Bruder.
Sein vom Spiel verrückt gewordener Cousin hebt mit einem Kran ihr Haus in die Luft.
Die Frauen müssen "ihr Metier lernen", auf den Strich gehen.
Häufiger Blick ins Tal von Sarajevo.
Durchweg das starke Gefühl, auch so etwas gewaltiges, opernhaftes schreiben zu wollen, und vor allem es eigentlich auch zu können. Die Poesie des Films überträgt sich auf die eigenen Gedanken und läßt sie wilder aussehen als sie sind, wie im Feuerschein.
Braucht keine klar erzählte Geschichte mehr, die Kamera schwimmt in den Bildern und zwischen den Menschen entlang. Wieder wie bei Fellini Großaufnahmen von Hackfressen.
Wie sie jederzeit ihre Gefühle zeigen, Überschwang und Kummer. Von uns wird das dann immer mit dem Charakter von Kindern verglichen.
In Rom spricht er eine Zigeunerin auf der Straße an, sie kann nur Italienisch. Er: "Scheiß Zigeuner", sie (auf Italienisch): "Scheiß Zigeuner". Kürzeste Beschreibung des Dilemmas der ausgebeuteten Klasse. Solschenizyn: "Wer ist der größte Feind des Häftlings? Der andere Häftling."
Lebt bei der Großmutter, die Mutter kannte er nicht. Der Baron nimmt ihn uns seine Schwester nach Ljubljana mit, wo ihre kranken Beine in Titos Krankenhaus geheilt werden sollen. Sie lassen sie zurück, er muß mit den andern nach Italien, wo er gegen seinen Willen zu stehlen lernt, aber einen Anteil versteckt. Beim Einbrechen setzt er sich lieber an den Flügel, als nach Geld zu suchen.
Es stellt sich heraus, daß die Schwester nicht geheilt, sondern an eine andere Zigeunergruppe verkauft worden ist. Er findet sie. Zurück in Sarajevo ist sein Mädchen schwanger. Er ist jetzt hart geworden und will sie verstoßen, heiratet sie dann doch. Sie stirbt bei der Geburt. Er rächt sich, erschießt den Baron auf dessen Hochzeit und wird selbst erschossen. Auf dem Totenbett stiehlt sein Sohn ihm die Geldstücken von den Augen.
Wie kann ein Land schlecht sein, das solche Werke hervorbringt? Grundsätzliches Problem der Kunst, daß man mit ihr alle Leiden rechtfertigen könnte. Und wenn es Jugoslawien nur dafür gegeben hätte...

Zu Hause im Internet recherchiert und gefunden, daß der junge Hauptdarsteller sich 1999 mit 30 Jahren umgebracht hat.

Di, 27.7.
Stephan ruft um 9:15 an, ich sei doch als Sportler sicher schon wach.

15 Runden-Rekord, 25:27, aber an den 25:00 gescheitert. Schwerer Kampf, zweimal aufgeben wollen, obwohl die Verfassung eigentlich gut war, aber das Tempo ist noch zu hoch. Dann sehr erschöpft nach Hause.

Beratung mit Stephan über seinen Open-Mike-Text. Eine Schlußszene fehlt. Wie die Desillusionierung bebildern? Die Luft muß einem wegbleiben vor Mitleid.

E-Bar. Chronik. Inzwischen wirklich schon Angst vor Ereignissen, die ich notieren muß, bevor ich endlich wieder aufgeschlossen habe.

Hähnchenbrust, Curry-Sahnesauce mit Erdbeeren und Bananen. Mehr gewollt als gekonnt, die Erdbeeren bitter, das Fleisch mit harten Stellen, Curry schmeckt durch.

Gnitzen machen mich verrückt. Zerdrücke ein halbes Dutzend davon an der Scheibe, aber es kommen immer neue. Der Küchengeruch weht herüber. Ca. 17 Euro Spesen für 3h30, 40 Seiten durchgehen. Seltsam, daß man sich nicht mehr an die dauernd beschriebenen Frauen erinnert, die einem über den Weg gelaufen sein sollen.

Im Bioladen "Energy-Brot", das sei so was wie Schwarzbrot mit Möhren.

Bewußt kein Mittagsschlaf, um zu testen, ob sich die besondere nervöse Gespanntheit bei Übermüdung eventuell doch zum arbeiten eignet.

LSD: Sehr voll und stickig. Tube wiegt weniger als ich, er war schon mal bei 71 Kg.
Spider: die Manager verfallen auf den Trick, mit Teddys und Kinderklamotten aufzutreten, um niedlich gefunden zu werden. Die Idee erinnert mich an den Boucq-Cartoon, wo die hungernden Afrikaner blau angemalt und als Schlümpfe verkleidet werden, damit die Kinder, die das im Fernsehen sehen, Mitleid kriegen und ihre Eltern zum spenden überreden.
Micha: Synonyme für Geschlechtsverkehr: Sachgebiet abgrasen, Schlamm abladen, Loch spachteln, die Made in den Speck lassen.
"Diese Zerebral-Lolita."
Volker: der Schnaps ist nur dazu da, uns Männern den abstrakten Seelenschmerz erfahrbar zu machen.
Uli: auf einem Konzert in der Provinz: "Lassen sie mich durch, ich bin aus Berlin!" Überredet die H-Blockx, doch lieber was anderes zu spielen.

Empfindung, daß beschriebene Gefühle am Ende doch stärker und gewaltiger wirken als geistreiche Pointen.

Ansage: Jetzt kommt was mit Gefühlen, also wer seiner Freundin noch schnell die Augen zuhalten will, damit sie sich nicht in mich verliebt...

Mit Spider über Lyrik, die ihm generell nichts sagt. Englisch, die weltweite Koiné in der Popmusik, was wäre, wenn es deutsch wäre? Wäre es nicht unerträglich, den ganzen Scheiß zu verstehen?
Empfehle ihm Gedankenlyrik. Das Sonettprinzip, eine Strophe ein- und eine ausatmen.
Seine Idee für einen Ratgeber für alles: Essen, Frauen, handwerkliche Tips, interessante Orte, zu empfehlende Fortbewegungsarten. Idee eines Kollektivprojekts, einer Ratgeberenzyklopädie.

Wenn man nichts trinkt, fällt einem der Alkoholismus der anderen umso unangenehmer auf.

Mi, 28.7.
Mit leichtem Fiebergefühl aufgewacht. Deshalb mißmutig den Tag im Sessel verbracht, weil ich es einfach nicht einsehe, krank zu werden, nur weil ich zwei Wochen nicht in der Sauna war. Vielleicht deshalb gestern beim laufen so gequält.

Anruf bei Messmer. In China hat sie "Troja" auf DVD mit den Untertiteln von einem Science-Fiction gesehen. Ab und zu hat man Ärmel im Bild, oder jemand läuft an der Leinwand vorbei. Sie würden auch ohne Skrupel auf einem Avantgarde-Film aus dem Irak die Inhaltsangabe von "Herr der Ringe" drucken, es versteht sowieso keiner. Mit Freunden Untertitelraten spielen.

Zitat aus "Der 3.Mann". Orson Welles zu dem andern aus Citizen Kane, sie stehen in der Gondel vom Wiener Riesenrad. Ob es ihm etwas ausmachen würde, einen dieser Punkte da unten auszulöschen, wenn ihm 20000 Pfund geboten würden. Mussolini hätte gesagt, in der Schweiz hat immer Frieden geherrscht, und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr.

Doku: "Dialektik der Aufklärung".
"Je komplizierter und feiner die gesellschaftliche, ökonomische und wissenschaftliche Apparatur auf deren Bedingung das Produktionssystem den Leib längst abgestimmt hat, umso verarmter die Erkenntnisse, deren er fähig ist." Der domestizierte Tiger läuft im Käfig im Kreis. "Das Spiel der Muskeln wird gehemmt". Daher der Reflex, zu einer Zigarette zu greifen.
"Schon die kosmetische Sorge behandelt den Körper eigentlich als Leiche, jeder lebendigen Erfahrung beraubt"
"Der Liebende ist immer der mehr Liebende, in der Welt des Tausches wird der Liebende bestraft. Seine Unfähigkeit zur Herrschaft über sich und andere, die seine Liebe bezeugt, ist Grund genug, ihm die Erfüllung zu verweigern. Mit der Gesellschaft reproduziert sich, erweitert, die Einsamkeit."
De Sade: Juliette: "Der Mensch ist nur tugendhaft, weil er sich Gutes verspricht und Dankbarkeit erwartet." (ein fälschlicherweise der Postmoderne zugeschriebener Zynismus. Zynismus nur aus der Sicht der christlichen Moral. Eigentlich nur die Bewertung der Moral als Sphäre des Tauschs.)

"Windtakers", ein Hollywoodfilm über Navajo-Indianer, die im 2.WK eingesetzt wurden, um mit ihrer weitgehend unbekannten Sprache Funksprüche zu codieren.

Anruf bei Martin. Die Kritik zu Gstrein falle so positiv aus, weil sie die Behauptung des Texts belohnen würden, daß Wirklichkeit nicht in die Literatur gehöre. Alles andere werde sofort als dummer Realismus abgetan.
Über Kracht. Bei "Faserland" hätten alle die "Protestarbeit des Körpers" übersehen, der als ständiger Pannenfaktor fungiere. Er sei Schweizer, das sei wesentlich. Deutschland durch den Holocaust entstellt und häßlich, die Nazizeit komme heute noch überall durch. Die Nachkriegsrekonstruktion, um Wunden vergessen zu machen.

Ist mein Verhältnis zu manchen Deutsch-Rappern wie das von Thomas Mann zu Brecht? "Das Scheusal hat Talent."

Trotz durch das leichte Fieber betrüblicher Stimmung zu Radio Hochsee. Themenabend "Aale, die nackte Gefahr" mit Dietmar Bartz.
Aale: Bis 30cm Länge Geschlecht variabel. Im Süßwasser weiblich, im Salzwasser männlich.
Freud habe sich in der Jugend Hannibal und Cromwell genannt. Erste Arbeit über die Hoden des Aals, weil es dazu gerade noch keine Erkenntnisse gab.
Dietmar plant ein 100bändiges Werk zur Meeresfauna und fängt alphabetisch mit dem Aal an.
Masturbation mit Aalen problematisch durch den Schutzbiß.
Wasservorrat in der Kiementasche
Plinius, Albertus Magnus. Aale schmatzen in Erbsenfeldern, Asche streuen kann sie fernhalten.
Schlinggier.
Im Helsingborger Naturkundemuseum 4'8 mit 88 Jahren Methusalem gestorben, ein Flußaal.
Schuldgefühle seien bei Aalen noch nicht untersucht.
Peter, 11 Jahre in Kiel, '43 bei Bombardierung der Stadt umgekommen. Falko: aus Kummer über Verlust seiner Heimatstatt Kiel?
1892 in Hamburg 8000 Menschen an Cholera gestorben. Wegen fehlender Sandsiebe fürs Trinkwasser.
Noch kein Aal beim Laichen gefunden, nur bis zu 2mm Länge zurückzuverfolgen. Auch keine Fischeier.
Ausschnitt Blechtrommel. Musik: Maurice Jarre. Die Aalszene. Die Frau muß das Zeug essen, obwohl sie sich davor ekelt, weil sie im Pferdekopf gefangen wurden. Domestizierung der Frau. Sie frißt den Aal, den ihr Mann zubereitet hat, eine Art Zwangsfellatio. Der Cousin tätschelt ihr beim Kotzen den Hintern. Grass läßt wohl auch keine Gelegenheit aus, die Abwege der Sexualität zu beschreiben.

Ob man vom Sport leichter werde, Fett wiege weniger als Muskeln.

Plötzlich wird mir bewußt, daß ich von Vertriebenen abstamme, die keinen Grundbesitz haben, nichts.

3 große Schorlen, kein Alkohol. Andreas mit Bierfahne. SgE sei mein bestes Buch, das was ich hier mache sei da drin (sinnlos, ihm klarmachen zu wollen, daß ich etwas ganz anderes machen will). Triumphgemüse sei "ein beschissener Titel".

Gehe gegen halb 1, bin zu unruhig von der Arbeit und tue mich schwer mit betrunkenen Kollegen.

29.7.04 (Do), Berlin, Seelower, nachmittags, Sonne
Kein Fieber, aber immer noch Schwäche. Ein Virus? Etwas Notizen übertragen, mit Lust, vielleicht, weil ich gleich los muß?

Im Briefkasten eine englische Beschreibung vom "Müller". Erstklassig, zum ersten mal überhaupt, und in wenigen Worten die Symbolik erfaßt, das Grinsen, die zynische (Überlebens)Haltung zur neue Zeit, der Geschlechterkampf.

In der Sonne am Märkischen Museum ausgestiegen. Die Gegend nur von Ausflügen als Kind bekannt. So ein Gefühl, wie der Junge in dem einen Kinderfilm, der an einem Sonnentag die Schule schwänzt (und dann ein Feuer entdeckt und meldet). In der Sonne zu Fuß zum Alex, die Spree, schattige Stellen unter Bäumen, Touristen. Die Lücke vom Ahornblatt schon zugebaut. Auch der Parkplatz vor der Stadtbibliothek, wo an einer Brandmauer ein überdimensionaler Stadtplan war. Das Nikolaiviertel war doch eigentlich eine scheußliche Ausgeburt, das Regime bekennt sich zum Biedermeiererbe. Das ZK-Gebäude, durch einen Vorbau verunstaltet. Die DDR war eine aufgezwungene Recherche. Ob einer für eine Langzeitreportage in den Knast geht oder 18 Jahre in so ein Land, ist doch das gleiche.

Schlechte Stilisierung der DDR zum Stammtisch, an dem Fremde nichts zu suchen haben.

Ein junger Jünger fragt, ob ich Pralinen wolle, "zum indischen Fest". Dauerndes Niesen in der Sonne, Sonnenallergie wie Hannelore Kohl? Die Fassade vom Centrum Warenhaus müßte doch eigentlich unter Ensembleschutz stehen.

Kaufhalle: "Ick war Sonnabend inne Blaubeeren, Sonntach inne Blaubeeren, schön einjesprüht, is nicht eine ranjejang."

Neulich in der Chaussee originale Mintkissen geschenkt bekommen.

Der männliche Körper ist ein sensibles System. Kurz vor dem Losgehen in die Fingerkuppe geschnitten. Einen Moment wartet man, dann kommt das Blut und füllt mehrere Taschentücher. Im Müll nicht zu unterscheiden von der Farbe der Erdbeerreste. Verbunden mit den Letzten Mullbinden aus dem Osten.

Chaussee: Sehr warm. Wir schleppen Bänke wie die Möbelpacker. Ausruhen am Einlaß. Die Arbeit ist getan, der Rest ist Glückssache.
Ansage: Ich habe eine Protestaktion gestartet und mir in den Finger geschnitten. Ich dafür sorgen, daß die Wunde weiterblutet, bis der Irak-Krieg beendet ist. Aber wenn mich nachher eine nach Hause mitnehmen will, dann muß ich sie warnen, daß ich nicht alleine aufs Klo kann.
- Und wenn keine mitwill?
- Na, wir wollen mal den Teufel nicht an die Wand malen.
Die erste Berliner Szene über McDonald's reaktionslos, vielleicht weil es reine Reflexion ist. Volker bemängelt die durchgehende indirekte Rede.
Stephan: zu Kati Witt: "Am meisten störte mich die Tatsache, daß ich von ihrer Liaison mit McGyver erst aus den Medien erfuhr."
Bei der Disko wünscht sich eine was anderes: "Oasis? Kenn ich nicht. Hatten die noch n anderes Lied?"

Volker macht eine unwiederholbare Slapsticknummer mit den beiden Mikroständern, bei der man noch froh sein kann, wenn zum Höhepunkt nicht das RAW abbrennt.

Film: "Harry und Sally"
Romantische Liebeskomödien, wenn sie halbwegs intelligent sind, ideales Beruhigungsmittel am Ende des Tages. Ich wäre eigentlich intellektuell dazu verpflichtet unter solchen Filmen zu leiden, aber es geht nicht.
Der Film eigentlich nur eine Dialogfolge, die dann anscheinend in den 90ern zu "Sex & the city" ausgebaut wurde. Man muß analysieren, warum das ein Kultfilm wurde. Das liegt wohl wieder nicht an der Qualität, sondern am glücklichen Moment.
Wenige stereotype Züge genügen ihnen schon, um Figuren zu bauen. Er fällt auf durch ewiges geistreiches Räsonieren über alltägliches, sie durch Pedanterie, die er natürlich süß findet. Daß sie sich kriegen wirkt erlösend wie der Schlußakkord im Schlager, umso schöner, weil nie ein Zweifel daran besteht. Nachdenken, was den Qualitätsunterschied so einer Komödie zu Woody Allen ausmacht, sicher gerade die Merkmale, die diesem Film seinen Erfolg beschert haben.
Zu Drehbuchbestandteilen ausgebaute Comedy-Pointen:
Ein Date wollte nach dem Essen ein Haar von ihr, um sich die Zähne zu reinigen.
Er hatte im Traum Sex vor olympischen Kampfrichtern, seine Mutter, als Ostdeutsche, gab ihm nur eine 5,8.
Schöner Slapstick, wenn er seinem Freund erzählt, daß seine Frau ihn verlassen hat, und sie dabei im Stadion sitzen und immer zur La-Ola-Welle die Arme hochreißen müssen. Typisch für Comedy, dieses Zusammenlegen von möglichst widersprüchlichen Extremen.
Katz (?) Deli wiedererkannt. Nur, daß ich den Pastrami dort auch nicht besser fand als woanders und nicht besonders freundlich bedient worden bin.
Grundsituation der Moderne (was soviel heißt, wie Grundsituation von Filmen, die in N.Y. spielen?): Gespräch beim Joggen. Gespräch nach der Party. Bestellen in einem Diner. Gespräch zwischen Fremden im Flugzeug.

30.7., Fr
Aussetzen mit Laufen wegen Schwäche. 10 S. Chronik.

Daß die Frauen in Filmen immer beim Aufstehen noch schnell das Laken überziehen, auch wenn sie allein sind.

14 Uhr zu Volkers Umzug.
Bohni befürchtet, daß beim Open Mike nur ernste Texte genommen werden: "Aber deine Texte sind doch nur komisch, wenn du sie vorliest!"
Chili am Nachmittag. Uli kommt kurz mir. Endlich wer, mit dem man vernünftig über Rückenschmerzen reden kann.

Abends mit Stephan zur Party eines Kommilitonen.
4 Zimmer, herrliches, altes Parkett, Blick aufs Planetarium.
Sie studieren Verwaltungswissenschaften, sofort bin ich Feuer und Flamme für die Idee eines solchen Fachs, wie immer bei Sachen, die andere lernen dürfen. Es gebe horizontale und vertikale Strukturen.
Aus Langeweile nach 1 Woche Abstinenz schwach geworden. Und dann schmeckt der Cidre wie warme Apfelsaftschorle, aus der die Kohlensäure schon raus ist.
Gegen Mitternacht beim Gehen bleibe ich im Flur vor einer Europakarte stehen. Man kann sich gar nicht davon losreißen. Metapher für die Ereignislosigkeit von Partys, die Einladung zum Träumen, "Invitation au voyage". Minsk sieht gar nicht so weit aus, Witebsk scheint nur ein Katzensprung.
In der herrlichen, lauen Nacht zurück. Man könnte deshalb deprimiert sein, man kann aber auch nicht daran denken.

31.7., Sa
Laufen, Hu-Hain, gegen Mittag schon sehr heiß. Noch leicht geschwächt, aber besser als nichts.

Buch: Peter Handke "Unter Tränen fragend" zuende.
Man kommt ein bißchen durcheinander, schon das vierte Buch von ihm zum Thema. Er geht aus Verachtung für die Medien implizit so weit, Srebrenica zu leugnen. Doppelte Reise nach Serbien, zur Zeit der Bombardierungen. Die Zeitungsmeldung damals über diese Reise klang verwegen, aber warum sollte ein Autor weniger riskant leben, als die Bevölkerung?
Im Flugzeug die Zeitungsschau. Er schreibt sie alle ab, wenn sie in seinen Augen etwas falsch machen.
Nachdenken über serbische Propaganda. "Mein Gedanke, es gebe eine Art der 'Propaganda', die nichts Gemachtes oder gar Bezwecktes sei, vielmehr auch etwas Naturgewachsenes sein könne..."
Gestelztheit, die Gefahr des hohen Stils: "An der Rezeption ein Korb mit Äpfeln, von denen ich einige vor dem Zubettgehen verzehrte, und dann noch einen, später, zur Bombenalarmsirene, und dann noch einen, bei wieder einem Sirenengeheul [..] im Morgengrauen"
"Fette deutsche, höfisch-verlogene französische, den Raum (bis in die hintersten Winkel des Planetensystems) verdrängende amerikanische Stimmen, das Schnarrschnattern Donald Ducks zu dem von Menschenjägern mutiert."
Immer schon die Kritik an seinen Bemerkungen vorwegnehmend. Er weiß genau, wo er provoziert, daß er nicht genug Betrübnis zeigt über den Genozid, seine Paranoia, daß er orthodoxen Gottesdienst in Srebrenica besucht.
Im Hotel "Moskwa" (wo ich natürlich auch gern geschlafen hätte)
Behauptet, die Jugend würde jetzt aus Protest Coca Cola und McDonalds meiden. Wie es nicht so gemeint ist, aber zum widersprechenden Statement wird, wenn ich schreibe, daß in Belgrad der McDonalds gut gefüllt war, wie überall.
"Frankfurter Beobachter"
Völker "zeitgenössische Spekulier-, Käufer- und Genießermassen"
Er drücke jetzt am Geldautomaten aus Protest nicht mehr "spanisch".
Auch ihm erzählt ein Bischof in Banja Luka, daß der Bosnienkrieg ein "längst abgekartetes Spiel, war, das in sämtlichen ausländischen, vor allem transatlantischen Metropolen vorausgeregelt sei, mit Einverständnis dieses und jenes einheimischen Halbmachthabers, klipp und klar bis zum geplanten Ende Jugoslawiens."

Doku über Drakula.
Einblick in alte österreichische Archive, in denen über mysteriöse Vorfälle in der transsilvanischen Provinz berichtet wird. Regalweise handgeschriebene Aktenfolianten. Ein plötzlicher Eindruck von den Abgründen dieses Verwaltungsapparats, die man eigentlich von Kafka schon kennen sollte. Sie hatten Quarantänestationen am Rand des Reichs, noch aus Pestzeiten.

Barthes trifft ein. "Die Körnung der Stimme", Sammlung aller Gespräche.

Ein Student von Bärbel nach der Prüfung mit Gesichtsfeldeinschränkung, einer halbseitig gelähmt.

Bis 18:30 konzentriertes arbeiten an den ersten 150 Seiten Chronikzensur. Schönes Gefühl, gerade am Sonnabend, so skrupellos tätig zu sein. Barthes schlägt vor, im Alter zu stricken, da es ja unmöglich sei, einmal nicht zu denken, und wenn Sport für einen nicht in Frage komme.

Schlaf mißglückt, weil nur eine Stunde bleibt. Brot kaufen, Balzac, Barthes. Die Freude an solchem konzentrierten Denken. Man findet eine Vielzahl von eigenen Gedanken schon in diesen Texten aus den 60ern. Das heißt, indem man die Gegenwartsdenker liest, hangelt man sich mit Mühe auf ein längst überschrittenes Erkenntnisniveau.
Die Kunst beim Schreiben bestehe darin, den Sinn in der Schwebe zu halten. Das ist so schwer, denn "der Sinn ist für den Menschen ein Schicksal." genau, was ich neulich in der Schusterjungen-Szene meinte, nicht ahnend, daß Barthes es schon viel schöner formuliert hat.

Die Existenz der Taz ist schon durch die ab und zu in den Artikeln auftauchenden Adorno-Zitate gerechtfertigt.

Chronik: worin bestand dieses halbe Jahr? Keine konkrete Erinnerung. Ein schwimmen in Verabredungen, Verpflichtungen und Klimawechseln. 400 Seiten Notizen, die keine Antwort geben. Wichtige Lebensmomente werden zum Termin.

Sie wundert sich, daß ich beim Lesen die Druckfehler anstreiche. Aber diese Arbeit ist doch vielleicht mein eigentliches Vermächtnis an die Menschheit.

Abends noch Chronik. Bei Dämmerung und Sonnenuntergang, geöffneter Balkon, hereinfliegende Kleinkäfer, ein schönes Gefühl, so im Sommer zu arbeiten. Und es ist alles nur eine Frage der Wahrnehmung. Glück ist nur Selbstbeherrschung und Autosuggestion.

Zur Kantine, Stephan abholen. Bohni meint, die Chronik sei zu lang. Mehr als 10 Minuten Lesezeit pro Tag seien zuviel. "Zu lang" ist es, "wenn man scrollen muß".
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Dann sind Bücher zu lang, wenn man umblättern muß?

Da es fast nur Menschen gibt, die scheiße sind, ist es schon ein bemerkenswerter Umstand, daß man selbst nicht scheiße ist.

Mit Stephan in der S-Bahn zur Insel der Jugend, für mich zum ersten mal im Leben. Ein herrlicher Gang durch die Nacht, an Kleingärten vorbei, über eine menschenleere Brücke, bis wir uns auf einer nächtlichen Wiese aussuchen können, zu welcher der Partys wir dazustoßen wollen.
Sie meint, schreiben sei sicher schwer, also aufzuschreiben, was man denkt (das wäre allerdings dann wirklich schwer.) Wundert sich, daß wir als Männer "Sex & the city" kennen. Schaffe es kaum, in die Hocke zu gehen. Stephan unterhält alle mit Monologen. Ein von Aufmerksamkeit geölter Floskelgenerator.
Zurück zu Fuß durch den dunklen Park. Beim Pinkeln muß man aufpassen, daß man keine knutschenden Pärchen beschmutzt. Herrliche Sternennacht, die Spree, Berlin im Sommer, was einem entgeht, wenn man jetzt wegfährt. Ab Ostkreuz mit dem Fahrrad nach Hause, an der East Side Gallery vorbei. Die vielen Partygänger, die von einem Ort zum nächsten marodieren. Zwei Idioten rufen "Ist rot!" und man ärgert sich, weil man gerade keine Spucke mehr im Mund hatte. Das wäre mir früher nicht passiert.

Von 1-2 auf Balkon tippen. Internetzensur 150 Seiten. Die Sprenkler auf dem Platz gehen an.

1.8., So
Laufen Hu-Hain, diesmal 2 Runden, wieder sehr heiß.

Den Rest der Internet-Zensur, 152 Seiten auf 95 gekürzt, also besteht die Chronik zu einem Drittel aus Beleidigungen und Peinlichkeiten.

Mit dem Fahrrad zu Bärbel, an der menschenleeren Kreuzung Schievelbeiner/Seelower Kaminer, der im grauen Anzug mit Sonnenbrille spaziert. Diese seltsame Mafiamimikry bei den Russen. Salat auf ihrem schönen Balkon. Die automatische Blumengießapparatur. Das Kind liege im Bauch auf dem Kopf und höre klassische Musik wie in der Badewanne unter Wasser. S. findet es normal, wenn ein Professor aus Italien mit e-learning unterrichte. Daß wissenschaftliche Inhalte über Texte und nicht über präsente Personen vermittelt werden. Das scheint mir ein fundamentaler Punkt, wie üblich schlägt er sich bedenkenlos auf die Seite des neuen, effizienteren. Verzicht auf die Rede, auf die unvollkommene, aber kommunikative Vermittlung durch den Menschen. Das paßt zu Kluges Gespräch neulich über Humboldts "Kosmos". Der letzte Versuch des Abendlands, die Früchte aller Wissenschaften mit Mitteln der Sprache zu popularisieren. Inzwischen bewegt sich die Wissenschaft in ihren Erkenntnissen jenseits der Sprache(Quantenphysik). Aber ist das überhaupt möglich?

