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Chronik
Wednesday, November 17, 2004
  24.09.04, abends
Film: "Ironia sudby", Regie: E. Rjazanow
Ein Film aus dem kollektiven sowjetischen Bewußtsein, weil er seit '74 jedes Silvester im Fernsehen kommt. Alles ist so perfekt und dabei doch charmant auf einen Kultfilm hininszeniert, dabei haben sie damals nur ihre Arbeit gemacht und vielleicht gar nicht so gedacht. Eine Verwechslungskomödie am Silvesterabend. Ein junger Mann über 30 will endlich heiraten. Wie immer trifft er sich mit den Klassenkameraden am letzten Tag des Jahres in der Banja. Sie machen ihn besoffen und stecken aus Versehen ihn statt des anderen ins Flugzeug nach Leningrad. Dort schleppt er sich zu einer Straße, die heißt, wie seine Moskauer, dort steht ein Haus, das die Nummer seines Moskauers hat, es sind ja auch die gleichen Plattenbauten. Sogar sein Schlüssel paßt in der Wohnung mit seiner Nummer, die Schrankwand ist auch die gleiche.
Dann kommt die Mieterin, die an diesem Abend ebenfalls ein romantisches Treffen mit ihrem Freund hat, von dem sie einen Heiratsantrag erwartet und der sehr eifersüchtig ist. Sie will ihn rausschmeißen, aber er ist zu betrunken und denkt immer noch, er sei bei sich zu Hause.
Am Ende einer langen Nacht werden die zwei sich kriegen. Vorher fährt er doch wieder ab nach Moskau, und man überlegt, wie der Plot wohl zuende geführt werden müßte. Er kommt heim, redet mit der Mutter und legt sich hin. Und dann kommt der einzig mögliche Schluß: ihr Schlüssel paßt ja auch bei ihm, und sie taucht in seiner Wohnung auf und steht plötzlich neben seinem Bett.
Die Aussage: wer sich nie besäuft und immer nach der Regel lebt, wird auch das Schicksal nicht herausfordern und das große Glück nicht finden. Fast hätte er die falsche geheiratet.
An den emotionalsten Stellen nehmen sie die Gitarre und singen sich herrliche Lieder vor. Auch viel rezitierte Lyrik.
In einer Klamotte wäre nach der Hälfte Schluß gewesen. Aber es ist genau austariert, es gibt nüchterne Momente, wo auch ein bißchen die Tragik der um ihr Glück betrogenen eigentlich vorgesehenen Partner zur Sprache kommt. Und daß man sich eigentlich nicht einfach in einer Nacht umentscheiden kann für ein anderes Leben.
Die Nostalgie, die schon die moderne, damals noch nagelneue Einrichtung erzeugt. Diese aufgeräumten gut beheizten Weihnachtswohnungen. Plattenbauten im Schnee. Bei jedem wohnt noch die alte Mutter.
Kult wird das auch, weil alle im selben Boot saßen. Überall gab es diese Viertel, alle lebten nach dem gleichen Rhythmus, sahen das gleiche Programm. Und dann so eine Boy-meets-girl-Variante nach dem Grundatz, zwei so zusammenzubringen, daß zunächst die größtmögliche Abneigung zwischen beiden besteht, und am Ende müssen sie sich kriegen, was aber jedem von Anfang an klar ist.

25.4., Sa
Morgens den Rest von "Ironia Sudby", der immerhin 3 Stunden dauert.

Einkaufen, in Deutschland so eine leichte Übung, alles steht an seinem Platz. Es gibt einen Bettdeckenhalter (Blanchet anchor) für Babys. Und Nuk-Dentinox-Gel "für das zahnende Kind".

Die junge Heldin aus "Strana gluchych" war die Russin aus "Good bye, Lenin".

Was es alles nachzuholen gibt: Müller am DT inszeniert, der nächste Woody Allen, ein hochgelobter neuer Wim Wenders, und alle haben zur Buchmesse einen neuen 600-Seiten-Roman geschrieben, ohne den ich mir ein Weiterleben nicht vorstellen können soll.

In der Titanic eine Humorkritik, die vorgibt, die "Brillenschlange" zu besprechen, sich aber pauschalisierend zu den Lesebühnen äußert: "Logisch, daß der trainierte Vortragsstil genuiner Slammer vermehrt auch auf Lesebühnen Einzug hält."
Das ist an Absurdität kaum zu überbieten, wo wir uns doch gerade bemühen, nicht wie Slammer zu klingen, die ja auch gerade nicht trainiert lesen, sondern unerträglich den ödesten überholten Theaterton aufgreifend. Jedenfalls die, die ich erlebt habe.
"Auch so erklärt sich jene, verglichen mit arroganten Siebziger-Jahre-Experimenten geradezu ehrfürchtige Publikumspflege, die zunehmend betrieben wird: Empfangen doch die Autoren vom Auditorium praktisch ihre komplette Versorgung, auch, was ihr Selbstbewußtsein angeht."
Woher will er das mit dem Selbstbewußtsein wissen? Ist es nicht gerade andersrum, daß mich jede Lesung wieder runterzieht, wenn ich mich gerade mal gut gefühlt hatte? Und ist es nicht erfreulich, wenn Auftretende ihr Publikum pflegen?
"So daß Lesebühnen als Prototypen funktionierenden unsubventionierten Kunsttreibens gelten können - worauf sie ruhig ein bißchen stolz sein dürfen. Schon deshalb würde ich gern auch echte Helden dort erleben, Autoren also, die nicht bloß unspektakulären Alltag besingen, sondern auch mal dichtend diese Situation überwinden, und zwar glaubwürdig. Eine Liebesgeschichte, ein Drachenkampf, ein gelungener Ölwechsel am Auto, wär' das nichts?"
Ist Ölwechsel kein Alltag? Und Liebesgeschichten? Die doch auch dauernd vorgelesen werden? Ach, was befasse ich mich überhaupt mit so einem Unsinn. Text für Text muß einzeln bewertet werden und das Thema spielt überhaupt keine Rolle, ist das immer noch nicht klar?
"Dichtend die Situation überwinden"? Das ist allerdings eine sehr romantische Vorstellung von den Wirkungen des Schreibens.

Durs Grünbein in der Berliner Zeitung. Jüngster Büchner-Preisträger kann ich also auch nicht mehr werden. Vielleicht ja noch ältester.

Am 21.9. Barbara Antkowiak gestorben, Nenads Übersetzerin, die fast alle jugoslawische Literatur übersetzt hat, die mir in die Hände kommt.

Pötter in der Taz ein Artikel gegen die Nicht-Läufer, die sich nur an einem Tag im Jahr nicht gegen die Läufer stellen: "Warum wählt ihr Adipositas statt Adidas?"

Marathonmesse. Es gibt keine Finisher-Shirts mehr, nur massig gelbe in XXL mit dummen pseudowitzigen Sprüchen auf dem Rücken. Was haben die für eine Vorstellung von ihrem Publikum? Eine Gruppe Japaner ist ganz irritiert, jetzt haben sie den weiten Weg gemacht und kriegen kein T-Shirt. Überlegen anscheinend schon, ob sie wieder abreisen. Keine Körperfettmessung gefunden, bei den Nudeln zu lange Schlange. Fil kommt mir entgegen, kenne ihn aber nicht genug für ein Kopfnicken. Auf der Rückfahrt leichtes Fiebergefühl.

Story: Spektakuläre Selbstmorde.
Vor einen Stadtrundfahrtbus werfen.
Hinten an einen Stadtrundfahrtbus hängen und durch die Stadt schleifen lassen.
In den Neptunbrunnen beißen und sich mit Wasser vollaufen lassen.
Aus dem Flugzeug springen und sich auf der Spitze des Fernsehturms aufspießen.

Spielplatz, Ha schreit und wirft die Banane in den Sand. David Wagner, den ich erst nicht stören will, weil er mit Kopfhörern dasitzt und sicher klassische Musik hört. Aber dann, wie sich herausstellt, doch nur die Konferenzschaltung von der Bundesliga.

Kaffee im B-Kanal. An der "Kohlenquelle" die Mauer aus Quietschpappe nachgebaut, Filmkulisse. Nudeln beim türkischen Italiener Kopenhagener. Ha schreit ausdauernd. Wenn ich sie halte, komme ich mir vor wie King Kong mit der weißen Frau, so wehrt sie sich dagegen.

Kindheit: daß der Beverly Hills Cop nicht etwa Axel Foley, wie mein Schulkamerad, sondern "Exl".

Ganz geplättet von den vielen Nudeln. Erkältungsbad. Schwäche. Vitamin C. Verdauungstee, Schlaf- und Nerventee, Baldrian, Iberogast.
Im Marathon-Forum gelesen. Horrorgeschichten über zu frühes Laufen nach einer Infektion. Hartwig Gauder, der Weltklassegeher, mußten sie deshalb ein (bzw. das) Herz transplantieren. Ein Fußballspieler von Carl-Zeiss Jena sei auch einfach tot umgefallen. Überlege hin und her, ob ich es riskieren soll.

26.9.04 So, Berlin, Seelower
Abends der Bauch unruhig. Nerventee und Schlaftee. Baldrian, Iberogast, 75,8Kg, 37,1°
22:15 im Bett, einschlafen können. Bis 3:15 durchgeschlafen, dann stundenweise.
Morgens 6:50 geweckt, 36,8°, recht frisch, 74,2 Kg. Duschen.
2 Vollkornstullen mit Banane und Landrahm. Kein Tee, kein Kaffee. Vitamine und Iberogast.
Tapen: linker Zeigezeh mit 3 Pflastern und Schaumstoffpad.
Kurzes Hemd, lang drüber, Regenjacke. Kurze Leggings, Trainingshose. Mit Fahrrad zum Lehrter Bahnhof. 8:06 aus dem Haus. Nieselregen, das Fahrrad schwer zu bewegen.
1 Powerbar, 1 eingepflastertes Ibuprofen, zwei Taschentücher, Basecap. Doch noch die langen Socken. Am Start ein schönes schwarzes Hemd geopfert.
Warmmachen hinterm Haus der Kulturen. 8:45.
Im Startblock F, fast bei E über die Absperrung geklettert. Wäre auch nach Start noch gegangen. Hemd weggeworfen. In der Menge wird einem richtig warm. Eine Südländerin bückt sich, um sich die Schuhe zuzubinden und drückt mir ihren von modernem Textil umspannten Po in die Seite, das erotische Highlight dieses Jahres.
Ganz und gar unsicher, wie es laufen wird. Es ist schon sehr unangenehm kühl mit dem Niesel, aber die meisten laufen kurz. Plasteplanen seien doch gestern auf der Messe verteilt worden.
Man sieht wieder abenteuerliche Trinkgurte, auch schlappernde Taschen oder einen Gürtel mit baumelnden 6 Gel-Packungen wie eine Adventskette.
Bis auf den ersten Km immer unter 5:00, überraschend. Freue mich auf Be und Ha in der Torstraße.
Km 5 halbe Banane. Ab da immer getrunken, z.T. Tee.
Ab 15 schon die Km gezählt. Bei 21 den Powerbar, der zu trocken ist. Nächstes mal wieder Gel nehmen.
Gänsehaut bei den Trommelkapellen. Auch wenn einen manche von ihnen eher aus dem Rhythmus bringen. Assi-Mutter und Tochter tanzen für uns auf ihrem Balkon zu "Space-Cowboy". Oder vom RBB eine Marathon-Version von "Dragosta din tei": "Weg da weg da, geh mir aus dem Weg, geh mir aus dem Weheheg."
Leichter kühler Wind zwischendruch, aber nicht unangenehm. Eher für die Beine.
Ab 25 langsamer geworden und nur noch an die 30 Km gedacht. Es ist klar, daß es ein Lauf wie beim zweiten mal wird und mit dem schlimmsten zu rechnen ist. Wenn man welche überläuft, die einfach gehen, zieht das die Moral runter.
Ein älterer Mann mit Stützstrümpfen bis zu den Knien überholt mich. Mehrere Asiaten, die sich vorne und seitlich bis zum Knie hoch Pflaster geklebt haben.
Es zieht sich bis zum Kuhdamm. Dort nur noch mit Schmerzen Schritt für Schritt. Fast auf 6:00Min/Km runter.
Ab 38 doch noch mal beschleunigt, die Schmerzen sie ohnehin dieselben. Der Führer wäre stolz auf mich. Wieder auf 5:30/Km, um vielleicht noch unter 3h40 zu bleiben.
Die letzten 3 Km Keuchen, das einen irgendwie tröstet.
Endlich unter den Linden. Aber die Straße ist endlos, man sieht das Ziel, was nicht gerade aufbaut, wenn es nicht näher kommt. Am Rand gehen manche oder kämpfen mit Krämpfen.
Bei mir tut nur die linke Fußsohle weh. Keine Blasen. Eher Angst, kreislaufmäßig noch Überraschungen zu erleben.
Nach dem Brandenburger Tor gefightet. Die Beine lassen es noch zu anzuziehen.
Zeit: 24:26/49:01 (24:34) / 1,13:46 (24:45) / 1,39:07 (25:21) HM: ca. 1:44:45
2,04:29 (25:22) / 30Km: 2,30:57 (26:27) / 2,58:52 (27:55) / 3,27:47 (28:54)
Marathon: 3,39:46 (11:58)

Im Ziel eine Minute Atemnot. Die Füße grausam. Man läuft wie auf Messern und muß sich noch 10 Minuten zum Kleider-LKW durchschlagen. Eine Hübsche als Medaillen-Überreicherin ausgeguckt, aber eine andere drängelt sich vor. Nichts zu trinken bekommen, nur eine Plane.
Sachen holen, auf den Rasen sinken, gierig trinken. Vipratox-Einreibung. Mühsam in die warmen Sachen, aber diesmal fast ohne Krämpfe, kann sogar die Schuhe ausziehen.
Dann mit der warmen Mütze zurücklehnen und ein bißchen gerührt sein wegen der überstandenen Schmerzen.
Mit dem Fahrrad über Torstraße zurück. Zwischendurch anhalten wegen Schenkelkrämpfen rechts, Wadenkrampf links. Kaufe Cola und Knoppers, dann geht es.
Das war dieses Jahr Training in Mannheim, Kahla, Krakau, Oderbruch, Minsk.

Bohni will wissen, was Mehlieren ist. Schlage ihm vor, die Forelle wiederzubeleben. Die Innereien kann man bestimmt mit einem Computerprogramm ersetzen.

Kindheit: manche Mädchen schrieben mit untergelegtem Lineal. Oder sie zogen dünne Bleistiftlinien und radierten sie hinterher weg. Es gab auch Löschpapier mit Linien, die man durchs Papier durchschimmern sah.

Bärbel hat als Kind auf dem Spielplatz die Konkorken aus dem Mülleimer geholt und Mutti gebracht, die wegen ihr keine Seite lesen konnte, nicht wie die anderen Mütter, die sich beim Anblick ihrer braven und genügsamen Kinder erholten.

"Stereospezifische Polymerisation von Isotopen" war die Doktorarbeit von Elena Ceaucescu, die aber in Wirklichkeit nicht einmal Abi hatte. Wie gut man so eine Seele verstehen kann, ehrgeizig und unbegabt.

Doku über Ossietzkyschul-Affäre Ende der 80er. Ein Atheist durfte auf dem christlichen Internat Abi machen und ist dadurch zum Glauben gekommen. Heute Pfarrer mit 5 Kindern. Solche Internate hatte ich mir immer ganz rüpelhaft vorgestellt, dabei muß es herrlich gewesen sein. Eine verpaßte Erfahrung.
Daß ich sogar Militärparaden nicht mehr abstoßend finde, stimmt mich nachdenklich.