Frauen seien schlechter bezahlt, Männer würden ihre Arbeit für wertvoller halten, weil Muskelkraft nötig ist. Aber die Kassiererin habe keinen leichteren Job als ein Bauarbeiter. Auch in den männlichen Berufen würden Frauen weniger bekommen.

Ihre Kinder entdecken bei Bekannten das Werra-Krepp-Klopapier, das sie von zu Hause kennen und fragen: "Seid ihr auch christlich?"

Eine Bekannte kaufe veganes Hundefutter.

U-Bahn zum Tempodrom. Zwei verfettete, und mit offenen Mündern Kaugummi schmatzende Jugendliche sitzen mir gegenüber. Die Welt wäre nicht ärmer ohne sie. Der eine hebt sein Bonbonpapier nicht auf. Was sagt Foucault zu dem Zwang, seinen Müll aufzuheben? Besteht überhaupt ein Qualitätsunterschied zum Verbot, jemanden umzubringen? In beiden Fällen Unterdrückung der Natur zugunsten von Zivilisation/Gesellschaft. Ohne Unterdrückung der Natur ist Gesellschaft gar nicht möglich. Das Paradies für alle ist nur als Diktatur möglich. Rousseau?

Peinlich ist, wenn alle aussteigen, und man sitzt plötzlich neben einem Fremden allein im Abteil.

Unterschätzte Gefahren: Lattenrost.

Beim Woody-Allen-Konzert. Vielleicht schaffe ich es ja, ihn mit meiner Sommergrippe anzustecken, wenn ich immer zur Bühne hin huste. Mehr Nähe kann es zwischen uns nicht geben.

Zu Hause zu müde, um den Artikel darüber für die Taz zu beginnen. Um 12 ins Bett.

2.8., Mo
Sehr schlecht geschlafen, man quält sich, um überhaupt 8 Stunden zu schaffen.

Gleich um 9 hingesetzt, aber nicht an den Woody Allen-Artikel, sondern erst noch ein Barthes-Gespräch zu "S/Z".

Dann den Artikel, 180 Zeilen, hoffentlich kürzen sie nicht wieder die besten Stellen.

Ausgekoppelt: Woody Allen im Tempodrom

In der TAZ ein Tagestip für die neue Show, der eher einem Warnhinweis gleichkommt. Lesebühnen seien wie ein Geschwür, das sich ausbreite. Das interessanteste an unserem Auftritt sei, auf dem Weg zu erfahren daß der Club, wo wir auftreten also offenbar keine Sommerpause mehr habe.
Gibt es das noch einmal, daß eine Zeitung ihren eigenen Autor nicht nur nicht rezensiert, sondern auch noch geschäftlich schädigt?
Wenigstens ruft Dirk mich auf meine Beschwerde hin an. Aber ich werde mich nicht bei den Tätern beschweren, ich will sie allein lassen mit ihrem schlechten Gewissen.

Film: "Les valseuses".
Provozierende, aber lebensfrohe Asozialität der beiden Helden. Offener Ausgang, sie fahren durch die Gegend und mit dem Schlußbild in einen Tunnel. Nach Barthes verstehe ich, was mich an Plots immer stört, der darin diktatorisch vorgegebene Sinn, gerade durch den jeweiligen Schluß. Seltsamerweise kann man sich ja oft an den Schluß von Filmen gar nicht erinnern.

Fernsehen: Kluge mit der Sprenger über L.A.
Zivilisation als nur eine von vielen Sedimentschichten auf der Erdoberfläche.
Teerquellen (tar pits) mitten in L.A.
Eine Stadt ohne Produkt. Chicago (Schlachthöfe) und N.Y. (Industrie, Fischerei), dagegen L.A.: "Ihr Produkt, dessen Acker die ganze Welt ist, ist die Phantasie der Menschen".
Dortiger Menschentyp, die Nimbys ? Not in my backyard. Traum vom eigenen Grund und Boden vermillionenfacht. 11 Millionen Einwohner ohne Gemeinwesen. Horror eines erfüllten Menschheitstraums. "Endloses Glücksversprechen entspricht visuell einer endlosen Anreihung von Verkehrsabzweigungen".
Öffentliche Bauten, anders als in Europa, nicht einladend, sondern wehrhaft. Kameras schauen nach draußen, während die Gebäude innen Rekreationstempel mit Springbrunnen sind. So sei es in Babylon auch gewesen. Grenzziehung zwischen Konsument und Nichtkonsument. Die Bump-proofed bank (halbrund wie eine Tonne). Künstliche Beregnung von Plätzen, an denen Obdachlose sich aufhalten könnten.
Schulden machen zeuge vom Optimismus noch entsprechend lange zu leben.
Ein Themenpark der Katastrophen.
Anekdote: Huxley und Thomas Mann am Strand von L.A. Reden über Shakespeare, genießen den Sonnenuntergang. Das Meer spült tausende weiße Würmchen heran, Kondome aus den Abwässern der Stadt. Ein neues Abwasserprogramm wird angegangen "Hyperion", mit dem Ziel, aus der Kloake "einen Gebirgsbach" zu machen. Wieder die klar formulierte maximale Hoffnung.

FR-Artikel von Richard Wagner über K-u-k.-Österreich. Statt "Völkergefängnis" könne man es auch ein "Völkersanatorium" nennen.

Wenigstens Notizen übertragen.

Gespräch mit Falko über die Chronik-Notate führen.
- Qualitätskompromiß. Widerspruch Aktualität und Überarbeitung. Originalwert der Aufzeichnung und literarisches Gewissen.
- Heisenberg-Relation, die Beeinflussung des Objekts durch den Beobachter. Wann positiv, wann negativ?
- Grenzen der Aufzeichnungen. "Kein Auge soll alles sehen." Was ist tabu? Gibt es Ereignisse, die dem Beobachter nicht gehören?
- Exhibitionismus und Privatsphäre
- Verhältnis von Literatur und Notat. Kritik der Kollegen am Chronik, Überbewertung des narrativen Codes.

Durch Barthes-Lektüre neue Lust am Denken. Das Gefühl, alle diese Gedanken gleichzeitig präsent haben zu wollen. In der linearen Rede ist das nicht widerzuspiegeln. Die verschiedenen Stimmen, die man gehört und durch Lektüre sich anverwandelt hat. Traum von einem Theater des totalen Zitats.

Wolfgang Draeger, die Woody-Allen-Stimme spielt 1973 im Tanzstundenreport.

Ist der zwanghafte Distinktionstrieb der Popliteratur nicht nur die Vorarbeit für eine für unsere Zeit neu zu formulierende Lehre vom richtigen Leben?

Gegen 6 zu "La Cucina". Völlig versalzene Broccolisuppe und immerhin annehmbarer Salat mit Hähnchenbruststreifen. Robert raucht nicht mehr und hat gesunde Gesichtsfarbe. Volker kommt später mit Schlips und weißem Hemd.
- große Texte behandeln ihre eigene Entstehung/Unmöglichkeit. Wird man irgendwann zwangsläufig zur Jukebox des Zuschauers, weil man den Erwartungen nachgibt?
- Ob man bei e-bay seine Dienste als Killer versteigern kann?
- Oder seinen eigenen Selbstmord? Aber hat man überhaupt juristisch gesehen das Recht, sich zu verstümmeln oder zu töten? Gilt nicht jeder Selbstmörder retrospektiv als unzurechnungsfähig?

Im Club die befürchtete Situation, so leer, daß es schon von selbst abschreckt. Trotz Tagestip auf Radio 1 und teurer Plakatierung. Nur ganz vorne zwei Mädchen, die bei allem quietschen, was auch stört. Das Dia sieht man nicht.
Ansage: Wir sind der verlängerte Arm der Universität.
So nackt vor wenigen Menschen fallen die Texte auf sich zurück und wirken sogar schwächer als sie sind. Der Effekt dieser Aktion ist eine Schulung in Demut. Bohni und Stephan improvisieren sehr schön ein Geburtstagsinterview mit Bohni. Lese "Höflichkeit", fast ohne Reaktion. Überhaupt wird den ganzen Abend nur einmal von allen gelacht, als ich "Fußball" sage. Nach der Pause Standup probiert und ohne Hänger durchgekommen. Ansage: ich finde es doof, wenn man etwas auswendig aufsagt.
Automatisch sehr schnell gesprochen und Pointen nicht durch Pausen unterstrichen, aus Widerwillen gegen die Methode.
Robert: "Eben war noch gestern, heute ist schon wieder Mittag, für diesen Geschwindigkeitsrausch bin ich nicht gemacht."

Wer mich kennt, wird wissen, daß ich nur Loser kenne.

Di, 3.8.
Immer stärker morgens das Bedürfnis nach ein paar Seiten konzentrierter Gedanken. Adorno "Minima Moralia", viel dicker als der Titel vermutet läßt. Bei der Dichte der Gedankenführung braucht man zum lesen wenigstens ein Jahr. Schon der zweite Absatz müßte fast vollständig abgeschrieben werden:
"In der antagonistischen Gesellschaft ist auch das Generationsverhältnis eines von Konkurrenz, hinter der die nackte Gewalt steht."
(Der heute oft zu erkennende Altersrassismus, der Hochmut der Jugend, deren Kapital auf dem Lebenszeitkonto größer ist. So wie die Weißen die Indianer mit Drogen besiegt haben, müßten die Alten froh sein, daß sich die Jugend mit Alkohol, Drogen und freiwilliger Verdummung selbst um Lebenszeit/Wettbewerbstauglichkeit beraubt. Eigentlich wäre es ein konsequenter Racheakt, wenn die Jungen von den Alten auf diese Weise liquidiert würden. Die Alkopops müßten nicht besteuert, sondern subventioniert werden. Wenn der Generationenvertrag aufgekündigt wird, also die Sorge um die Jugend, die einmal für uns arbeiten soll, gegenstandslos wird, dann können wir das Jugendschutzgesetz aufheben und Alkohol und Zigaretten an den Schulen verteilen, weil das durch die Abhängigkeit der Alten von den Jungen erzwungene Pathos der Behütung einem offenem Konflikt zwischen den Generationen weichen kann.)
"Es gehört zu den symbolischen Untaten der Nazis, uralte Leute umzubringen"
"Noch die neurotischen Absonderlichkeiten und Mißbildungen der alten Erwachsenen repräsentieren den Charakter, das menschlich Gelungene, verglichen mit der pathischen Gesundheit, dem zur Norm erhobenen Infantilismus."
(1944 geschrieben!)
"Mit der Familie zerging, während das System fortbesteht, nicht nur die wirksamste Agentur des Bürgertums, sondern der Widerstand, der das Individuum zwar unterdrückte, aber auch stärkte, wenn nicht gar hervorbrachte"
(Kommentar zu "Die Rückkehr" und der Behauptung, der Vater im Film erziehe seine Söhne auf altmodische, autoritäre Art. Die Frage ist, ob es überhaupt eine Alternative gibt. Eine Erziehung, die ohne Macht und Zwang auskommt, also auch ohne den subtilen Zwang des Verständnisses, mit dem auf Schuldgefühle und Einsicht des Erziehungsobjekts spekuliert wird.)
"Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen."

Wer sich wie Adorno von der Gegenwart und der nachfolgenden Generation entfremdet sieht, läuft Gefahr, in die kulturpessimistische Falle zu geraten, eine unproduktive, defensive Position. Aber vielleicht ist wirklich ein Niedergang zu beobachten, und die Zweifler hatten immer recht? Bildung ist nicht nur ein Problem der Jungen, die sie erwerben wollen, sondern der Alten, die sie besitzen, und denen sie eine Sprachlosigkeit aufzwingt, da ihr kultureller Code ohne ihr Zutun zum Geheimcode wird. Wie sprechen, wenn man, je mehr man weiß, umso weniger gemeinsame Wörter besitzt?

Doku über die Hereros in Deutsch-Südwest/Namibia.
Einer der Enkel des Genozids, vor über 30 Jahren nach Ägypten emigriert, dort eine militärische Ausbildung. Dann Asyl in Berlin. Besucht Namibia auf der Suche nach seinem Großvater, einem Weißen namens "Müller". Viele Hereros haben hellere Züge, weil die Frauen von den Deutschen als Sexsklaven benutzt wurden.
1906 Auflösung des Reichstags, sogenannte "Hottentottenwahlen"
Deutsches Propagandamaterial. Ein Jugendbuch von 1904: "Moherero rikatera" ("Nimm dich in acht, Herero")
"Willst du nicht mein Bruder sein, schlag ich dir den Schädel ein."
Noch heute behaupten die Nachkommen der Schutztruppensoldaten, daß die Sklavenhalter bekämpft und die Händler beschützt wurden.
General Lothar von Trotha gibt Vernichtungsbefehl, alle Hereros erschießen, die das Land nicht verlassen.
Ein Schwarzer sagt heute: wenn sie herkommen sind die Deutschen gute Menschen, aber nach ein paar Monaten sehen sie die Schwarzen als billige Arbeitskräfte und Affen.
Das Problem der Entschädigungszahlungen. Klagen vor amerikanischem internationalem Gericht. Deutscher Farmer: das Land hat ihnen nie gehört. Es gehörte ihren alkoholsüchtigen, in Saus und Braus lebenden Häuptlingen, die es verkauft haben. Dieselben Argumentationsmuster wie bei den Indianern.

Mandela. Die moralische Kompetenz, die ein Mensch im Leben erwirbt, vielleicht auch angeboren. Die Menschen sollten sie nutzen wie die fachliche Kompetenz ihrer Spezialisten. Man kann nicht von jedem verlangen, von sich aus moralisch richtige Entscheidungen zu treffen.

Eine 85 jährige Bekannte der Eltern hat das Bretagne-Buch gelesen und vermutet, ohne mich zu kennen, daß ich nie die richtige Frau finden werde. Da die Männer allzuoft "nach der betörenden Hülle schauen und die darunter liegenden Werte übersehen."

Sachen, die man beim Telefonieren einhändig tun kann sammeln, für sich in die Länge ziehende Gespräche.

Buch: Roland Barthes "Chronik", zuende.
Glossen oder Marginalien, Ende der 70er über mehrere Monate im Nouvel Observateur erschienen. Nicht unsympathisch, das Philosophieren über Kleinigkeiten, die im Lauf der Woche die Seele streifen, aber trotzdem nicht bedeutend. Merkwürdig, wie schnell vor allem die aktuellen Bezüge altern und ein Glossar notwendig machen. Sogar der damals so wichtige Khomeini wirkt austauschbar in so einem Text.
"Ich stelle fest, daß ich leichter von Gerüchten getroffen werde als von Nachrichten."
Beschreibt die Technik von Zouc, einer Schauspielerin mit einer One-Woman-Show. "So entsteht ein fortlaufendes Sprachgewebe (die Sprache der anderen), in dessen Mitte derjenige, der spricht, und das, worüber man spricht, nicht mehr zu unterscheiden sind: Ein Netz ohne Spinne in der Ecke." So funktionieren auch gute Lesebühnentexte, ein Sprachgewebe aus fremden Sprachen.
"Einige australische Volksstämme strichen beim Tod eines Stammesmitglieds als Zeichen der Trauer ein Wort aus ihrem Wortschatz."
"Zu sehen, daß ein Schriftsteller wie Kusnezow, weil er in einem bestimmten Land geboren wurde, dazu verurteilt ist, Kafka zu ignorieren, der die Literatur bis zu ihrer tragischen Konsequenz dachte, tat mir genauso weh wie ein von Geburt an blindes Tier zu sehen."
"Das Schwierigste bei den Büchern, die man bekommt, ist nicht über sie zu sprechen, nicht einmal, sie zu lesen, sondern das Paket zu öffnen."
"Im Kino könnte der Rauch die Zuschauer stören, deshalb verbietet man dort das Rauchen. Aber das Lachen hinter mir begleitet den Film, der mich rührt, den ich liebe, den ich bewundere, und kein Gesetz verbietet es, obwohl es mich verletzt."
Ein Diner: "Nicht die anderen langweilten mich; hätte ich mich unsichtbar machen können, hätte ich mich für ihre Gespräche interessiert, für ihren Stil, für das feine Spiel der sozialen Images. Aber ich war von der Angst gelähmt, daß meine eigene Ausdrucksweise (die ich als "intellektuell" einstufte) unpassend und verrückt erscheinen würde."
Die Freude am Voyeurismus, das prinzipielle Interesse, das man allem entgegenbringt, sobald man Beobachter bleibt. Zufällig empfangene Telefonate, private Post im Müll, Gespräche am Nebentisch. Könnte ich die Telefone der Gegend abhören, wie Trintignant in "Drei Farben: Rot", ich würde nicht mehr aus dem Haus kommen. Aber auch nur eines dieser Gespräche selbst führen müssen, oder von einem dieser Menschen erzählt bekommen, was ihn bedrückt, würde mich unendlich ermüden.

18:00 Laufen im Stadion. Durch die leichtere Trainingsbelastung zuletzt ungewohnte Lockerheit. Bis 6 Km das Tempo überschritten, aber dann macht die Hitze mir zu schaffen. Also verkürzt auf 10 Km, aber locker unter 45 Min.

20:00 A. bei mir. Bringt Bio-Chiantitraubensaft, Balkon. Ob es beschämender für einen Mann oder eine Frau sei, steril zu sein? Ich sage für den Mann, sie widerspricht, Lance Armstrong sei doch ein Held. Ja, der hat die Schmach eben gerade so wettgemacht durch seine 6 Toursiege.
Eine mir völlig fremde Einsicht, die sie mir schenkt: ich behaupte, meine Bücher seien nicht intellektueller als die von Philip Roth, das könne nicht der Grund für die schlechten Verkäufe sein. Sie: aber seine sind erotisch, und das zählt für die Masse.
Vielleicht ist das am Ende wirklich ausschlaggebend, daß ich zu wenig Sex-Szenen einbaue. Von selbst wäre ich darauf nie gekommen.
Sie findet Müller künstlich und leer, die Metaphern, die Sprache, er hätte doch eigentlich nichts zu sagen.
Ob es eine andere Form von Intelligenz als die über Sprache und Schrift gibt. Sie: "Die Intelligenz der Nacktschnecke"
Goethe sei altmodisch in seiner ganzen Art, natürlich widerspreche ich. Schillers Innereien seien bei der Obduktion total verfault und vergammelt gewesen.
Das fanatische Streben nach Erkenntnis und Weltbesitz sei heute nicht mehr das Wesen des Menschen, höchstens vielleicht für 5 %. der Menschheit, dem Rest ist es egal. Deshalb sei der Faust-Mythos nicht mehr aktuell.
Das Problem ist, daß anders als zu Goethes Zeit die Massen die Macht haben, über ihre Eigenschaft als Konsumenten.
Faust: wer ist denn heute der Teufel, dem man seine Seele verkaufen kann? Wenn es die Stasi noch gäbe, wüßte man wenigstens, an wen man sich wenden kann.
Im Westen hätten sich die Konflikte nach innen verlagert, weil es den Teufel/Staat als Feind nicht gab.
Erzieht ihre Tochter durch dauerndes Zerschlagen des Willens, damit sie später einmal gesellschaftsfähig sei. Zivilisation ein schmerzhafter Prozeß.
Landmenschen, deren echte Verbundenheit mit der Natur, die ich bezweifle.
Sie hat in Berlin bei einem verbrecherischen Biographieverlag gearbeitet, der bis zu 30000 DM Zuzahlung zum Druck verlangte. 3-4 Manuskripte täglich durchgesehen. Seitdem kennt sie "die deutsche Seele zur genüge".

Dann ins Kino. Erst zu Hause mein Portemonnaie vergessen, dann im Kino das Handy aus der Tasche gerutscht.

Film: "Hundert Tage nach der Kindheit", (Regie: Sergej Solowjow), Kino Krokodil.
Schön altmodisch der Vorspann: "Es spielen...", dt. Synchronstimmen von Kommerell und Jürgen Hentsch.
Ein Sommerferienlager. Die unterschiedlichen Charaktere schon bei 14jährigen. Der einsame Grübler, der Pragmatiker, der beim Subotnik betrügt, der kleine Scherzkeks. Liebeskonflikt. Mise en abîme, wenn sie von Lermontow "Maskenball" spielen und ihre Charaktere in den Rollen gespiegelt werden. "Sieben Sommersprossen" scheint ein Plagiat zu sein. Aber hier bei den Russen auffällig die fast schon beunruhigende Bravheit der Kinder. Sie freuen sich über Kirschkompott, den Lohn für einen Tag Unkraut jäten in der Kolchose. Wir hätten keinen Finger gerührt oder mehr Schaden gemacht als genützt. Alles nur, weil wir 10 Jahre später kamen?
Gesellschaft und Politik kommen nicht vor, nur in den Halstüchern und den Wahlen zum Pionierrat. Auch die wären bei uns nicht so brav verlaufen.
Nach dem Verschwinden der Gesellschaft, das sie angeblich beschreibt, gewinnt die Kunst wieder ihren utopischen Charakter. Heute wirkt so ein Film fast wie ein Science Fiction.
Nicht mehr zu klären für Nachgeborene, wie verlogen das alles war. Schon bei "Sieben Sommersprossen" kam das unterschiedliche Herkunftsmilieu der Kinder zur Sprache, manche hatten einen regelrechten Assihaushalt. Und der Frühsportdrill wurde ironisiert.

Wie einsam muß man erst sein, wenn man alt ist, und es keine ältere Generation mehr gibt als die eigene.

In der Abendstimmung zu Fuß zur M-Bar. Sie versteht nicht, daß ich Mitleid mit meinem Handy habe, weil es jetzt eine ganze Nacht allein in dem dunklen Kino liegen und sich gruseln muß.

In der Wisbyer hätte es tatsächlich immer nach angebrannten Waffeln gerochen aus der Waffel-Fabrik.

4.8., Mi
Der linke Mundwinkel leicht steif.

Von vormittags bis 18:30 konsequent Chronik redigiert.

Dann der lange Lauf. Kaum hat man mal keine Möglichkeit zu schreiben, stürzen sich die Ideen auf einen wie gierige Bluthunde. Mauerstreifen, Pankow-Bürgerpark, viele Picknicker. In der Schönholzer Heide fragt mich jemand nach der Uhrzeit, eine Runde weiter stellt sich heraus, daß es B. war. Fährt 1 Runde auf dem Fahrrad nebenher, beim Reden vergißt man fast völlig die Anstrengung. War 1 Jahr bei BMW in München. Die Leute dort waren reicher. Kollegen: meine Frau hat jetzt die neue Küche für 10000. Aber ich sag lieber nichts, meine Garage soll ja noch teurer werden.
Laufe 8 Runden und leide ziemlich auf dem Rückweg, weil das Wasser nicht mehr reicht. An den Schrebergärten die Abendstimmung, es riecht intensiv nach Pflaumen. In der Anlage Bornholm eine Theateraufführung im Freien, ich laufe ihnen durchs Bild. Nach 2h42Min am Haus.

Baden gegen die Schmerzen, Tee. Dann geht es langsam. Linker Mittelzeh mit rotem Nagel, der Schuh hatte die halbe Strecke gedrückt.

Um 10 endlich zum "Krokodil", das Telefon holen. Ich darf in die Vorstellung, es liegt in einer Sesselritze. Auf der Treppe mit dem wortkargen Betreiber, der nicht einmal sagen will, was er gerne in dem Artikel hätte. "Sag mir einfach, was in den Artikel soll." "Lieber, was nicht rein soll."
Die Rechte an den meisten sowjetischen Filmen liegen bei Progress. Die machen keine Konzessionen. Also zahlt er für die Rechte und den Verleih für den Film, den er aus Rußland besorgen muß. Verlangen Zoll und die Rollen kann man nicht schmuggeln. Mit UPS geht das nicht so einfach. Dazu die Versicherung. Die russischen Produzenten rücken manche Filme noch nach Jahren nicht raus, weil sie noch auf einen Verleih hoffen. Er will eigentlich immer Original mit UT zeigen. Und konsequent Rußland, also nicht Polen.
Michailkow findet er schrecklich, dem würde er den Paß entziehen, soll er nach Amerika gehen.
In Deutschland die Tradition, zu Weihnachten ein bißchen russisches Elend und russische Seele im Fernsehen zu zeigen.
Die in der DDR übliche korrekte Aussprache der Namen. Im Märchen wirke es tatsächlich besser, wenn Iwán gesagt werde, und nicht Íwan. In Berlin sagen sie statt Nikolskoe "Nikolskö"
Am Ende: Ach, das war schon das Interview?

Gegen halb 12, keine Kraft mehr zum arbeiten, der Hunger siegt. Ein Makale bei Sahara. Frage ihn, ob er eigentlich arabisch spricht. "Ja, sie auch?" Und dann, was dieses "Bajram sherif, mubarak..." aus Sarajevo heißt. Wie dumm von mir, es ist natürlich türkisch. Immerhin, Kurban versteht er, das ist tatsächlich ein Opferfest.
Vor der Kohlenquelle ein Menschenauflauf, da wohne ich also unversehens neben einer "In-Location". Blaumilchkanal auch voll, also nach Hause und von 0:30-1:15 auf dem Balkon in der Chronik. Kaum einschlafen können, dann immer wieder aufgewacht wegen Hitze und Schmerzen in den Beinen. Schon nach 6 Stunden hoch und morgens um 8 am Schreibtisch.

Do, 6.8.04
Angenehme Steifheit, erstaunlicherweise noch einmal leichter Muskelkater in den oberen hinteren Waden.
Chronik, schleppend.
Zwischendurch Doku auf Arte über "Bohème in Bukarest".
Renault hat '99 die Dacia-Werke gekauft, jetzt stellen sie einen 5000 Euro-Wagen her.
Die Filmszene, in der die Opposition '89 das Fernsehstudio okkupiert, und Dinescu den Sieg verkündet: "Avem vint!" Alle mit (vor Angst?) ganz irrem Blick. Heute besitzt er zwei Satireblätter und kocht für seine Mitarbeiter, statt sie zu bezahlen.
Andere Doku: Sibiu, der deutsche Bürgermeister.
Der Aufschwung begann mit dem Fegen der Straßen in der ganzen Stadt. Bei der letzten Wahl hatten die Deutschen so viele Stimmen, daß ihre Kandidaten auf der Liste nicht reichten. "Deutsche Gründlichkeit und rumänisches Improvisationstalent."
Doku: Die Geschichte der Bergarbeiterrevolten, "Mineriaden".
Zuerst '77, ein tägliches Essen erkämpft. '90 fuhren sie in die Hauptstadt und verprügelten auf den Straßen "die Unruhestifter von der Opposition". Wobei nie geklärt wurde, welchen Anteil die Securitate daran hatte, aber die Aussagen der Bergarbeiter lassen keinen Zweifel darüber, daß sie einfach dreingehauen haben, wenn ihnen jemand nicht gefiel. Erst ist man schockiert von dieser Instrumentalisierung des Proletariats, dann denkt man, die SA war ja auch eine Arbeiterarmee.
Immer wieder zogen sie so auf LKWs, oder in gekaperten Lokomotiven nach Bukarest, um loszuprügeln. In Arbeitsmontur mit Spitzhacken und Helmen durch die Straßen marodierend und ihre Wut auslebend. Beim letzten mal schritt die Polizei ein, und es kam zu Straßenschlachten, bei denen sie die Lust auf weitere "Mineriaden" verloren.

Bei Wohltats Woody-Allen-Gesamtausgabe, Islameinführung, Norbert-Elias-Autobiographie, Augustinus-Einführung und Katja Manns Erinnerungen.