Kurz bei Rocky reingeguckt. Der alte Spruch des Trainers am Ring: "Keine Schmerzen! Keine Schmerzen!"

Bei Kluge darf sich Enzensberger mit Humboldts Aura schmücken. Neptunisten vs. Vulkanisten. Kontinuierliche Erdgeschichte, Gestein aus dem Meer entstanden gegen Katastrophentheoretiker. Alles natürlich auch metaphorisch für Seele und Gesellschaft. Humboldt steigt auf sechs 6000er in den Anden. Regt Wettervorhersagen an. Humboldt-Strom an der Pazifikküste, bringt kaltes Wasser aus dem Norden, weswegen der Regen vom Ozean nicht durchkommt und Wüsten enstanden sind. Schlägt Umleitung des Stroms vor. Schlägt amerikanischem Präsidenten persönlich Panamakanal vor.
Und Rebekka meinte, er habe keine Bedeutung mehr heute. Und man konnte gar nicht antworten, weil man nicht wußte, woran man Bedeutung festmachen sollte.
Ein kränkelndes Kind, immer gesünder, je mehr Aufgaben er sich im Leben aufhalste.
5 Jahre Expedition, 20 Jahre Ausarbeitung. Manisches Interesse an allem. Experimente. Alles auf Französisch verfaßt.
Wer ist glücklicher, der gierige Weltverstehenwoller oder der Ignorant?
Leydener Flasche (?)
Über Entstehung der Planeten spekuliert. Nebenbei 8 Sprachen gelernt. Vertikale Geographie begründet. Mit dem verrückten Brunel in einer Glocke auf den Grund der Themse herabgesunken.

Im Interview sagen: die DDR war wie ein Marathonlauf. 3 Stunden später sind die Schmerzen vergessen und man ist stolz auf die Erfahrung, auch wenn sie einen auf lange Sicht kränker macht.

27.9., Mo
Leichter Muskelkater in den Oberschenkeln.

Motiv: daß man mit der Elle prügelt, einem Meßwerkzeug.

Film: Rest von "Osennij marafon"
Eine Seitensprung Tragi-Komödie. Sehr schöne Aufnahmen von Petersburg, Hinterhöfe, Gerümpel in den Wohnungen, alles sehr realistisch. Aber es fehlt natürlich die eigentliche Geschichte, wenn es nur darum geht, daß der Mann zwischen Frau und Geliebter schwankt.

Zum Tippen hingesetzt, dann doch die Gitarre, weil ich mich so auf die Zoi-Noten gefreut hatte. Man geht alles einmal durch und ist dann müde und kraftlos, weil man gar nicht singen oder spielen kann, und alles so schrecklich klingt.

16:30 kommen die Italiener, eine halbe Stunde zu spät.
Eine viel zu hübsche Polin aus Gdansk, der Regisseur mit einem dicken Auge, Insektenstich, und ein chaotischer Kameramann mit römischem Akzent, der meine Bücher inspiziert und immer dazwischen redet. A. genervt von der Bande. Sie achten mehr auf meine Wohnung als auf das Gespräch. Fragen auf Italienisch, Antworten auf Deutsch, man redet ewig, weil sie einem ja nicht verstehen andeutend zunicken können. "Wie war es, in der DDR aufzuwachsen?" ist natürlich eine allgemein gehaltene Frage. Die letzte Frage nach "The most funny thing in reunification", überlege lange, aber mir fällt nichts ein. Macht einen auch total nervös, wenn so eine hübsche Polin zuguckt. Daß ich in Weißrußland war, ja, russisch sei sehr ähnlich, das läge am "slawischen Raum", ob ich das wüßte, die Sprachen seien ja verwandt.
Jodorowski entlockt ihm einen Jubel. "La montagna sacra" solle ich lesen. Und Bukowski findet er gut, "He's a fucking genious". Soll sehr populär sein in Italien.

Sarajevo: Dann stolpert man auf Phoenix über eine Doku zur Rolle der SFOR bei der Karad?i?-Verfolgung. Wie soll man denn aufs Fernsehen verzichten, wenn solche Sachen kommen? Marco Vesovi?, früherer K.-Freund, sagt jetzt, nachdem K. die Stadt beschossen hat: "Wenn ich ihn treffe, trete ich ihm in die Eier." Kenne sein Gesicht von irgendeiner Zeitungskolumne. Fischer besucht die Polizeitruppen in Sarajevo, tut wichtig. Der deutsche Polizeitrainer rühmt sich, daß sie dort erst keinen Dienstplan hatten und jetzt ganz begeistert sind vom deutschen System. Aber ich argwöhne, daß es ihnen scheißegal ist, und sie sowieso alles tun, was verlangt wird, bis keiner mehr guckt. Im Grunde war das doch das Thema von "Gori vatra", einem Film, der in Bosnien Kult war und bei uns völlig unbeachtet blieb.

28.9., Di
"Carboloading" hätte ich vor dem Lauf betreiben müssen.

Bewegender Ausflug in die Vergangenheit. Um halb 10 Falko bei mir mit dem Knattertrabi. Hat auch die vorgesehene Stelle im Armaturenbrett für das Radio, wo, wie bei uns, kein Radio ist. Und einen Griff für den Beifahrer zum Festhalten bei Auffahrunfällen. Die fehlende Beinfreiheit durch die Wölbung vom Rad, gut, daß unsere Mutter so klein war, eine andere hätten wir uns bei dem Auto gar nicht erlauben können.

Er fotografiert eine Serie "Trabant als Werbefläche"

Überlegen, was wäre, wenn die DDR geblieben wäre. Wie wäre die Stimmung in Buch? Wie würde es aussehen? Was wäre ich geworden?

Die schöne Rennbrille. Es zieht etwas durch die fehlenden Seitenwände und vor allem, weil das Auto kein Dach hat. Dann auch leichter Niesel.
Am Forckenbeckplatz, immer noch ganz verwahrlost die Wege. Keine Spur von den alten Männern von früher, die hier Drachen steigen ließen. Ein Abenteuerspielplatz im Gebüsch. Wo sind die roten Granitbären? Mal beim Bezirksamt nachfragen?
In der Samariterstraße Ecke Dolziger fehlt die grüne Pumpe. Das schlecht abgedeckte Loch und der Granitstein mit kleinem, eingemeißeltem Wasserbecken.
Der Kindergarten hat jetzt große Fenster nach draußen. Im Haus ist eine nette Döner-Frau. Widerstrebend überall geklingelt, fast erleichtert, daß keiner da ist.
Die weiß-rote Absperrung, gegen die ich gerannt bin fehlt.

Über Blankenburg, Karow, das Kulturhaus "Ottomar Geschke" an der Schule, wo das Ringtraining war. Ganze Stadtbezirke sind neu entstanden zwischen Karow und Buch. Der Dorfcharakter von Karow.

Fragt mich, warum ich eigentlich in keiner Beziehung lebe. Als Vollblutjournalist beherrscht er die Kunst, einfache Fragen zu stellen.

Zur Walter-Friedrich-Straße. Sie haben jetzt eine Gegensprechanlage und die Briefkästen außen. Von 10 Einzugs-Parteien leben noch 5 im Haus, nach 25 Jahren!
Den Hausflur haben sie gekachelt und neu tapeziert, neue Heizungen. Der Plastehandlauf neu, aber die Holzbretter noch dieselben, nur türkis gestrichen. Im Keller die alten Bunkertüren. Bei L.s hat man die Tür gescheuert, die ganzen Aufkleber entfernt. Unsere Wohnung noch nicht wieder vermietet.
Auf dem Hof der Asphaltfußballplatz begrünt. Eine riesig gewachsene Silberpappel mit runder Bank. Überhaupt alles sehr grün und gepflegt.
Dafür der Parkblick erschreckend. Wo einmal ganze Schulen mittags zum Essen kamen, hat gerade der "Schluckspecht" dicht gemacht. Auch ein China-Restaurant und die Kegelbahn, alles zu. Der Dienstleistungswürfel sieht schlimm aus. Nur noch der Friseur drin, die Bibliothek zieht gerade aus. Oben im alten Jugendclub ein Café. Vom Besitzer mit Schnurrbart hängt eine alte Karikatur an der Wand, vielleicht noch vom Solifest, als El Solami für 5 Mark jeden gemalt hat? Und ist er nicht der von der Clubgaststätte, der früher den Pizzastand betrieben hatte? Manchmal leistete sich einer eine Pizza statt der Schulspeisung. Die andern saßen dann mit ihm am Tisch und hofften auf Mitleid und Reste.
Ein Tee. Der "Bucher Bote" Foto von einem häßlichen Plattenbaudach: "XY entdeckt die ästhetischen Seiten der alltäglichen Tristesse"
Ein Stück Grünfläche zu einem struppigen Dschungel gewuchert.
Der Schulgarten immer noch eingezäunt, ein wuchernder Urwald. Wer wird noch wissen, daß das der Schulgarten war? Mit Werkzeugbaracke und Wetterstation?
Vor dem Gemeindegebäude ein neuer Zaun. Der Lampen- und Plattenladen ein Bestattungshaus. Am Bahnhof noch der Schreibwarenladen. Die Eisbude jetzt ein Döner. Der Heimwerker ein Blumenladen. Der Friseur noch da. Das Kontex-Kaufhaus abgerissen und ein neugebautes Einkaufszentrum.
Im Eingang der Kaufhalle (Extra) der alte Kartoffelgeruch. Der gebohnerte Steinfußboden. Traurige Atmosphäre, viel weniger Kassen. Und man weiß noch genau, wo damals alles stand.
Die Bronzeskulptur von der dicken Frau mit Kind vor der Kaufhalle wird vielleicht alles überdauern und immer noch stehen, wenn die Häuser schon zu Staub zerfallen sind.
Wie lebendig das alles war. Man mußte nach Wagen anstehen. 10 Kassen waren besetzt und immer voll.
Das Gefühl, daß alles gestorben ist. Keine Kinder mehr, nicht mehr die gemeinsame Aufbruchstimmung, wenn ein ganzes Viertel auf einmal bezogen wird. Der gemeinsame Zusammenhang, oder bildet man sich den nur ein? Das Gefühl, in einem Boot zu sitzen.
Oder sehe ich nur nichts, weil ich selbst nicht mehr hier lebe? Weil man das nur als Kind mit Leben ausfüllen kann? Wir waren auf jeden Fall sehr viele.
Die Fahnenstangen vor der Schule.
Buch war ja auch wie ein gemeinsames Siedlungsprojekt.

Bei der Rückkehr in meine Straße, beim Kaffee im Balzac fast ein Aufatmen, jetzt bin ich hier zu Hause.

Es gebe einen Zusammenhang zwischen Höhe der Gage und Qualität der Veranstaltung.

Im "Freund" lästert Stuckrad über Kaminer. Und zwar mit Argumenten, die eigentlich genau auf ihn selbst zutreffen.

Zu Hause nicht widerstehen können und die ganze "Kino"-Best-of mit Textbuch durchgehört. Unglaublich, diese düsteren, symbolischen Texte, der reine Weltekel mit so einer wir-sind-wir-Stimmung. Junge, düstere, zornige Männer, die rauchend durch den Regen gehen, statt wie andere ein warmes Heim zu suchen.

Jetzt doch um 8 Sauna, trotz warmer Stirn. Sie haben renoviert, dabei wirkte es gar nicht alt, deutscher Luxus. Karottensaft, Pfefferminztee, 3 vorsichtige Durchgänge, danach ganz geplättet. Warten auf den Virus.

29.9. Mi, Seelower, morgens, Niesel, bedeckt
Immerhin hat die Sauna gut getan und mich nicht infiziert.

Minsk tippen. Musik vom Computer aussortieren, Speicherplatz gewinnen. Leningrad spielen heute in der Arena und ich bin zu faul hinzugehen (!).

Beim Fußball streifen sie das Hemd des besiegten Gegners über, wie das Fell eines erlegten Bären.

Frasier aufgezeichnet. Die letzte Staffel wieder in Hochform. Er über die etwas derbe neue Freundin seines Vaters: "Muß ein stürmischer Tag gewesen sein, als der Apfel von diesem Stamm fiel."

Fernsehen. US-Wahl. George Soros im Gespräch. Seine Foundations zahlen jährlich 450 Mill. Dollar nach Osteuropa.

Aus Unlust am Nachholen der Minsk-Aufzeichnungen Zeitungen aussortiert.

Film: "Wokzal za dwoich", ein späterer Rjazanow-Film.
Wieder mit Basilaschwili, der Plot ein bißchen eine Kopie von "Ironia sudby". Ein Reisender bleibt wegen Prinzipienkonfliks mit einer garstigen Kellnerin auf einem Provinzbahnhof hängen. Nach zwei langen Tagen gemeinsam werden sie sich wohl kriegen.

Idee: eine Doku über den Bucher Hausaufgang. Wie sie die Entwicklung sehen, Vergangenheit im Viertel, Gegenwart, Hoffnungen. Dazwischen Archivbilder vom Leben früher.

Irgendwie ein leichtes Kratzen in den Bronchien. Angeblich brauchen die Muskelzellen nach einem Marathon 6 Wochen zur Regeneration.

Dezember '99 war also das letzte Weihnachten in Buch. Kaum vorstellbar, inzwischen scheinen Ewigkeiten vergangen, es ist eine andere Welt.

Mit dem Fahrrad, die Dunkelheit, der Körper muß sich umstellen. Aber eigentlich sieht es sehr schön aus draußen. Zu 20:15 in die Kulturbrauerei.
Film: "The Village".
Sitze erst allein im kleinen Saal, dann kommt ausgerechnet A. mit zwei Bekannten, und ich sitze auch noch auf ihren Plätzen. Ein eklig-klebendes Pfirsich-Eis. Schöller, Möwenpick, Nestlé, alles eine Firma.
Sehr schöner, bewegender Film. Wieder ganz ökonomisch, fast brechtisch, keine überflüssigen Details. Und wieder hinters Licht geführt mit einer letztlich ganz moralischen Geschichte. Ein Dorf, das hinter dem Wald liegt, der von "den Unaussprechlichen" beherrscht wird, üblen Monstern. Lucious will durch den Wald gehen, unschuldigen Seelen tun sie nichts. Aber er wird erstochen und die blinde Ivy muß gehen, um Medizin zu holen. Plötzlich ist die Monstergeschichte eine von den Ältesten erdachte Schreckenslegende, die die Gemeinschaft davon abhalten soll, durch den Wald in die Stadt zu gehen. Denn in Wirklichkeit sind die Gründer Zivilisationsflüchtlinge aus der Großstadt, die in einem Reservat unentdeckt eine altgläubige Gemeinschaft gegründet haben, die die Angst vor den Monstern zusammenhält. Wir erleben den Punkt, wo durch ihr Schweigen die Legende für die anderen zur Wahrheit werden wird, weil Ivy nicht ahnt, daß das Monster, das sie angegriffen hat, in Wirklichkeit der Dorftrottel war. So entstehen Mythen. Die Religionsstifter haben ein Geheimnis. Schaffung von Werten für die Gemeinschaft durch eine Mauer aus Angst. An dem Punkt, wo ich nach der schönen Eröffnung mit dem Plot nicht mehr weitergewußt hätte, kommt die beglückende, alles auf den Kopf stellende Auflösung. Das ist Storytelling, erst wenn man so einen Effekt auf Lager hat, sollte man mit der Geschichte beginnen. Eine herrliche Illustration und Interpretation der religiösen Urgruppe. Eine Metapher auf jede gemeinschaftsstiftende Religion.

Das Handy ist wieder aus der Tasche gerutscht. Aber im Kino haben sie es beim Putzen gefunden. Sie wollen gar nicht den Typ oder den Code wissen "das interessiert mich nicht", sagt er.

Plötzlich der Wunsch, Mönch zu werden.

30.9., Do
Im Bett Tschechow-Kurzgeschichten auf russisch. Aber leider sind diese Szenen über die Kleinbürger in der russischen Provinz ziemlich witzlos.

Frasier: Beim Nachdenken, ob er in den 10 Jahren seinen Anrufern immer die gleichen nutzlosen Psychoratschläge gegeben hat, fällt ihm als Gegenbeispiel der schlafwandelnde Transvestit ein, der sich immer die Stöckelschuhe an den Gullydeckeln abbrach. Er konnte ihm raten, mit flachen Schuhen schlafen zu gehen.

Krankengeschichten: immer öfter fällt mir an Büchern auf, daß es Krisen- und Krankengeschichten sind. Selbst Hitlers Selbststilisierung, seine Dolchstoßkrise nach der Nachricht von der Novemberrevolution, psychosomatische Erblindung Genesung durch Hypnose. Angeblich die Therapie zu früh abgebrochen, daher der Größenwahn. Der Arzt beging 1933 Selbstmord, es soll einen Roman eines Pariser Exilanten zum Thema geben.

Wahrscheinlich wird das DDR-Wir-Gefühl, das die Kohäsion der Gesellschaft gewährleisten sollte, heute von der Bildzeitung erzeugt, die auch immer im Namen von "uns" spricht.

Einen Monat Taz weggeworfen, was für ein überflüssiges Produkt Zeitungen sind. Und die Taz insbesondere wird immer mehr zum Tanztheaterjournal. Jeder dritte Tag ein Bericht über Sasha Waltz.

Die Literaturwerkstatt schickt A. zum übersetzen nach Rio und B. nach Nishnij Nowgorod.

Der Haltereflex bei Kindern stamme noch aus der Zeit, als Frauen behaarte Brüste hatten.

Kindheit: wenn Dori Brot vom Bäcker holte, war die Kruste zu Hause schon weggegessen.
Auf der Promenade stand manchmal Sperrmüll, einmal unsere eigenen Sessel, auf denen wir dann gehüpft sind.
Im Ferienlager mußte ihre Mädchengruppe statt mit der zugehörigen mit der kleineren Jungsgruppe wandern, weil die Leiterin an dem Leiter interessiert war.
Sie mußte bei der Disko mit Vera Lengsfelds viel zu kleinem Sohn tanzen.

Dann kurzer Schlaf und nochmal gründlich die Zieme-Story korrigiert. Eigentlich gefällt es mir in manchen Momenten stark. Daß es mit den Gummibärchen anfängt, und ich erst viel später bei Sloterdijk gelesen habe "Helden essen keine Bonbons". Das Bild habe ich tatsächlich intuitiv benutzt. Leider wird das niemandem auffallen und man kann die Interpretation nicht gleich mitliefern. Oder sollte man es einfach tun?

Chaussee, die letzten vier Wochen Gästebuch meiner Abwesenheit durchgesehen, immerhin zweimal vermißt worden. Nach dem letzten Abend, wo ich da war folgender Eintrag: "Schade, daß so'ne sexistische Machokacke in so'nem schönen Laden wie dem RAW produziert werden kann. Wohl lange nicht gefickt, wa? Hab Mitleid mit Euch. Ein hoch auf die Eierstöcke, ich hab wenigstens welche."
Bofi mit Nickelbrille. El Solami war sein bester Freund. Eine Woche nach der Rückkehr nach Jemen (87?) gestorben, woran? Liest Ohrenwärmer, Mandrill, Kropf, Rieselfelder, Leinstrumpf.
Ansage: Bei uns heute anläßlich der Popcom alle Texte auf deutsch, damit ihr mal seht, was das bedeuten würde.
Neue Marathon-Wette mit Dan, wenn ich verliere (so schnell wie er oder langsamer laufe), dann muß ich ein 15-Minuten-Stück für uns schreiben, in dem Stalin, Müller, meine Ex-Freundin und noch wer vorkommen.
Das Publikum ganz schön zurückgenommen, anfangs nur hysterisches Unterstützungslachen. Es ist auch recht kühl. Aber dann kommen sie immer besser mit. Traue mich, das Kuchen-Couplet zu singen, kommt sehr gut an.
Robert: "Die Boulette. Ein Meisterwerk, das es verdient hätte, vertont zu werden."
Bei der Absage mit Bohni behauptet er, zu tanzen, wenn ich singe. Das Publikum fordert sofort ein Lied. Hätte ich gesungen, wäre es vielleicht ein noch denkwürdigerer Abend geworden, aber man kann es auch kaputt machen.
Im Gästebuch fragt eine, ob ich Single bin, ohne auch nur ihren Namen anzugeben.

1.10., Fr
Aufnahme vom Bush-Kerry-Duell, anfangs mit Interesse, dann wiederholt es sich. Der eine sagt immer, der andere wechsele dauernd die Meinung, der andere sagt, der Irak-Krieg war falsch, und "I was in combat". Seltsam, daß wir jetzt plötzlich den bewundern sollen, der sich nicht vor dem Krieg gedrückt hat. Warum wird das Bush eigentlich nicht zugute gehalten? Weil er heute andere in den Krieg schickt? Aber die gehen doch alle freiwillig, wozu sind sie denn Berufssoldaten.
"being strong, resolute, determined"
Bush behauptet, ohne Saddam sei die Welt sicherer und die Amerikaner insbesondere. Dabei sind sie im Moment doch so unsicher unterwegs wie nie in der Welt, alleine die Botschaft in Sarajevo, ein Hochsicherheitsgefängnis.
Der deutsche Beobachter sieht die beiden Remis. Kerry sei zu hölzern und defensiv, Bush stottere zwar, aber das sei ja bekannt, dafür schaffe er "emotionale Momente".
Die letzten Wahlen wurden von Fehlern beim Rededuell entschieden. Bush sr. hat mal unauffällig auf die Uhr gesehen. Dukakis wurde gefragt, ob er auch gegen die Todesstrafe sei, wenn seine Frau vergewaltigt werde. Weil er bejahte, galt er als gefühlskalt. Gore hätte zu kompetent gewirkt.

Immerhin angefangen, die Chronik durchzusehen. Dann um 14:30 zur Wörther, den Kindergarten angucken. An den Wänden hängt aus aufgeklebten Nudeln und Haferflocken gebasteltes. Jedes Kind hat einen beschrifteten Haken und einen Zahnputzbecher. Sie haben einen Wochenplan, nächste Woche: "Wir schauen aus dem Fenster".
Ins "Maurer". Illies geht gerade, besetze seinen Stuhl, der aber leider nicht mehr warm ist. Falko schneit herein, wollte Zeitung lesen und muß zur Strafe mit uns reden. Hat seiner Tochter zum Geburtstag aus Kopenhagen ein aus einem Nest gefallenes Vogelembryo mitgebracht, das er für eine Vogelfigur ausgegeben hat. Führt zum Kindergeburtstag Rotkäppchen als Puppentheater auf, das Rotkäppchen wird allerdings wegen Besetzungsproblemen von Kermit gegeben.
Stehe auf und am Tisch hinter uns steht in dem Moment Teresa auf, die die ganze Zeit schon unerkannt da saß. Wie Be behauptet auch sie, ich sei so schmal. Das sei nicht gut, ich erinnere sie an den "portiero del Bayern", also an Oliver Kahn. Dann geht auch noch E. raus.

Daß heute Familienromane viel schwerer sind, weil die Familien kleiner sind und weniger verschiedene Versionen von der Vergangenheit und Gerüchte kursieren, die man von Kindauf dauernd erzählt bekommt.

Auf dem Teutoburger, wo Ha eine Stunde schreit. Will sich partout nicht berühren lassen, nur einmal ganz kurz an der Hand. "Willst du eine Figur?" sagt ein fremder Vater und bildet sich ein, sie so zum einlenken zu bewegen.

Antiquariat Kastanienallee. Ein Regal Sowjetunion. Buch: Ehrenburg Memoiren, "Der Fall von Paris", Großmann Stalingrad-Buch. Minsk kennt er, die würden vom Westen geschluckt, keine Alternative. Dann wird alles platt gemacht. In Schlesien nur noch Industrieruinen. Ein paar Wirtschaftszentren und der Rest Öko-Landbau. Montag komme die russische Kollegin für eine Woche.

Rechtzeitig am Krokodil. "Der beste Artikel bis jetzt", sagt er, das freut einen doch.
Film: "Otjec i syn" (Vater und Sohn)
Merkwürdig angeschwultes, bedeutungsschwangeres Vater-Sohn-Kammerspiel in Sepia und mit wenig Dialog. Die ganze Zeit knistern im Hintergrund Radiomusik oder Stimmen. Unklar, worum es eigentlich geht. Perfekt trainierte Körper von Jugendlichem und jungem Vater. Die herrliche Stadt, die sie zeigen, Zink-Dächer am Meer, wo ist das in Rußland? Hinterher höre ich, daß es in Lissabon und Petersburg gedreht wurde....
Lahmarschigkeit und Schweigen werden als Tiefgang verkauft.

Nachts im Internet nach Sprachkursen in Kiew und Odessa gesucht.

2.10., Sa, Berlin, Seelower, Sonne
Eine Runde Hu-Hain, 41 Minuten. Frisch.
Danach nur noch 73,2 Kg. Als würde man nach dem Marathon noch tagelang schrumpfen.

Frasier: Martin zu seiner neuen Schwiegermutter: "Sie sehen aus wie das letzte mal."
"Soll das heißen, daß ich mit 40 schon genauso aussah?"
Frasier verliebt sich in seine Partnervermittlerin.
Darauf Niles: "Gibt es Rabatt, wenn die Partnervermittlerin dich mit sich selbst verkuppelt? So wie bei einem Auslaufmodell vielleicht?"

Auch eklig der Plural von Geld "Gelder".

Film: "One fine day", am schönen Sonnabendnachmittag, statt rauszugehen.
Das Schema der Liebeskomödie: sie müssen sich bei einer Gelegenheit kennenlernen, zu der sie sich maximal auf die Nerven gehen. Und doch ist sofort klar, daß sie sich kriegen werden. Und bei mir funktioniert es auch noch, und ich bin gerührt. George Clooney als perfekter Single, ein bißchen albern mit seiner Tochter, etwas verpeilt wirkend, aber in Wirklichkeit knallhart in seinem Job als Enthüllungsjournalist und in den unmöglichsten Situationen immer eine Lösung improvisierend. Seine Lässigkeit mit dem Chef kann er sich nur leisten, weil er so charmant und gut ist.

Auf dem Offenen Kanal eine Tagung der Bulgarien-Gesellschaft mit langen, langweiligen Vorträgen, in denen die Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre resümiert werden. Das gesammelte europäische Recht heiße "acquis communitaire" und umfasse inzwischen 80000 Seiten. Die sind nun auch ins bulgarische übersetzt worden und vom dortigen Parlament bereits abgesegnet. Was technisch hinter der europäischen Einigung steckt, warum wird darüber von den Zeitungen nie berichtet.

Schusterjunge, Bier und Schnitzel. Das Bier ist aber gar nicht das, was meine inzwischen an spritzige Schorle gewöhnte Zunge erwartet.
Bohni behauptet, Kino sei wie Fernsehen und mit 34 müsse man einsehen, daß man nichts zufällig erlebe und sich nur was vormache, wenn man aus dem Grund rausgehe. Außerdem käme alles irgendwann viel billiger im Fernsehen.
Der Taugenichts von Eichendorff tauge nichts. Man müsse die ganzen alten Bücher nicht mehr lesen, das tauche alles auch in neuen Büchern viel frischer auf.

3.10. (So)
Schnitzler "Traumnovelle" angefangen.

Sarajevo: Film: "Der dritte Mann", R.: Carol Reed
Schundautor gerät im besetzten Nachkriegswien in einen mörderischen Schieberfall, in dessen Mittelpunkt sein Jugendfreund Harry Lime steht.
Die kleinen witzigen Seitenhiebe. Daß der amerikanische Schundautor bei der "Gesellschaft für kulturelle Umerziehung" einen Vortrag über den Existentialismus halten soll, von dem er nichts weiß, so wie er James Joyce nicht kennt, nach dem ihn die ausgehungerte aber kulturinteressierte vermeintliche Nazi-Bevölkerung befragt.
Wie die 4-Mächte-Polizisten ahnungslos im Jeep durch die Stadt fahren und sich gegenseitig blockieren.
Viele Parallelen zum heutigen Sarajevo. Die blühende Unterwelt, die sich mit den fremden Machthabern arrangiert. Die auf die Besatzer schimpfende Bevölkerung. Die Exotik einer K.-u-K.-Nachkriegsstadt.
Eigentlich kommen keine Fakten vor, die man sich nicht auch ohne Recherche von zu Hause hätte zusammenreimen können. Und doch würde mir so eine Story von mir in Sarajevo angesiedelt abgeschmackt vorkommen.
Die samtenen, deutschen Synchronstimmen. Die Schlagschatten und Momentaufnahmen von ausgemergelten Kriegsgesichtern. Die Österreichischer und Deutschen in Nebenrollen, Paul Hörbiger, der zwielichtige Erich Ponto. Die geniale, durchgängig im Hintergrund schollernde Zither-Musik.
Großartig, wie sich Limes'/Welles' Auftreten nach und nach ankündigt. Erst haben sie nur sein Foto gesehen, dann taucht er in einer Häusernische auf und wird zufällig beleuchtet. Dann das Zusammentreffen der beiden im Riesenrad.
Sarajevo: "Sieh mal da hinunter, würde es dir leid tun, wenn einer dieser Punkte für immer aufhören würde, sich zu bewegen? Wenn ich dir 20000 Pfund für jeden krepierten Punkt geben würde, würdest du mir Geld zurückweisen oder würdest du ja sagen, vorausgesetzt, daß keine Gefahr dabei ist?"
Dabei hinter ihm das Schild: "Freies ausspucken verboten"
"Denk dran, was Mussolini gesagt hat. In den 30 Jahren unter den Borgias hat es nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut, aber dafür gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz dagegen herrschte brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden, und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr."

Fußball: wie verächtlich sie in alten Reportagen die Namen der englischen Spieler aussprechen als seien es bei Edgar Wallace von Scotland Yard gesuchte Ganoven.

Ein Apparat, der sämtlichen im Leben zu erleidenden Kummer auf einen Moment verdichtet. Man hat die Wahl, diesen Moment zu durchleben und dann ist es für immer vorbei. Was würde man tun?

Um 18:15 mit dem Fahrrad zum DT. Sehr angenehme, kühle Luft, aber unterwegs schon unangenehmes Schwitzen. Es gibt für Studenten nur noch einen Einheitstarif, 10 Euro. Dafür sitze ich 4.Reihe, was früher nur mit viel Pokern gelang. Die Gesichter der gesetzten Theatergänger, ein paar junge Leute fallen richtig auf.
Warten auf einer Bank im Laub im Park vor dem DT. Zurückerinnern an früher, als dieses Theater mein zweites zu Hause war. Schnitzler lesen. Heute Nachmittag dachte ich noch, ich bin doch kein Autor, und gleich wird mich das Müller-Stück wieder anstecken. Nur wenn ich lese, möchte ich schreiben.
Handke hat in seinem neuen Stück was gegen Leute, die in der Öffentlichkeit lesen.