Balzac, Kaffee, Fernsehprogramm analysieren. Man entwickelt sich zum Jäger. Fast schon Skrupel, wegzufahren, und wochenlang sein Jagdgebiet zu vernachlässigen.

Nach meinem Text über meine Gesundheitssucht von letzter Woche, ist das Thema jetzt in der Zitty der Aufmacher. Ob die späteren Generationen die richtige Reihenfolge noch wissen werden?

"Health food junkie"

Brechts dandyhafte Beziehung zur Pointe (nur das Ausgefallene ist gut genug).

Meinen Kinderteller zerschmissen und wochenlang die Scherben nicht aufgehoben.

Einkaufen, zwei schwere Beutel gesundes Essen. Tortellini mit Gurkensalat und Möhrensalat. Kirschen mit Joghurt.

Am Text zur Müdigkeit weiterzuarbeiten begonnen, der mir dann in drei Stunden doch endlich zufliegt. Danach noch einmal "Woody Allen meets Jochen Schmidt" zum Vorlesen überarbeitet. Diese verschiedenen Textversionen, für die Taz, zum Vorlesen und fürs Veröffentlichen. Eigentlich müßte das einmal genauer analysiert werden, was für mich eigentlich den Unterschied ausmacht.

Ausgekoppelt: Körperfunktionen: Meine Müdigkeit

In der warmen Luft, aber leicht verspätet zur Chaussee. Dort zerfließt man regelrecht. Nur ca.110 Zuschauer, aber für das Wetter ganz gut. Alle etwas müde, deshalb gehen auch die guten Texte unter. Bohni über eine Mücke. Man könne ein Schälchen mit Blut für sie hinstellen. "Ein kleiner Stich für einen Menschen, aber ein großer Stich für eine Mücke."
Volker: "Warum gerade ich? Seltsamerweise hört man die Frage nie, wenn jemand im Lotto gewinnt."
Muß bei Pulp Fiction in der Uhren-Szene ausrasten und einen Stuhl werfen. Jemand am OM, typisch, daß sie Wörter wie "weilen" benutzen. Wenn sie schreiben wollen, setzen sie statt auf Genauigkeit auf eine muffige Dichtersprache.
Stephan zwingt Robert zur Absage. "Wer Lust hat, das System kaputt zu machen, meldet sich bitte bei mir." Für mich rettet das den Abend, aber Robert sieht nicht, was daran gut war, deshalb ist es ja so gut.
Stephans habe nach langem Suchen, endlich eine schlechte Eigenschaft an sich gefunden, seine Ungeduld.
Kann mich vor Entkräftung vom langen Schreibtag kaum auf der Bühne halten, der Mundwinkel besorgniserregend steif. Die Wärme, das nach meiner zweiten Ansage total verstummte Publikum, die Überanstrengung vom Tag. Daß so zwei in tagelanger Arbeit entstandene Texte durchgewunken werden. Aber im Gästebuch freundlich.
Disko gleich aussichtslos.

Locker zurück, dann wegen Glück an den Ampeln durchgezogen und in 15 Minuten da. Total ausgehungert. Drei Schwarzbrote, Wiener und Gurkensalat, noch beim Essen zu erschöpft zum essen. Fernsehen zur Entspannung funktioniert auch nicht.

6.8.04 (Fr), Berlin, Seelower, nachmittags, Sonne
Schon nach 7 Stunden wach. Laufen in der Wärme, Hu-Hain zwei Runden, immerhin so schnell, wie nie 54:17.

Anruf Mutti: Wir hätten mit Filzstift Holzmöbel bemalt.
Immer die Bücher rausgenommen, die wir nicht sollten
Bärbel hat Sachen aus dem Ställchen geworfen und geschrien, bis man kam.
Kinder müßten erst noch in Körben liegen, da fühlten sie sich wie im Mutterleib.
Plüschtiere sind gefährlich wegen der Farbstoffe.

Doku: BMW in Dingolfing
Automatische Karosserievermessung.
Leder wird optimal mit Laserschablonen verschnitten.
Beim Nähen werden die Fäden automatisch mit Druckluft verspleißt, um keine Knoten zu haben. Denn automatisches Einfädeln geht noch nicht.
"Wiederholungsgenauigkeit"
Pulver-Klarlack-Verfahren. Pulverisierter Lack haftet durch elektrische Aufladung. Keine Lösungsmittel, kein Wasser, fast 100%ige Materialnutzung.
Spezialanfertigungen, alle Panzermodelle müssen später an BMW zurückgehen, um zu verhindern, daß Kriminelle Schwachstellen ausmachen.
Gassensoren, künstlicher Nebel, Türen absprengbar, ferngesteuerter Start gegen Autobomben.
Eine Maschine hat maximal 7 Bewegungsachsen, der Mensch 20.
Bekommen 15 Monatsgehälter.

Vonnegut "Schlachthof Nr.5" angefangen.

Soll ich jetzt auch noch damit beginnen, aus meinen Büchern die Anstreichungen der letzten 15 Jahre zu übertragen?

L in der M-Bar. "Die Frau mit dem dicksten Buch wartet auf mich".
Diese intellektuelle Nomadenexistenz, wenn man Akademiker werden will. Mit 30 noch keine festen Beziehungen, wegen der vielen Ortswechsel. Man könne für Freunde nicht da sein, wenn man weg sei.
Für "Die Rückkehr" müsse man Rußland kennen. Ich halte dagegen, aber wie immer läßt sie sich nicht von mir überzeugen.
Sieht Schlachthof 5 und fragt, ob das der 5.Teil von dem Buch ist.
Kennt die "Waltons" nicht.
Schwärmt von den in Brüssel kennengelernten Verträgen zur EU-Nachbarschaft. Georgien, Armenien, Aserbaidshan. Wir könnten unsere europäischen Werte exportieren. Total unkritisch, was diese Werte selbst betrifft.

Sa, 7.8.
Im Bett Vonnegut.

Zur U-Bahn in der Sonne. Jetzt ist der Sommer richtig groß. Die Menschen steigen schwitzend in die Bahn. Ein Mädchen mit halb geöffneter Bluse, man kann kaum weggucken und fühlt sich als Objekt. Am Ostbahnhof der Döner-Mann: "Mamma mia, was läuft alles den Bahnhof hier rum. Man kann aber nix machen, nur arbeiten."

Chemnitz wieder überraschend schön. Ins sterile Hotel mit Non-Stop-Easy-Listening-Musik im Foyer. Das Mädchen von der Rezeption muß das 8 Stunden täglich ertragen. Vom Stil her sieht es hier aus, wie sich Lieschen Müller das bei reichen Leuten vorstellt.

Sauna im Keller, sehr heiß, einmal Dampfsauna. Danach noch geschwächter.

Essen im Biergarten mit Blick auf einen See. Schnitzel, Salat, Eis, viel zuviel. Wunde Stelle im Mund, vielleicht doch eine Viren-Sache. Dans Klöße sind halbgefroren. Dann schmeckt ihm das Kraut nicht. Ouzo vom Haus kippt er auch weg. Nach einer Woche einen Schluck Alkohol.

Halb 10 zur Lesung. Viele junge Menschen auf der Wiese. Ein "Lyriko" liest auf sächsisch seine "Prosyrik". "Schwindelndes Schwitzen zwischen Gewittern, die das Gedankenzittern erfrischen."

Am Bücherstand ein Pferdebuch: "Küsse nie ein Pferd aufs Maul. Es ist gefährlich! Wenn du so nahe am Pferd stehst, sieht es dich nur noch als einen Schatten. Das Pferd kann erschrecken oder glauben, es gibt Näschereien, so daß es schnappt oder beißt. Ein richtiger Reiter streichelt sein Pferd, wenn es etwas gut gemacht hat."
Wer küßt denn Pferde?
Die einzelnen Abschnitte klingen wie Kapitel aus einem Sex-Roman:
- "Das erste Zusammentreffen im Stall"
- "Wie man ein Hinterbein hochhebt"
- "Reite mit Reitkappe"
- "Aufsitzen"
- "Lage des Schenkels richtig/falsch"
- "Halten der Reitgerte richtig/falsch"
- "Pack die Stange!"
- "Die Gesäßknochen"
- "Lahmheit"
- "Vorsicht mit dem Rücken!"
- "Das Pferdetauscherspiel"

Ansage: Gute Literatur handelt immer von Verlusten: "Todesanzeige für ein Fahrrad". Dann bei "Liebe Tante Christa". Sie wollen eine Zugabe. Leider war schon die Hälfte gegangen und es ist sehr kühl. Ganz erschöpft.

In der Hitze schweres Einschlafen mit Ohrstöpseln, während Dan "Planet der Affen" guckt. Puckern in den Fingerspitzen. Nur, daß man schon viel schlimmer dran war in Hotelräumen, tröstet einen. Wenigstens keine Übelkeit. Demütiger Gedanke an vergangene Verdauungskatastrophen.

So, 8.8.
Zu reiches Hotelfrühstück bei dudelnder Easy-Listening-Musik. Dann auf dem Zimmer tippen. Taxi durchs leere Chemnitz zum Bahnhof. Dan will also auch keine Remoulade auf dem Brötchen. Sehr enger Zug, ein Araber mit Deutsch-Kurs sitzt neben uns. Nach und nach werden Sitzende von Zusteigenden vertrieben, wie beim Schiffeversenken, bis ich auch verjagt werde. Tippe und lese auf dem Sperrsitz.

Ein früher Gedichtband von Jewtuschenko heißt "Chaussee der Enthusiasten".

In Berlin an einem Sommertag auf dem Alex. Die Marketingsprüche auf dem U-Bahnhof: Die Menschen bekämen zuviele Informationen, sie wollten träumen: "Unternehmen werden zu Geschichtenerzählern, die Mythen und Legenden über ihre Marken entwickeln."
"Es gibt kein Jenseits von Marketing und Werbung."
"Aufmerksamkeit gilt dem, der sich traut."
Teils klingt das wie chinesische Kriegsstratageme, teils wie Flirt-Tips aus "Sex & the city" kennen. Es ist sicher so, daß Wirtschaft, Krieg und Liebe heute denselben Gesetzen gehorchen. Fairneß in der Wirtschaft, Konventionen im Krieg und die Fiktion der romantischen Liebe sind reine Atavismen.

20:00 im Stadion, lange Erwärmung. Dann die 15 Runden in 24:52, endlich das erste mal unter 25Min. Erst nicht dran geglaubt, weil vom Mittwoch noch schwere, aber ab Runde 10 Runde für Runde durchgemogelt. Sehr erschöpft.

Nicht mehr losgekommen, nur noch Olympia-Doku im Fernsehen. Abebe Bikile gewinnt in Rom barfuß den Marathon.

Im Bett statt zu lesen im dunkeln, bei offenem Fenster, lange Phantasien von in Zukunft noch zu laufenden Bestzeiten.

Mo, 9.8.
Doku: Kaliningrad.
Die beeindruckend gesicherte Grenze zu Rußland. In Kaliningrad gehen die jungen Dresdner auf den Tip der Schaffnerin hin zu einem vergammelten Neubau, wo sie bei einer netten älteren Frau für 7 Dollar die Nacht übernachten können. Interessieren sich für Straßenbahnen. Starkes Aufwallen von Erinnerungen. Alles, was man nicht beschreiben konnte, kommt hoch. Kaum zu glauben, daß ich überhaupt da war.
Der geistlose Kommentar nennt die Neubauten "Slums".

Auf der Straße von der Zahnärztin erkannt und gegrüßt, es wird langsam eng mit der schützenden Anonymität.

Wenn es verboten ist, CDs zu kopieren, warum dann nicht Zeitungen zu verborgen? Warum dürfen zwei Leute dieselbe Zeitung lesen? Oder sich erzählen, was drin stand?

Bei Robben & Wientjes einen Kleinbus. Damit direkt über die Bornholmer, Stadtautobahn. Abfahrt Avus verpaßt und außerdem der Tank leer. Eine kleine angstvolle Höllenfahrt auf der Stadtautobahn Richtung Dresden, weil einfach keine Tankstelle kommt. Dann auf gut Glück abgefahren und tatsächlich eine gefunden. Zurück schon viel fröhlicher und über Dreieck Nuthetal, Dreieck Leipzig und Hermstorfer Kreuz nach Jena und Kahla. In Rothenstein wieder nicht ausgestiegen, um nach der Ferienlager-Schule zu sehen. Die Ödnis, Anspannung und Langeweile auf der Autobahn, die in der Erinnerung zum Freiheitserlebnis wird.

Zum Werksverkauf, Porzellan. Sie stellen jetzt Henkel mit abwaschbarem Samtbezug her. Abends mit dem Auto die Serpentinen zur Leuchtenburg, in Seitenroda Hasenpfeffer und Erdbeereis. Das Tischtuch aus ostigem Plasteschaum.

Um 10 ins Bett und noch einmal hoch zum Mücken jagen, die hier so seltsam unsichtbar sind, oder es liegt an meinen schlechter werdenden Augen.

Di, 10.8.
8 Uhr Laufen, Suppichte, den Berg hoch, Seitenbrück, Leuchtenburg, Dohlenstein, 51:05 Min.

Bärbels Kleiemus frühstücken. Ins Werk, einen Kaffee in der menschenleeren Kantine. Zur Autobahn, kurz vor Jena noch einmal zurück, weil ich den Schlüssel mitgenommen habe. Die Jenaer Plattenbauten, kein abstoßendes Bild. Man sieht immerhin aus allen Stockwerken auf bewaldete Berge. In Berlin verlangen sie, daß ich nachtanke. 60 Euro Benzin, auf ca. 600 Km.

Erfolglos die Uni-Rückmeldung suchen, bis mir einfällt, daß sie sicher an die alte Wohnung geschickt wurde. Dann habe ich vielleicht auch schon die Mahnung oder bin exmatrikuliert.

Im Scorsese-Buch.

Erstmals im Jahr (und letztmals?) abends in kurzen Hosen zum Kino.

Film: "I, robot", Colosseum.
Diese unerträgliche Popcornprollatmosphäre in diesem Kino. Im Unterschied zur Kulturbrauerei. Liegt das am Programm?
Gleich nach 10 Minuten wurde man so mit Product Placement vollgepumpt, daß man gehen möchte. Es ist doch so peinlich und dreist, daß man die Marken schon deshalb nicht kauft. Bei wem funktioniert denn so eine billige Gehirnwäsche? Ein Roboter bringt ein FedEx-Paket. Der Held zieht sich original alte Converse an und besteigt einen futuristischen Audi. Wenn die Filme mit Werbung durchsetzt sind, könnten man doch eigentlich die Werbung vor dem Film weglassen. Solche Dinge, die sich eigentlich alle wünschen, sind nur im Kommunismus durchsetzbar, oder eben im Faschismus. Ist es plausibel, daß man in den größten Kinos, die die kommerziellsten Filme zeigen und die teuersten Tickets verkaufen, mit der längsten Werbung gequält wird?
Die langweiligen, endlos wiedergekäuten Elemente dieser Möchtegern-Science-Fictions, die offensichtlich, wie alle Filme ab einem bestimmten Budget, für die ganze Familie, also vorwiegend für Kinder gemacht sind. Jedenfalls so, wie sich Erwachsene denken, daß es Kindern nicht schaden wird. Wenn die Kinder wirklich so fade und banal wären, hätte es nie Märchen gegeben.
- Alter Trick: der Held pflegt einen privaten Snobismus. Hier ist es die Freude an altmodischen Converse-Schuhen. Als die durch eine Roboterattacke beschmutzt werden, wird er "richtig sauer". Das alte "don't step on my blue suede shoes"-Prinzip. Geburt der Popkultur, Umwertung der Werte. Nicht den hunderttausende kostenden zerknautschten Audi bedauert er, sondern die ollen Schuhe.
- Das ewig gleiche Pärchen: die (natürlich frigide) Wissenschaftlerin, das Dornröschen, das von einem emotionalen Trampeltier wachgeküßt werden muß, bis sie ihr Haar öffnet und sich als Schönheit entpuppt. Dazu der im Grunde ja doch ganz liebe, geradlinig agierende Cop, der sich nicht auf ihre wissenschaftliche Sprache einläßt, sondern zu seiner Dummheit steht, die nach der Logik der Filmemacher eine höhere Form von Intelligenz darstellt, weil er seinen Emotionen folgt, in diesem Fall seiner Aversion gegen Roboter. Eine widerliche Identifikationsfigur für das tumbe Publikum, das sich getröstet fühlt, wenn sein Stellvertreter auf der Leinwand offensiv seine dreiste Dämlichkeit kultiviert.
- Die Maschine, die von menschlichen Emotionen träumt, die so kompliziert seien. Das alte Lied, wir sind doch etwas besonderes, weil wir so unvollkommen sind. Der Böse aus L.A.Confidential als freundlicher Wissenschaftler, der einen Roboter mit Bewußtsein ausgestattet hat.
- Der Kapitalist, der mit seinem Profitstreben die Welt zerstört.
- Der Cop als einsamer Rufer in der Wüste, der für verrückt erklärt wird, sogar sein eigener Chef glaubt ihm nicht, er verliert die Marke, macht natürlich auf eigene Faust weiter.
- Die Robotergesichter von derselben Firma animiert, die auch Gollum gemacht haben. Schon im zweiten Film wird es penetrant.
- Der Held ist zur Hälfte selbst ein Roboter, daher sein Haß auf die "Dosenöffner". Natürlich, denn das Gute muß vom Bösen wissen, um gut zu sein.
- Am Ende muß, wie immer, irgendein "Zentralgehirn" ausgeschaltet werden, um die Welt zu retten, was auch, wie nicht anders zu erwarten, in letzter Sekunde gelingt. Aber nur, weil der Held, als alle anderen wegen Stromausfall zu Fuß gehen müssen, noch ein Motorrad besitzt, das mit altmodischem und gefährlichem Benzin funktioniert.
Wieder einmal hat die Taz einen in die Irre geleitet verbreitet, indem sie den Film so groß rausgestellt hat. Man erwartet ein philosophisches und visionäres Meisterwerk und bekommt bestenfalls ein eklektizistisches Plagiat, Beverly-Hills-Cop im futuristischen Ambiente, das sich nur dadurch auszeichnet, daß alles irgendwie noch elektrischer zu sein scheint, als heute.
- Warum wirkt das Zitat hier schal, wenn es mich im Text erregt?

Eine Praktikantin von einer Zeitschrift schreibt an mich, Robert Weber und Rigoletti, spricht uns als "Enthusiasten" an und will uns interviewen. Einen Beitrag "über literarischen Untergrund und Literatur fernab der großen Verlage".
Antwort: "Ich kann mit dem Begriff 'Untergrund' als ästhetischer Kategorie nichts anfangen. Wenn damit 'innovativ' oder 'potentiell erfolglos' gemeint ist, dann trifft das in meinen Augen auf jede wirkliche Literatur zu. 'Fernab der großen Verlage' schreibe ich nur insofern, als mein Verlag sich wie alle großen Verlage in der Bundesrepublik, fernab von Berlin befindet." Hoffentlich bin ich nicht zu hart zu ihr, aber man ist auch nur ein Mensch.

Mi, 11.8.
Film: "Dune, der Wüstenplanet", David Lynch
Tröstlich, endlich wieder ein richtiger Science-Fiction, mit der nötigen unfreiwilligen Komik. Die Uniformen zwischen SS und Ludwig von Bayern. Herüberoszillierende Anklänge von griechischer Mythologie, "das Haus der Atreiden". Auf dem Planeten Arrakis wird "das Spice" gewonnen. (Arrakis, wie der spanische Mail-Server von Teresa hieß?) "Einer wird kommen" und den heiligen Krieg beginnen, der tatsächlich "Dschihad" heißt.
Auf dem Wüstenplanet tragen sie Schweißanzüge, verdampfender Schweiß wird entsalzt und zu reinem Wasser gefiltert, das wieder getrunken werden kann. "Urin und Kot werden in Schenkelkissen verarbeitet."
Die ekligen Bilder bei David Lynch. Das inkommensurable seiner Gedanken. Der schöne Effekt, durchgehend innere Stimmen hörbar zu machen. So wirkt der Film wie ein langes Nachdenken der Figuren darüber, was eigentlich passiert.
Wohltuend, daß es kaum Musik gibt. Die Filmmusik ist inzwischen in Hollywood zu einem quälend pseudodramatischen, alles übertünchenden Brei geworden.
Der sexuelle Subtext: "Gehe unrhythmisch, damit du den Wurm nicht reizt".

Warum fällt in Filmen, wenn zwei Hand in Hand wegrennen, einer von beiden dauernd hin?

Buch: Kurt Vonnegut "Schlachthof 5"
In gewisser Weise eine Erleuchtung. Eine Lösung für das Problem, die immer parallel und gleichzeitig im Bewußtsein existierenden Erinnerungsschichten zu erzählen. Das "löchrige Dasein" im Tagtraum, die Tatsache, daß das Leben Bewußtsein ist, und Bewußtsein frei assoziiert und sich unkontrolliert in Vergangenheit und Zukunft bewegt. Für seine Umwelt ist Billy Pilgrim verrückt, weil er erzählt, wie er von Außerirdischen mitgenommen wurde und bei ihnen gelernt hat, anders über den Tod zu denken: "Es ist nur eben eine Illusion, die wir hier auf der Erde haben, daß ein Augenblick dem anderen folgt wie Perlen auf einer Schnur, und daß, wenn ein Augenblick vorbei ist, er für immer vorbei ist."
Für sich selbst hat er aber sein Bewußtsein gerettet, das nicht mit den Kriegserfahrungen leben könnte. Wie beschränkt ist der Mensch, wenn er andere Bewußtseinsformen als krank erklärt, weil sie ihn beunruhigen? Langhans im Taz-Interview über seine demente Mutter, deren Demenz er nicht anerkennt. Sie hätte eben mit Sterben zu tun, mit dem Verschwinden des Körpers, da lege ihr Bewußtsein keinen Wert auf solche Dinge, wie sich zu erinnern, welcher Tag sei, oder wie sie heiße. Wenn man das so sehen kann, findet man vielleicht seinen Frieden mit dem Alter.
Eine Erleuchtung das Buch, weil es zeigt, wie man das schwarze Loch des Erzählens besiegt, die schlimmsten Ereignisse, wie Krieg und Massentod, die einen als Erzähler immer anmaßend erscheinen lassen. Man muß mutig bei sich bleiben und darf sich nicht davor scheuen, diese Dinge genau so zu erzählen, wie sei im eigenen Bewußtsein stattfinden. Am Ende kommt solche komische und menschliche Literatur über die Zerstörung Dresdens heraus: "Billy stand höflich da und gab dem Scharfschützen nochmal eine Möglichkeit. Es war seine verschrobene Auffassung von den Regeln der Kriegsführung, daß dem Schützen eine zweite Chance geboten werden sollte."
Vielleicht konnte das nur ein Amerikaner schreiben, der 20 Jahre danach verglichen mit Nazi-Deutschland schon in einer Science-Fiction-Welt lebt.
Nach dem Buch kann man eigentlich nicht mehr schreiben wie vorher.
Ein Glanzstück, als er sich im Fernsehen Kriegsfilme ansieht, und sie in seinem Geist mal vorwärts und mal rückwärts guckt: "Der Verband flog rückwärts über eine in Flammen stehende deutsche Stadt. Die Bomber öffneten ihre Bombenklappen, wandten einen wunderbaren Magnetismus an, der die Feuer eindämmte, sammelten sie in zylindrische Stahlbehälter und hievten die Behälter in das Fahrwerk der Flugzeuge... Als die Bomber zu ihrem Stützpunkt zurückkamen, wurden die Stahlzylinder aus den Gestellen genommen und zurück in die Vereinigten Staaten von Amerika verfrachtet, wo Fabriken Tag und Nacht damit beschäftigt waren, die Zylinder zu demontieren und den gefährlichen Inhalt in Mineralien zu scheiden... Die Mineralien wurden dann zu Spezialisten in abgelegenen Gebieten verschifft. Es war ihre Aufgabe, sie im Boden zu vergraben, sie geschickt zu verstecken, so daß sie niemandem mehr Schaden zufügen konnten."
"Unter den Dingen, die Billy Pilgrim nicht ändern konnte, waren die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft."
- "Warum trollen sie sich nicht und ficken sich selber?"
- "Glauben sie nicht, daß ich es nicht schon versucht habe?"

Gegen 20:30 im Stadion laufen. Es ist immer noch warm. 20 Km in 1:50/Runde versucht. Bis 25-30 geht es ganz gut, dann wird es zu dunkel zum Zeit ablesen. Eine kurze Phase, wo ich es aufgeben will, aber dann wird es kühler und die Müdigkeit verliert sich irgendwie. Am Ende im Dunkeln fast allein, Tempo gehalten. Gar nicht so kaputt, wie sonst. Mit 1,31:55Min den 3 Jahre alten Rekord um 1 Sekunde (!) verpaßt. Rauschhaft, wenn man die Strecke kaum noch sieht, weil alles im Halbdunkel verschwimmt. Mit der seltsamen Befriedigung, sich wieder aufs äußerste gequält zu haben, zurück.

Joghurt mit Sauerkirschkompott, das aber schon vergoren ist.

Do, 12.8.
Chronik, dann zu müde zum schreiben.

Sendung über Logistik bei Ford. Im Osten seien schwarze Fahrzeuge immer noch negativ bewertet wegen Partei und Stasi.

Ausgekoppelt: Sprichst du mit mir oder mit meinem Über-Ich?

In halblanger Hose zur Chaussee. 140 Zuschauer, mittlere Stimmung. Über-Ich-Text geht so. Bohni mit seinem schönen Vortrag über den Planet Frau. Lehrbeispiel für die Komik des Pastiches, eine Sprache, hier die der Astronomie und Geologie, wird benutzt, um etwas ganz anderes zu beschreiben, den Körper der Frau.

Robert sei früher 400M in 52 Sekunden gelaufen. 12,1 auf 100M. Eine Koryphäe des Versehrtensports sei er in der DDR gewesen. Raucht immer noch nicht wieder.

Claude und Anne aus Brest tauchen auf. Sie müssen bei Vincent Delerm kotzen.

Draußen noch mit Bohni den Gedanken eines Manifests der Chaussee entwerfen. Schreibtheoretisch und damit automatisch politisch.
Nach dem Motto: - Jede Redundanz ist Betrug am Publikum, das nicht für Wiederholungen bezahlt.
- Der nächste Satz könnte dein letzter sein.
u.ä.

Gide druckt nach "Falschmünzer" eine "Chronik der Falschmünzer", in der berichtet wird, wie ein Roman entsteht, in dem berichtet wird, daß ein Autor namens Edouard ein Chronik führt mit dem Blick auf einen Roman, der nicht entsteht.
Was damals witzig war, ist heute Schnee von gestern. Vielleicht ist es ein Merkmal der Avantgarde, wie schnell ihre Errungenschaften zu ästhetischen Tabus werden.

Dann fällt mir auf, daß das, was ich für Sarajevo schreiben will, eigentlich eine Wiederholung von "Jahrestage" ist. Ein skrupulöses Medienchronik, und parallel dazu die Erzählung einer intensiven Erinnerung an eine andere Welt. Zwei Welten gegeneinander halten.

Fr, 13.8.
Laufen Hu-Hain, zwei Runden, dreimal die Treppe. 1h06:46.

Peter vor dem Druckerpatronenladen. Taxifahren sei nicht wie Jagen, sondern wie Fischen, weil man die Beute ja anblinken könne. Er liest im Taxi, wenn man nach der Lektüre versonnen hochgucke, würden man den anderen Taxis vorgezogen. Musil findet er besser als Thomas Mann. "Die Rückkehr" mochte er nicht, weil er "sich nicht für Kinder interessiert".

In der TAZ was zur Geschichte der Coolness. Ataraxie, Seelenruhe. Renaissance, Vermeidung von Anstrengung als Sprezzatura. Schopenhauers Pessimismus, unbeeindruckt bleiben. Baudelaires Bewunderung des Dandytums, wohltemperierte Überlegenheit gegenüber den gefühligen Hitzewallungen der Spätromantik. "Handlungen, die den Eiswinden der Entfremdung trotzen" (Ulf Poschardt) "Den Kältepassagen der Existenz affirmative Strategien entgegenzusetzen" (Diederichsen) (Das ist es, was er mit den Converse in "I, robot" macht, auch der Hunting hat in "Catcher in the rye") "Das kontingente so behandeln, als wäre es geplant."

Noch einen Nachsendeauftrag bei der Post. Ob ich ein Girokonto und gelben Strom wolle. Nudeln und Kokosmilch beim Chinesen im Kaufhaus. Die Socken, die ich will, seien keine Laufsocken, weil sie runterrutschen würden. Das Ideal der Konsumindustrie: die Bedürfnisse infinitesimal aufspalten, so daß man für jede Handlung ein Utensil braucht.

Rührung bei der Olympia-Eröffnung. Die Kosmonauten schweben nur 60 Km über uns, was enttäuschend wenig klingt. Ein griechischer Surfer entzündet das Feuer, warum nicht ein Skateboarder?

Gegen 11 in die Nacht nach Schönholz. Es ist sehr kühl draußen. Esse aus Langweile ein Knoblauchbutterbaguette vom Grill. Ein Mädchen, das gerne Schauspielerin wäre, aber Ulrich Mühe nicht kennt, sonst niemand zum reden. Dann spielen sie selbstgemachten Bluesrock. Kann nicht mitten im Lied gehen und stehe draußen total dämlich in der Kälte, weil ein knutschendes Pärchen auf meinem Fahrrad sitzt. Das Lied hört einfach nicht auf. Durch Pankow zurück, an den schönen Villen vorbei. Wie immer auf dieser Strecke von Erinnerungen gebeutelt.

Sa, 14.8.
Buch: Andy Dougan "Martin Scorsese", im Bett zuende.
So ein Filmbuch läßt kaum das Wunder verstehen, daß jemand sich mit Filmen ausdrücken kann. Auffällig, daß man ihm von Anfang an auf der Filmschule eingehämmert hat, sich an das Milieu zu halten, aus dem er komme. Absurd wäre es, ihm den Vorwurf des autobiographischen zu machen, wenn er "Mean streets" dreht. Im Gegenteil, es gilt gerade als seine Qualität, diese Welt zu beschreiben. Wie ungerecht und dumm, es den ostdeutschen Autoren anzukreiden, wenn sie ihrerseits über das Milieu schreiben, das sie am besten kennen.
Zu schwächlich für die Straße gewesen, mit Fernsehen und Kino aufgewachsen. In Little Italy konnte schon mal ein Baby von einem Dach fallen und neben einem im Sandkasten landen. Die Geräusche der Straße nachts, wenn die Rolläden unten waren, Bandenkriege, Obdachlose, Betrunkene, aus jeder Wohnung andere Musik. Der ersten Sex, den er sah, war Fellatio zwischen zwei Obdachlosen.
Die Priester erzählen Geschichten, wie die von dem Pärchen, das im Auto Sex hatte, von einem LKW angefahren wurden, bei lebendigem Leib verbrannte und direkt in die Hölle kam.
Er will zuerst Priester werden. Schuldgefühle wegen sexueller Wünsche. Bleibt Jungfrau bis zur Ehe. Mit 22 geheiratet, um Sex haben zu dürfen.
Als Künstler sei er beides, Priester und Gangster.
Die "vierte Wand", das Publikum.
Die ersten Drehbücher z.T. im Auto als Behelfsbüro geschrieben.
Bei "Raging Bull" 8 Wochen Pause, in denen sich de Niro 50 Pfund anfrißt.
Ehe mit Isabella Rosselini.
"King of Comedy" nennen sie flach und leblos.
"Ich bin hin- und hergerissen in meiner Bewunderung für Regisseure, die Dinge in einer einzigen Einstellung erzählen, wie Ophüls oder Renoir, und andererseits der Schnittechnik von Hitchcock und Eisenstein, die ich wahrscheinlich noch mehr liebe."

Adorno, Nr.18: "Eigentlich kann man heute überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt."
"Es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein."
Nr.19: Man verlerne heute, eine Tür leise zu schließen, weil man Autos und Kühlschränke zuwerfen müsse. "Man wird dem neuen Menschentypus nicht gerecht ohne das Bewußtsein davon, was ihm unablässig, bis in die geheimsten Innervationen, von den Dingen der Umwelt widerfährt." Das ist unser Lesebühnen-Schreib-Programm, etwas, was sie als "Alltagstexte" abtun.
Menschen, "das Ungeziefer der Straße"
Nr.20: "Das Tabu gegen Fachsimpelei und die Unfähigkeit zueinander zu reden sind in Wahrheit das Gleiche." Mein Kummer mit Small-Talk auf Partys.
Das Verschwinden des Takts. "Das direkte Wort, das ohne Weiterungen, ohne Zögern, ohne Reflexion dem andern die Sache ins Gesicht sagt, hat bereits Form und Klang des Kommandos."

Sloterdijk: Sphären I angefangen.

Schusterjunge. Volker fand die Olympia-Eröffnung lächerlichen Kitsch. Ob an der DDR-Schule mehr gelernt wurde. In Marzahn seien alle dumm gewesen, und nicht auf die Idee gekommen, daß es noch ein Jenseits von Marzahn geben könnte. Nataljas Tochter findet, daß ich den Bösen im Film spielen könne, weil ich immer solche bösen Bemerkungen mache.

Oderbruch: damals mit dem Schlitten gegen einen Obstbaum gefahren. Die Stelle in der Rinde ist mit den Jahren immer größer geworden. Gilt das auch für die eigenen Verletzungen von damals?
 
Saturday, August 21, 2004
  27.6., So
Buch: Kundera "Das Buch der lächerlichen Liebe" im Bett zuende. Sein erstes Buch, Erzählungen. Der homogene Stil, die allwissende Ironie, immer derselbe Ton und dieselbe Intelligenz. Fallbeispiele der Liebe, man liest es ohne Widerstände und hat es sofort wieder vergessen.
Eine noch im Schatten von Kafka stehende Erzählung über einen Kunstredakteur, der von einem Amateur verfolgt wird, dessen Buch er besprechen soll.
Zwei Freunde, die über "Registrage" und "Kontaktage" möglichst vieler Frauen gar nicht mehr dazu kommen, sie auch zu erobern.
Ein Pärchen, das die Abgründe der Erotik entdeckt, als es sich vorspielt, sie sei eine Anhalterin. Wechselnde Rollen, mal will der eine das Spiel beenden, mal der andere.
Dekadente Ärzte im Krankenhaus.
Ein Mann trifft zufällig in einer Kleinstadt eine ältere Frau, auf die er mal scharf war. Inzwischen ist sie viel zu alt, trotzdem sucht er das Verhältnis.
Ein Arzt und Schwerenöter auf Kur erteilt einem ihn bewundernden Kurbadblättchenredakteur Unterricht im Flirten.
Das Wesen der Liebe im Rollenspiel erkannt. Man muß nur festlegen, wer von beiden die Rollen bestimmt. Aber es sind immer Projektionen. Es gibt keine Liebe, deren Objekt es selbst ist.

Bei leichtem Niesel mißglückter Versuch, die 20 Km in 1:52er Runden zu laufen. Nach 15 wird es zu schwer, gerade noch 12 Km in 57:36 Min.

Film: "Der Stoff, aus dem Helden sind".
Laut Zitty angeblich einer der besten Filme der 80er. Ganz schematisches Historiendrama über das US-Raumfahrtprogramm. Der Stolz der Jagdpiloten, die sich nicht zu Knöpfchendrückern in Raumkapseln machen lassen wollen. Mach 1 (Schallgeschwindigkeit, 1200 Km/h) erst '47 erreicht. Der Sputnik-Schock: "Ich denke nicht daran, schlafen zu gehen, beim Licht eines kommunistischen Mondes". Typisch für zeithistorische Filme: kleine Nebensächlichkeiten herausstellen, bekannte anekdotische Zufälle einbauen. Hier: der Pilot flog bei Mach 1 mit Rippenbruch, mußte mit einem Stück abgesägtem Besenstil die Klappe schließen.
Die Astronauten kämpfen um eine Luke mit Sprengverschlüssen, wollen nicht, daß das "Raumschiff" "Kapsel" genannt wird. Große Beleidigung, weil beim ersten Flug dem Menschen Schimpansen vorgezogen werden, die auch "gefügiger" sind.
Heldenpathos, Top-Gun-Niveau. Das Drama der zu Hause wartenden Frauen. Öde.

Ich will keine Beziehung, sondern ein Team.

Schwarze Pumpe, eine Stunde tippen mit Linsensuppe. Falkos Trabi steht an der Kreuzung. 10 Seiten in Sarajevo, 10 im neuen. Diese quälende Ungeduld, endlich wieder aufzuschließen, bis Ende Juli?

Flaubert schreibt als letztes an "Bouvard und Pécuchet" und exzerpiert dafür 4000 Seiten Unsinn aus populärwissenschaftlichen Publikationen. Eine Enzyklopädie der menschlichen Dummheit. Alle raten ihm, es nicht zu übertreiben, aber für ihn gibt es nur das totale Buch.

Bücher, die ich mal aus der Bibliothek geholt und nicht gelesen habe: Derrida: "Grammatologie", Briefwechsel Flaubert-Turgenjew, "Le petit robert".

Tschechien-Dänemark 3:0 bei Schuppes in der Torstraße. Große Leinwand, Ragout fin. In der Tagesschau kommt der Bachmannpreissieger, aber es interessiert keinen.

Beckham, der seinen Dämonen besiegen will und wieder den Elfer schießt. Man könnte auch kneifen, aber das wäre schlimmer als zu versagen.

28.6., Mo
Heute haben sie Playstations, unsere einzige Unterhaltung war, die Vakuumverpackung vom Westkaffee aufzupieken.

Regen. Norbert Gstrein "Das Handwerk des Tötens" begonnen. Ein beneidenswert edel gemachtes Suhrkamp-Buch, festes Papier, luftiger Satz, rauher Umschlag. Der Stil zwingt einen in den Text, die ständige, nicht zum Punkt kommende, indirekte Rede, die Satzperioden, aber ob das Thema bewältigt wurde? Auf dem Werbe-Foto sieht er so unangenehm arrogant und selbstsicher aus, so dandyhaft beanzugt, daß sich alles gegen die Lektüre sperrt.

3 Stunden Fußball in der Halle. Trotz Pflaster Blasen am linken, großen Zeh. Der erste Teil erfolgreich, die anderen mit 15:4 besiegt. Bei Abwehr und Einsatz verlieren die Künstler in der anderen Mannschaft die Lust.

Für den Tagesspiegelnachruf 18:00 bei Rechtsanwalt K.
Im Vorraum ein Zeitungstisch mit "Literaturen" und "Weltbühne". Kampfplakate aus Südamerika. Kanzleigemeinschaft, tapetenloser, endloser, weißer, verwinkelter Flur. Im Büro ein Gemälde: "Waiting for the revolution". Auf dem Schreibtisch die Visitenkarte eins Italieners von "Il manifesto". Sie würden alle nicht so toll wohnen, wie die Büroräume seien.
Auskünfte über den Verstorbenen.

Noch sehr unsicher, wie ich mit dem Material arbeiten soll. Gegenüber zum Inder. Enttäuschender Reis-Linsen-Pamps. Wenn man ein richtiges Essen erwartet und dann so eine verkochte Gulaschkanonenplempe bekommt.

H-Café, trotz Müdigkeit und fehlendem Schlaf. Draußen läuft Mieze von Mia vorbei. Bis 22:30 arbeiten. Neben mir Araber, vor denen man ja immer so einen unsinnigen Respekt hat, weil man von Karl May bis zur Tagesschau immer nur über ihren heiligen Jähzorn und sensiblen Stolz informiert wird. Immerhin die Belgrad-Notizen durch. Zuströmende junge Leute aus Anlaß einer Geburtstagsfeier, oder eines Ausstands, viele Schweden. Gastgeber: "Ich muß morgen noch zu X-Filme und dann packen und dann um 16:00..." Mir wird ganz ängstlich, wenn ich an solche Tage denke, an denen man so viel erledigen mußte, abends noch feiern und am frühen morgen ins Ungewisse abreisen.
Draußen sehe ich eine Frau von hinten, der Mann hat ihr die Hand um den Kopf gelegt, sein Mittelfinger mit einem Verband.

Film: "Les valseuses" (Bertrand Blier, mit Dépardieu), 2.mal.
Dépardieu hat die Bruce-Willis-Stimme.
Buddy-Movie, zwei junge Männer durch die Provinz vagabundierend, auf der Suche nach Spaß, Frauen und Geld. Mit diesen beiden Schauspielern schafft er es, den verantwortungslosen Kleinkriminellen ein glaubwürdiges Sex-appeal zu geben, das noch auf ihre Opfer wirkt.
Dépardieu in seiner Blüte, hier mit der de Niro-Stimme. Bemerkenswert die deutsche Fassung, der Versuch, die Jugendsprache zu übertragen, wobei so ein verplappertes Kunstidiom entsteht, wie bei "Die Zwei".
"Ein echter Ölbild"
"Pflaumentüte" für Damenslip
"So was lahmes ist mir noch nie vors Bügeleisen gekommen."
"Da geh ich ja lieber pissen, da fühl ich wenigstens was."
"Ein Rohr verlegen"
"Ich hab keine Lust, mein Leben lang Gänse zu nudeln."
"Ist die alt! Wir wolln doch keine Särge plündern."
"Ich faß es nicht, der will ne Mumie auswickeln."
Weil sie beim jungen, frigiden Ding mit ihrer Kunst am Ende sind, und sie keinen Orgasmus kriegt, stellen sie einer älteren Frau nach, die aus dem Gefängnis kommt. Laden sie zum essen ein, gehen ins Hotel. Guter Sex mit der dankbaren Dame, die sich daraufhin erschießt. Ihren Sohn, noch Jungfrau, vermitteln sie an ihre kleine Begleiterin, die durch ihn Spaß am Sex findet, was die beiden tief deprimiert.
Am Ende auf einer Gebirgsstraße, immer der Nase nach. Nur der eine meckert: "Immer nur Landschaft, da kriegt man ja ne Gehirnmauke". Fahrt in den Tunnel, Abspann.

In der Taz, Gerrits Forderung nach einer Gegenwartsliteratur, die "die verrückten 90er" oder "die noch unentschiedenen 0er" nacherzählen solle. Ein mir ganz unverständliches Lesebedürfnis. Reicht denn die dauernde, mediale Nacherzählung unserer "unmittelbaren Gegenwart" nicht aus? Soll das Leben, mit dem man uneins ist, dadurch doch noch Bedeutung bekommen, daß es in der Literatur auftaucht? Aber was ist denn "unser Leben"? Die Frage stellt sich der Autor beim schreiben, die Antwort ist immer verblüffend, hat aber sicher nicht viel mit dem Leben seines Nachbarn zu tun. Kleinigkeiten, die man sich nicht bewußt macht, und die er sicher nicht meint, wenn er von den "verrückten 90ern" spricht. Tschechows Erzählungen handeln von meinem Leben, und die sind über 100 Jahre alt. Sicher hätte ein Journalist gerne, daß seine Realität so neu und interessant ist, daß die Literatur nicht daran vorbeikommt.
Meine Literatur versucht gerade eine überraschende Antwort darauf zu finden, was das Leben ist. Wenn man sie lesen will, muß man von seiner eigenen Antwort ablassen. Wenn man eine Literatur sucht für eine Erfahrung, die man schon zu haben meint, liest man Heimatliteratur.

Bachmann: man dürfe das Thema nicht gegen den Text ausspielen (zu den vielen Kindheitstexten, die sie nicht mal mehr anhören wollen).

Die Schauspieler von "Das Boot" berichten, daß die Rangfolge zwischen den dargestellten Matrosen und Offizieren sich auch am Set hergestellt habe. Die Offiziersdarsteller saßen an weiß gedeckten Tischen, während die Soldaten in der Kantine hockten.

29.6.04 (Di), Berlin, Kohlenquelle, nachmittags
Schlechter Schlaf, nach 6 Stunden wach. Im Bett Bofinger.

Film: "Die Kraniche ziehen" zuende. ('57, Michail Kalatosischwili)
Weil das individuelle Schicksal an der Heimatfront, die wartenden Frauen, gezeigt wurde, gilt der Film als Tauwetter-Produkt nach Stalins Tod. Ein Liebespaar, der Krieg bricht aus, sie kommt zu spät zu seiner Verabschiedung und findet nur noch ein Geschenk von ihm vor, ein Stoffeichhörnchen, das ein Körbchen trägt. Er hat einen Brief unter den goldenen Nüssen im Körbchen versteckt, den sie aber nicht findet. Sie sucht den Mann verzweifelt unter den Massen am Bahnhof.
Sie bekommt keine Post von ihm, sein Bruder macht ihr Avancen. Sie gehen zwischen Panzersperren spazieren. In einer Bombennacht küßt er sie. Sie wird ausgebombt, zieht zu seiner Familie, heiratet den Bruder. Evakuierung nach Sibirien. Sie ist nervös und unleidlich. Er geht fremd mit Antonina Monastirskaja, einer Sängerin. Verschenkt das Eichhörnchen, die Sängerin findet den Zettel.
Im Lazarett dreht ein Soldat durch, der von seiner Frau verlassen wurde. Standpauke vom Oberarzt: "Unsere Weiber sind schlimmer als der Feind. Sie treffen uns mitten ins Herz. Keine Kopeke ist sie wert, wenn sie so einen tapferen Burschen wie den hier für irgendeine Etappenratte hergibt. Sie ist es, die ihr Glück verloren hat, nicht er!" Aber das männliche Pathos wird an ihrem Gesicht gebrochen, sie ist offensichtlich keine Verräterin, sie will nur glücklich sein. Eine expressionistische Sequenz, brillant gefilmt, in der sie sich vor den Zug stürzen will, kurze Zeitrafferaufnahme. Im letzten Moment rettet sie statt dessen einen Waisenjungen vor einem Lastwagen. Er heißt Borja, wie ihr Geliebter. "Zu wem gehörst du?" "Zu Mama." Motiv: die Liebe kann sich wegen einer symbolischen Zufälligkeit übertragen. Der gleiche Name reicht schon.
Inzwischen ist ihr Borja an der Front gefallen. Aber sie glaubt es nicht, weil der Überbringer der Nachricht es nicht selbst gesehen hat. Sie geht zu jedem Heimkehrertransport und hofft, bis sein Kamerad und Kollege es ihr definitiv bestätigt. Da verschenkt sie den Willkommensstrauß weinend und standhaft an die anderen.
Die Hauptdarstellerin Tatjana Samojlowa hat nur 10 Filme gedreht.
Der Mann, Alexej Batalow auch in "Moskau traut den Tränen nicht".
Bemerkenswerte Kamera, die Bilder zum Teil mit Fluchtlinien und Schatten, wie futuristische Dekors. Kein Wunder, daß es für eine durch den Krieg verhinderte Liebesgeschichte die Goldene Palme in Cannes gibt.

Film: "Märkische Forschungen" (Roland Gräf). Mit Wachowiak, Beyer, Dittis, Schwarz, Böwe, Gwisdek, Esche, Zglinicki, Schubert.
Irgendwann wird es das interessanteste an einem Film sein, wenn man darin noch einmal ein Reichsbahn-Abteil von innen sieht. Was der Filmemacher bestimmt nicht geahnt hat, daß die Geschichte und die Ambitionen an Bedeutung verlieren, und man den Film nur noch wegen der kleinen, braunen Bierflaschen guckt, die es inzwischen nicht mehr gibt.
Der märkische Dichter, in der Jugend Jakobiner, später in der königlich-preußischen Zensurbehörde. Verrat an den Idealen ermöglicht Karriere und Überleben im System. Der Professorenpapst, Spezialist für diesen Dichter, hat selbst so einen Verrat begangen. Eine wissenschaftliche Abhandlung über den Dichter, die dessen Jakobinertum feiert. Als Fakten darauf hinweisen, daß der Dichter kein Revolutionär war, hält er an seiner Version fest: "Es geht um mehr als die Wahrheit."
Am Ende sucht der Landlehrer, der mit seiner Akribie das Buch des Professors gefährdet, den fehlenden letzten Beweis: den Namen der Geliebten des Dichters, in die Wand des örtlichen Armenhauses geritzt. Er gräbt die Steine der Ruine einzeln aus und wird auch alle Steine untersuchen, die in die Häuser der Gegend verbaut wurden. Krankhafte Besessenheit oder Beseeltheit von einer Vision. Hybris und Schönheit der Liebe zum Fach.

Sauna, dort Bofinger.

Doku: Prora.
Robert Ley, Chef der Deutschen Arbeitsfront, Alkoholiker. '35 Stapellauf der Gustloff als Urlauberschiff. "Kraft durch Freude". Das geniale Sloganeeing der Nazis, das bis heute in der Werbung fortlebt. Noch bis zum letzten Ende erfinden sie Metaphern, die die Wirklichkeit literarisieren, um sie nicht als Wirklichkeit zu erleben, sondern als Abenteuerroman. "Wunderwaffe", "Wandernde Kessel", "Volkssturm", Unternehmen "Sonnenwende".
Prora: 8000 Zweibettzimmer mit Seeblick auf 20Km. 72 Mill. Reichsmark aus enteignetem Gewerkschaftsvermögen. Dafür die Arbeitslosenversicherung geplündert, was so lange nicht auffiel, wie es keine Arbeitslosigkeit gab. Die Zukunft mit Eroberungen finanzieren. Im Kriegsfall als Lazarett nutzbar. Architekt: Klemens Klotz (!), schon Architekt der Ordensburgen. Rheinischer Klüngel, holt viele Kölner Kollegen ins Boot. Le Corbusier: innen liegende Straßen, das frühe Prinzip der Shopping Mall. Eine Halle für 20000 Urlauber.
Ruinenwerttheorie (!): Gebäude so konzipieren, daß sie, wie die Reste Roms, als Trümmer noch von der Größe künden.
Architektur, "Wort aus Stein". Das Flachdach "undeutsch", mußte zum Satteldach nachgebessert werden. Kamikaze-U-Boote, Ein-Mann-Torpedos. An der Toilettenspülung in Nürnberg erhängt. Später war es eine NVA-Kaserne.

Kein Alkohol.

30.6., Mi
Buch: Manfred Bofinger "Der krumme Löffel", im Bett zuende.
Kindheitserinnerungen an die Zeit zwischen '45 und '49, in der Gegend um die Rheinsberger.
Unklare Begriffe: Kaseinduft, Hauchpapier, Stickabutzen, Staketenzaun, Indanthren, Mako (natürliche Baumwolle mit spitzen, kratzenden Gewebeteilchen, Guttapercha, Liesen

Salmiakpastillen "Negervötzchen"
"Wir spuckten in die Hände, wie es die Trümmerfrauen taten"
Schwedenspeisung
Sanella-Sammelbilder
Kinderschätze: das Lot
Die Schwester der Oma in der Pappelallee unter dem Dach. Dort 13 Bände von Brehms Tierleben, bei Besuchen immer den "Mandrill" angesehen
Balancieren in den Ruinen
Ein großer alter Kleiderschrank mit Brandspuren und Bombensplitterlöchern
Bei Kriegsende wurde die U-Bahn geflutet, durch Sprengung des Landwehrkanals. "Ich erinnere mich, daß man den Wasserstand der Flutung noch sehr lange an den Wandfliesen über den Gleisen ablesen konnte" Die Leichen wurden in ihrer Nähe in Massengräbern beigesetzt "Durch eine Glocke wurden die Einwohner vorgewarnt, sie mußten in die Häuser gehen und die Fenster schließen. Dann wurden lange offene Leichenwagen von Männern mit Mundschutz durch die Straßen gekarrt"
Phosphor-Farbstreifen im Keller, aus der Zeit des Luftschutzes. Leuchtende Bakelit-Anstecker, weil es kein Laternenlicht mehr gab. Farbringe an den Lichtschaltern.
Schlaglöcher von Granatsplittern als Hindernisse beim Murmeln
Ein Kind soll beim Soldatensprung von der Brücke mit dem Fuß in die Sprungfeder eines Matratzenskelletts geraten und ertrunken sein.
Auf dem Dachboden ein verstaubtes Messer entdeckt, auf der Klinge stand "Blut und Ehre"
In der Ackerhalle eine Frau, die Fischköpfe ißt
Literarisches Archiv: Beschreibung seiner Schätze: Ein altes leeres Tintenfaß, ein Hirschkäferhorn, ein lederner Elefanten-Tintenwischer, "eine Stecknadelbüchse, auf der Feldmarschall von Hindenburg russische Soldaten in die masurischen Sümpfe trieb", ein Reichspfennig mit Hakenkreuz
Wörter: Katschi, "verschissen", "Anschlag!", "Kescher"
Vom Obstweintrinken wird der Tante immer schlecht, und ihr Gebiß fällt ins Klo. Der Vater holt es mit der Hand wieder raus.
Sie fahren auf die Rieselfelder zum Schlittschuhfahren. Er kann auf dem Bauch liegend Zeitungsschnipsel lesen. Auf der Rückfahrt tauen sie auf und stinken.
Eine Frau hat eine Narbe vom Kropf. Sie denken, es ist ein neuer Kopf.
Vom Pferdestall rücken Hochzeitskutschen und Leichenwagen aus.
Eine Möwe kommt im harten Winter bis ans Fenster.
Spielt mit den geflüchteten Cousinen "Flucht".
Onkel und Tante üben Tango auf den Berliner Domtreppen, der Mann tanzt eine Stufe höher, weil er kleiner als sie ist.
Ausgebombt, in der neuen Wohnung ein Regenschirm überm Kinderbett, weil das Dach kaputt war.
Wenn man von der Frau unten was wollte, warf man einen Korken an einer Strippe runter ans Fenster
Ein mumifiziertes Taubenskelett im Abzugsschacht
Die besten Segler konnte man nur einmal werfen, weil sie dann weg waren.
Klopapierrauchen
Verschwundenes: Die Brille beschlägt in der Dampfwäscherei, Igelitsandalen, Schneiderkreide, Kuchenblech zum Bäcker tragen, der Exa (Exer?), Spritzeisbahnen, Transparentpapier, Kuhstall in der Nachbarschaft. Bandenchefs, "die Einarmigen" gegen "die Einbeinigen". Der Kutscher ruft: "Brennholz für Kartoffelschalen", Rauchverzehrer, der Sänger Rudolf Schuricke, Picassodecken (?), Zoohandlung am Zionskirchplatz (hat kürzlich dicht gemacht), Parallelo (Strickpulli), Tretroller.
Sichtspiegelscheibe beim Fleischer, gläserne Schusterkugel
"Rotes Radieschen, eisernes Füßchen, armer Student, wäscht sich die Händ, trocknet sich ab, kämmt sich das Haar, geht zum Altar, kniet nieder, betet zu Gott, steht wieder auf, geht fröhlich nach Haus, trinkt ein Glas Wein, schläft selig bei ein"
Nachts aus dem Fenster pinkeln, wie laut es auf die Straße prasselt
Ein Nachbarsjunge trägt Hemden aus dem ausrangierten geblümten Kleid seiner Mutter
Sprengung des Bunkers am Humboldthain, die Fenster werden weit geöffnet
Kaum Autos auf den Straßen
Ausgebombte wohnen in Nissenhütten (englischen Notunterkünften)
Improvisation: ein Sitzkissen mit Roßhaar füllen. Vater schenkt ihm eine Knarrmaschine. Kuchen aus Bucheckern mit geknackten Kirschkernen, Zwiebackbröseln, gehackten Backpflaumen, Süßstoff und Milchpulver, Vorstellungen in der Aula, ein Alligatorbaby, dessen Maul mit Weckgummi gefesselt ist.
Robinienblüten essen, Holunderblüten kandieren, beim Kutscher Bierschaum lecken, Eiskrümel vom Eiskutscher.
Schuhe nur im Winter
Der Vater steckt hölzerne Pflastersteine zum heizen in die Aktentasche. Später wird er in der Elisabethkirche konfirmiert
Ich auch: Stickabutzen (Stichlinge), Bunker in Buch, Wurfmesser, Gleiter (Hackenreißer), die immer abgehen. Maikäfer: Bäcker, Müller, Schornsteinfeger, Sperrsitz in der U-Bahn, in Gullys angeln, Rieselfelder, Wäscheleine auf dem Boden zum Jahreswechsel bringt Unglück, Wanderstöcke, Opas im hölzernen Rollstuhl, Podest in der Wohnung, Die Gladowbande (Schreiner, Ecke Samariterstraße sei er auf einem Ruinengrundstück gestellt worden), Stinkbomben aus Rollfilmen, Eiswagen mit Eisblöcken, Klimpern spielen, Anstricken- und Häkeln an die Anziehsachen, Gorilla Bobby im Naturkundemuseum, Konsummarken kleben, bunte Flecken an den Schienbeinen.
Entlausung, Guppis, "Ich spürte, daß Bildung entfremdet" (weil ihm keiner glaubt, daß es Titicacasee und Popocatepetl gibt), Humboldthain, westliches Stanniol-Lametta, die nächtlichen Geräusche (Puffen der Gaslaterne, Rumpeln der Straßenbahn)
Sprüche: "Herr Kühnle mit der grünen Jacke, hat in der Hose ganz viel Kacke!"
"Echte Friedensware"
KONSUM "Keine Oder-Neiße, Sondern Unse Memel!"
"Kaiser, König, Edelmann"
"Herr Fischer, Herr Fischer, wie tief ist das Wasser?"
"Pißpott!"
Der Onkel, der auf einem Stuhl einseitigen Schulterstand kann.
Mit dem Vater zur Vinetastraße, wo Zeitungen aushingen. Neuigkeiten über Boxkämpfe lesen.
Eine verrückt gewordene Nachbarin, die auf der Straße Salz streut.
Ein Affe im Zoo, der sich in die Hand scheißt, und die Besucher bewirft.