Das Theater: Wie klein der Raum eigentlich wirkt, man möchte nicht sagen poplig. Der Samt, der überflüssige Stuck, die puppenstubenhaften Ränge.
Vor mir sitzt ein Pärchen und das Mädchen fummelt sich aus Langeweile die ganze Zeit an seinen langen, blonden Haaren herum. Schaffe es aber irgendwie, mich davon abzulenken.
Sehr konzentrierte, auf das Wort beschränkte Aufführung. Was man alles erreichen kann, wenn man erst einmal am Sprechen arbeitet.
Von ca.15 Schauspielern noch zwei aus der alten Zeit. Die jungen sehen oft schon so verlebt im Gesicht aus. Zum Glück zieht sich diesmal keiner aus.
Wenn die Bendokat Müller spricht, wird plötzlich der Witz zutage gefördert: "In der Tat: kein Schauspiel erfreut das Auge eines Königs mehr als eine blühende Provinz, bevölkert mit fleißigem Landvolk, das in Frieden seiner Arbeit nachgeht. Neben der Feldfrucht gedeihen die Künste..."
"Einmal erlahmt die strafende Hand des Pädagogen"
Als Grashof am Ende "Zum Beispiel Ajax" spricht, atmet man trotzdem ein bißchen auf. Es ist doch schöner, wenn der Text in der Gegenwart spielt und vom Scheitern des Autors handelt.

Schöne, die Gegend prüfende Rückfahrt, Oranienburger, Rosenthaler. An manchen Stellen fühlt man sich wie in den Ferien im Ausland, die vielen, schummrig beleuchteten Edelbars, plötzlich überall Heizkörper im Freien, in Aix hatte mich das umgehauen. Einen freien Platz im "Plassnik", um Schnitzler zuende zu lesen, und drinnen mit Schrecken gesehen, daß gegenüber P. mit Anhang sitzt. Dazu eine Frau mit schrecklich lauter, dreckiger Lache. Sie reden so laut, daß es alles übertönt. So klingt das also immer, wenn wir in der Öffentlichkeit über Kollegen tratschen. Man sollte es lassen.
Kann mich kaum konzentrieren. Und die blöde Kellnerin kommt über eine Stunde nicht mehr gucken, so daß ich bei meinem Tee sitzen bleibe. Der Borschtsch hat mit Borschtsch nichts zu tun. Seltsam rot gefärbt, geschmacklos, wie alles bisher, was man hier aß. Und das gekochte, sehnige Rindfleisch eine Kindheitserinnerung an die Einlagen in der Schulspeisungsbohnensuppe.
Wie bezahlt man nach so einer gemeinen Behandlung? Seinen Ärger zu zeigen ist ja auch nur albern. Schmallippig und ein bewußt geringes Trinkgeld gebend. Trotzdem hätte ich sie gerne gefragt, was ich denn falsch gemacht habe, daß sie mich einfach ignoriert hat.

4.10. (Mo), Berlin, Seelower, vormittags, Sonne
Buch: Schnitzler "Traumnovelle" zuende.
Schon nach wenigen Seiten große Spannung. Pärchen mit kleinem Kind in der ersten Langweilekrise, ein bißchen auch Midlife-Crisis des jungen Helden. Sie gestehen sich nach einer Party halb im Spiel unausgelebte erotische Momente vom letzten Urlaub ein "und jene unbeträchtlichen Erlebnisse waren mit einem Mal vom trügerischen Scheine versäumter Möglichkeiten umflossen". Er wird zu einem Kranken gerufen, der aber, als er ankommt, schon tot ist, und dessen fade Tochter ihn liebt. "Es war ihm, als schwiege der Tote mit ihnen; nicht etwa weil er nun unmöglich mehr reden konnte, sondern absichtsvoll und mit Schadenfreude." Lebe gefährlich: Er folgt den Zufällen einer Nacht und entdeckt Anzeichen einer erotischen Gegenwelt. Manche Momente erinnern ihn an billige Romane, die er gelesen hat. Ein Student provoziert ihn. Er redet sich zu, daß es sinnlos wäre, ihn zu stellen, aber eigentlich will er mutig sein. Liest Zeitungen im Café, die Zufälligkeit der Meldungen. Ein verkrachter Pianisten-Kommilitone verschafft ihm Zugang zu einer erotischen Geheimgesellschaft, in der er mit verbundenen Augen Klavier spielt. In einem Kostümverleih spielt sich eine unklare Szene mit verkleideten Freiern und der etwas schwachsinnigen minderjährigen Tochter des Verleihers ab. Zwischen den Kostümen war ihm zumute: "als wenn er durch eine Allee von Gehängten schritte, die im Begriffe wären, sich gegenseitig zum Tanz aufzufordern." Angst vor dem Abenteuer, Gedanken an zu Hause. "Und mit einem leichten Schauer empfand er, daß er nirgendshin sich weniger sehnte als dorthin. Oder war es, weil dieser Weg ihn der weiteste dünkte?" Reflexion der Handlung, er überlegt selbst, wie so eine Nacht eigentlich ausklingen müße. Aber da wird er entdeckt und ist in Todesgefahr. Aber eine schöne Unbekannte opfert sich für ihn, ohne daß er weiß, worin dieses Opfer besteht. Er wird in der Wiener Vorstadt ausgesetzt. Zu Hause hat die Frau einen Alptraum, den sie ihm erzählt, sie hat ihn im Traum gekreuzigt. Er nimmt das als wirklichen Verrat, auch wenn es nur ein Traum ist (kein Unterschied zwischen Handlungen, Träumen und Gedanken) er haßt sie in dem Moment und beschließt sie zu betrügen und ab jetzt ein Doppelleben zu führen. Findet aber nichts mehr von der Nacht. Besucht im im Schauhaus die Leiche einer in der Nacht vergifteten Frau. Unmöglich zu sagen, ob es die Frau ist, die sich für ihn geopfert hat. Vor sich sieht er "den bleichen Leichnam der vergangenen Nacht."

Die Stimmung des sich dem Zufall auslieferns wie bei mir in "Freitag abend, kurz vor der Hälfte des Lebens" Nur daß bei mir dann tatsächlich nichts passiert, und bei ihm fast ein Kriminalfall.

Story: Zeittourismus.
An manchen historischen Ereignissen ist es total überlaufen. Bei den Nazi-Demos am Brandenburger Tor. Sehr beliebt auch der Führerbunker, allerdings kommt es da manchmal zu Unfällen.
Manche fühlen sich auch berufen, mitzumachen, so daß Caesar immer mehr Stichwunden bekommt.
Und durch die bedauerliche Einmischung mancher Touristen geriet die deutsche Offensive im Osten ins Stocken.
(Nachtrag vom 6.11.: eben lese ich, daß ich diese schöne Idee hatte, und inzwischen habe ich von einem neu erschienenen Buch gelesen, das genau diese Idee umsetzt...)

Uni-Sport-Einschreibung, fast Kick-Aerobic genommen, aber nach ansehen des Demo-Videos, auf dem nur Frauen zu sehen sind, doch verzichtet.

Christina Söderbaum "Reichswasserleiche". "Die goldene Stadt". Im Kino: "Die Damen werden gebeten, die Hüte abzunehmen." Geht am Ende ins Wasser, nicht nur in dem einen Film.

Sarajevo: in Sarajevo begegnet er verrücktem Deutschen, der ihn entführt, um ihn zu zwingen, Gojko Miti? dazu zu bewegen, das Land zu einen. Am Ende muß er selbst den Indianer geben, um ihm vorzutäuschen, er hätte ihn bekommen.

Lesung: Kollwitzstraße, Theater o.N. Wieder so eine Lesung, wo man sich nicht reintraut, weil noch niemand da zu sein scheint. Unfreundlicher Pizzamann hält mich wegen einer Minipizza 15 Minuten hin. Milde Luft. Er konnte sich nicht um Werbung kümmern, deshalb seien es nur 10 Gäste. Kein Mikro. Die Norwegerin hat keinen Schuhfön. Deutsche Bunker in Norwegen. 4 Millionen Einwohner, gute Subventionen. Hat Performances gemacht, Synchronschwimmen in 50cm Becken mit einem Filmschwan. (mit solchen seien DDRler über die Ostsee geflüchtet) Und einen Naturspaziergang mit Walkman inszeniert. 3 sprechende Gartenzwerge, ich frage, ob die deutsch gesprochen haben. Schönes Norwegisch, aber für Lyrik bin ich taub.
Lacher, als ich ankündige, wie sie auch erst auf Norwegisch zu lesen, und dann auf deutsch. Lese 2/3 von "Blaue Reifen". Erstaunlich, wie pointiert das schon ist, bevor an die Chaussee zu denken war. Es ist eigentlich schon der Charakter der heutigen Texte.

Szene im russischen Film: man erzählt seine bösen Gedanken dem Wasser aus dem Wasserhahn, dann verschwinden sie.

Danach noch zum Kookaburra, wo gedrückte Stimmung herrscht. Überlegen, ob wir "Die Scheiß-Show" konziperen sollten. Zum Araber gegenüber. Die Frauen wirken so nuttig. Ungewöhnlich knuspriges Fleisch. Bohni raucht eine Wasserpfeife.

5.10., Di
Kindheit: Mutti: Jetzt hast du einmal um die Uhr geschlafen.

Mit Andreas' Auto Ha und Be abholen, nach L.

"Weißt du, was Präsens ist?"
"Ja, jetze."

Auf dem Hof mit Ha Hühner füttern. Kastanien geben und nehmen spielen. Aber sobald Be auftaucht, heult sie erbärmlich und will sofort zu ihr.

Beim Einschlafen schreckliche Beklemmungen, trotz Müdigkeit immer nur knappes einschlafen und mit Angstgefühlen schwitzend aufwachen, mich hier noch nie schlecht gefühlt.

Mi
Noch leichtes kränkeln, lasse laufen ausfallen.

Do
Buch: Graham Greene "Der dritte Mann"
Als Buch enttäuschend. Ein paar Fakten aus dem Nachkriegswien, wie daß man die Toten mit Preßlufthämmern begraben mußte, und daß sich die Alliierten untereinander in der Sprache des Feinds verständigen mußten. Vermischt zu einer Story. Man empfindet es trotzdem nicht so stark als Lokalkoloritusurpation wie bei westlichen Bosnien- und Sarajevo-Filmen, warum? Das Krimihafte mir total lästig. Dem Buch fehlen die beeindruckenden, halbdokumentarischen Aufnahmen von ausgemergelten Wiener Gesichtern. Die ganze Stimmung kommt nicht auf, man vertraut doch dem Autor, einem Mann von Welt, der nichts richtig schlimmes passieren läßt, und wenn schon, es ist ja nur ausgedacht.

Auf dem Rückweg kotzt Ha, findet es aber interessant, was da aus ihr rausgekommen ist.

Mit Auto zur Chaussee. Dort nicht geheizt. Ansage: ich hoffe, ihr habt euch gemerkt, wie warm es im Sommer war.
Dan kommt zur Zugabe als Blueman geschminkt auf die Bühne.

Ganz krank und gekränkt mit dem Auto zurück, was immerhin sehr tröstlich ist, so ein fahrendes zu Hause. Im Radio Musik: Stones ? Let's spend the night together

8.10., Fr
Post mit Buchabrechnung, Stagnation wäre ein Erfolg, aber sie kommen sogar zurück. Noch weniger verkauft aus gedacht.

Antiquariate. Raumerstraße: "Die antiken Stätten von morgen", Bildband über Industrieruinen, Kanäle, Ziegeleien, Bunker, 20 Euro. Um meine Entscheidung zu stimulieren, legt er Supertramp ein.

Kurze Haßattacke im "Wohnzimmer". Ein Typ, der vor mir steht und bestellt: "Ist das der Cappuccino? Wahnsinn."

74 Seiten von "Vox" gelesen.

Stargarder Spider getroffen und noch in M-Bar. Bei ihm wird der Kamin ausgebrannt, deshalb stinkt die Wohnung.
Buchtitel: "Dafür hamse Jeld."
Diskutieren, ob es noch Proletarier gibt. Subproletariat. Seine schreckliche Schwiegermutter.

Frasier: "Ich habe ihr erlaubt, bis zum 1.Basislager auf den Mount Crane zu klettern und ich glaube, sie spürt bereits die Auswirkung der Höhenluft"
Martin bestellt Pizza "Dirty Dozen"

9.10., Sa
Buch: Nicholson Baker "Vox".
Herrliche popkulturelle Haarspaltereien zum Thema Sex. Die moderne Dingwelt als Feld detailliertester Erforschungen und Differenzierungen. "Ordnungsnester" in der Wohnung. Das Ausfaden von Musik durch lautstellen gegenfaden. Ein Laden mit Liebesromanen für Frauen "wenn du an so manches Zeug denkst, das heutzutage unter anspruchsvoll läuft, dann mußt du es dafür bewundern, daß es so bescheiden in der Genre-Ecke bleibt." Die erotische Konnotation, wenn ein Buch mit dem "Bücherfreund" aufgespannt wird, so daß man es freihändig lesen kann. Ihre Phantasie, bei Regen die Windschutzscheibe mit den Brüsten zu wischen. "Phantasien unterliegen einem starken evolutionären Druck." "Mit dem Erdnußessen versucht er, sardonisch zu sein." "Schlimm finde ich, wenn man das Sprechen mit vollem Mund bewußt dazu benutzt, zu demonstrieren, wie total relaxed und spontan man parlieren kann." "...ein Orgasmus in einem komplexen Geist ist immer interessanter als einer in einem schlichten ? vielleicht stimmt das nicht, vielleicht wird ein schlichter Geist subtiler und feiner, wenn er kommt, weil das die mentalste Aktivität ist, die darin seit längerem abgelaufen ist -, aber ein Orgasmus bei einer intelligenten Frau, das ist wie ein Bilkan in einem Berg, auf dessen Hang eine Stadt gebaut ist ? man spürt die Opportunitätskosten, man spärt die Kraft der ganzen anderen erkenntnismäßigen Dinge, an die sie in dem Augenblick denken könnte und es nicht tut, weil sie ja gerade kommt, und das ist eine Bereicherung."
(Nachtrag 6.11.: das Buch Stephan geborgt, vorgestern kam es endlich zurück und er fand es langweilig, "die reden eben die ganze Zeit über Sex". Sehr enttäuschend und kein gutes Zeichen, wenn er für so ein Buch blind ist.)

Frasier: Niles über Daphne Moon, die schwanger von ihm ist: "Die Moon-Gene haben unsere wahrscheinlich schon verprügelt und ihnen das Essengeld gemopst."

Lesung: Kantine
ca.130 Leute. "Köfu: Geiz" kommt gut an als Eröffnung, "Müdigkeit" etwas weniger, beim "Kinder-ABC" Befremden und ein paar verirrte Lacher und "50 Cent" eigentlich schon zuviel.
1mal Bretagne verkauft
Im Gästebuch nennt mich jemand "vulgär".

Woody Allen: Ich hatte ein 6monatiges Verhältnis mit der Frau des Bürgermeisters, und es ging alles gut, bis sie Wind davon bekam.