Laufen Hu-Hain, 1h13, 3 mal Treppe.

Buch: Jean-Claude Fredouille "Lexikon der römischen Welt", zuende.
Naumachien
Die Ärzte kamen aus Griechenland
Auspizien: Appetit der heiligen Hühner
Die jungen Leute weihten ihren ersten Bart einer Gottheit
Caesar verringerte die Ausstattung des Legionärs, die zu schwer war, um sich im waldigen Gallien zu bewegen
43 v.Chr. Cicero ermordet. Kopf und rechte Hand auf der Rostra ausgestellt.
Wer beim Militäreid (sacramentum) fehlte, wurde für verwunschen (sacer) erklärt und zum Tode verurteilt. Erst der Eid gestattet das Tragen von Waffen (wie bei uns).
Die Münzen wurden im Tempel der Juno Moneta geprägt (Mahnerin) daher die Bezeichnung für Münzen.
Hannibal wurde zur Kaiserzeit zur Figur des stoischen Helden, und in Rom wurden Statuen zu seinen Ehren errichtet.
Jedes Zimmer diente prinzipiell nur einem Zweck.
cloaca maxima
Einheit von Lachen und Heiligem findet sich bei vielen Völkern. Rituelles Lachen.
Älteste bekannte lateinische Inschrift von 600 v.Chr.
Autoren, von deren Werken man nur einige Titel kennt, nicht die Werke. Dann wäre es doch gut, wenn wenigstens der Inhalt in Plagiaten etc. weiterlebt. Wenn man auf persönlichen Ruhm verzichtet, und sich, wie ein Virus, nur vervielfältigen will.
Marc Aurel schreibt Bekenntnisse griechisch.
Nutzlose Kenntnisse: Der beste Met kam aus Phrygien, "Die Römer hatten eine Schwäche für Käsekuchen"
Das Herr-der-Ringe-Prinzip: gallische Infanteristen, kretische Bogenschützen, balearische Schleuderer, numidische Reiter in einer Armee.
Die erstaunlichen Parallelen zu heute, die die Römer wie verkleidete Europäer aussehen lassen. Caesar ließ die Acta diurna populi Romani auf dem Forum anschlagen. Aber der Klatschteil nahm mehr Platz ein als die offiziellen Mitteilungen.
Plinius der Ältere, Autor der "Naturgeschichte", fand 79 u.Z. beim Vesuvausbruch den Tod "da er das Phänomen aus der Nähe beobachten wollte"
Die Kosten für Pferde, Verpflegung der Post ging zu Lasten der vom Postdienst durchquerten Städte, im Schnitt 80 Km/Tag
Pompeius beschränkte die Plädoyers auf 3 Stunden
Die ersten latinischen Siedler auf dem Palatin (8.Jh. v.Chr.) bauten Klumpen ihrer Heimaterde in den Schutzwall ein.
Caesar brachte 1 Mio. Sklaven mit aus Gallien (!)
"Der Ankläger mußte persönlich anwesend sein, da er ansonsten wegen übler Nachrede verurteilt wurde; der Angeklagte hatte die Möglichkeit fernzubleiben"
Nach dem Sport striegelt man sich Öl und Schweiß vom Körper
"Suovetraurilia" - Opfer eines Schweins (sus), Schafes (brebis) und Stieres (taurus)
"Am Luperkalenfest liefen die Luperkalenpriester (Wolfspriester) nach der Opferung eines Ziegenbocks um den Altar auf dem Palatin herum und schlugen mit den Fellstücken des geopferten Bocks die Frauen, die schwanger werden wollten."
Rubrica, rote Tinte zur Hervorhebung.
Beim Triumphzug der Wagen von Schauspielern umtanzt, die einen verspotten, um einen vor Übermut (Hybris) zu schützen.
Die Vestalinen bewachen "geheimnisvolle Gegenstände, die niemand betrachten durfte und die das Fortbestehen des Menschengeschlechts gewährleisten sollten."
Toga candida, weiße Toga für den danach benannten candidatus

Rebecca West "Black Lamp and grey falcon" begonnen. Eigentlich hieß sie Cecily Isabel Fairfield. Pseudonym aus Ibsen, "Rosmersholm".

Doku: "Das Attentat von Sarajevo"
Der halbsenile Otto von Habsburg, Neffe des Opfers, besucht Sarajevo. Dort vom noch senileren, ehemaligen Botschafter begrüßt, der ihm, erbärmlich mit der Hand zitternd, salutiert.
Bajro Gec, Museumsdirektor. "Sa ovog mjesta 28.Juna 1914 godine Gavrilo Princip je izvr?io atentat na austrougarskog prestolonasljednika Franca Ferdinanda i njegovu Suprugu Sofiju." (An dieser Stelle am... hat Gavrilo Princip das Attentat auf den Österreichisch-Ungarischen Thronfolger..."
Vorher stand dort: "An dieser Stelle gab Gavrilo Princip mit seinen Schüssen dem nationalen Protest Ausdruck gegen Tyrannei und für das Streben der jugoslawischen Völker nach Freiheit."
Im Heizungskeller der Kunstgalerie liegen Reliefs vom Thronfolgerpaar, die hier natürlich niemand wollte.
Auf dem Hinweg am Ufer zum Rathaus wurde schon eine Bombe geworfen, die ihn nicht verletzt hat. Im Rathaus war er dann außer sich. Der Rückweg sollte nicht mehr durch die zu gefährliche Innenstadt erfolgen, aber die Fahrer wurden nicht informiert. Deshalb hielt der Wagen an einer Ecke, und der Fahrer versuchte zurückzusetzen, genau vor Princip.
"Soferl, Soferl, stirb mir nicht, bleib mir für meine Kinder", seine letzten Worte.
Die Tatwaffe liegt heute im Jesuitenkolleg in Wien. Ein Browning, Seriennummer 19074
Im Wiener Heeresgeschichtlichen Museum stehen Auto und Uniform.
Eine nichtstandesgemäße Ehe, deshalb hatten sie für ihre Kinder aufs Thronfolgerecht verzichtet. An dem Tag war ihr Hochzeitstag, aber auch der St.Vitus-Tag, der Tag der Schlacht auf dem Amselfeld.
Vorher im Bad Ilid?a (von wo die Serben im Bosnienkrieg den Belagerungsring kommandierten)
6 Attentäter standen an der Straße bereit.
Am Ufer hängt noch eine Tafel aus der Tito-Zeit für einen von ihnen, Nedelko Dschabrinovi? (?)
Das Gift, mit dem sie sich umbringen wollten war "überlagertes Zyankali", verursachte nur Kopf- und Bauchschmerzen
Die alte orthodoxe Kirche mit Mausoleum für Attentäter. Aus Grabsteinen aus aufgemachten serbischen Friedhöfen von Sarajevo.
Die Attentäter als minderjährige zu 20 Jahren verurteilt, im böhmischen Theresienstadt (!) gestorben.
Die Ausstellung lagert jetzt in der alten Synagoge
Im Propaganda-Film aus der Titozeit. Dragutin Dimitrijevi?, serbischer Geheimdienstchef, redet bosnischen Attentätern ins Gewissen, es zu lassen, wegen der Schwächung Serbiens nach 2 Balkankriegen.
"Schwarze Hand", serbische Geheimorganisation, wollten auch bulgarischen, griechischen und rumänischen König umbringen, alle deutscher Abstammung.

Ein Blick auf mein Zimmer. Die Christa-Wolf-Biographie, "Die jungen Jahre" von Coetzee. Der Stapel gelesener Bücher vom Juni. Lange schon einsortiertes, in unkontrollierter Gier gekauftes, nie gelesen: "Geschichte der Kunst" von Gombrich, "The Beckett Country", ein dickes Buch mit Fotos, das Goethe-Fach, ein Highsmith-Krimi. Mich nach Jahren endlich mit Curtius, "Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter" beschenkt. Manche Bücher haben Goldrücken, im Abendlicht edel schimmernd. Jedes Buch sollte seinen Platz für immer behalten. In früheren Bibliotheken lagen sie angekettet aus. Erst spät begann man, Bücher zu stellen. Wieviel kann man lesen? Was geben einem Menschen, die einen nicht so zu bereichern verstehen wie ein Buch? Lange galt es als selbstverständlich, daß Kommunikation und Sozialkontakte das erstrebenswerteste Gut sind. Aber es ist nun einmal so, daß ich mich alleine mit mir nie, zusammen mit anderen oft langweile.

Portugal-Holland 2:1. Sehr deprimiert, weil sie nun doch durchmarschieren. Stelle mir die ganze Zeit Teresa vor, wie erotisch sie die blöden Südländer findet und ärgere mich.

Einschlafen mit Puckern in den Fingerspitzen, weil der Alkohol fehlt.

1.7., Do
In Rebecca West. Im Gstrein.

Suche nach "Inventing Ruritania". Ein Buch über das Balkanbild des Westens, das aus Trivialliteratur des 19.Jh. stammen soll, Drakula. Ein Anthony Hope "Der Gefangene von Zenda". Wieder neue Literaturmassen, nicht nur die Wahrheit, sondern auch der Mythos und Trash muß gesichtet werden.

Großer Ärger, weil ich im Bretagne-Buch bei jedem flüchtigen Blick willkürliche Änderungen im Text finde. Statt: "Hör auf zu bechern", steht da: "Hör auf zu laden." Sie wissen nicht, wie weh sie einem tun, wenn sie einem das einzige, was einem wichtig ist, kaputtmachen, das, wofür man alles andere opfert.

Bei Platzregen im Eingang der Sparkasse stehen und dumm gucken. Balzac.

Chaussee: Lustlos. Das Kapitel mit der verunglückten Autofahrt in die Bretagne und dann "Kofferladen". Wenn unser Niveau immer so schlecht wäre, könnte ich nicht mehr mitmachen.
Das Engelke-Problem, daß Frauen oft Männertexte schreiben, um aufzutrumpfen bemüht fies und sadistisch sein wollen. Oder sie sind es einfach.
An der Kasse ein älterer Mann zu mir: "Habt ihr schon was von George Sand vorgelesen?"
"Nein."
"Die hat aber heute 200. Geburtstag."

Freue mich, wenigstens nachher das zu Hause aufgenommene Spiel sehen zu können. Sage an der Bar zu einer: "Gut, daß ich bis jetzt das Ergebnis noch nicht weiß."
Sie: "Wieso, die Tschechen sind doch raus."
Noch bis 3 Uhr Tschechien-Griechenland 0:1. Quälend.

2.7., Fr
Laufen, Kurzstrecken. Rekord: 4 Km unter 16Min. 400M 1:11:05. Geht kaum schneller.

M-Bar, Tito-Biographie von rororo. Dann 18:00 ins ehemalige "Nord"

Film: "Wokzal, Brest", im "Krokodil" (Ex-Nord)
S-W-Doku aus den 90ern über den Bahnhof Brest-Litowsk. Starke Erinnerungen an die eigenen zwei Durchfahrten. Der Eindruck, daß sich dort nie etwas ändern wird. Die Frage, warum es das auch sollte, für sie ändert sich bei uns ja auch nichts. Ein einsamer Waisenjunge, der aus der Armee entlassen wurde berichtet. Die rabiate Zollabfertigung. Wischende Omas. Wochenschauaufnahmen: nach dem Hitler-Stalin-Pakt kommt Öl aus Rußland und wird im Winter bei Schnee in Brest umgepumpt, weil die Züge wegen der Spurweite nicht durchkommen. Die sei aus militärischen Gründen eingeführt worden, beträgt 8,5 cm mehr. Ein Retuschierer, der Grabportraits herstellt. Die Technik "von einem alten Juden aus Lwow" gelernt. Russische Veteranen beim Jubiläumstanz: "Gläser aus Preßglas, wie damals". Deutsche Veteranen, uneinsichtige alte Knacker, die beleidigt sind, wenn man sie Faschisten nennt. Ekel beim Gedanken, wie gut die Verlierer im Vergleich zu den Siegern leben. Ein russischer Veteran wirft sich mit seinen Orden vor den Zug, weil er kein Geld mehr zum Leben hatte. Betrunkene Heavy-Metaler erwarten die Band "Metall Korrosion" aus Moskau. Ausrangierte deutsche Busse fahren durch Weißrußland.

An den Wänden Fotos von osteuropäischen/russischen Kinos. Alte Drehsessel, zwei Klaviere. Der Betreiber behauptet, er habe selbstverständlich schon im Osten russische Filme geguckt.

Sahara, Makale, kurzentschlossen zu Troja.

Cinemaxx. Diese Proleten. Chipswerbung. Diese ganze deprimierende, laute, dröhnende Jinglewelt. Der miese Werbehumor, im Gleichtakt mit der Fernsehcomedy.

Film: "Troja", Colosseum
Bankrotterklärung eines Regisseurs. Unverständlich, daß ein Mann wie Petersen so einen Mainstream abliefern kann, und mit welchem Aufwand. Pathetische Langeweile, Kampfszenen, bei denen man dauernd an den "Herr der Ringe" denken muß und sich fragt, wo denn die Orks bleiben. Brad Pitt mit dem schauspielerischen Talent einer Softpornogröße. Das Drehbuch hält sich am öden Dilemma des Kriegers auf: heim zu Frau und Kind, oder raus in die Schlacht? Hektor: "Ich will meinen Sohn heranwachsen sehen."
Frau: "Laß morgen die anderen kämpfen."
Monolog des Kriegers, der an seine armen Opfer denkt und müde ist vom Töten.
Der zornige Achill: "Jeder Atemzug von ihm verhöhnt mich."
Duell mit Hektor, der stolpert. Achill gibt ihm die Zeit, wieder aufzustehen: "Ich lasse mir meinen Rum nicht von einem Stein stehlen."
Helena beschwört Paris, abzuhauen. Er: "Wie könntest du mich lieben, wenn ich jetzt davonlaufe?"
Myrmidonen, Achilles' Elitetruppe, nur sich selbst verpflichtet. Eine Art antike Spezialeinheit.
Die vielen Fehler und Freiheiten, die sie sich erlauben. Menelaos wird getötet, statt sich auf der Rückreise mit Helena zu versöhnen. Patroklos ist Achilles' Neffe, statt sein Freund.

Geburtsstunde Europas, Aeneas entkommt und gründet Rom.

Achill will durch Taten in die Ewigkeit eingehen. Damals garantierten das die Geschichtsschreiber. Heute übernehmen Kino und Fernsehen. Es ist aber nicht mehr wichtig, daß der Name für die Zukunft überliefert wird, sondern daß er in der Gegenwart live möglichst weit verbreitet wird.

Zur Erholung Castorf bei Kluge. Redet aber wirr. Über Dostojewski "Dämonen", als hätte ich ein anderes Buch gelesen. "Ein Stück Marx Brothers und alles ist wichtig." Das ist doch genau unsere Lesebühnen-Devise.

3.7.04 (Sa), Berlin, Seelower, abends, heiter
1 Stunde saubermachen. Reine Zeitverschwendung, wenn einen auch das Resultat befriedigt.

Buch: Gojko Mitic "Erinnerungen"
Wirkt wie ein in die Länge gezogenes Gesprächsprotokoll, kaum substanzielles. Kommt aus Strojkovice bei Leskovac. Antialkoholiker. Sportlehrerausbildung. Zur Studienfinanzierung Komparse bei westlichen Filmproduktionen in Jugoslawien. Auch Winnetou. Auch in "Marsch an die Drina" ein junger Leutnant. Regie bei "Jan und Tini auf Reisen".

Doch noch aufraffen, wenigstens die Notizen übertragen.

Tour de France: "er pedaliert leichtfüßiger".

4.7., So
Nur 50 Runden geschafft, unter Schmerzen. Enttäuschend nach den letzten Läufen.

14:30 zu Spiders Umzug.

Zu B., auf dem Hinterhofbalkon. Über die Unfähigkeit vieler, sich ihre Lage klarzumachen, die Realität anzuerkennen. Nicht im Leben anzukommen als Lebensprinzip. Sich ewig studentisch weiterschummeln und nie Geld haben. B., die auf dem Klo von der Kneipe immer den ganzen Kuchen wegißt.

Im Krüger Griechenland-Portugal 1:0. Am Ende doch sehr für die Überraschung gewesen.

5.7., Mo
In die Uni, den Paß abgeben. Seltsames Gefühl, das Gebäude, die fremden Studenten. Auf dem Hinweg fast angefahren worden, weil einer von rechts aus der Schwedter kommend nicht geguckt hat. Schreie ihn laut an, selbst überrascht von meiner Stimme. Dann 3 h Hallenfußball, Kopfballtor nach Ecke. Danach zur Sauna, dort ist aber im Sommer montags zu.

Doku: Salzbauern (paludiers) in der Bretagne. Schon das zusehen bei ihrer Arbeit ermüdet einen. In der Sonne stehen und mit langen Holzpaddeln auf den Ton (Lehm?) in den Becken klopfen. Das Wasser umrühren, Salz ernten. Solche Tätigkeiten würden mich in kürzester Zeit in den Wahnsinn treiben. Unsinnigerweise gelten sie als "richtige Arbeit", und man soll als Kopfarbeiter immer noch einen Rest schlechtes Gewissen haben, weil man sich darum drückt.

Anruf bei D., haben meinen Fotoapparat aber nicht gefunden. Also kann ich ihn wohl abschreiben.

6.7., Di
Mit A., B. und H. nach L.
Die Schleuder im Bad "Elbtalwerk Heidenau, Bj.'69". Nach 30 Jahren ein hoffnungslos unmodernes/unzeitgemäßes Äußeres. Menschen müssen viel langsamer altern als Technik.

Seniorentheater "Spätlese"

Erster Alkohol seit Dienstag, abends Rotwein auf der Veranda. Immer mehr kleine Wespen fliegen in die Glühlampe, sicher sind sie frisch geschlüpft und noch ganz dumm. Der Garten zugewuchert. Cannabis wächst auf dem Kartoffelacker. H. hat Angst vor dem Schaf. Robbt über die Wiese, wie ein Kriegsverletzter. Keine Hemmungen an einer Schnecke zu lecken.

7.7., Mi
Laufen auf dem Deich, die 11,77 Km-Strecke, 1h1:57. Schwerer gekämpft, weil ich in der Hitze und bei der Sonne kein Wasser mithabe. Bloß keine Entwässerung und Nierenfehlfunktion riskieren, wer weiß, ob man mich hier jemals finden würde.

Fernsehen: Kluge: Prof.Dr.Christoph Horn über Aristoteles. Wenig erhellendes. Esoterisch sind die "schulinternen" Schriften, mal gewußt und wieder vergessen. Ist das mein Schicksal, alles zu vergessen und ab und an daran erinnert zu werden? Was gebildete Leser von intelligenten Romane verlangen: ihnen beim Memorieren zu helfen.

Doku: Bagdadbahn. Der Zweig von Aleppo (?) nach Medina wurde von den Arabern unter Anleitung von Lawrence von Arabien gesprengt, der ja auch schon die Araber aufgehetzt hat. Das englische Engagement für die Araber gegen die Osmanen/Türkei, Verbündete des Kaisers. Friedhöfe mit toten deutschen Bauarbeitern an der Strecke. Chemnitzer Lokomotiven liegen immer noch umgestürzt im Wüstensand. Holtzmann baut '40 den Bahnhof von Bagdad. Auch den Bahnhof in Istanbul, den man auf asiatischer Seite über die Fähre erreicht. Ich hatte ihn damals für ein Hotel gehalten und mir nicht klargemacht, daß von hier die Bagdadbahn startet.

8.7., Do
Buch: Gstrein "Das Handwerk des Tötens" zuende.
Ein scheußlich eitles Buch, das in peinlicher Weise zum Autorenfoto paßt. Selbstgefällige Ästhetenpose. Ein Stil aus überflüssigen Mutmaßungskaskaden. Die wenigen Fakten aus dem Bosnienkrieg, größtenteils schon aus Reportagen bekannt, wirken angelesen und wie Rosinen über den Text verteilt. Dazwischen dröger Romankitt über Charaktere, die einen kalt lassen, allen voran der Erzähler. Eine Literatur, die der Wirklichkeit keinen Zentimeter näherkommt. Eine Pflichtübung in geborgtem Leid, literarisches Machogehabe, in der Hoffnung, die Stärke des Sujets möge auf den Autor abfärben.
Wie peinlich die eigenen touristischen Aperçus den Figuren zugeschoben werden, wie leicht zu dekodieren die Recherchearbeit.
Dann liest man die Kritiken im Perlentaucher und traut seinen Augen nicht. Einhellige Begeisterung über einen Autor "von europäischem Rang". Warum nicht gleich Weltmeister? Muß man sich jetzt die Namen der Rezensenten merken, um ihren weiteren Urteilen keinen Glauben mehr zu schenken? Ausgerechnet die Radisch mit einem klarsichtigen Urteil, läßt sich nicht einlullen vom Sog der indirekten Rede.
Wie einen das aufbringt, wenn das eigene Urteil nicht geteilt wird. Wenn eine Establishmentmafia sich so die Bälle zuspielt. Die Erregung schadet der Gesundheit. Müßig, den 10000 Leser, die das vielleicht hatte, den 5000, denen es gefallen hat, den Kopf zurechtzurücken.
400 Seiten für wenige Fakten, die man schon an anderer Stelle gelesen hat:
Daß man auch im Krieg noch durch die Fronten frischen Fisch von der Adria bekommen hätte.
Das kitschige Chronik eines Mädchens aus Sarajevo, das um die Welt gegangen sei.
Anrufe mit Genecke und Gestichel zwischen den Fronten, bis sie in den Himmel ballern.
- "Die aufgetakelte New Yorker Zicke, die als Weltberühmtheit nach Sarajevo gekommen war und vor laufenden Kameras ein Durchschußloch in ihrem knöchellangen Pelzmantel vorgeführt hatte, als wäre es eine Trophäe". Wer? Susan Sontag?
- Kriegsberichterstatter mit Sportreportergehabe, die gegen Geld Leichenhaufen arrangieren lassen.
- Waffen aus dem Revolutionsmuseum.
- Die Belagerer über Dubrovnik hätten zeitweise darum gefleht, von den Verteidigern beschossen zu werden, damit sie nicht an die viel schlimmere Front in Slawonien verlegt würden.
Billiger rhetorischer Trick, es dann doch zu erzählen: "Ich konnte es nicht mehr mitanhören, wie er sich genüßlich ihre Strapazen ausmalte, ihr... oder wie... als handele es sich um..."
- "Als wäre die einzige Mitteilungsform, die noch ihre Adressaten erreichte, die Todesanzeige"
- Kritik der "unseligen Haltung... daß nur, wer einmal an der Front gewesen war, überhaupt mitreden konnte"
- Eine Kroatin erzählt ihm von früher: "Diese ganzen Geschichten können dich doch unmöglich interessieren, sagte sie, Sie müssen dir wie aus einer anderen Welt vorkommen, mit der du nichts zu tun hast." Typischer, auch mir dort dauernd begegneter Denkfehler. Weil sie selbst nicht neugierig sind, unterstellen sie einem das gleiche.
- Wiederholt die Vorbehalte seiner Figur gegen die Schriftsteller, die im Rahmen von Kulturprogrammen "in Horden aus den europäischen Hauptstädten in die neu entstandenen Länder einfielen" und geschmäcklerische Gedichtbände schreiben. Vergleicht ihren Kitsch mit der vorherigen Hetze. "...Belustigte sich darüber, daß jeder Splitterstaat seinen Wirrkopf als Fürsprecher hatte, und endete immer mit der Irrfahrt eines deutschen Girlies, das er die letzte Kraft-durch-Freude-Touristin nannte, einer höheren Tochter aus Berlin, die im Rahmen eines Praktikums für eine Fernsehanstalt blind durch die ehemaligen Kampfgebiete gezogen war und sich darüber in einem kopf- und besinnungslosen Hauptsatzstakkato verbreitete, eine verrannte Romantikerin, die es für das größte Abenteuer hielt, wenn sie unter freiem Himmel auf die Straße pinkelte und mit ihrem Hund in jede Minenabsperrung absichtlich hineintappte, um dann aller Welt per SMS direkt vom Ort des Geschehens mitteilen zu können, in welcher Gefahr sie sich befand." Äußerst dumme und unsachliche Invektive gegen Juli Zeh. Die Beispiele sind verzerrt, ihr Stil ist kein "kopfloses Hauptsatzstakkato".
- Und reiner Kitsch: "Ich wich seinen Blicken aus, ließ dann aber sie nicht aus den Augen, als er sie umarmte und sie mich wie einen Unschuldsengel über seine Schulter hinweg ansah."
Ort, wo Winnetou starb: Obrovac, Mali-Alan-Paß, Blick auf den Canyon der Zrmanja. Genau dort sei im Krieg die Front verlaufen.
- Lebt von der Würze des Grauens.

Computer kaputt, nichts geht mehr, kein Eingreifen möglich. Weder hochfahren, noch sonst was. Aber ich hasse das Ding so, daß es mir kaum etwas ausmacht.

Beim Büchertalk "Bretagne" erwähnt. Seltsames Gefühl, wie nach der Prüfung, wenn man noch einmal den Raum betritt und sich die Bewertung abholt. Peinlich berührt, wenn über mich gesprochen wird.