10.10., So
Buch: Lars Gustafsson "Die Tennisspieler" zuende.
Ein Buch, das man sympathisch findet, weil es so kurz ist, weil der Autor Schwede ist, weil es in Austin spielt, wo immer die Sonne scheint, weil der Erzähler ein Literatur lehrender Autor ohne materielle Sorgen ist, weil es am Ende um nichts ging. Ein unbekanntes Buch über Strindberg wird entdeckt und in den Atomschlagüberwachsungscomputer einer amerikanischen Behörde geschleust, wo es unerkannt arbeiten wird "bis die Hölle zufriert". Man merkt nicht, daß der Autor Schwede ist. Der entspannte, intelligente Ton ist allenfalls europäisch. Anscheinend hat jedes Land seine Autoren, die solche Form von intelligenter, sympathischer, aber am Ende auch irgendwie überflüssiger Literatur schreiben.
Frisbees seien vor dem 1.WK im mittleren Westen erfunden in einer Kaffeefabrik namens "Frisbees" erfunden worden, als die Arbeiter in der Pause mit den Deckeln der Kaffeebüchsen zu spielen begannen.
"Im Innersten weiß ich ja, daß ich einer der gefährlichsten Verbrecher Europas bin, nur habe ich meine Verbrecherlaufbahn noch nicht ernstlich in Angriff genommen. Noch nicht."
Guttaperchaball (?)
"Es ist die glückliche, ferne Zeit, als es noch möglich war, aus sibirischen Gefangenenlagern zu fliehen."
"Wenn ich den ganzen Tag über genauso blöd wäre wie um sieben Uhr morgens, würde ich mein ganzes Leben in irgendeinem Pflegeheim verbringen."

Eine atavistische, letztlich romantisierende Vorstellung von Lyrik habe ich, wenn ich Lyrik nur mit der alten Schreibmaschine schreibe. Eigentlich müßte man gerade für Lyrik die modernsten Maschinen benutzen.

Bei Doku über eine japanische Feuerwerkerin hängengeblieben, Chefin der wichtigsten "Hana-Bi"-Firma. Japaner schätzen nicht wie wir das Erhabene als schön, sondern vergängliches wie Kirschblüten und Feuerwerk.

Sauna.

Film: "American Beauty", Musik von John Cale.
Der Held wohnt 81.West. Leider sind gerade die Morde nicht so detailliert wie im Buch gezeigt, dabei ist das die Idee des Films, den Evolutionsdruck der Warenwelt auch auf die Lust am Morden zu übertragen, die sich genauso schnell abnutzt, wie alles andere, wenn sie nicht ständig neu inszeniert wird. Trotzdem ist der Film besser als das Buch, weil man sich nicht durch den Schlick der langweiligen Sprache kämpfen muß. Auffällig wieder die amerikanisch-naive soziale Determinierung des Außenseiters/Täters. Weil alle so oberflächlich sind und er ständig subtil gedemütigt wird, weil er als Erbe in der Firma von Anfang an nicht ernst genommen wird, tobt er sich als Serienmörder aus.

11.10., Mo
Buch: Roland Barthes "Die Körnung der Stimme" zuende.
Alle Interviews seines Lebens. Ein Kritiker und Autor, hinter den man nicht zurück kann. Aber die heutige Kritik ist nicht mehr auf dem Niveau von damals. In jeder Aussage klar und schneidend, immer die Bedingungen des Denkens im Blick, immer fixiert auf die Sprache.

12.10., Di
Morgens die U-Bahn-Hatz, Laura und Eva getroffen. Laura kann plötzlich sprechen und nennt alles abgewinkelte, wie auch meinen Daumen, "Bohrmaschine".

Mit 16,2 Jahren verlieren die Deutschen im Schnitt ihre Unschuld.

Die Fassade vom Centrum-Warenhaus wird jetzt abmontiert.

Beim Russisch lesen reibt man immer Silbe für Silbe die Zähne aneinander.

Ein Artikel über Weißrußland in "Russkij Berlin". Die Oppositionszeitung "Nedjelja" darf nicht am Kiosk verkauft und nicht abonniert werden. Sie wird direkt zugestellt oder auf der Straße verkauft. Ändert von Zeit zu Zeit den Namen. In der Presse behauptet, ein Angestellter der deutschen Botschaft hätte Kokain für sich und seinen homosexuellen Freund gekauft und ein Mitarbeiter der amerikanischen hätte in einer Privatwohnung eine Sekte betrieben. Eine Frau sagt, sicher ist er ein Diktator, aber da, wo man sie stürzt, wie im Irak, bricht Krieg aus, also besser er bleibt.

Coetzee "Die jungen Jahre" angefangen.

Kurz, aber intensiv über den Begriff "Schere" nachgedacht.

Zeitung: ein Buch schreiben, das alle der Morgenzeitung vorziehen würden.
Meine zeitungen: El Paìs, Libération, Ouest france, La Repubblica, Rossijsskaja Gazjeta, Gazeta wyborcza, Oslobo?enje
- Analysen kann man auch in Büchern lesen.
- Schadenfreude bei jeder Schließung
- nur Lokalblätter. Wer liest denn freiwillig die erste Seite? Deshalb gilt man als unpolitisch, als sei das, was die Zeitung repräsentiert Politik.
- nicht "Texte, die auf Geschichte warten", sondern Texte, mit denen man sich den Hintern abwischt
- kein ich
- Zeit totschlagen, mit der Zeitung totschlagen. Jemand stirbt, weil er sich nach der Zeitung bückt.

Coetzee: herrliche Klarheit, herrliche Knappheit. So vieles ausgespart, dadurch wird jede Episode symbolhaft für die Entwicklung, man denkt sich den Rest. Er entdeckt Beckett "Watt". Herrliches dauerndes Abwägen, wie sein Leben zu interpretieren ist. Was er machen muß, um zu schreiben. Habe ich mich beim Roman nicht getraut, das so expilzit zum Thema zu machen.

13.10., Mi
Miese Nacht. Über Sarajevo nachgedacht. Soll ich nun noch einmal fahren vor dem Winter? Kann ich es mir leisten finanziell, zeitlich und emotional? Ganz krank von der ausstehenden Entscheidung.

Der Fernsehjournalist, der sich in der Talk-Runde viel besser auskennt und sagt: eigentlich geht es den Amerikanern um Saudi Arabien.
"Die Stellung können sie im Winter nie halten."

Bei jedem neuen Buch das erscheint aufatmen: es ist zum Glück wieder nicht mein Buch.

Rückkehr: nichts mehr zu Essen im Haus, nur noch der Stilltee von Silvester.

Fotoband von Christa Wolf. Seltsam, die vielen nicht kanonisierten Kontaktaufnahmen, die sich um ein bekanntes Bild gruppieren, und auf denen sie sichtlich nach ihrer Pose sucht. Ein Schlotterbeck, kommunistischer Arbeiterintellektueller, bei den Nazis und in der DDR in Haft. Auch den hat Müller also geklaut.

Kindheit: Die Russen haben überall das zweite Gleis abgebaut. Auch in den ersten Jahren zwischen Buch und Blankenburg noch eingleisig gefahren.

Mit Papa im Auto durchs Oderbruch, bis Finow kommen wir und sehen uns das Schiffshebewerk an.

Jelinek bekommt den Nobelpreis: "Für den musikalischen Fluß von Stimmen und Gegenstimmen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen."

14.10., Do
Miese Nacht. Abends und morgens eine Stunde Coetzee. Man kann es kaum weglegen.

Laufen am Deich, 58Min51Sek. Eigentlich übernommen, aber man kämpft sich durch, weil man ja zurück muß.

Buch: Coetzee "Die jungen Jahre" zuende.
Die frühen 60er, er geht mit 19 aus Südafrika nach London. Wünscht keine Beziehung mehr zur Familie, die Mutter ignoriert das und schreibt ihm weiter. Generell wird ihm Kälte vorgeworfen, was ihn besorgt, weil er Lyrik schreiben will. Bekommt leicht einen Job bei IBM. Noch nicht abzusehen die zukünftige Bedeutung der Rechentechnik. Entfremdeter Job, Programmierung von Lochkarten. Ständiges sich fragen, ob das zum Schreiben führen wird oder nicht. Muß er mehr leiden? Leidet er nicht schon genug? Und warum schreibt er in Wirklichkeit ja gar nichts?
Ein deutlich offener Schluß. Nichts ist gelöst, keine Moral, die Lage ist ganz prekär für den jungen Künstler.
Mir hat man den Schluß am Roman vorgeworfen, weil die Leute eine Summe erwarten. Natürlich ist der implizite Schluß bei Coetzee sein Nobelpreis. Vielleicht ist es so, daß der Autor auch mit seinem Leben seine eigenen Bücher aufwertet.

Schlaf. Das breite Bett, der beige Lack der uralten Türen, Einbauschrank, Mottenpulverduft. Der Blick auf die Kastanie, die altmodische Elektrik, noch Stecker mit selbst gesägten Nuten, damit sie in die Schuko-Dosen passen.

Kindheit: Matthias erzählte, wie er den Brandschutz überlistet hat, einfach eine Schuko-Dose montiert, die hinterher wieder abkam. Wir hatten in Buch auch noch eine einzige nicht Schuko-Dose, da kam der alte Toaster ran.

Chaussee: Minsk-Schnipsel, Bohni kritisiert die Menge. Dann was über meine unnützen Erfindungen als Kind.
Sprache: Volker: "sie beherrschte die Waffen der Frauen", "wohl wissend, daß sie sich bald schon nach uns und wir nach ihr verzehren würden."
Im Gästebuch hinterher: "Volker kann mit Sprache umgehen, die anderen naja..."


Zu Hause zum Trost die letzte Frasier-Folge. Damit ist Schluß nach 11 Jahren. Martin zieht wieder aus zu seiner neuen Frau, Niles und Daphne haben ein Kind, Ross wird Senderchefin. Frasier sitzt neben Jennifer Beals im Flugzeug, vermeintlich unterwegs zu seinem neuen Job beim Fernsehen in San Franzisco. Aber im letzten Moment wird aufgeklärt, daß er doch nach Chicago fliegt, wohin die Frau ziehen mußte, in die er sich verliebt hatte. Vielleicht der Anfang eines neuen Spin-ofs.
Wie man sich der Familie längst zugehörig fühlt und die Wohnung vermissen wird. Es ist alles fiktiv, aber sie haben doch kein Recht, einfach aufzuhören. Man hat so lange mit ihm mitgelitten. 11 Staffeln, à 24 Folgen à 20 Minuten, mach 88 Stunden.

15.10., Fr
Anruf bei Dirk, versklave mich kurzerhand doch zu einem Minsk-Artikel, jetzt wo die Wahl ansteht. Eigentlich käme ich zu spät. Wenn ich es nicht täte, würde ich das Material doch nur wieder verkommen lassen.

Sehen den Sönke von Sönkes Sparshow. "Damals dachte ich: der hats geschafft."

Die Schwulenmeile Schönhauser. Ob der Hutladen bald Verhütungsmittel anbietet?

Im Maurer. Ha hält Ruhe, solange man sie füttert. Wieder platzt Falko rein und muß mit uns reden. Ihr Hund sei immer rausgeschickt worden, wenn jemand gefurzt hatte. Aber er paßte sich an und ging dann bei Geruch schon von selber raus.
Liest Pierre-Brice-Biographie. War Bretone aus Brest (!) Lange wurde er für schwul gehalten, weil unter den Fotos immer stand: "Er lebt mit einem schwarzen Boxer zusammen."

Lasse mich fürs Kino breitschlagen, obwohl ich den Roehler-Film nicht sehen will. Schon mit Kaffee vollgepumpt, aber noch ins Manu/Kanu, ein Minimum tippen. Dort Bauchschmerzen von der Bohnensuppe.

Wenn man meinen Körper gefrierfrostet und pulverisiert, das müßte doch ein Allheilmittel sein. Oder nur gegen Rheuma?

Er findet bei imdb.com nicht "Kein Koks für Dr.Watson", weil er den englischen Titel nicht kennt. Dabei findet man den mit einer einzigen google-Anfrage. Manchmal wundert man sich welcher Aufwand für Recherchen betrieben wird, und wie einfache Mittel dann nicht genutzt werden.

Meine Frau muß doch zu mir als öffentlicher Person passen, wie Wohnung/Kleidung. Das wird doch alles später einmal interpretiert werden. Eine Frau ist doch, fast wie ein Essay den ich lediglich nicht ausformuliere. Eigentlich ist sie eine Art Installation, so wie mein Leben eine Performance ist. Oder man sagt, sie ist ein Ready-Made, wie die Kloschüssel von Marcel Duchamp. "Ist das ihre Frau?" "Ja, ist sie nicht herrlich, ich habe sie gefunden, und sie einfach so gelassen, wie sie ist. So schien mir die Wirkung am stärksten."

Die Cousine hatte sich gerade mit einem Kompromißfreund auf Kinder geeinigt, da trifft sie beim Anti-Nato-Protest an einer amerikanischen Flugzeugbasis ihren Traummann.

Film: "Agnes und ihre Brüder", Kulturbrauerei.
Trotz vehementer Vorbehalte ein überraschend annehmbarer Film. Schön, daß es keinen Plot gibt, erstaunlich, welche Überzeichnungen man gerne hinnimmt, die würde man sich kaum ins Drehbuch zu schreiben trauen.

16.10., Sa
Laufen im Regen, dick verpackt, wenigstens wieder einmal 40 Minuten.

Am Minsk-Text für die Taz.

Lesung: Maritim-Hotel
Der Abschlußball der Berufsakademie Ostkreuz. Wir treffen uns am Bahnhof Friedrichstraße, der aussieht wie ein Einkaufszentrum. Im Hotel solargebräunte Schränke am Einlaß, 400 Studenten, 300 Lehrer und Eltern. Die Cover-Band streitet sich Backstage über den Sound. "Der ganze Soundcheck war sinnlos". Der Sohn des Bandleaders spielt in drei Nu-Metal-Bands.
Alle Mädchen in Abendkleidern.
Bevor wir dran sind kommt eine Tanzshow mit einer Frau und zwei angeschwulten Männern.
Schon fast aufreizend lässig, wie man es angeht, wird schon klappen, wenn man erst am Mikro steht. Tatsächlich ein bißchen improvisiert.
"Wir machen im Prinzip das gleiche, wie die Tänzer eben, nur mit Worten. Also nicht, daß ihr denkt, der Comedy-Teil war schon."
Den größten Lacher gibt es, als Stephan einmal "Servicewüste" sagt.
Vergessen, Werbung zu machen.
Buffet war schon leer. Sehr blümerante Verdauung.

17.10., So
Buch: Ian McEwan "Trost von Fremden" zuende.
Effekthascherische Pseudoabgründe, in die ein müdegeficktes Paar in Venedig gerät. Touristische Aperçus als Roman verwurstet. Alles soll dauernd irgendwie etwas schreckliches ankündigen, das dann auch wirklich eintritt. Behauptete Geschichte von einem das Pärchen lockenden Fremden, der dann mit seiner perversen, halbgelähmten Frau ihrem Mann die Kehle durchschneidet. Könnte im Film wirken, aber als Buch in meinen Augen ganz überflüssig, jedenfalls keine Literatur.