Balzac. Eine will die Zeit wissen, dann auch noch in meine Zitty gucken. Wie man vom Pornofilm geprägt ist, und solche typischen Situationen zwanghaft weiterdenken muß. Immer, wenn man Sekretärinnen sieht, Krankenschwestern. Man kann in keinen Fahrstuhl steigen, ohne daß sich eine auszieht. Ich versuche mich dann immer ganz ruhig zu verhalten, um die Situation zu entspannen, bis Hilfe eintrifft.

Doku über Horch. Horch, Audi, Wanderer, DKW zur Fusion gezwungen, daher die vier Ringe im Symbol.

Chaussee: Unzufrieden mit dem Abend, zu prolliges Grundton im Publikum. Quatschtanten vorne, wie hebt man das Niveau?

9.7., Fr
Laufen, wieder nicht die 5Km unter 20 Min. Dafür wieder 3 Km unter 12 und 1000 M Rekord, 3:25. Seltsames Gefühl, diese zweieinhalb Runden. Läuft man nur eine, rettet man sich ins Ziel, aber bei höchstem Tempo noch eine kleine Reserve zu lassen, ist ein Abenteuer.

Das Hemd falschrum angezogen, der Tag im Eimer.

Ich habe eine Recovery-CD, erfahre ich, damit installiert man das Betriebssystem neu und die Daten bleiben erhalten. Aber dann fragt mich der Computer nach dem "registry key" und ich suche eine Stunde in den ganzen Begleit-Heften und CDs danach. Tube bringt mich drauf, daß ein Aufkleber auf dem Rechner klebt. Danach habe ich sogar meine Umlaute wieder, die mir Stella damals vermurkst hatte.

Ruges Balkan-Filme. Er läßt sich in jeder Sprache erzählen, ob makedonisch oder albanisch. Vielleicht nickt er nur immer, während er zuhört, und läßt sich dann alles im Studio übersetzen.

Teresa: dieser Ärger auf die USA, als würden sie "das Öl", wegen dem sie das alles machen, von irgendwem klauen. Dabei bezahlen sie doch dafür.

Abends bei Schuppes, EM-Buch-Premiere. Diesmal fangen sie pünktlich an, und ich bin zu spät. Lesen ohne Mikro, sehr anstrengend, mein Text geht unter. Lange mit Dietmar, der mir immer noch erzählen will, mein Roman sei rein privat. Dabei ist er doch ganz beispielhaft und metaphorisch erzählt, alle großen Bildungsroman-Themen kommen vor, eine richtige Enzyklopädie des Heranwachsens: Religion, Sport, Liebe, Familie, Beruf, Heimat, Abenteuer, Wissen.
Ich hätte nicht genügend reflektiert. Dabei ist das doch das Ziel, von der höchsten Bewußtheit aus wieder zum Unbewußten zu stoßen. Den Text klüger sein lassen als den Autor.
Dostojewski, Karamasow, die langen Dialoge. Das sei gut. Ich finde es öde und überschätzt.
"Du kannst doch nicht den ganzen Surrealismus über Bord werfen", sage ich zu ihm.
Er bleibt bei seiner Kritik, die im Grunde das beschreibt, was ich wollte. Deshalb: "Wäre schön, wenn es so wäre, wie du sagst."
Barbara im Osten bis zum Erbrechen nach Bulgarien getrampt. Mit einem West-Truck, der unter den Fußmatten West-Blankopässe hatte. In Concarneau kannte sie einen Schiffsbauer, der in den 80ern aus Spaß die DDR fotografiert hat. Kann sich nur an einen Text von mir erinnern, den über Ost-West-Sprache. Seit ich bei dieser Zeitung bin, versuche ich, alle Autoren kennenzulernen und mir ein Bild von ihren Texten zu machen. Den anderen ist es anscheinend egal, wer da noch schreibt.
Statt mit dem Computer in ein Café, bis 1 bei Schuppes rumsitzen und nach Hause.

10.7., Sa
Die erste Bretagne-Etappe von Chateaubriand über Cap Fréhel nach St.Brieuc, lange Strecken, die ich auch gefahren bin. Besonders das Cap Fréhel, bei stürmischem Regen rasen sie vorbei und ahnen nichts von der atemberaubenden Szenerie.

Buch: Stefan Doernberg "Moskau ? Seelow ? Berlin" (Seelower Hefte 3)
Jüdische Familie in Berlin. '33 als neunjähriger Hausdurchsuchung nach Verhaftung des Vaters erlebt, Schock und Haarausfall. Auf dem Schulweg mehrfach von HJ niedergeschlagen. '35 nach Moskau. Freiwilliger in der Roten Armee. "Die Wirkung der Flugblätter auf die Angehörigen der Wehrmacht dürfte gleich Null gewesen sein... Illusion, daß die Arbeiter und Bauern im Soldatenrock der deutschen Wehrmacht zu Bundesgenossen der Roten Armee in Kampf gegen das Hitlerregime werden könnten..."
Im letzten Kriegsjahr nur etwa 30-40 Deutsche in der Roten Armee. Er selbst nur durch Pieck aus einem NKWD-Internierungslager für Deutsche befreit und in die Armee gekommen.
Protestiert gegen ein Schild an der Grenze: "Da ist es, das verfluchte Deutschland."
April '45 Gespräch mit einem deutschen Oberfeldwebel: "Was wollen Sie denn? Vor dreieinhalb Jahren standen wir vor Moskau. Jetzt steht die Rote Armee vor Berlin. Es ist nun einmal im Krieg so, doch das Blatt wird sich wieder wenden."
Am Vorabend der letzten großen Schlacht blühten im ganzen Oderbruch die Gärten.
In den Stollen der Rüdersdorfer Kalkberge hatten Tausende Zuflucht gesucht.
Unterwürfigkeit der Besiegten, bis zur Würdelosigkeit.
Anordnung an General Wenck, mit seiner 12.Armee, die an der Elbe stand, den Truppen der USA den Rücken zu kehren und über Potsdam nach Berlin vorzustoßen. (um die Alliierten doch noch zu entzweien)
Dönitz versucht in Flensburg Separatfrieden mit den USA anzubahnen.
Weidling: "Am 30.4.45 hat sich der Führer selbst entleibt und damit uns, die wir ihm die Treue geschworen haben, im Stich gelassen.
Befehl Hitlers vom 19.März '45 zum Hinterlassen "verbrannter Erde" ("Nerobefehl")

Buch: Joachim Schickel "Gespräche mit Carl Schmitt"
90 Seiten Text, 90 Seiten kleingedruckte Anmerkungen. Gespräche über Partisanen, Hugo Ball, Freund und Feind.
Der Partisan hat keinen Standort. Er ist unberechenbar sogar für die eigene reguläre Leitung. Unberechenbarkeit des Auftauchens, Mobilität.
Die Uniform nur ein Schußziel auf einen Feind, dem er selber sich nicht in Uniform stellt.
Weich ist stärker als hart.
Mao: man muß das Unkraut wachsen lassen, wenn man merkt, daß sich feindliche Gruppen im eigenen Bereich bilden.
Napoleon und spanische Guerilleros. Zerlumpte Spanier, von 300000 Pfaffen aufgehetzt.
Politische Theologie, 1922. "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet."
"Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt"
klímax tou paradísou (Scala Paradisi, Himmelsleiter)

Kantine. "Regengott" und endlich "Der Menschenfeind" mit großer Freude und zur Irritation der Leute. Dann noch "Hitparade der Zahlen". Ca 50 Zuschauer. Falko, Robert, Andreas Gläser, der 5 vor zehn einen 12-Minuten-Ausschnitt aus seinem Roman bringt und zwischendurch noch was trinkt. "Ick hab son trocknen Mund".
Falko: der Konnopkesche Bockwursttod. "Totsaufen, ja, aber wer hat schon die Zeit dazu?"
Robert will zu rauchen aufgeben und dann auch wieder mehr Sport machen.
Zwei Frauen am Ausgang, ob ich auch was längeres geschrieben hätte. Aber weder Roman noch Bretagne-Buch kaufen sie "das ist mir zu teuer". Dann ist mir das Lob auch Wurst. "Du bist auf der Bühne so souverän und kannst einem nicht in die Augen sehen." Vielleicht will ich ja gar nicht.
Schusterjunge, nur Schorle, Kartoffeln mit Quark. Mit Bov über Blogs, die gute Qualität, daß er wegen Internet kaum noch Bücher lese. Mit Robert hätten wir zu viel gefrotzelt, das sei zu hart.

11.7., So
Erst um 12 ins Stadion. 25 Km sind wieder zuviel, aber mit aller Willenskraft 22 Km in Rekordzeit 1h46:42. Das ganze bei knallender Sonne, so daß am Abend die Schultern rotgebrannt sind.

Dann genüßlich meine persönliche Königsetappe von St.-Brieuc nach Quimper. Die kulturellen Einsprengsel könnten die Reporter bei mir gelesen haben, wie ich sie von anderen geklaut habe. Mûr de Bretagne verpasse ich, aber in Carhaix bin ich hellwach. Viele bretonische Flaggen, Zuschauermassen im Regen. Fast ein bißchen Sehnsucht. Von Quimper sieht man nichts, weil sie auf einer Art Parkplatz finishen.

M-Bar. Um 21:06 endlich die zweite Durchsicht des Sarajevo-Materials beendet, zuletzt sind es 420 Seiten geworden. Dann noch 21/2h alles fürs Internet zensieren, diesmal nur auf 89,22% gekürzt.

Glücklich und befriedigt zu mir. Die Bäume rauschen, es ist eine herrliche Stadt. Das ist die Befriedigung, die mir zusteht, für die man kämpft. Sport und tippen. Zu Hause Kluge im Gespräch über Bibelübersetzungen. "Dia-bolos", der Durcheinanderwerfer. Hätte ich eigentlich wissen können, von "Disko-bolos". Mal sehen, wie lange ich es behalte.

Kindheit: Die Trotz-Kisten mußten so etwas wie Beziehungskisten sein. Aber gegen was der Trotz?

12.7., Mo
Schlechter Schlaf, kaum bis 8 h quälen können, vom Sport?

Buch: Gottfried Prunkl/ Axel Rühle "Tito", rororo 1973, im Bett zuende.
7.5.1892 in Kumrovec geboren.
1907 Kellnerlehre. Nachts Kegel setzen.
Schlosserlehre.
1912 mit anderen 50 Arbeitern nach Böhmen in eine Metallfabrik. ?koda in Pilsen, Benz in Mannheim (!), Ruhrgebiet, Einfahrer bei Daimler in Wien.
1913 Militärdienst in der Ö-U-Armee.
"Das Eisenbahnnetz wurde hauptsächlich unter militärstrategischen Gesichtspunkten ausgebaut."
"Die Tendenz, sich den Russen zu ergeben, war bei den Soldaten der slawischen Völker der Donaumonarchie weit verbreitet."
1916 russ. Gefangenschaft, Sibirien. Petrograd
Juli-Demonstrationen, Flucht
Bei Omsk in die Rote Garde. Als Omsk im Nov. 1918 in die Hände von Admiral Koltschak fällt, flieht er in die Steppe, wo er ein Jahr bei Kirgisen verbringt.
1920 Hochzeit mit Pelageja Belousova
Rückreise im Heimkehrertransport zieht sich 9 (!) Monate hin. Petrograd, Narwa, Stetin, Wien. In Kumrovec erfährt er, daß die Mutter schon 1918 gestorben ist.
1.8.21 Attentat auf ehemaligen Innenminister und auf Prinzregent Alexander
"Die Bauern wurden auch von der KPJ als eher reaktionäre Klasse gesehen."
Parteiarbeit, Arbeit als Schlosser.
1928 Attentat auf Führer der Kroatischen Bauernpartei Stjepan Radi?
1928 Prozeß gegen Tito wehen Verbreitung kommunistischer Literatur. Zur Agitation genutzt.
1929 Zuchthaus Lepoglava. Dort Verbindung zu anderen Genossen, vor allem Mo?a Pijade, der das "Kapital" übersetzt.
1934 entlassen. Die Frau und der 10jährige Sohn "von der Roten Hilfe in die Sowjet-Union gebracht."
9.10. '34 Marseille, Attentat auf König Alexander I.
Tito zur Sicherheit nach Moskau beordert. "In den schwersten Stunden der schrecklichen Nächte mit endlosen Vernehmungen und Mißhandlungen, in Tagen voll tödlicher Einsamkeit in Zellen und Einzelzellen hielt uns immer der Glaube aufrecht, daß diese Leiden nicht vergeblich seien, weil ja ein starkes und mächtiges Land existiert, obwohl es weit entfernt ist, in welchem all jene Ideale verwirklichst sind, für die wir gekämpft haben."
36 Jahre später: Im Ural hätten sie Fabriken und Kolchosen besucht. "Die Dörfer waren ärmlich, und die Kolchosen sahen erbärmlich aus. Wie rückständig die Landwirtschaft in unserem Land auch war, es sah trotzdem besser aus, und der Lebensstandard der Bauern war höher."
Büro im Balkan-Referat der Komintern, Leiter Wilhelm Pieck.
Deckname "Walter", Hotel "Lux"
Ende '35 beginnt Säuberung der Komintern. "Es war meine revolutionäre Pflicht, nicht zu kritisieren und der ausländischen Propaganda gegen dieses Land nicht Vorschub zu leisten."
Es gab die Praxis, mißliebige Genossen ausländischer Sektionen durch schlecht gefälschte Pässe auszuschalten.
Rekrutiert Freiwillige für die Internationalen Brigaden in Spanien. Zur Reorganisation der KPJ genutzt, indem er potentielle Gegner nach Spanien schickte. Von 1300 Jugoslawen kamen 300 zurück. Viele davon in die SU befohlen und liquidiert.
"Im Laufe der Jahre 1937 und 1938 wurden fast alle Mitglieder des ZK der KPJ nach Moskau gerufen, wo sie nacheinander verschwanden." Tito fuhr nicht, später vielleicht von Dimitrov geschützt.
(Prinzip der Prominenz, die hohe Funktionäre schützt. Wen kann man opfern, um den Druck zu erhöhen, wen schützt seine internationale Prominenz? Wer wird zu groß? Funktioniert genau wie in einer Fußballmannschaft, wenn ein neuer Trainer kommt.)
Übersetzt Stalins Geschichte der KPdSU
1940 (geheime) 5.Landeskonferenz in Zagreb. Kontroverse mit den Vertretern Mazedoniens zur Frage serbischer Kolonisatoren in Mazedonien. Die Mazedonier arbeiteten zu dieser Zeit lieber mit der KP Bulgariens zusammen, die als führende Balkan-Partei angesehen wurde.
6.4.1941 Angriff Deutschlands auf Jugoslawien. In 11 tagen totale Niederlage. Teile Sloweniens besetzt, Gauverwaltung im Banat, Serbien unter Besatzungsrecht, ein Teil Ostserbiens und Mazedoniens von Bulgarien beansprucht (!)
Die Partei konnte nicht zum Aufstand rufen, wegen deutsch-sowj. Nichtangriffpakt.
Nach Angriff auf SU, Aufruf zu Kampf und Sabotage. Nur in Mazedonien hat sich die Parteiführung der Bulgarischen KP angeschlossen "die sich auf den Standpunkt stellte, daß Mazedonien durch die Annexion an Bulgarien national befreit ist." (!)
?etniks (also Mitglied einer ?eta-Kompanie) unter königstreuem Dra?a Mihailovi? wollen auf die Alliierten warten, nichts zun, um keine Repressalien gegen die Bevölkerung zu provozieren.
Treffen mit Dra?a, Mißtrauen, Bürgerkrieg zwischen Partisanen und ?etniks. Von Moskau werden die ?etniks bevorzugt.
Mit den landebundenen Bauern ("die eher dazu neigten, daheim zu kämpfen), kein Bewegungskrieg zu führen.
1942 Satzung der Arbeiterbrigaden: "In den Brigaden herrscht eiserne Disziplin. Diese Disziplin hat nichts gemeinsam mit jener der kapitalistischen Armeen. Es ist Selbstdisziplin, die auch dem Bewußtsein und der politischen Überzeugung jedes einzelnen Kämpfers beruht."
Eingeschlossen im Winter, von Moskau trifft keine Hilfe ein.
Auf den italienischen Muni-Kisten der cetniks steht: "Spare nicht mit Munition"
Großes Gebiet in Westbosnien befreit. 26.11.42 AVNOJ "Antifa?isti?ko ve?e narodnog oslobodjenja Jugoslavije" (Antifaschistischer Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens)
Jan. 1943 deutsche Offensive, mit Unterstützung von Usta?i, Italienern und ?etniks. Tito zieht sich zurück, die 4000 Verletzten in Gefahr. Partisanen haben keinen Kombattantenstatus, also nicht von Genfer Konvention geschützt. Gefangennahme gleich Todesurteil.
9.4.'43 Durchbrechen des deutschen Ringes in der Sutjeska-Schlucht.
3.9.'43 Kapitulation Italiens. Teile Italienischer Divisionen schließen sich den Partisanen an (!) Jetzt 300000 Partisanen.
Anglo-Amerikanische Militärkommission besucht Hauptquartier.
Erst nach Konferenz von Teheran ändert sich die Haltung der Sowjetunion zu den Partisanen.
Sept. '44 Besuch bei Stalin, um die Modalitäten eines sowj. Militärdurchmarsches zu klären. Nach den Operationen sollten sie das Land wieder verlassen. Sollten die Engländer landen, "würden wir entschlossen Widerstand leisten" (!)
Nach dem Sieg Verstaatlichung
19.6.'48 Kominform-Resolution. Tito und Dimitrov hatten über Balkan-Föderation verhandelt. Stalin schlägt Konf. mit Bulgarien vor, Tito lehnt ab.
Wirtschaftsboykott der Kominform-Länder.
Säuberung der Partei von Informbüroleuten (Siehe Kusturica: "Sje?a? li se Dolly Bell?")
Wirtschaftsprobleme.
1950 Gesetz über die Arbeiterselbstverwaltung.
Anfang der 60er neuer Nationalismus. "Wofür zum Teufel haben wir dann gekämpft?"
1965 Massenarbeitslosigkeit, Emigration von 700000 Arbeitskräften
Reisen in über 50 Länder für die Idee der Blockfreiheit.
1968 Invasion in Prag eindeutig verurteilt.
Im Literaturverzeichnis: Franjo Tudjman: "Über die Erforschung des Charakters der Volksbefreiungsbewegung und der Bedingungen, unter denen die Entscheidungen des AVNOJ gefällt wurden" (In: Forum II/10, 1963)
(Die Autoren 1973 37 und 35 geprägt von '68 und Erfahrungen in Betrieben. Noch ganz verliebt in die Idee eines dritten Wegs in Jugoslawien, ibs. der Arbeiterselbstverwaltung, als einer ökonomischen Alternative zu Sozialismus und Kapitalismus.)

Morgens den Mitschnitt vom philosophischen Quartett, Thema Bildung. Ortheil und einer, der eine "Reformuni Witten" gegründet hat. Bildungseinrichtungen zur Aufklärung, nicht ökonomisch verkürzt. Produzieren keine Maschinen. Das Resultat der Bildung sei per se offen.
Spiele zwanghaft im Kopf durch, wie ich auf die Fragen antworten würde, was ich überhaupt sagen könnte, um interessanter zu wirken als diese Leute. Man muß in den Aussagen konsequent bei sich und im anekdotischen bleiben.
Kapitalismuskompatible Menschen vs. Pathos der Nichttrivialmaschine. Bildung als Weltwerdung des Menschen. Ausbildung vs. Bildung. Humboldt: Seelenbildung. Im 19.-20.Jh. ein anthropologischer Wandel, die Seele stört jetzt, es geht auch ohne. Erziehungsmacht Markt ersetzt den Staat. "Der Markt hat die Qualität eines Drogendealers, gegen den Lehrer chancenlos sind. Ein Video mit Christina Aguilera zerstört mehr Bildung als wir in 5 Jahren aufbauen können". Die indirekte Erziehungsgewalt des Marktes.
Bildung ist Enttäuschung. Schülerschaft ist leere Subjektivität. "Eine träumerische, megalomane Masse, die nur durch Substraktion/Enttäuschung geformt werden kann." Bildung als "lange Demütigungsgeschichte".
Sollen 6jährige mit dem Laptop umgehen oder ein Instrument lernen? Instrument: "Die mühsame Assimilation an den Eigensinn des Objekts, die das neue Freiheitserlebnis des Spielens erst ermöglicht und damit Erfahrungen, die durch keine Droge ersetzbar sind."
Es sei erwiesen, daß man, wenn man keine lange Musik mehr rezipiere, keine lange, epische Prosa mehr schreiben könne.
Bildung als Methode, sich mit sich selbst nicht zu langweilen. Sich interessant zu machen, auch für sich selbst.

Mein eigener Bildungs-Roman fällt mir ein. Zentrale Erfahrungen und Enttäuschungen, eine Katastrophenbiographie, aber mit welchem Ausgang? Was ist das Finish eines Bildungsromans?

Egon Friedell: "Kultur ist Reichtum an Problemen"

3 h Fußball in der Halle. Anfangs gut, dann fehlt etwas die Kraft.

Schmerzen, aber nicht so schlimm wie letzte Woche. Nur der Rücken tut so weh, daß ich kaum einschlafen kann. Danach die Beine wieder annehmbar. Anruf von den Schweden, sie haben begeistert "Flüstern und Schreien" gesehen, mit jemandem, der es schon zehnmal gesehen hat. Rufe sogar für den Tagesspiegel-Nachruf bei Frau Siemsen an und verabrede mich für morgen.

- Was machen sie da?
- Ich schreibe an meiner Dissertation.
- Und zu welchem Thema?
- Weiß ich noch nicht, ich laß mich überraschen.

Sinnloser Spaziergang, Eckstein voll, schlechter, pappiger Makale in der Raumer, Kohlenquelle voll. Aber im Blaumilchkanal ein Platz, Schorle, Tomatensuppe, die Uhrengeschichte flutscht plötzlich. Schreiben: man zögert es hinaus, weil es eine Automatik bekommen muß. Die Spannung muß da sein, ein paar Ideen und auf den Rest muß man vertrauen können. Deshalb so eine Scheu, mit dem Tippen zu beginnen.

Nebentisch: Seine Oma sagte immer: Es gibt Küken, die schlauer als die Henne sind.

Die Königsetappe, es gibt zwar keine Berge, aber die Zuschauer sollen dort besonders aggressiv sein.

Ausgekoppelt: Der große und der kleine Zeiger

Dann auch noch die Notizen übertragen.

14.7.04 (Mi), Berlin, Seelower, nachmittags
13.7., Di
Baumschulenweg. Eine Cola im Imbiß "Pamukkale". Ein alter, glatzköpfiger Mann mit Gehhilfe spricht türkisch mit dem Verkäufer. "Pafekt, erste mal gekommen... pafekt..."
"Krawuttkes Currywurst". Eine Kneipe namens "Trauma". Ferienhafte Nachmittagsstimmung in einer vergessenen Straße parallel zu den Gleisen. Keine Renovierungen, Reste von Stuck. Friseurgeschäft. Kreideschrift: "Pisa".

Bruno-Taut-Bau. Jenseits der stark befahrenen Köpenicker. Setze mich in einen Korbstuhl. Alte Tapeten. Kaffee. Draußen rauschen die Autos vorbei. Die Signatur einer alte-Leute-Wohnung. Eine Lupe auf dem Tisch, eine mit Gummi zusammengehaltene Fernbedienung. Ein Wandkalender.
Immer wieder: "Das schreibense nich!"

Trauriges Erlebnis in einer Schule. FDJ-Sekretär bei ihnen: "Was für Fragen können wir stellen?" Der Veteran vor der Klasse, erzählt von Lateinamerika zum 35.Jahrestag der DDR. Die hätten alle geschwiegen "wie die Ochsen" "Ihr könnt alles fragen". Dann klingelte es, ein Blumenstrauß und sie rannten raus. "Nie wieder" (wir haben dann damals noch im Zeichenunterricht ein Bild von der Aktion gemalt)

Draußen das Gebäude der "Bezirksamt Treptow Abt. Jugend&Sport" Ein Schaukasten mit einem Zeitungsausschnitt "Polizeidirektion Treptow. Lieber mit dem Ball als mit der Waffe, Toleranz und Gewaltprävention."

Erinnerung an Gänge zum Kulturpark. Am Wasser. Einer Skulptur hat jemand eine Tüte Erdbeeren in der Hand gehängt.

Verfahre mich, lande aus Versehen in Neukölln statt am Ostkreuz. Hätte man sich früher nicht träumen lassen.

Sauna.

Im Ärztehaus ist alles voll, alle sind gleichzeitig im Urlaub. Kein Durchkommen bei den Rückenärzten. "Nur wenn es lebensbedrohlich ist".

Fernsehen: Kluge mit Prof.Dr. Elisabeth Bronfen aus Zürich.
Freud. Der kleine Junge spielt mit einer Spule, wirft sie weg und zieht sie wieder ran. Der abwesende Körper der Mutter wird in ein Bild übersetzt und damit gespielt. Ein doppelter symbolischer Mord. Der Vater bricht in die Diade Mutter/Kind ein und vermittelt Verbote.
"Der tote Sopran im 5.Akt"
"If it is performed, it is art/ if it is not performed, it is nuisance"
Vorläufer der Diven sind die Hysterikerinnen, noch ohne Kunstcharakter.
Sarah Bernhard am Ende nicht mehr mobil, ein Bein amputiert. Läßt, als der Stummfilm aufkommt, ihre Wohnung in ein Filmstudio umbauen, um noch einmal für den Film ihre großen Rollen zu spielen, das Alter spielt keine Rolle.
Ursprung des Lippentricks von Elvis (den Billy Idol kopiert) sei ein Lächeln.
"Norma" von Bellini, eine druidische Priesterin.
Im Krieg vertreten Frauen Partikularinteressen (Familie/Kinder), gegen allgemeine Staatsinteressen.

Ein Waffenstillstand zwischen den Geschlechtern nur in der Komödie.

14.7., Mi
Wieder nach 5 Stunden wach und mit Mühe bis 7 h gequält. Das erste mal im Leben über mehrere Tage Schlafstörungen.
Laufen, Hu-Hain, 2 Runden, 3 mal die Treppen, 1h10Min. Durchweg gutes Gefühl.
Beim Arzt, er ist ihre Schwangerschaftsvertretung. Ich soll Praxisgebühr bezahlen, obwohl der überweisende Arzt mir keine Überweisung geben kann, weil er im Urlaub ist. Tetanusimpfung. Die Rückenschmerzen seien muskulär.

World Coffee. Hans Mayer gekauft mit einer Rede über Heiner Müller. Und beim "Großen Atlas der Forscher und Entdecker" für 6,95 nicht widerstehen können. Dafür die Dimitroff-Tagebücher liegengelassen.

Kunkel kritisiert in "Volltext" seine Kritiker. Eigentlich nicht unangemessen, die Kritiken waren ja niveaulos. Ob es das Buch auch ist, haben sie nicht erkennen lassen. Sich auf das Echo im Ausland zu berufen, ist aber sicher für ein literarisches Werk nicht zulässig. Die lesen doch deutsche Texte überhaupt nicht richtig und interessieren sich nur für die Thesen. Die Nazis als Biotop des zukünftigen Menschen, eine Utopie, die von Amerika vollstreckt wird. Hat vielleicht ein bißchen viel gelesen.

Verzichte auf Mittagsschlaf, um die Notizen zu übertragen.

16:00 M-Bar, Treffen mit den beiden Schweden, die hier eine Wohnung gemietet haben, um ein Buch über Berlin und Ostdeutschland zu schreiben. 3 h auf Englisch die DDR erklären, ohne Ertrag für mich, trotzdem kann ich es nicht lassen.