Film: "Im Fadenkreuz ? allein gegen alle", 2001, R: John Moore. D.: Gene Hackmann, Owen Wilson.
Wilson ist ein amerikanischer Kampfflieger, den die Serben über Bosnien abschießen, weil er, ohne es zu ahnen, mit seiner neuen Kameratechnik ihre Massengräber gefilmt hat. Hackmann auf dem Flugzeigträger vor der Küste, will "den Jungen da rausholen". Dem Haudegen sind aber die Hände gebunden, weil jede Einmischung den Friedensprozeß gefährden würde. Aber: "Das amerikanische Volk will seinen Piloten zurück!" Technikschnickschnack, sie können den Piloten auf ihren Bildschirmen als Schatten laufen sehen, mit einer Wärmekamera aus dem Orbit gefilmt. Der Pilot wird von seinen Häschern verfolgt und kämpft sich durch die Minenfelder. Fällt in eines der Massengräber und versteckt sich zwischen den Leichen. "Darum nehme ich die Männer so hart ran, für Zeiten wie diese", sagt Hackman, der seinen Piloten über Funk vertrösten muß, bis er sich der Weisung des französischen Vorgesetzten widersetzt und seine Leute losschickt. Interessante Actionkamera mit kleinen Bildsprüngen. Pathetische Musik, jedesmal wenn der Flugzeugträger zu sehen ist. Die Serben sind mordlüsterne, bestausgerüstete, ständig rauchende Kämpfer. Die bosnischen Kämpfer dagegen improvisieren den Wiederstand in Zivilklamotten. Der Pilot wird im letzten Moment gerettet, die Fotos hat er auch noch gesichert, Hackmann wird entlassen und salutiert seinen Jungs. Alles soll auf einer wahren Geschichte basieren, der serbische Freischärler hieß Miroslav Lokar und der Offizier Leslie Reigart.
Gorni Vakuf.

Sauna.

20:00 A. Cuba-Bar in der Lychener. Um 1 zurück.
Zementgarten von McEwan sei gut.
Eine hat behauptet, daß das erste, was man nach der Entjungferung scheiße, zum Beispiel ein Kreuz, das ganze Leben bestimme.
Im Zug traf sie einen Mann, der immer tageweise mit der Bahn an andere Orte reist, möglichst im Hellen, Bremen mochte er. Ob er gebunden sei, hat sie ihn gefragt. Ja, zweimal die Woche gehe er in Neukölln auf den Friedhof.

Ob ich meinen Sohn Klon-Ferdinand nennen darf?.

18.10., Mo
15:00 Fußball. Tut direkt gut, so gut gespielt wie lange nicht. Trotzdem bei der leistesten Kritik an einem ausgebliebenen Paß gleich verunsichert. Weil ich gleich denke, er hätte sich die ganze Zeit schon über mich geärgert. Ich bin ein Spieler, der Harmonie braucht. Anbrüllen würde zu nichts führen.
Tor von der Strafraumgrenze, nach Ausfallschritt unter die Latte gedroschen.
Perfekter Paß direkt aus der Drehung von der Seitenlinie auf den Kopf.
Zuspiel Philipp, Fußspitzenvolleytor.

Sarajevo: Film: "Nacht der Verzweiflung" (Bure Baruta), '98, D.: Miki Manojlovi?, Lazar Ristovski, R.: Goran Paskaljevi?
Ein schöner, harter Episodenfilm über eine Belgrader Nacht. Die Figuren laufen sich wie beim Reigen gegenseitig durch die Geschichten. Jede Geschichte ist eine Etüde über Gewalt. Oft ist es der zunächst aggressive, der plötzlich zum Opfer wird. Ein Verkehrsrowdy fährt einen Käfer an und muß vor der Lynchmeute flüchten. Zwei Freunde gestehen sich beim Boxen ihre kleinen Verrate ein, bis einer den anderen tötet.

Minsk für Taz kürzen.

Film: "Hellboy"
22:30 Cubix am Alex. Surreale Atmosphäre durch den Nebel. Kaum ein Mensch treibt sich hier nachts herum. Dunkin-Donut, Kaffee, bis Falko und Ina kommen.
Überraschendes Vergnügen an dem Quatsch, vielleicht, weil es Humor hat. Ein Nazizombi mit Sand statt Blut in den Adern. Ein amerikanisches Geheimdezernat, das Monster mit domestizierten Monstern bekämpft. Das Böse wird von Rasputin angeführt, der schon den Nazis ein Tor zur Hölle öffnen wollte, durch das dann der Hellboy geschlüpft ist, der sich, weil er ein Mensch sein will, regelmäßig die Hörner abschleift. Bauschmerzen. Fahrrad zurück.

Beim Einschlafen fast schockartiger Gedanke, daß ich noch nie ein Lebewesen getötet habe. Dabei müßte mich das doch eigentlich freuen.

19.10., Di
Nachts wieder vom Bauchweh aufgewacht.

Buch: Roddy Doyle "Paddy Clark Hahaha" aufgegeben.
Was mir selten passiert, aber es sind belanglose, unpointierte irische Kindheitserinnerungen. Anstrengend stakkatohafte Sprache ohne Formwillen. Immerhin hat er den Booker-Prize für das Buch bekommen.

Um 10 schon Anruf von der Taz, bis 11:15 muß ich noch einmal 4000 Zeichen am Minsk-Text gekürzt haben. Es ist ein Vabanque-Spiel, aber gerade das macht Spaß am Journalismus. Den Druck freiwillig erhöhen und den Blick schärfen durch die Kürze der verbleibenden Zeit.

Doku über die Wendetage.
Zum ersten mal diese ausführlichen Bilder von den Demos am 7.Oktober. Wie sie am Palast standen und "Demokratie" riefen. Oder sie ziehen durch die Straßen und durch eine Häuserlücke sieht man am Himmel das Feuerwerk dom Fackelzug im Zentrum aufscheinen. Ich kam damals von irgendwo mit der S-Bahn zurück und plötzlich war der Zug voller Blauhemden, die vom Fackelzug kamen. Heute zu bedauern, daß ich mir solche Veranstaltungen nicht aus Recherchegründen angesehen habe. Aber damals undenkbar, da freiwillig hinzugehen. Die Geschichte schenkt einem Material, und man ist zu jung und kurzsichtig, um es zu schätzen. Ein 10 Jahre älterer Autor in der DDR sein, im Material schwimmen.

Doku über das moderne Kroatien.
Der Präsident Sanader, der in Innsbruck Literatur studiert hat, spricht fast perfekt deutsch. Kroatien sei unterwegs nach Europa, über die Kriegsverbrechen wächst Gras. Schon jetzt bei solchen Bildern kaum noch vorstellbar, wie es zur Gewalt kommen konnte, wo doch immer so schön die Sonne scheint. Daß man zu Staatsmännern wie Putin gleich Zutrauen hat, nur weil sie deutsch können.

Sahara-Teller. Bauchweh. Das Eckhaus gegenüber der Gethsemane-Kirche ist jetzt neu verputzt. M-Bar. An der Bar französische Musik "Femmes de paris", die ich mir auf den Rechner ziehen darf. Zum ersten mal einen i-pod angefaßt.

Minsk: Wahlartikel Junge Welt "Hetzkampagne gegen Minsk".
Für sie will der Westen das Minsker Regime stürzen, weil sie nicht mit der Nato kooperieren. Bei Usbekistan seien dem Westen die Menschenrechte auch egal, weil sie kooperieren. Außerdem störe uns der alternative wirtschaftliche Weg, Unabhängigkeit vom IWF, Planwirtschaft, keine Lebensmittelimporte.
Das klingt alles so abstrakt und nach außenpolitischem Schach. Aber es könnte sein, daß wir selbst wirtschaftlich auf sie zusteuern: eine Art garantiertes Mindestgehalt und die Verpflichtung, arbeiten zu gehen, wie ineffektiv auch immer.
Muß mich disziplinieren, nur über Sachen zu schreiben, die ich wahrnehme. Die meisten politischen Urteile, die man hat, stammen aus zweiter Hand. Das ist etwas fürs tägliche Leben, aber nicht für die Literatur.

Verrätst du uns, wer heute dein Stylist war?

Opel kaufen, solange es noch einen gibt.

20.10., Mi
Anruf Ulf wegen der "Schöner Leiden"-Amthologie. Woher dieser deutsche Glaube an den engagierten Intellektuellen komme, der zu allem eine Meinung haben muß. Das sei gut, um das Feuilleton billig mit gut geschriebenen Texten zu füllen.

Ins "1900". Be kennt Céline nicht. Ha gibt mir, als ich nicht auf sie achte, ein blaues Bonbonpapier in die Hand. Mit der linken hält sie meine Hand, mit der rechten drückt sie das Papier hinein. Plötzliche, unerklärliche spitze Schreie, vielleicht vor Glück. Unglaubliche Gier auf meinen Rote-Grütze-Vanillesauce-Nachtisch.

Haliflor. Angenehmes zweckloses sitzen am Nachmittag, die Taz lesen, in der tatsächlich mein Minsk-Artikel steht, ganze 400 Zeilen. Jetzt doch den Mut, den Artikel zu lesen und kein großer Schock. Irgendwie hat es wirklich dadurch gewonnen, daß ich es auf ein Drittel gekürzt habe. Kaffee trinken, aus dem Fenster sehen, sie spielen die neue von Nick Cave. Dann doch noch tippen, einen Ian McEwan-Lektürebericht für die Chaussee, der sich auf 6 Seiten auswächst. Die Entspannung, die sich einstellt, wenn man endlich wieder einen Text für die Show geschrieben hat.

Ausgekoppelt: Dans Lieblingsbuch

SMS von Dirk, der sich nochmal für den Artikel bedankt, wie schön und ungewöhnlich. Das wiegt doch das geringe Zeilenhonorar wieder auf.

Film: "Land of plenty" (R.: Wim Wenders), 20:00, Kulturbrauerei.
Ich gehe eben doch noch in jeden Wim Wenders, als müsse man das. Diesmal hält er sich zurück und schafft es, nicht wie sonst so oft, seine Filme im letzten Moment noch durch angelesene Theorien zur Zeit zu versauen. Ein paranoider Vietnam-Veteran, der sich für normal hält: "Wenn ich paranoid wäre, würde ich das für ein Einmann-U-Boot halten", fährt auf eigene Faust Streife durch L.A. Seine erst etwas nervig spirituell und hilfsbereit wirkende Nichte kommt aus Jerusalem zurück und gewinnt langsam an Reife. Wie führt man die beiden zusammen? Genialer Plotpoint: sie überredet ihn, die Leiche des erschossenen obdachlosen Arabers, den er für einen Terroristen gehalten hat, zu seinem Bruder in ein bankrottes Wüstenkaff zu überführen. Dramaturgisch sinnvolle Zwangsgemeinschaft.
Wie gerne man Bilder von Amerika sieht. Bevor man stirbt, sollte man mit dem Auto durch Amerika gefahren sein, davon bringt mich keiner ab.

Anruf Mutti, findet den Minsk-Artikel wunderbar, und ich solle überlegen, ob ich nicht doch eigentlich eher ein Reiseschriftsteller sei.

21.10., Do
Morgens zum Arzt, Grippeimpfung und Blutabnahme. Im Wartezimmer ein erschreckendes Bild von meinem Bezirk. Gräßlich hustende alte Leute, die jungen orientierungslos. Und über Lautsprecher Dudelfunk. Wie soll ich einem Arzt meine Gesundheit anvertrauen, wenn er so eine häßliche, Marmorimitatmöblierung bei sich duldet, diesen Teppichboden und die schlechten Bilder an der Wand.

Im Balzac mal wieder Zeitungen. Den "Freitag", seit Jahren nicht gekauft. Sofort ein Artikel über den Milo?evi?-Prozeß.
- Ein Volker Schmidt über Kaliningrad. Wie sie, vielleicht ohne böse Absicht, Klischees kolportieren: "Im Zentrum stehen inmitten großzügiger Parkanlagen und breiter Straßen nur zwei Gebäude: der Dom mit dem Grab Kants und das Dom Sowjetow". Und was ist mit den ganzen Plattenbauten drumherum, dem Sportpalast? Wer will denn noch hinfahren, wenn man immer so ein negatives Zeug liest. "Es gibt hier nur zwei Preisklassen: sehr teuer ? Restaurantessen und sehr billig, Brot, Schnaps, Speck". Dazu muß man sagen, daß die Restaurants für uns sehr billig waren. Von "lausiger Qualität des angebotenen Menüs" keine Rede. Neben ihm sitzt einer, der "unterm Tisch die Pistole auspackt." Der Strand in Swetlogorsk "den barfuß zu betreten ein Wagnis ist." (wir hatten dort eine herrliche Nacht) Die Menschen, die "das Gebiet wohl nie als Heimat empfinden werden." (hat er sie gefragt? Unsere Lehrerin hätte nach Deutschland gehen können und wollte nicht, weil das ihre Heimat sei)
- Was über Geschichtskino anhand von "Der Untergang" Identifikationsdramaturgie "Die Erstarrung im Trauma löste die Zwangsemotionalisierung der Serie 'Holocaust' auf" Ob man bei den Deutschen von "Erstarrung im Trauma" sprechen konnte? Wohl eher ein ganz natürliches Desinteresse für Vergangenes. Empathie mit den Opfern, Aufklärung über Fernsehserien, warum nicht einen Micky-Maus-Comic über den Holocaust, damit die Kinder auch zwangsemotionalisiert werden? So wie in dem Comic von Boucq, wo sie die hungernden Afrikaner als Schlümpfe verkleiden, damit die Kinder ihre Eltern überreden, Geld zu spenden. "Die Unfähigkeit zur Einfühlung geriert Mythen und wo das Verständnis aufhört, beginnt die Faszination des Grauens." (Aber die Einfühlung hat nunmal Grenzen.) Die filmische Darstellung ermögliche die Einfühlung in die Opfer. Durch Kino und Fernsehen werde Geschichte "zwangsdemokratisiert". "Hitler gestaltete seine Beziehung zu den Deutschen als Familienroman." Rekonstruktionskino.
- Ein Artikel über Garantielohn von 900 Euro für jeden, im Gegenzug für 4h tägliche Arbeit in der Kommune. Früher habe ich auch dran geglaubt, aber wie soll das gehen? Wer arbeitet dann in der Bibliothek und wer fegt die Straße? Es müßte eine gewaltige Veränderung vorgehen, man müßte leben wie in einer Gemeinde, in der alle Arbeiten gleich bewertet werden, in der niemand faul ist und keine Animositäten entstehen, weil jeder von Natur aus hilfsbereit ist. Und dann gibt es immer noch den Neid auf Begabung, Schönheit und Glück. Aber richtig ist, daß der Staat das für ein Bürgergehalt nötige Geld schon jetzt für die Arbeitslosigkeit ausgibt.
- Krasse Tom-Waits-Kritik von Jens Balzer. "Franks wild years" sei sein schlechtes Album, seit Swordfishtrombones kein gutes mehr rausgekommen. Jim Jarmusch habe ihn verdorben.
- Jelinek-Porträt. Auf dem Theater "die Fiktion der Figur aufbrechen". Aber wenn das mal gemacht ist, ist es doch viel interessanter, die Fiktion der Figur wieder herzustellen. Kaputtmachen kann doch jeder.
Österreich würde "die Alpen als Sportgerät vermarkten"

Bei Lektüre des Prospekts von Mediamarkt plötzliche Gier auf Heimelektronik.