Abendstimmung auf der Schönhauser, eigentlich eine besondere Atmosphäre, wenn man übermüdet ist.

Ich leide inzwischen an einer Müdigkeitsphobie, aus Angst, die Arbeit könne unter Müdigkeit leiden. Dabei ist man müde oft produktiver, wenn man den Punkt überwunden hat. Man konzentriert sich besser auf das wesentliche, neigt nicht zu Ausbruchsversuchen. Ähnlich wie mit Alkohol.

Im Bagelladen am Hackeschen Markt ein äußerst unappetitlicher Antipasti-Teller für 7 Euro. Die meisten Zutaten halb vergoren. Jugendliche Reisegruppen stehen offensiv im Weg rum. Dann in einem Café in den Hackeschen Höfen, lese das Siemsen-Buch. Eine Frau beschwert sich, weil ein Ausländer aus ihrer Jugendgruppe seinen Pullover verloren hat, und sie sich nicht dafür zuständig fühlen. Manche Leute werden gleich ausfällig, wenn sie sich mißverstanden fühlen. Wenn ich jedesmal so auf den Putz hauen würde.

Schlechte Verfassung wegen Überarbeitung und leicht fiebriges Gefühl von der Grippeimpfung, aber der Film lenkt mich ab.

Film: "Cat on a hot tin roof", Hackesche Höfe
Die große Begeisterung vom ersten mal bleibt aus, da die Schwächen einem nicht entgehen. Trotzdem, goldene Zeiten der Dramatik, als zwischen den Menschen das wesentliche noch verschwiegen wurde. Wo nicht alles ausgesprochen wird, bleibt Raum für Dialoge. Bleibt sie wegen Geld oder Sex bei ihm? Wie es zwischen ihnen funkt, trotz des Streits. Schon kafkaesk, die quälende Enkelkapelle. Sie will das Erbe für ihn erstreiten, Big Daddy mag sie und ihn und wird sterben.
"I'm not living with you, we occupy the same cage"
"You can be young without money, but you can't be old without."
Die Mutter, eine Begütigungsmaschine. Die Eltern, das Vorbild für die eigene Rolle, weibliche Duldsamkeit, die sich auch von Schmähungen nicht von der "Liebe" zum Tyrannen abbringen läßt, männliche Misogynie.
Vater: "Mein Leben lang war ich wie eine geballte Faust"
Wie Lügen ertragen ohne Alkohol.
Die Wahrheit über seinen bevorstehenden Tod motiviert den Szenenwechsel im Keller, weil er sich nach unten zurückzieht.
Vater spielt auf den "Klick" an, von dem der Sohn sprach, dadurch deutet sich an, daß er über den Dialog vorher nachgedacht hat und die Figur bekommt Eigenleben.
"Europa ist nur ein riesiger Räumungsverkauf"
Sein Vater war Hobo, er hat ihn selbst an einem Gleis begraben. Hat ihm nur einen Koffer überlassen. Sohn: nein, er gab dir "love" statt Geld.
"Love", als intaktes soziales Konzept, heute ist auch das dekonstruiert.
Opa/Vater/Sohn gespiegelt, denn auch er begleitet ihn in den Tod.
Der Schluß mit der durch die Überwindung der Lüge wieder entdeckten Libido wirkt wie aufgesetzt.
Schwach ist doch, daß die Sympathien so eindeutig verteilt sind. Daß die Rollen physiognomisch codiert sind. Die scheußliche Schwägerin und die lahme Ente von Bruder.

15.7., Do
Morgens Siemsen-Artikel.

Fernsehen: Bronfen bei Kluge.
Nietzsche: "Er war ein Schauspieler seiner Ideale"
Nietzsche ? Vom Nutzen und Nachteil der Historie
- monumentalistisches Geschichte erzählen (die Erinnerung an die Helden ist wichtiger als das eigene Leben)
- archivarisches
- kritisches (richten und vernichten)
Wahrheiten sind Fiktionen, die wir als Fiktion nicht mehr erkennen (in: Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne)
"Gladiator" ? monumentalistisch/entlastend, passiv zur Vergangenheit. Das amerikanische Erzählkino immer auch selbstreflexiv.
Oper/Hollywoodkino populistisch, große Gefühle, Charisma, Star in der Manege, Politik/Populismus.
"Cross-Mapping" ? im akademischen Milieu. Philosophie und Hollywoodkino ? Karten "übereinanderlegen", die Bruchstellen beschreiben Shakespeare und Hollywoodkino vergleichen. (genau meine Vorstellung von Kulturanalyse, mit der ich an der Uni nicht durchgekommen bin)
Plötzliche Sehnsucht, doch an der Uni zu sein, Seminare zu geben, täglich mit neugierigen, jungen Menschen zu diskutieren. Gemeinsam Streifzüge in die Welt des Wissens zu unternehmen.

Film: "Geheimauftrag Dubrovnik" ("The secret invasion", Regie: Roger Corman, USA '66)
2.Weltkrieg. Ein englischer Offizier (Stewart Granger), der seinen Bruder in Dubrovnik verloren hat, stellt eine Gruppe von Verbrechern zusammen, Fälscher, Mörder, Betrüger, ein irischer Sprengstoffspezialist. Sie sollen den italienischen General Quaddri aus der Festung Duvbrovnik entführen. Er sei kein Nazi und seine Soldaten würden ihn lieben. Mit ihm wären die italienischen Truppen auf dem Balkan neutralisiert, so daß deutsche Kontingente gebunden wären, wenn die Alliierten in Italien landen.
Zwei Versuche, sich davonzumachen scheitern. (Das Zögern des Helden vor seiner Mission.)
Sie landen mit dem Schiff. (Höhle des Löwen.) Sie graben vom Friedhof aus einen Tunnel. Der Partisanenfilmklassiker: um nicht von den Deutschen entdeckt zu werden, hält er einem Baby den Mund zu. Dabei erstickt er es. Und das, wo er sowieso der Mörder mit den toten Augen ist. Aber er ist am Boden zerstört.
Der typische deutsche Offizierssadist: "Ihre Haltung und ihre Disziplin verraten zweifellos den britischen Offizier".
Im Gefängnis gewöhnen sie sich an, mit dem Finger zu schnippen, um ihren Ausbruch koordinieren ohne Uhren zu können: "Euer Körper soll lernen, Zeit zu empfinden."
Der Betrüger gibt sich als deutscher Offizier aus, der Sprengstoffspezialist legt eine Ladung, der Mörder tötet. Dabei gehen sie nacheinander drauf. Mit ihrem Opfer werden sie in die Gesellschaft zurückgeholt. Besiegelt durch den anerkennenden Händedruck des englischen Offiziers, der jetzt auch an ihre Loyalität glaubt. Weil er wegen einer Wunde nicht weiterkann, opfert sich auch er und lockt seinem Blut die Hunde auf die falsche Fährte.
Der von ihnen entführte General Quaddri stellt sich als Double heraus. Seine Truppen jubeln ihm begeistert zu. Der Mörder findet die Lösung: er wirft seine Mönchskutte ab, unter der er eine SS-Uniform trägt und ermordet Quaddri. Daraufhin wird er erschossen, aber die Italiener sind jetzt gegen die Deutschen und stürmen gemeinsam mit den Partisanen die Festung.
"Loro sono i nostri nemici? combattere per il generale Quaddri!"
Raf Vallone aus "Pate III". Henry Silva aus "Ghost Dog" und dem Original von "Oceans Eleven".
Die Idee, sich für einen Spezialauftrag kriminelles Know-How nutzbar zu machen. Schon vor "The dirty dozen" ('67, Robert Aldrich)
Das Modell später in Richard Conte "Operation cross eagles" kopiert.

Chaussee: Leicht fiebrig vom Impfen. 200 Leute. Zu aggressive Ansage.
Sheryll Crow sei seit ihrer Lisaison mit Lance Armstrong so etwas wie die amerikanische Eva Braun.
Beim Uhrentext nur hier und da ein Glucksen.
Sebastian Krämer wird dagegen gefeiert. Schon etwas verletzend. 3 Offene Mikros. Hoffentlich schreiben sie nicht so, weil sie denken, daß wir so schreiben. Keine Lust an der Formulierung erkennbar.

Bei der Disko die üblichen Pöbeleien: "Wann spielst du denn mal wieder was anständiges?" Und wenn man nicht gleich tut, was sie sagen: "In deinem Alter solltest du aber flexibel sein."

16.7., Fr
Rekord über 5 Km, 19:54 Min. Nach einer Runde gar nicht dran geglaubt, doch noch etwas fest vom Training, aber dann schwer kämpfend durchgebissen.

Zu Stephan Tour gucken. Ulrich läßt am ersten richtigen Berg abreißen. Ein Valensina-Eis schmeckt überraschend gut. Danach beim Türken ekliger in Dressing schwimmender Salat, auf den ich ewig warten muß.

Teresa im H-Café. Nur 11/2 h haben wir, aber keine Minute wird veschwendet, man kommt kaum dazu, aufs Klo zu gehen. Wie anregend so ein geistiges Duell. Immer mehr wird mir klar, daß ich noch kein so interessiertes und viellesendes Mädchen getroffen habe, mit einer so dezidierten politischen Haltung. Natürlich ist der Preis dafür ihre Ignoranz gegenüber Dingen, die sie als abgehakt betrachtet. Männerthemen, männliche unreflektierte Romantik und Larmoyanz, absurder Humor, totalitäre, romantische Denker.
Was ist ein Intellektueller? Was ist Engagement? Will es Günter Grass nicht mehr zugestehen als mir. Seine Meinung zur SPD wird zwar jederzeit gedruckt, aber ist das Engagement?
Mängel der Repräsentationsdemokratie. Carl Schmitt ist ihr wichtig, die Linke hätte ihn doch gar nicht ignoriert. Über Spezialisierung, die Unmöglichkeit, die Fakten gut genug zu kennen sei eine postmoderne Ausrede. Ich sei ein postmoderner, weil ich mich mit meinem Schreiben als "empresa", Firma sehe. Es wundert sie, das von mir zu hören. Die künstlerische Schaffensnotwendigkeit, die immer eine Entschuldigung ist, unwirtschaftlich zu denken, Ausrede für die Ausbeutung des Künstlers, mit der Begründung, er mache seine Arbeit ja aus innerer Notwendigkeit.
Thomas Mann sei "un petarde" als Intellektueller. Er sei überhaupt keiner gewesen. Obwohl "La montana magica" eine brutale Kritik der bürgerlichen Gesellschaft gewesen sei ("un gojo", der Schluß). Ich sehe nicht die Kritik der bürgerlichen Gesellschaft, ich sehe das komisch-rettungslose Porträt eines jungen Menschen und seiner faszinierenden Umwelt. Die Ironie als Luftschutzbunker des bürgerlichen Bewußtseins unter den Bomben der neuen Epoche.

Tube bei der Lokalrunde vertreten. Mitreißend die Mariadjis, nettes Publikum.
Lampen von "Ilka-Plast Walsrode"

17.7.04 (Sa), Berlin, Seelower, nachmittags, heiter-wolkig
Morgens Freud "Zeitgemäßes über Krieg und Tod". Angenehm unsinnig, wie er von sich auf die Menschheit schließt. Ein großes Talent dafür, alles mit Sex in Beziehung zu bringen. 1915 als Reaktion auf die ersten Kriegsmonate geschrieben.
Der Krieg lehrt uns: "Daß der Staat dem Einzelnen den Gebrauch des Unrechts untersagt hat, nicht weil er es abschaffen, sondern weil er es monopolisieren will wie Salz und Tabak." (siehe Putin-Jukos-Affaire)
Unser Gewissen ist kein unbeugsamer Richter, sondern entspringt "sozialer Angst".
"Illusionen empfehlen sich uns dadurch, daß sie Unlustgefühle ersparen und uns an ihrer Statt Befriedigungen genießen lassen."
Triebschicksale. "Die meisten Mitleidschwärmer, Menschenfreunde, Tierschützer haben sich aus kleinen Sadisten und Tierquälern entwickelt."
"Kultur ist durch Verzicht auf Triebbefriedigung gewonnen worden."
Einfach ein großer Wortschöpfer: Liebesprämien, Triebveredelung, Kulturgehorsam
Vielleicht sei ein gewisses Maß an Kulturheuchelei unerläßlich zur Aufrechterhaltung der Kultur.
Völker und Staaten als "menschliche Großindividuen"
Entwicklungsstufen bleiben immer gleichzeitig erhalten.
"daß wir mit jedem Einschlafen unsere mühsam erworbene Sittlichkeit wie ein Gewand von uns werfen." "daß alle unsere Träume von rein egoistischen Motiven beherrscht werden"
"Die Bedingung, unter welcher wir uns mit dem Tod versöhnen könnten, wenn wir nämlich hinter allen Wechselfällen des Lebens noch ein unantastbares Leben übrigbehielten." (Computerspiele)
"Noch heute ist das, was unsere Kinder in der Schule als Weltgeschichte lernen, im wesentlichen eine Reihenfolge von Völkermorden."
"Denn die Liebe kann nicht um vieles jünger sein als die Mordlust"
"Das Gesetz der Gefühlsambivalenz, das heute noch unsere Gefühlsbeziehungen zu den von uns geliebten Personen beherrscht."
"Die Philosophen haben behauptet, das intellektuelle Rätsel, welches das Bild des Todes dem Urmenschen aufgab, habe ein Nachdenken erzwungen und sei der Ausgang jeder Spekulation."
"Gerade die Betonung des Gebotes: Du sollst nicht töten, macht uns sicher, daß wir von einer unendlich langen Generationsreihe von Mördern abstammen"
"Wir beseitigen in unseren unbewußten Regungen täglich und stündlich alle, die uns im Wege stehen, die uns beleidigt und geschädigt haben... unser Unbewußtes mordet selbst für Kleinigkeiten.. jede Schädigung unseres allmächtigen und selbstherrlichen Ichs ist im Grunde ein crimen laesae majestatis"
"In dem Kreuzfeuer der gegenseitigen Verwünschungen wäre die Menschheit längst zugrunde gegangen."
Witz: Ehemann: "Wenn einer von uns beiden stirbt, übersiedle ich nach Paris."
"Den zärtlichsten und innigsten unserer Liebesbeziehungen hängt mit Ausnahme ganz weniger Situationen ein Stückchen Feindseligkeit an."
"Man darf sagen, die schönsten Entfaltungen unseres Liebeslebens danken wir der Reaktion gegen den feindseligen Impuls, den wir in unserer Brust verspüren."

Blättern in "Deutsche Erinnerungsorte", 3 dicke Bände spannende Aufsätze zu Themen wie "Karl May", "Rechtschreibung" und "Kulturbunker".

Doku: Gartenbaukunst.
Versailles, die Sichtachse.
Die Türken vor Wien geschlagen. Mozart schreibt einen türkischen Marsch, im Schwetzinger Park entsteht die Moschee und das türkische Bad.
Ruine und pastorales Zitat (Windmühlen)
In China ein Lotussee
Japan, Moosgarten, 40 gezüchtete Sorten Moos. Harken in Zengärten.
Englische Gärten, die Grenze zur Natur kaschieren. Stowe? Buckinghamshire(?)
Kenntnisse über chinesische Gärten aus der Ostindienkompanie
Sanssouci, Hauptachse nicht aufs Schloß zugehend, sondern quer.
William Kent
Storehead? Der sentimentale Garten
Wörlitz, der erste Landschaftsgarten auf dem Kontinent.
Kew? London, Paradiese unter Glas.
Garten der Sinne, Charles Janks (?) Schottland
Postmoderner, fraktaler Garten. Rasenschnecke im See, Spiralpyramide, "spirituelle Ortschaft, die die Zeit aufhebt"

Micha behauptet, Schweigen sei wichtiger als reden. Aber man muß auch auf demselben Niveau schweigen.

Kinovorschau, der Mund von Emmanuelle Béart. Sie haben einen schon so verdorben, daß man sich kaum mehr vorstellen kann, daß er nicht gespritzt ist, dabei war er schon immer so.

Fim: "Supersize me", Kulturbrauerei
Eigentlich die Erfüllung des alten Traums von politischem Agit-Prop, daß es nun ausgerechnet aus Amerika kommt, zeigt nur wieder, wie wesensverwandt Amerika und Rußland sind. Offensichtliche Materialmanipulationen zugunsten der Dramatik. Er kann tun, was er will, aber wenn er in diese Hamburger beißt, werde ich neidisch.
30000 Filialen weltweit. Die Amis haben im Schnitt 22% Körperfett. Wenn man asozialen Kindern in der Schule gesundes Essen gibt, schlagen sie sich weniger gerne tot.

Berliner Szene: Low-fat-food im Schusterjungen
Sechs Schriftsteller zum Feierabend im "Schusterjungen", einer ißt Kartoffeln und Quark mit Leinöl im Schusterjungen, die Marathondiät falle schwer, nachdem "Supersize me" eben doch Appetit gemacht habe. Die historische Mission der Amerikaner sei die Reise zum Mars, die Fortsetzung des "Go west". Deshalb sei das ideale Essen für sie die Kosmonautennahrung von McDonalds, die keine Erinnerung mehr an ihre Herkunft enthalte, sondern rein synthetisch sei, eßbare Zukunft. Wer schon in "Muxmäuschenstill" gewesen sei? Die Idee sei doch von Hitler geklaut. Das Filmmotiv der Selbstjustiz, ein Mann nimmt das Recht in seine Hand. Was dafür das Vorbild sei? Eine antike Tragödie oder Charles Bronson in "Ein Mann sieht rot"? Die Hybris des Helden, der am Ende selber zum Diktator wird und sich eigentlich selbst abschaffen müßte. Ist das nicht das Robespierre-Modell, der Terror der Tugend? Oder Michael Douglas in "Falling down". Daß die Amerikaner neurotische Verhaltensweisen des Helden immer mit Verweisen auf seine Kindheit begründen. Dabei sei das erschreckende doch, daß der Mensch einfach ohne Vorwarnung ausraste. Das Leben sei doch keine Rechenaufgabe. Die Begründung solle wohl die Zuschauer beruhigen. Das Geschehen wird zum "Fall" und sie zu Schaulustigen. Aber würde der Zuschauer eine sinnlose Erzählung überhaupt zulassen? Verschwörungstheorien als Sinngebungen zur Rettung des Bewußtseins, die erfolgreichste Verschwörungstheorie liefere die Bibel mit der Genese. Nach dem Modell füge jeder die disparaten Details aus seinem Leben zu einer Erzählung zusammen, deren Held er ist, und für die er mit seinen letzten Worten auf dem Totenbett eine Interpretationshilfe liefere. Laut Freud hält sich jeder für unsterblich. So wie die Stars in Kriegsfilmen bis zum Schluß durchkommen. Bei "Scream" gehe Drew Barrymore allerdings gleich am Anfang drauf. Der wirkliche Krieg sei ein Schock, weil das Schicksal sinnlos zuschlage. Der Trend zum U-Bahn-Schubsen wird erwähnt, seine zufälligen Opfer, und wer von uns immer automatisch zurücktrete, wenn die Bahn einfahre.
Ob wir noch was wollen, fragt der Wirt. Na gut, einen Kümmerling.

18.7.04 (So), Berlin, Seelower, nachmittags, Sonne, warm
9:50 auf. Eigentlich 25 Km Rekord laufen wollen, aber nach 5 Km abgebrochen. Dampfende Laufbahn, schwül, dann heiß und sonnig. Außerdem noch ganz steif vom Freitag. Enttäuscht, trotz der gewonnenen Zeit.

Buch: Pieter Siemsen "Der Lebensanfänger ? Stationen eines politischen Lebens"
Das eigenartige an Autobiographien, die Brüche, die übergangen werden. Teils, weil verschwiegen wird, teils, weil man sie selbst nicht durchschaut. Weil man auf Ereignisse fixiert ist, und nicht die kleinen psychischen Begebenheiten oder Idiosynkrasien beschreibt. Schließlich ist man es gewohnt, kein Aufhebens zu machen.
"Wer zu großen Zielen unterwegs ist, darf sich an kleinen Dingen nicht stoßen", womit das Aushalten der Deformationen des Sozialismus begründet wird.
Tante und Vater für die SPD im Reichstag
KPOO (Kommunistische Partei Opposition Opposition), Abspaltung der KPO (Kommunistische Partei Opposition), die sich 1928 on der KPD abgespalten hatte.
Eine Gruppe von Kommunisten trat mit dem Parteiauftrag in die SAP ein, die Genossen allmählich in die KPD zu holen
In London von der Gild of Youth eingeladen. Ging mit einem Mädchen durch den Park spazieren, erzählte ihr vom Sozialismus, bis sie ihn traurig ansah und sagte: "Und was ist mit mir?"
'32 sagt Frick (späterer Berliner Polizeipräsident) im Reichstag zum Vater: "Du Lump hängst zuerst"
Wegen "Belastung des Schweizer Arbeitsmarktes" nach Deutschland ausgeliefert.
Arbeitsdienst, '35 Militär. Liest in der Freizeit Völkischen Beobachter und "Angriff". Verdächtig: "Was lesen sie eigentlich immer?"
Gratisüberfahrt nach Argentinien.
Setzer. Animierkneipen. Die Frau bekommt gefärbtes Zuckerwasser statt Weinbrand, der Mann zahlt.
Die Streitsucht der Linken "Ich erinnere mich gut an eine Diskussion mit einem trotzkistischen Genossen, der höchst unzufrieden war, weil ich ihm recht gab."
Beim Hitler-Stalin-Pakt stellten die Kommunisten Agitation gegen Hitler ein, vorrangig den US-amerikanischen Imperialismus bekämpfen.
"Von Montevideo aus schickten wir ein Grußschreiben an die sowjetischen Kämpfer von Stalingrad."
3 Einwanderungswellen:
- nach dem Sozialistengesetz
- 33
- 45 Nazis.
Argentinien war das letzte Land, das Hitler den Krieg erklärte
15 Jahre in Argentinien die beste Zeit seines Lebens
52 nach Deutschland, zunächst Hamburg, Osnabrück. Kleinbürgerstammtische diskutieren, warum "wir den Krieg verloren haben". Zusammen mit dem Juden wäre es gelungen. "Adolf mußte den Italiener, die feige Sau, am Schwanz mitschleppen, und das hat uns das Genick gebrochen."
Einbürgerung in DDR gelingt nicht gleich. Alle halten ihn für verrückt, in "die Zone" zu gehen.
Lernt eine Frau kennen, die von "Schönheitstänzen" lebt. Will zu ihr in die DDR "Wollen sie mich verscheißern?" Dann schmiß sie ihn plötzlich raus aus der Laube. Sein sozialistisches Gequassel ginge ihr "uff den Keks"
Heirat über Annonce. Seine Wirtin versucht es daraufhin auch, erfolglos: "Wat soll ick mir in meen Alter noch mit een Mann belasten. Die ollen Männers sind wie die ollen Katers, tun nischt, sitzen in de Ecke und stinken..."
Scheidungsurkunde aus einer Stadt in Mexiko, die von Fernscheidungen in aller Welt lebte.
'58, über Bekannte lernt er Lilly kennen, die in Sachsen auf Bauernhof lebt. Beeindruckender Vater, Maurerpolier. "Diese Art Arbeiter, Proletarier, Mensch, hatten Marx und Engels wohl im Visier, als sie das Kommunistische Manifest schrieben." Als er fürs ND geworben werden soll: "Nein danke, ich habe noch genug vom alten Deutschland."
Bei Prätendentenbesuch immer gegen die Decke geklopft. Unbesehen abgelehnt, denn er hatte den Sattel nachgemessen, "der Mann ist zu klein für dich".
Als sie noch ein Baby war, trugen sich verschiedene Lunzenauer mit der Absicht, nach Mexiko auszuwandern. Ein Voraustrupp kam aber nicht zurück.
Ihr Großvater, ein Baum von einem Mann, erhängt sich 1896 nach dem Tod der Frau im Wald.
Kubareisen 60/61. Begegnung mit Landsleuten: "Kumpel, ich sage euch, ganz Havanna ist ein einziger Puff". Touristen warfen Münzen auf die Straßen und ergötzten sich daran, wie die armen Leute darum kämpften.
Die Prostituierten wehrt er ab, mit der Begründung, arbeiten zu müssen. "So geht das nicht weiter, wir müssen ja auch leben. Wir müssen unbedingt mit Fidel sprechen, damit er uns hilft und die Leute nicht so viel arbeiten, daß sie dann keine Zeit mehr für uns haben"
Asociación de Limpiabotas Revolucionarios ? Vereinigung der revolutionären Schuhputzer
Mit DDR-Wirtschaftsdelegationen. Als er einmal Geld gibt: "Das darfst du nicht machen, du unterbindest damit den Klassenkampf. Die Menschen müssen um ihre Rechte kämpfen und nicht auf Almosen hoffen."
Generalvertreter von Nestlé in Mexiko. Warum er in der DDR sei. "Wegen der kommenden Freiheit." "Sie sind da sehr im Irrtum, die wirkliche Freiheit haben wir hier. Wir bestimmen die Bedingungen unserer Mitarbeiter und keine Gewerkschaft kann uns hereinreden."
Manche begrüßen ihn mit Hitlergruß, denn Hitler sei ein "Kämpfer gegen die USA" gewesen.
Lebensfazit: zwischen '32 und 2000 kaum eine Änderung im politischen Geschehen beobachtet.

Hans Mayer über die Gide-Tagebücher: Freundschaften und Leidenschaften verkümmert. Das Chronik stets hungrig nach neuer Lebensmaterie.
Schwer erschüttert, weil seine von ihm vernachlässigte Frau seine 20 Jahre alten Liebesbriefe an sie einfach vernichtet hat.
"Ganz bei sich selbst ist er nur, wenn er alles niederschreibt, was ihm begegnete an Erfreulichem und ? mit Vorliebe ? an Unerfreulichem, denn Gide genießt als Schreibender seine Niederlagen."
Unfähig, neben dem zum Druck bestimmten Chronik ein "unschuldiges" "intimes Journal" zu führen.
"Der Leser wird ständig gebeutelt von Empfindungen der Bewunderung und des Abscheus. So glaubt er, mit deinem besonders schwierigen und widerspruchsvollen Menschen als Leser seinen Umgang zu haben, begreift aber sogleich, daß eben diese widerstreitenden Empfindungen höchst kunstvoll durch den Chronikschreiber André Gide kalkuliert und produziert wurden."

Totaler Stromausfall im Haus.

Essay über die Marlboro-Werbung. Ein Mann reitet ein Pferd zu. Ein alter Mann sieht ihm dabei zu, auf dem Zaun sitzend. Im Hintergrund die Rocky Mountains. Der Reiter nähert sich dem scheuenden Pferd und reicht ihm die Hand. Das Pferd guckt auf die Sporen. Er verführt das Pferd. Anschließend die Zigarette danach auf der Veranda.