Sitze peinlich lange im Café, bis ich mich aufraffe zu gehen. Draußen scheint die Sonne so schön, was soll ich zu Hause? Spontane Fahrt zum Potsdamer Platz, zur Sophie-Calle-Ausstellung im Gropius-Bau.
Wie schön, wie belebend diese Ausstellung. Plötzlich entdeckt man, daß moderne Kunst auch anregend sein kann. Nichts ekliges, dafür subtiler, trauriger Humor. Man bekommt sofort Lust, auch solche Aktionen zu inszenieren.
- Setzt einen Detektiv auf sich an und stellt seine Aufzeichnungen ihren gegenüber.
- Folgt einem flüchtig Bekannten durch Venedig.
- Hebt die Geburtstagsgeschenke jedes Jahres auf und stellt sie in Vitrinen aus.
- Fragt in L.A. Passanten, wo die Engel seien.
- Lebt jeden Tag im Zeichen eines anderen Buchstaben.
- "chromatische Diät", ißt jeden Tag Essen von anderer Farbe.
- Schickt ihr Bett einem Unbekannten, der darin schläft, bis er seinen Liebeskummer überwunden hat und es ihr zurückschickt.
- Geld-Serie: Soll etwas mit den Kamera-Aufnahmen von den Geldautomaten einer amerikanischen Bank machen. Filmt ihre Ideen: läßt ein Pafüm herstellen "The smell of money". Versucht, die ihr wertvollsten Sachen, z.B. ihre Liebesbriefe und ihr erstes eigenes Objekt zu versetzen. Aber sie wird nichts davon los, es hat alles keinen wert, sie wollen Brillanten.
- Sie schickt einem Unbekannten, dessen Schlips ihr mißfiel, jedes Jahr ein anderes Kleidungsstück. Wenn sie ihn eines Tages ganz ausgestattet hat, würde sie ihn gerne treffen.
- Hat nie einen Liebesbrief erhalten und engagiert einen öffentlichen Schreiber, der ihr einen 7seitigen verfaßt.
- Fotoserie einer Transsib-Reise nach Japan. Sie weiß noch nicht, daß ihr Geliebter sie am Ende verlassen haben wird. Dadurch werden die Bilder (jeden Tag eines) ein Countdown ins Unglück. Herrliche Reiseschnappschüsse, dokumentiert Fundstücke, ein aufgeschlagenes Buch. Alles läuft auf den Höhepunkt zu, seine Absage der Verabredung in New Dehli.
Dann folgt eine umgekehrte Serie, jeden Tag ein Bild vom Hoteltelefon, über das sie von der Trennung erfuhr, daneben der Bericht über seinen Anruf und ihren Schmerz. Jeden Tag derselbe Bericht, ein bißchen anders, wie man sich solche Dinge immer wieder wiederholt. Daneben protokolliert sie täglich von einem Fremden, was der größte Schmerz in seinem Leben war. Sie zählt die Tage ihres Unglücklichseins, das langsam abnimmt. Die Schrift ihrer Berichte wird immer blasser, am Ende bleibt nur eine graue Fläche, sie hat es überwunden.

Das tröstliche so einer Phantasie: sich Spielregeln ausdenken, Ordnungsrituale, die einen zum Akteur und Spieler machen. Überlegenheit gegenüber der reinen Sammelwut unserer Chroniken. Man muß kleine Spiele entwickeln, um es zu poetisieren, sonst bleibt nur die erdrückende Totalität.

Die ganze Sache erinnert mich so stark an meine Fahrt in die Bretagne. Ich hatte eine tiefe Ahnung, daß es falsch war zu fahren. Auch sie gibt der Reise die Schuld daran, daß die Beziehung nichts wurde. Hatte damals auch vorgehabt, ihr jeden Tag ein Foto zu schicken. Aber es war sehr mühsam, seine Unlust so zu transzendieren.

Typlologie der Ausstellungsbesucher:
- die Ameise folgt fleißig der vorgegebenen Reihenfolge.
- die Heuschrecke stürzt sich von weitem auf ein wertvolles Objekt.
- der Schmetterling, flattert durch die Ausstellung wie über eine Wiese.
- der Fisch, schwimmt durch, mal schneller, mal langsamer, ohne je anzuhalten.

Damals in New York Jenny zum Abschied einen Zettel mit Aktionsideen auf den Schreibtisch gelegt, den sie bei ihrer Rückkehr finden sollte. Als ich sie später einmal in Berlin danach fragte, konnte sie sich nicht erinnern, den Zettel hätte sie gar nicht lesen können und weggeworfen.

Aktion: - Passagieren eines Waggons ihre Lektüre abkaufen. Oder: sie vorlesen lassen. Oder: jeden die Lektüre des anderen vorlesen lassen. (Alle zu einer Lesung einladen, bei der sie die Lektüre des jeweils anderen vorlesen)
- Den Freunden Kleinigkeiten klauen und am Ende alles ausstellen.
- Gegenstände aussetzen. Sich davon in einem förmlichen Ritual verabschieden.

Chaussee: nicht so voll, ca.160 Zuschauer, recht kalt.
"Ian Mc-Ewan-Kritik" geht so. Nach dem ersten Teil fallen die Mikros aus. 25 Minuten, bis wir wieder Ton haben. Stephan überbrückt mit improvisiertem Monolog. Dan mit erzählten politischen Karikaturen im Stil der Berliner Zeitung. "Ein Mullah bindet Schröder eine schwarze Bombe mit der Aufschrift 'Fundamentalismus' ans Bein".
Kabarett-Nummer: Gleiwitz: ab heute wird zurückmontiert.
Dan sollte ja eigentlich ein McEwan-Lob schreiben. Reagiert spontan: "Es gibt ein Buch von Ian McEwan/ wer soll es loben? ich wird es tuen"
Bohni über Streik bei der Armee: "Blutvergießen, das waren mehr so Fernziele, wie der Kommunismus."
Am Offenen Mikro wieder so ein Faust-Verschnitt, der aber bejubelt wird.
Jemand will wissen, welcher Ausgabe der Brillenschlange aktueller ist. Ich gebe zu bedenken, daß das nichts mit der Qualität zu tun haben muß. Er: "Ihr entwickelt euch doch bestimmt". Fortschrittsdenken bei Literatur.
Ein Schwarzer quatscht so anhaltend dazwischen, daß Dan ihn rausschmeißen will. Eine Gruppe Kiffer brabbelt an der Bar. Überziehen bis 11:45. Früher anfangen?
Absage: konsumiert alle, damit sich das RAW Türsteher leisten kann.

Hinterher alle geknickt, obwohl der Abend seine Highlights hatte. Die Kabarett-Nummer, Stephans Libertines-Hommage mit Gesangseinlagen, Volkers Impro-Text. Aber der letzte Eindruck bleibt. Dan mit sehr gelungenem Plakatentwurf.

22.10., Fr, Berlin, Seelower, heiter
Wieder so ein Morgen. Was würde ich gerne tun? Es macht Spaß, sich Gedanken aus der Zeitung reinzupumpen. Aber an die Chronik ist nicht zu denken, sofortige Unlust. Die Stirn tut weh, Halsschmerzen, obwohl keinen Alkohol getrunken. Das muß am Qualm liegen. Wie gerne würde ich inzwischen an einem gediegenen Ort auftreten, vor erwachseneren Menschen mit mehr Lebenserfahrung und echten Problemen. Das muß doch auf die Dauer kommen, daß man mit seinen Texten schon deshalb scheitert, weil sie so jung sind. Aber es gibt dieses seltsame Dogma: jung ist gut, jung zu wirken ist ein Muß, es darf keinen Abgrund geben zwischen uns. Warum eigentlich? Wäre es nicht an der Zeit, sich den Gleichaltrigen zuzuwenden?
Langweilige Zielgruppentheorien, als wäre ich ein Radiosender.

Notizen aufschließen.

Kindheit: Angst vor Bandwürmern.

Kindheit: Angst, daß der Fernsehturm einem auf den Kopf fällt.

Doku über Nordkorea.
Sie würden in gläsernen Zellen Chemiewaffenversuche an Menschen machen, z.B. mit Fäulnisbeschleunigern. Im Mausoleum von Kim il sung arbeitet eine Schauspielerin, deren Aufgabe es ist, jede neue Reisegruppe mit dem Bericht von Kims Tod in nur zwei Minuten zum Weinen zu bringen.

Kaffee mit B., die neue Kinder-Begriffe kennt. M. sei ein Cluster-feeder, das sind Kinder, die unregelmäßig, aber dann sehr viel essen. Ob der plötzliche Kindstod vom Bauchliegen komme, sei nicht erwiesen. Es kann auch am Einatmen der eigenen Atemluft liegen.

Zu 6 mit dem Fahrrad zum Haus der russischen Kultur. Die Friedrichstraße inzwischen doch von den Touristen angenommen, die gar nicht ahnen, wie langweilig es hier ist. Personenkontrolle am Eingang, die russische Ästhetik im Kartenhäuschen, die häßlichen Plakate, das sinnlose Anstehen, das Vordrängeln einer stark geschminkten, unhöflichen Frau. Schwitze schrecklich von der Fahrt.
Im Saal zieht es, oben sitzt man sehr ungünstig zur Leinwand, außer mir anscheinend nur Russen hier. Eine Russin hält eine Rede über das Moskauer Filmfestival, man hätte über Filme diskutiert, das sei es doch schon.
Film: "Swoj", leider nur Videoprojektion.
Kriegsfilm. Drei Soldaten, ein Bauernsohn/Sniper, ein Jude und ein Kommissar flüchten aus einem Zug von Kriegsgefangenen in das Dorf des Snipers. Dort versteckt sie dessen Vater, der für die von den deutschen eingesetzte Polizei arbeitet. Die Kommunisten hatten ihn als angeblichen Kulaken ins Lager gesteckt. Jetzt beginnt das Spiel, wird er sie verraten oder nicht? Dazu Frauengeschichten. Interessant, als wie umfassend die Kollaboration dargestellt wird.
Am Anfang besondere Grausamkeiten, ein unter Panzerketten zuckender Körper. Der deutsche Wachsoldat murmelt natürlich den Erlkönig vor sich hin.
Im Zug will ein Russe den Juden verpfeifen, um sich Vorteile zu verschaffen. Der Kommissar schneidet ihm mit einem Rasiermesser die Kehle durch.

Friedrichstraße, Autohäuser. Einen funkelnden Bugatti-Oldtimer bestaunt, ein Bentley, man hat eben doch noch Wünsche.

Meine Bücher bei Dussmann besucht.

Zu 9 zu Falkos Geburtstag. David liest begeistert Van der Heyden. Was er schlecht findet, ist ihm egal. Franzen hat er von Mitternacht bis 7 Uhr morgens und in den 2 Tagen danach durchgelesen. Von Nicholson Baker zählt er mir gleich alle Bücher auf.
Bei der Diskussion über das Recht auf Nichtarbeiten errege ich mich wegen Ahnes Unart, alles besser zu wissen. Ob ich denn mal auf dem Sozialamt gewesen sei? Trotz aller Argumente erscheint es mir als Widerspruch, Faulheit einzufordern, sich diese Faulheit aber nur durch unsere bisherige Produktivität leisten zu können, die durch die protestantische Wolfskonkurrenz erkauft wurde. Die das wollen, sollen ja ruhig arbeiten, heißt es, und was die anderen tun, müsse als Arbeit definiert werden. Aber Nichtstun ist ansteckend, am Ende will keiner mehr was anstrengendes machen.
Dann doch bis halb 3 geblieben und Bakterien mit Jack Daniels erschreckt. Zuletzt spielt Falko uns Wilhelm-Bendow-Sketche vor, und man staunt, wie sehr der Ton an seine eigenen Sketche erinnert.

23.10., Sa
Doku über Schauspielbewerber in München.
Die offensichtliche Talentlosigkeit einiger, die es aber "noch 20 mal versuchen werden", weil das "ihr Leben ist".

Film: "Die letzte Brücke" (R.: Käutner, 53, Wicki, Maria Schell).
Durch Zufall gerät mir so ein Film auf den Schirm. Erstaunlich, dieser Käutner, dreht abwechselnd Komödien wie "Zürcher Verlobung" und dann solche Kriegsdramen. Und dann ja auch schon 1944 (!).das unvergleichliche "Unter den Brücken".
S-W-Film in den Jugoslawischen Bergen. Eine deutsche Ärztin gerät in die Hände der Partisanen und verzweifelt, weil sie den Verletzten helfen will und nicht mehr weiß, auf welche Seite sie gehört. Wicki als bärbeißiger Partisanenanführer, spricht für mich akzentfrei serbokroatisch.
Sie geht verkleidet als Jugoslawin zu den Deutschen, um einen britischen Piloten zu versorgen, der dort in einem Weinkeller versteckt wird. Ihr Freund (?), ein deutscher Soldat erkennt sie. Sie wirbt um Verständnis mit dem Feind. Er: "Ach was, Feinde.... Banditen, Gesindel! Gerade im Krieg muß man wissen, wo man hingehört... Und unsere Verwundeten? Brauchen die dich nicht?"
Beim Show-down wird sie im Feuergefecht zwischen den Linien auf der Brücke ohnmächtig.
Erstaunlich, nur 8 Jahre nach dem Krieg so ein Drama. War sicher ein totaler Flop.

Im Eckstein zum schreiben, aber den Ort kann man im Winter vergessen, es zieht erbärmlich von den Fenstern. Außerdem bedient sie nach mir gekommene vor mir, was mich wütend macht. Wisotzki nervt auch.
Einfach sitzen und über den Zeitungstext für die Taz-Kampagne meditieren.

Wäre schön, wenn mein Leben heute wie ein Film mit Hugh Grant wäre.

Film: "La mala educación" (R.: Almodóvar), Kulturbrauerei.
Zähle genau die Plätze durch, aber dann sitze ich angeblich doch falsch, ein Pärchen behauptet, ich würde es auseinanderreißen. Weil ich mir irgendwann einmal, vielleicht bei der letzten Zumutung, vorgenommen habe, nicht mehr so leicht nachzugeben, widersetze ich mich trotzig und muß dann doch meinen Fehler einsehen. Richtig wütend, weil ich im Unrecht bin.
Seltsam, wieviel Vergnügen man daraus zieht, die Puzzleteile einer trickreichen Erzählung zusammenzusetzen, bis man die Zeitebenen und Erzählperspektiven alle zusammenbekommt. Wie er es schafft, jeden Film nach sich aussehen zu lassen, alleine schon durch die Ausstattung. Wenn die Welt sich über Spanien durch Almodóvar informiert, muß sie denken, dort seien fast alle Männer Transvestiten, und die Möbel immer schön bunt.
Starke Wehmutsschübe bei den kurzen Szenen in Valencia. Allein schon bei Erwähnung der Stadt.

Schusterjunge. Ob man seine Eltern später einmal zu sich nehmen würde. Wenn einen die Eltern zu Hause beobachten, ist man wenigstens nicht so einsam.
Mit S. ins Krüger. Über Kurztexte, in denen Klischees über die DDR übertrieben werden. Jemand, der seinen Vater nie gesehen hat, der ihm von der Arbeit einen ollen Stein mitgebracht hat. Am Ende war er Kosmonaut und der Stein kam vom Mond. Eine, die sich einbildet, direkt vom Affen abzustammen, aber in der DDR nichs zu lachen hat, weil es keine Bananen gab.

Das wird alles mal dir gehören!

24.10., So
Buch: jetzt also doch in der Wolf-Biographie von Magenau festgelesen. Immer spannend, so eine Geschichte mit Happy End von Anfang an zu verfolgen. Man liest 500 Seiten über jemanden, den man bei einer persönlichen Begegnung vielleicht wie üblich nach 5 Minuten abhaken würde. Daß sie sicher eine von den braven Mädchen war, die alles geglaubt haben, die Sorte, die ich immer verachtet habe. Biographisch ähnliche Voraussetzungen wie Müller, aber keinen Zynismus entwickelt. Vielleicht war bei ihm der Schock des frühen Verbots noch viel bedeutsamer, als man denkt? Ihre Eltern kommen kaum vor. Noch mit 30 vollkommen blauäugig, die Entscheidung für den Staat durch den Antifaschismus begründet, das Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den verknöchertsten Genossen, weil sie im Widerstand waren, man selbst dagegen Hitlermädel.