Film: "Kalina Krassnaja", (Regie: Wassili Schukschin), Babylon-Mitte
Schön, als noch die Namen der Synchronsprecher angegeben wurden. Fred Düren spricht die Hauptrolle, Lotte Loebinger.
Der Film muß ein Vorbild für "Brat" sein. Der asoziale, im Grunde aber doch moralische Mensch, der tief aus dem Herzen Rußlands kommt. Die an ihn glaubende Frau, wie bei Dostojewski. Ihre Bauerneltern, die ewigen Dulder, altgläubig, mißtrauisch, von der Arbeit gebeugt, wie Märchenfiguren. Ihr Bruder, der Frontkämpfer, ein gutmütiger Bär.
Häftlinge vom "Sojus neruschimich" singen "Wetschernij Zwon".
Kaum draußen, redet er mit den Birken, die er so lange nicht gesehen hat.
Mit einem Kassettenrekorder über der Schulter durch die Stadt.
Die metaphorische Märchensprache, auf deutsch ein Kunstidiom.
"Bin doch keine Hühnerfeder, die jeder Wind vor sich hertreibt!"
Im Knast hatte er eine Briefpartnerin, die er aber nie gesehen hat. Fährt aufs Dorf zu ihr, die seine Augen so vielsagend traurig fand und seine Briefe auswendig weiß.
In der Teestube fällt er gleich auf: "Hier sitzen wir ja wie zwei Haare auf einer Glatze, die glotzen doch alle." Das Gewürz-Service aus Plaste auf dem Tisch.
Ob er sich anpassen wird? "Für manche Pferde ist die Peitsche Gift. Man darf nicht vom Stand in den Galopp."
Ihr hängt das traurige Frauenportrait von Repin am Hals. Später taucht es noch einmal als Gemälde auf.
Spricht mit sich: "Du bist müde geworden, wie ein Gaul bergan."
Er war ein Dieb, nicht für Geld, sondern weil er so ist, versteht es selbst nicht, im Grunde ja aus Lebenslust.
"Sie empfängt ihn und erhängt ihn"
Gibt sich vor ihren Eltern als Buchhalter aus, der für Betrug eines anderen im Knast saß. Vater: "Ein Buchhalter hat ein leichtes Stirnchen. Brille, und im Fernsehen sieht er am liebsten Ballett. An deinem Schädel könnte man sechs Monate alte Ferkel totschlagen"
Ob sie sich gestritten hätten: "Nichts doch... da war n Floh, und wir haben n Stiefelschaft draus geschnitten"
Er soll die Unterwäsche von ihrem Ex tragen, den sie wegen Alkohol rausgeschmissen hat. Sie verstehen nicht, daß das für ihn demütigend ist. "Wie tief kann man noch sinken?"
Nach der ersten Nacht treibt es ihn wieder in die Stadt, wo er aber bei allen Frauen abblitzt.
Arbeit in der Kolchose, Fahrer vom Chef will er nicht sein. Dafür mit einem panzerartigen Dampfpflüger auf den Feldern, wieder Gespräche mit Birken.
Dann spüren ihn seine alten Ganovenfreunde auf und erschießen ihn.

Hinterher ist der Himmel schwarz und es windet wie in dem Klimakatastrophenfilm. Weil ich es nicht vor dem Regen nach Hause schaffe, ins Burger. Cäsar haut wütend ab, weil behauptet wurde, Gott habe auch den Wein erfunden. Nur Schorle. Um 11 weg und im warmen Regen zu mir. Noch zweimal den Siemsentext durch.

McDonalds hat vielleicht die geheime Mission, die Araber zu verweiblichen, über die dem Fleisch beigemischten Östrogene, damit sie weniger aufbrausend sind.

19.7, Mo
Morgens nochmal den Siemsentext. Packen, Auto abholen. Ziehe den Notizblock aus der Tasche, und es kommt eine Motte raus.

Mittags nach L. Autobahn bis Vogelsdorf, Wehmut beim Passieren von Buch, und man muß so schnell fahren. Gedenkstätte Seelow, sie haben noch kein neues Heft.

Väter sind dafür da, einem zu zeigen, wie man Insekten mit Schachteln und Papier von Scheiben holt.

Bunker in Falkenhagen, 6 Stock unter der Erde. C. hat beim Angeln ein Echolot dabei, und damit im See unter Wasser eine Betonrampe geortet.

Ein Heft zum Christa-Wolf-Archiv. Schon durch das Ungesagte sage man beim Schreiben die Unwahrheit.

Eine ist mit einem Jordanier verheiratet, den sie in der S-Bahn kennengelernt hat. Die Familie hat jetzt Angst, daß es "ein Schläfer" ist.

Schreibe man in der Schule "Futur" an die Tafel, behaupteten die Schüler, da fehle ein "e".

Der höchste Berg Spaniens ist auf Teneriffa.

Den ersten Wein seit 10 Tagen.

Nachts denke ich erst, mein Magen knurrt. Dann stehe ich nochmal auf, weil ein Nachtfalter so laut brummt und rumort. Die vielen Insekten, die nicht durch die Gazeschicht können.

20.7.04 (Di), Alt-Lipchen, nachmittags, Sonne, warm
Buch: Slavenka Drakuli? "Café Paradies" morgens zuende.
Im Grunde ist dieser lockere, Glossenstil enttäuschend. Das Buch ist von '96, bei Volk und Welt erschienen und mit dem Bankrott des Verlags vom Markt verschwunden. Damals war noch nicht so viel über den Ostblock sinniert worden, vielleicht kam es zu früh. Inzwischen sagt es einem kaum noch etwas neues. Schön ist, daß die Gemeinsamkeiten im gesamten Ostblock gesehen werden und nicht nur in der DDR. Schlechte Zähne, miese öffentliche Toiletten, mürrischer Service, "Armut, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Sauferei; der Geruch von Kohlsuppe und faulen Kartoffeln." Der Grundgedanke ist, daß man die Vergangenheit nicht vergessen soll. So einfach ist es aber auch wieder nicht. Anekdoten über die Anpassungsschwierigkeiten an den Westen, vor allem der Intellektuellen. Eingefleischte Verhaltensweisen und feudale Untertanenmentalität. Aber was will sie eigentlich sagen? Und dann enthält jeder Artikel nur einen Gedanken, der zu breit ausgewalzt wird. Ärgerlich, weil wir inzwischen viel besser schreiben.
Sie fühlten sich als Jugoslawien in Prag oder Budapest überlegen. Interessant, für uns reichte es schon, Berlin zu verlassen.
Ein Litauer: "Europa ist dort, wo... nicht Rußland ist!"
"Demokratie, von ihnen wird sie als Naturkatastrophe empfunden, die über uns hereingebrochen ist, und nicht als etwas, das man begreifen muß, für das man sich einsetzen muß und das es zu entwickeln gilt."
Der Kitsch von Elena Ceaucescus Badezimmer, dem alle nacheifern. Der Traum einer Generation von Bauern, die gerade erst vom Land in die Stadt beordert wurden.
Elena Ceaucescu habe an Waisenkindern beweisen wollen, daß man Grippe mit kochendem Wasser behandeln kann.
Die Vorstellung, im Westen seien alle reich. Deshalb sei es nur gerecht, die Touristen auszunehmen.
"Aber woher sollen Menschen, die zwischen Geld und Arbeit nie einen Zusammenhang gesehen haben, wissen, daß es nicht vom Himmel fällt?"
Mentalität der Zwangsarbeit. "Niemand wird durch Arbeit reich. Die Menschen glauben, es müsse da einen Trick zum Geldverdienen geben."
"Sich auf Politik einzulassen, bedeutete früher stets, ein Opportunist zu sein."
Tu?man zeichnet in London im August 95 eine Karte von Bosnien, wie er es aufteilen will auf eine Serviette. Mit einer Goldfeder, die ihm ein reicher Kroate aus Chicago (München oder Toronto) geschenkt hat.
Zu Belgrad: "In meinem Teil der Welt lautet die Grundregel: Je näher zur Peripherie, desto weniger Asphalt und Beton auf den Höfen und Straßen, desto mehr Gerümpel, Baustellen und Armut. Die Häuser werden kleiner und schäbiger, wirken wie in den Boden gerammt, eingezwängt zwischen riesigen halbfertigen Apartmentblöcken, die im Niemandsland emporschießen."

Woran ist die DDR zugrunde gegangen? Nicht an fehlender Präzision in der Klassifizierung ihrer Waren. Am Wandspiegel im Bad klebt immer noch das Etikett vom Kauf:

VEB OSKO Neugersdorf
Betriebs-Nr.93258282
Konsolspiegel 4040-3
H-fg 3 III TGL 24254
ENN 15318123
HSL 619123003050
Garantiezeitraum 2 Jahre
1 Stück EVP 17,65 M

Was einen an den Fliegen eigentlich stört ist diese spürbare Gier. Welches Risiko sie eingehen, weil sie sich nicht beherrschen können.

Jeder gute Text ist eine Grabrede auf ein Gefühl.

Tagesspiegel ruft an. Das "ich" müsse raus aus so einem Text. Alles in den Imperfekt setzen.

In einem Buch ein Motto von Faulkner: "Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen." Das ist doch auch der erste Satz von "Kindheitsmuster". Hat Christa Wolf das also geklaut?

Tschechow in einem Brief an Olga Knipper: "Menschen, die seit langem einen Kummer mit sich herumtragen und an ihn gewöhnt sind, pfeifen nur vor sich hin und werden oft nachdenklich."

"Mädchen stehlen die Schönheit" (der Mutter), erfahre ich.
Sie versucht, einen Frosch nach einem Grashalm schnappen zu lassen, so mache man das.

Miruts Yifter hieß der äthiopische Mittelstreckler, für den ich 1980 in Moskau so mitgefiebert habe.

21.7., Mi
Buch: Alexander Solschenizyn "Ein Tag im Leben des Iwan Denisowitsch", im Bett zuende.
Nicht mehr nachzuvollziehen, die Wirkung dieses Buchs. Hatte es die eher im Westen? Oder beruht sie darauf, daß es überhaupt in der Sowjetunion erscheinen konnte? Haben die Leser genau gewußt, was er alles nicht sagen darf? So ist es ein fast harmloser Gefängnisbericht, wie er an Grausamkeit weit übertroffen wird von den bekannten amerikanischen Knastfilmen und den Berichten von KZ-Insassen. Kaum psychische Demütigungen, nur die Last der vielen Jahre, die man durchhalten muß, ohne schuldig zu sein. Viele sitzen, obwohl sie Kommunisten sind. Beschrieben wird vor allem die Praxis des Überlebens im Lager, die tausend Kniffs und Tricke, die man sich aneignet, das ständige aufpassen, um Vorteile zu bekommen, oder Tauschbares zu finden, ein Stück von einer Klinge, Kartoffelschalen, ein Stück Stoff. Wie man seinen Kapo/Brigadier schmiert, der wiederum für das Überleben des Zugs verantwortlich ist, indem er sich gegen die anderen Brigadiers durchsetzt. Darin stark an die Armeezeit erinnert.
Das größte Problem sind Hunger und Kälte. Sie hoffen auf ?40 Grad, weil sie dann nicht zur Arbeit müssen.
1942 an der Front: "Es war so weit gekommen, daß man die Hufe der krepierten Pferde abschabte, dieses Hornzeug in Wasser aufweichte und verschlang."
Von den Deutschen gejagt, hinter die Linien geraten, zu den eigenen sich durchgeschlagen, die meisten von den eigenen dabei erschossen. Die anderen als Spione ins Lager gesteckt.
"Wer ist der größte Feind des Häftlings? Der andere Häftling."
"Die Ärzte kurieren einen doch bloß in die Jacke aus Holz hinein."

Mückenmittel "Autark"

Die Spinnweben im Fenster vom Schafstall. Wie sie die Augen verdrehen, der Rand schon ganz fettig von ihren Köpfen.

Spaten "Britta" mit besonders glattem Griff. Westspaten hatten eine praktische, umgebogene Trittfläche. Alles aus dem Westen war haltbarer, schöner und praktischer.

Karl Förster: "Das Leben ohne Phlox ist ein Irrtum"

Eine zerfallene Hornisse im alten Schrank. Ihr Panzer liegt in Ringen da, der Körper zu Staubhäufchen zerfallen

VEB Kofferfabrik 1203 Müllrose
Betr.-Nr.: 91181816
Warenbez.: Reisekoffer
Art.-Nr.: 43-R-3
Schl.Nr.: EAN 16991321
Material: Hartplast
Gütezeichen:
Prod.Zeitraum
Schl.Nr.BHSL 2913286
Größe 80
EVP M 12,50

Westliche Zahnpastaspender wurden von allen heimlich benutzt. So eine praktische Idee, die Zahnpasta auf den Kopf zu stellen.

Antimückenspray: "Schützt vor Mückenstichen"
VEB aerosol-automat Karl-Marx-Stadt, DDR
HSL 839410 Inhalt 135 g
EVP 6,00 M
ELN 14939410

17:30 mit dem Auto zurück. Autobahn. 1h34.

Auto abgeben und zu mir. Laufen: 62,5 Runden in 1h 59:54. Zum ersten mal die 25 Km unter 2 h. Bis 50 ging es, dann viel Überwindung. Danach schmerzen die Beine so, daß ich lange nicht einschlafen kann.

Do, 22.7.
Morgens angenehmes Gefühl, kein Muskelkater.

Er hat in Baumschulenweg jahrelang den angebrannten Suchardgeruch aus Westberlin gerochen. Siemsen muß ich noch einmal korrigieren, dann nimmt er es.

Ausgekoppelt: Stephan Zeisig, ein Denkmal wackelt

Chaussee: Ansage: Ihr habt es vielleicht schon in der Zeitung gelesen, daß ich einen Rekord über 25 Km gelaufen bin.
Volker: das schönste an der Geschichte ist, daß ich sie mir bloß ausgedacht habe
Gutes Improvisieren. Ich hätte bisher nur deshalb Alkohol getrunken, um den Effekt eines Höhentrainingslagers zu erzielen.
Dan: ich zerriß 50 Euro in kleine Schnipsel und verteilte sie an die Armen.
Irina-Story mit erstaunlichem Anklang. Zwischenapplaus
Zwei Radsport-Dialoge mit Stephan. Einen mit Jan Ulrichs Original-Helm, wozu wir uns einen gelben Motorradhelm aus dem Publikum borgen.
Bohni: ob man für Weißensee eine Malariaschutzimpfung braucht
Stephan: "Ines, du stöhnst falsch, ich weiß, das ist nicht der richtige Moment, aber wenn ich es dir jetzt sage, kannst du dich gleich korrigieren."
Dietmar ist also auch Spezialist für "biegeschlaffe" Teile.
Stephans enthusiastische Disko, Chemical Brothers.
Mit der offenen Frage, was eigentlich "Bantam" heißt nach Hause.

Disko: Ein Typ beschwert sich: "Sei mal nicht so einfallslos, spiel einfach jetzt die ganze Platte von den Strokes hintereinander"

Zurück gerast, alte Wohnung 12:00, neue 14:47.

Fr, 23.7.04
Laufen, Hu-Hain, 2 Runden, Berge, 58 Min. Schon warm, aber herrliches Gefühl, obwohl noch spürbar gezeichnet vom Mittwoch.

Noch einmal die Rechnung für Zeitz, diesmal mit Steuernummer. Endlich "Kurzstücke Sarajevo" für die Stiftung durchgesehen. Das jetzt monatelang vor mir hergeschoben, und dann einfach in einer Stunde erledigt, gerade noch vor dem Etappenfinale.

Einkaufen, die Beutel werden immer schwerer.

Salat, Gurkensalat, Gnocchi, 12 Minuten Schlaf. Berliner Szene: Schusterjunge fertig.

21:00 M-Bar. Mir gegenüber ein aufgewecktes Mädchen mit zwei Trantüten, gleich weiß man wieder, was für Frauen man mag. Erzählt was über die Entstehung der Restaurantkultur. Dadurch, daß die Köche der Adligen nach der Revolution arbeitslos geworden sind, habe sie sich erst entwickelt. Klingt nach einem Uni-Seminar.
Nur mit Apfelschorle bis 0:40, aber nur 25 Seiten Chronik zu redigieren geschafft.

Beim Gehen spricht mich einer an, was ich denn da die ganze Zeit schreibe, "Kurzgeschichten, Debütroman?" Ich hätte jetzt 4 Stunden gesessen, bewundernswert, sich so konzentrieren zu können.
Also, was ich da schreibe, ich überlege fieberhaft, was mir am wenigsten peinlich ist: "Einen Reisebericht über Bosnien" Warum sagt man nicht, daß man Autor ist? Warum ist das peinlich?

Frasier-Folge. Das Phänomen der Übertragung, die therapeutische Einfühlung des Arztes wird als romantisches Interesse mißdeutet. Besonders nach starken Kränkungen. (Bei mir ist es umgekehrt: das romantische Interesse wird als therapeutische Einfühlung mißdeutet.)

Jährlich kommen 12000 t Heroin auf den Weltmarkt. 20000 Mohnkapseln braucht man für ein Kilo.

Sa, 24.7.04
Fernsehen: 1860 zerstören die Engländer aus Rache den kaiserlichen Sommerpalast mit der größten Bibliothek der Welt, das Gedächtnis des alten China. (Neulich auch in der Gartendoku, daß der heutige Palast ein Nachbau ist.)

Es wäre ja leicht, wenn ich mich jetzt nur auf die Tour konzentrieren würde, würde ich auch gewinnen, aber ich muß ja noch in der Chaussee lesen.

Nach Fernsehen lust- und mutlos. Hans-Mayer-Aufsatz über Hermlin und Thomas Mann, um mich wieder anzukurbeln. Daß die Lust zu schreiben nur beim Lesen erwacht.

Ausgekoppelt: Berliner Szene: Sportunterricht im Jahnsportpark

So, 25.7.04
15 Runden-Rekordversuch trotz guter Zwischenzeit abgebrochen. 3000M in 12:18 und 1000er Rekord 3:23.

Im Nachmittagssonnenschein mit Bärbel zur Kunsthochschule Weißensee, Tag der offenen Tür. Sarahs Arbeit, ein Modellvergleich der Räume in Murnaus Nosferatu und Coppolas Drakula.
Der Rasen vor dem Haus, alle wirken so friedlich und talentiert. Das ganze Haus voller junger Menschen mit Freude an ihrer Tätigkeit, Buchgestalter, Bühnenbildner, Designer, Maler.
Als Geburtstagsgeschenk: eine Porzellanhülse mit Botschaft. Man muß sich entscheiden, ob man die Hülse zerstören will, um die Botschaft zu lesen.
Fotomontagen mit am Himmel schwebenden Neubaublocks. Ein simpler Einfall mit großartiger Wirkung.
Comicentwürfe. Eine Serie kleiner Siebdruckbücher mit Kürzestgeschichten.

Warum der Staat die Ausbildung von Menschen bezahlt, die mit diesen Kenntnissen dann auf dem freien Markt ihr Glück machen. Eigentlich müßte man sich so eine Ausbildung doch selbst finanzieren, oder sie müßte von den entsprechenden Firmen organisiert werden. Wo liegt der Vorteil einer staatlichen Ausbildungsinstitution, außer, daß sie umsonst ist? Aber heute argumentiere man genau umgekehrt: der Staat solle an seinen Unis nur noch die effektiven Fächer bezahlen. Dabei müßte der Staat doch gerade die ineffektiven bezahlen, die bei denen nicht klar ist, ob sie jemals Profit abwerfen.

Ob die unverfälschte bäuerliche Ästhetik eigentlich schön sei, oder nur von uns so empfunden werde. Daß Stil und Geschmack politisch sind. Denn sie beeinflussen die Gesellschaft ja auch moralisch, davon bin ich überzeugt. Unumstritten bei Architektur, aber was ist mit Tapeten, Schrifttypen, Autokarosserien? Das alles wirkt von ihm bemerkt oder nicht auf die Stimmung des Menschen ein und prägt am Ende seine Moral. Was könnte politischer sein? Oscar Wilde: "Nur oberflächliche Leute urteilen nicht nach dem Aussehen. Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare."
"Die Oberfläche", im Zusammenhang mit der Popliteraturkritik eine dauernde "Kategorie". Gehört die Haut zur Oberfläche? Und ist es dann ein oberflächliches Ereignis, gestreichelt zu werden? Was ist das Gegenteil von Oberfläche? Der Mythos des Tiefen, Wahren, Verborgenen, lächerlich, wo es nur um Codes geht.

Noch ein 9.November: die Mostar-Brücke am 9.11.93 zerstört.

Film: "Citizen Kane", 21:30 im Babylon mit Stephan Zeisig, 3. mal.
Das Mädchen am Getränkestand mit "Dobar wetscher" begrüßt. Mehr weiß ich nicht mehr.
Totale auf Xanadu, das sicher auch nach dem Vorbild vom Mont St-Michel skizziert wurde.
Ein Wohnsitz, auf dem es von jedem Tier ein Paar gibt, wie im Paradies.
"Sein Reich ist größer als sein Vaterland" (denn es besteht aus seinen Zeitungen)
Bezahlte sein Imperium mit einer geerbten Goldgrube. Ursprüngliche Akkumulation.
Der Kapitalist als Dandy und Außerirdischer. Kane kommt aus Europa zurück (Hamlet...), um sein Erbe auszuschlagen. Er will nur die bankrotte Zeitung übernehmen, der Rest interessiert ihn nicht.
Abwechselnd als Kommunist und als Faschist bezeichnet. "Ich bin Amerikaner" Bis heute das amerikanische politische Denken, wo sich jeder Kandidat als Patriot bezeichnen muß. Eine eklige "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche"-Logik.
1916 wegen einer Affäre nicht zum Gouverneur gewählt.
Der Rückzug großer Männer in ihr selbst entworfenes Mausoleum, wo sie auf den Tod warten.
Aus den Versionen der Zeitgenossen ein Bild von seinem Charakter gewinnen. Das Erzählprinzip also schon vor Kurosawas "Rashomon". Wo zuerst in der Literatur?
Das fragmentarische moderne Subjekt, seine nicht auf einen Punkt zu bringende Identität. Existiert nur als Schnittpunkt verschiedener Versionen.
Die Katze Erinnerung. Der Mitarbeiter Bernstein erinnert sich immer noch an ein Mädchen, das er einmal ein paar Minuten auf einer Fähre beobachtet hat. Denkt immer noch oft an sie. Topos von Baudelaire "An eine, die vorüberging", Großstadtphänomen, der Mensch in der Masse, die verpaßte Gelegenheit als Dauerzustand.
Sie suchen nach der Bedeutung seiner letzten Worte: "Rosebud". Denn hier vermuten sie den Schlüssel zu seinem Wesen. Am Ende ist dieses Innerste, was ihn ausmacht, die Trennung von der Mutter, der Liebesentzug, aus der seine eigene Unfähigkeit, Liebe zu geben folgte, aber auch sein Ehrgeiz und sein Narzißmus, die Grundlage seiner Erfolge. Der Mensch, das gequälte Individuum, entsteht immer erst im Moment der Trennung (es gibt nur ein Gestaltwerden durch Verlust/Verzicht/Opfer/Schmerz)
Das Archiv eines Lebens, hier ist es gleichzeitig das Filminventar und wird am Ende des Films von den Hausangestellten ins Feuer geworfen.
Der Populismus seiner Blätter ("Bild hilft dir"). Der Mythos vom an Fraktionen/Ideologien nicht gebundenen Patrioten, der einen direkten Draht zu den Nöten des kleinen Mannes hat.
Oft aus der Schule geflogen. Topos des Selfmademans (Tom Sawyer, Michel, der später Bürgermeister wurde). Große Männer müssen als Kinder asozial gewesen sein. Nur so können sie das soziale Korsett ihrer Zeit überschreiten und nach ihren Werten neu definieren.
Das Faszinierende: Orson Welles' eigene Karriere/Hybris schon vorweggenommen in der (von ihm dargestellten) Hauptfigur seines ersten Films. Das war nicht mehr zu übertreffen.
Die Reliquie der Grundsatzerklärung seiner Zeitung. Inventar des historischen Moments (welche anderen später sehr wichtigen, aber improvisierten Dokumente sind so bekannt geworden? Stalins Plan von der Deutsch-Polnischen Grenze?)
Seine spätere 2.Frau kennt ihn nicht. Er trifft sie zufällig auf der Straße, als er auf dem Weg ins Lager war, wo das Erbe von der Mutter lag. Den Zauber des Zufalls ehren. Dem Zufall Bedeutung geben, sich daran festklammern, Sentimentalität der Midlife-Crisis, in der man den bedeutsamen Moment herbeisehnt. Wunsch nach Neubeginn, Reinheit des einfachen Mädchens nach der Ehe mit der Präsidentennichte.
Sie dilettiert als Sängerin. Er baut ihr eine Oper, weil er will, daß die Menschen sie so lieben wie er. Größtmögliche Ambivalenz: er liebt ihren Gesang, weil er in seine eigene Liebe verliebt ist. Er weiß genau, wie schlecht sie singt, aber er hört nicht den Gesang, sondern etwas anderes, worauf er zeichenhaft hindeutet, nämlich die ersten Begegnungen mit ihr, als sie ihm vorgesungen hat. Sein Freund soll die Kritik zur Aufführung schreiben und kann nicht über seinen Schatten springen. Kane schreibt den Verriß selbst zuende und feuert den Freund.
In Xanadu verbringt sie die Abende mit puzzlen, genau wie der Film ein Puzzle ist.

Im Regen zum Burger. Meine These verteidigt, der Autor sterbe erst nach Vollendendung seines Werks. Dietmar behauptet, ich sanktioniere damit KZs und Brustkrebs. Dabei ist es doch ein Glaubensgrundsatz und keine beweisbare Tatsache. Es kann nicht sein, daß Texte ungeschrieben bleiben. Wenn man daran nicht mehr glauben kann, ist alles vorbei. Dann werden die Karten neu gemischt. Das ist die Ausgangsposition, der Menschen, die die Barbarei im KZ erlebt haben und sehen müssen, wie man danach weitermachen kann.
Eigentlich müßte es aber nach meiner These schon ausgeschlossen sein, einen Text durch Computerabsturz zu verlieren.
Mit I.: Arbeiter und Büromenschen hätten ein härteres Leben als ich, längere Arbeitszeit, noch viel schlimmere Selbstverleugnung und ohne Ruhm zu ernten. Hätten sie mehr lernen können in der Schule? Ausbrechen und kreativ sein, sei immer noch nicht anerkannt. Gehen Talente verloren, weil sie nicht gefördert wurden?
Der 3.Welt den extensiven Weg verbieten, den der Westen für sich inzwischen schon zurücknehmen will? Sie nicht die gleichen Fehler machen lassen, wie wir? Unser Verhältnis zu den Entwicklungsländern ist das von Eltern zu ihren Kindern: "Ich weiß besser, was gut für dich ist". Sie wissen es wirklich besser, aber die Individuation ist nicht möglich, wenn man es als Kind schon einsieht.
Brecht/Müller, das Wissen um die Rolle eines Teils der proletarischen Massen als Stütze des Faschismus. Müller findet, die BRD sei eine Wiederholung alter ökonomischer Muster, die die DDR, wenigstens in der Theorie, überwunden hätte. In der DDR leben hieß in der Zukunft zu leben. Nach der Vereinigung würden Brechts frühe Stücke wieder aktuell. Dabei war die DDR eine Form von feudalistischer Kolonisierung der eigenen Bevölkerung zum Nutzen einer Führungsmafia. Erst als der Opportunismus überhand nahm und zuviele profitieren wollten, brach sie zusammen.
Ist die heutige BRD wirklich eine Wiederholung der alten kapitalistischen Lebensweise? Dann gibt es keine neue Dramatik, weil die alten Stücke noch funktionieren "Wir sind bei uns nicht angekommen, solange Shakespeare unsere Stücke schreibt." (H.M.)

Film: New York Stories.
Die Scorsese-Episode: Nick Nolte als Malerberserker, der sich Assistentinnen hält, denen er New York bietet, seine Kunst, Geld und sein Bett. Dann will sie gehen und schläft in ihrem Verschlag, direkt in seinem Atelier mit einem Latin-Lover, der ihn bewundert. Er malt die Nacht durch, weil eine Ausstellung angesetzt ist. Quält sich mit diesem Verhältnis. Das alte romantische Märchen vom durch Schmerzen geborenen/ mit Schmerzen bezahlten Kunstwerk. Primitive Ökonomie der Schöpfung. Trotzdem tröstlich anzusehen.
 
Zurück zu Jochens Homepage: www.enthusiasten.de/jochen.htm Hinweise und Kritik: chronik at enthusiasten.de

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