Tot sein, ist das nicht ziemlich pathetisch?

Im Schaukelstuhl ein Wolf-Simonow-Gespräch über Tagebucharbeit, das Verhältnis Roman-Tagebuch. Er hat das zusammen rausgegeben, das Tagebuch und den Roman dazu.

Kurz in den Sarajevo-Ausdruck geschmult und doch stark vom Text aufgesogen. Vielleicht gibt es Hoffnung, vielleicht steckt etwas drin von dem erlebten.

Trotz oder wegen Halsschmerzen und Erkältungsgefühlen in die Sauna. Ein Kerl schabt sich ausdauernd mit den Fingernägeln über die Haut, was ein äußerst unangenehmes Geräusch erzeugt. Gutes Gefühl beim rausgehen, momentan der größte Genuß im Leben.

Teresa ruft an und benutzt das Wort "histrionico" in Bezug auf Almodóvar (im Wörterbuch steht dann was von "Gaukler"). Ich könne doch jederzeit mich bei ihren Eltern in Valencia einmieten. Sie versteht nicht, daß die Wiederbegegnung mich emotional umhauen würde.
Macht den Theorieschein Segeln, das spanische Vokabular sei schön, die Namen der Knoten. Seit zwei Wochen ist sie erkältet. Finden keinen Termin für die nächste Woche.

Fernsehen: Philosophisches Quartett mit Grünbein und dem "Brand"-Historiker Friedrich, der etwas krankes in der zurückgenommenen und trotzdem fanatisch wirkenden Ausdrucksweise hat. Die kalten Augen, wenn er Widerspruch scheinbar ungerührt hinnimmt, wie jemand, der oft geschlagen wurde und sich eine Kälte anerzogen hat. Wieder grübele ich, wie ich in so einer Runde herausstechen könnte, ohne Ahnung vom Thema zu haben. Sloterdijk: Eichinger hätte gesagt: "Warum solle andere über unsere Traumata berichten?" Die Umwandlung des Traumas zur Ressource.

25.10., Mo
Sehr schlechte Nacht, immer wieder aufgewacht.

Buch: Reinhard Lettau "Flucht vor Gästen".
'97 gekauft und zur Hälfte gelesen, seitdem lag es im Regal für angefangene Bücher und lastete mir auf meiner Seele. Inzwischen ist der Autor gestorben, was es besonders traurig macht, weil man sich fragt, wozu man dann überhaupt schreibt, wenn man irgendwann einfach stirbt. Dabei müßte das Buch ein Klassiker sein, wie es die Lust an der Formulierung bei einem selbst neu entfacht.
"Wie habe ich es überlebt, so viele Jahre, mit so häßlichen Gästen?"
"Versuchsweise Bewohnung der Häuser im zur Schulter gelegten Kopf."
"Ein wiederkehrendes Erlebnis, das mich im Umgang mit Gästen ermüdet, ist die Überprüfung der Gegenstände des Hauses auf ihre Echtheit..."
"Ohne Schuld im Gesicht erhebt sich ein Gast und verändert die Lichtverhältnisse..."
"Schatten nur auf einem spärlich bewachsenen Hügel mit den Büschen, die man als Kind schon langweilig fand, sosehr man sich auch darauf konzentrierte, sie zu sehen, wie man sie sehen würde, wenn man mit einer dringenden Botschaft an ihnen vorbeigaloppierte."
"Versuche, den Tag durch Spontaneität zu beleben, indem ich etwa ein Glas hier oder dort gefährlich abstelle, wo es sowieso, auch ungefährlich plaziert, gar nicht hingehörte, wie es Künstlern taumelnd am Abend passiert, gelingen mir nicht."
"Aber da, wo ich jetzt bin, fragt niemand, wie es dort war, wo ich herkomme, weil hier alle schon immer überall waren, nur nicht da, wo sie sind."
Zum 70. Geburtstag: "...nur der einzige Mann, von dem ich wußte, daß er an einem Aufsatz über mich sitze, kam, wie ich bei täglichen Anrufen aus Gümse, Berlin, Mießen, München, Meursault und Belfort feststellen mußte, überhaupt nicht voran."
Deutschland: "Nach Einfahrt in einen Bahnhof Erstürmung des Zugs wie im Krieg. Unerwartet wie ein Posaunenstoß das Schneuzen eines Mannes in unserm Abteil, aber niemand blickt auf."
"Der Schwindel des Sommers vermondete den stinkenden Teich, der zu Pfützen schrumpfte, in deren Rändern Fische silbern verzuckten."

Das ist beglückende Formulierungskunst, die Brücken baut über das nichts. So etwas fehlt tatsächlich fast vollständig auf den Lesebühnen. Das schlimme ist, daß es auch niemand vermißt. Statt dessen wird brav berichtet, wobei es gleichgültig ist, ob das Geschehen lange zurück oder in ferner Zukunft liegt, der Duktus ist immer harmlos. Niemand stellt seine Seele so kunstvoll zur Schau.

Anwandlungen von Reisestimmungserinnerungen, die sich zu langen, kräftezehrenden Tagträumereien entwickeln.

Schwanken, ob Fußball mir schaden würde, aber dann fahre ich und halte die 3 Stunden gerade so durch. So ein wuseliger begabter Junge, der seine Stärken kennt und ansonsten auffällig lässig das System ignoriert. Ein paar Stochertore, aber zuviele neue, die die Ordnung noch nicht verstehen. Stelle fest, wie mir vor allem das perfekte taktische Zusammenspiel Freude macht, wenn alle laufen, wie sie sollen und man hin und hertanzt.
P. rennt auf eine Wand zu, stolpert über den Ball und knallt mit vollem Schwung mit der Stirn gegen die Wand. Platzwunde über beide Augenbrauen, dickes, gelartiges Blut am Boden. Krankenwagen. Die Scheu hinzusehen.

Mühsam kurzer Schlaf.

Film: "Der Untergang", Kulturbrauerei.
Armeesätze: "Ein guter Soldat findet immer seine Verpflegung" "In einem Krieg wie diesem gibt es keine Zivilisten"
Wencks 12.Armee war es, von der es hieß: "Wenck hat uns raus"
Der Standesbeamte: "Mein Führer, sind sie rein arischer Abstammung?"
Das Gefasele über Flucht aus der Verantwortung. Als sei Selbstmord keine Flucht. Es wäre doch viel mannhafter, in die Gefangenschaft zu gehen wie alle anderen. Leben ist immer schwerer als sterben.
"Die braucht eh keiner mehr", sagt einer, als hätte man damals schon "eh" gesagt.
"Berlin ist jetzt eine Stadt der Warenhäuser. Da waren Haus..., da waren Haus..."
Dieter Mann spielt Keitel. Krumbiegel kurz im Bild, Kranzkowski, dreimal altes DT.
Hinterher hat man fast Mitleid mit Hitler. Seine unsinnigen Ansichten über die Lage und die Leiden der Menschen wirken nicht diabolisch, weil man den Eindruck bekommt, er könne es im Bunker auch nicht besser wissen und flüchte sich in Phantasien. Auch so eine gewisse trotzige Enttäuschtheit vom deutschen Volk, die ja immer angebracht ist. Rein filmisch Langeweile, bis sich endlich alle umgebracht haben. Die Gewaltsamkeit der wenigen Szenen im Freien von der Kritik stark übertrieben. Auffällig, daß man sich auf diese Szenen freut, weil wenigstens etwas passiert. Der bayrische SS-Mann mit den Stricken über dem Arm. Tatsächlich ein Lapsus, oder unverzeihliche Naivität, daß man ausgerechnet Hitlers Leiche nicht sieht. Das schreibt den Mythos fort, man kann kaum glauben, daß das keine Absicht ist. So, wie Ceaucescu müßte man ihn in unerwarteter Pose, zusammengesunken am Boden sehen mit Loch im Kopf.

26.10., Di
Wieder eine sehr schlechte Nacht, vielleicht liegt es am zunehmenden Mond? Nach 5 Stunden einen Schluck Wick MediNait, nur um einzuschlafen.

Morgens Wolf-Bio. Ganz bewegt.

"Sailor und Lula" angefangen.
Seine Schlangenlederjacke (von Brando?) "Sie ist ein Symbol meiner Individualität."

Notizen übertragen. Obwohl es Spaß macht, und ich vieles gut finde, kann ich mich kaum am Schreibtisch halten.

Ein deutscher Film der Zukunft müßte die aufwendige Verfilmung der Erinnerungen an das Kriegsende in Ostpreußen von Hans Graf Lehndorff sein.

Weiter im Zeitungstext für die Taz.

Die neue Bahncard nun erfolglos zwei Tage wie ein Idiot in allen Stapeln gesucht, nachdem ich sie gerade erst geschickt bekommen hatte. Anruf in der Zentrale, Nachbestellung kostet 15 Euro.

Ärgere mich über eine Einladung der Literaturwerkstatt zum Open-Mike: "Viele bekannte Autoren haben ihre Karriere beim open mike begonnen, u.a.:...", und dann werden Krohn, Mora, Rammstedt und Röggla aufgezählt und nicht ich.

Im Balzac mit Zitty das Fernsehprogramm lesen. Immer noch ist es mir das in der Öffentlichkeit peinlich.

Beim Nacharbeiten der Chronik lange überlegt, was am letzten Freitag gewesen ist (Falkos Geburtstag). So schlimm ist es schon, so schnell versinkt alles im Orkus.

Eine Stelle bei Wim Wenders (wo?), wie ihn New York umgehauen hat beim ersten mal. Das Rauschhafte, die Gier, die einen nicht schlafen läßt, jeden Tag aufs neue von der Stadt geplättet und inspiriert. Wie enntäuschend, als Ahne so gleichgültig von seinem Aufenthalt sprach, wie kann man in N.Y. gewesen sein und sich davon nicht für immer verändern lassen?

Gesundbrunnen auf Mel gewartet, die ein neues Handy hat, mit dem man Tennis spielen kann. Die Grafik im Grunde schon besser als beim C-64, wo führt das alles hin?
Sinnieren darüber, was ein Kompliment ist. Denn sie hat ein "schmieriges" Kompliment bekommen. Das sei eines, hinter dem eine Absicht stehe. Aber steht nicht hinter jedem Kompliment eine Absicht? Schmierig ist es also, ehrlich zu sein. Der Gentleman muß loben und so tun, als sei er nicht interessiert. Oder lediglich nicht körperlich interessiert? Meine Behauptung, daß es nur eine Frage des eigenen Interesses ist, wie die Frau Komplimente bewertet.
Wie jedesmal, hat sie bei ihrer letzten Reise wieder zahlreiches menschliches Strandgut kennengelernt, das jetzt bei ihr wohnen will.

Anstehen und Abtasten am Olympiastadion, ein behinderter Junge mit Piepsstimme und sein genauso aussehender dicker Vater neben ihm. Die überwältigende Kulisse, so grell-grün der Rasen, das ganze Feld sehr gut zu sehen. Das Spiel auf engem Raum, kaum etwas kann gelingen. Sie stehen sich auf dem Großfeld so auf den Hacken, wie wir in der Halle. Hertha ist ein für allemal ein Gurkenverein. Das liegt am ganzen Image, an der Piefigkeit des Maskottchens, an der grausamen Stadionhymne von Frank Zander.
In der Pause heizt ausgerechnet die Schwulenikone Jimmy-Summerville den Zuschauern ein, und das, wo es in der ganzen Bundesliga keinen einzigen offen schwulen Fußballspieler gibt. Er steht dabei auf der Treppe, über die damals die Parteiführung das Stadion betrat. Mel kennt Jimmy Summerville nicht, auch nicht Bronski Beat. Der Abgrund, der mich von den 23jährigen jetzt schon trennt.

Erwägungen über unkonventionelle Hausarbeit. Die Stellung der Roma in Rumänien ließe sich nicht mit wissenschaftlicher Prosa beschreiben. Mischung aus Reportage, Erzählung und Material. Der Professor wolle es ich ansehen. Ja, wenn das ginge, hätte ich auch abschließen können.

Ich benutze immer nur den Raum, in dem ich mich befinde, die anderen können sie solange weitervermieten. Also tagsüber das Schlafzimmer, und das Bad auch über lange Strecken. Nachts kann der Rest der Wohnung abgebaut werden, die Materialien können solange für andere Zwecke eingesetzt werden. Hauptsache, am Morgen ist alles wieder an seinem Platz, darum möchte ich mich nicht kümmern müssen.

27.10., Mi
Morgens in der Wolf-Biographie. Keine Zeit zum laufen. Spontan eine Berliner Szene über P.s Unfall.

Ausgekoppelt: Berliner Szene: Blut auf dem Parkett
Vormittags Fußball in einer Halle unweit der alten Reichskanzlei, bald baut hier der BND. Ein Spieler rennt auf den Ball zu, versucht ihn zu stoppen, rutscht aus und knallt mit dem Gesicht gegen die Wand. Er bleibt liegen, die Beine zucken vor Schmerz. Die Platzwunde über die ganze Stirn, das rote Blut, überraschend wie viel man davon hat, sammelt sich auf dem Parkett zu einem Klumpen, dick wie Pudding, der später mit Klopapier aufgewischt wird.
Einer der Mitspieler, Russe, "ein fremdländischer Arzt", wie er sich ausdrückt, legt den Verband. Dann kommen Sanitäter und bringen den Verletzten ins Bundeswehrkrankenhaus.
Abends im Kino "Der Untergang", die Russen stürmen Berlin. Im provisorischen Wehrmachtslazarett werden am Fließband Beine mit der Säge amputiert, während draußen Artilleriegeschütze Körper zerfetzen. Die Hoffnung des Einfühlungskinos, mit Rekonstruktionsästhetik Erfahrungen begreifbar zu machen. Wie fühlt es sich an, tagelang Beine abzusägen? Wie fühlt es sich an, den Untergang seiner Welt zu erleben? Seinen Vater hängen zu sehen? Das Dilemma des Unterhaltungskinos: weil die Szenen im Bunker so langatmig sind, wartet man auf die Stellen, in denen das Schlachten in den Straßen gezeigt wird, auch weil es einen mehr berührt zu sehen, wie Berlin leidet.
Nach dem Film weiß ich immer noch nicht, wie es sich anfühlt, in die Stirn geschossen zu werden, so wie ich nicht weiß, wie es sich anfühlt, mit der Stirn gegen eine Wand zu rennen. Aber zumindest wie das aussieht, weiß ich seit heute. Im Kino an mir eine lüsterne Gier auf Grausamkeiten beobachtet, auf bisher in Kriegsfilmen noch nicht gezeigte Details. In der Turnhalle kaum den Mut gehabt hinzusehen, Angst vor echtem Blut.

Debatte um Preiserhöhung und Qualität der Chaussee. Es soll für jeden bezahlbar sein. Was ist der Maßstab? Das Argument, der niedrige Preis würde Experimente erlauben. Aber wie experimentieren ja gar nicht.

Ha relativ schnell zutraulicher, da vermißt man schon fast wieder dieses gezierte zurückziehen, wenn man ihre Hand nehmen will. Manchmal vergißt sie es auch einfach und erinnert sich dann plötzlich wieder daran. Man fühlt sich wie der Pferdeflüsterer.

Allein im Haliflor, guter Eckplatz. Mit Kaffee und Wein Wolf gelesen. Eine Gruppe Frauen setzt sich um mich rum und diskutiert über die Unfähigkeit ihrer Männer zu lieben. Dann wird es immer voller, aber ich widerstehe in der Brandung aus Gewäsch und Musik mit meiner Lektüre.
Ganz aufgewühlt, daß mich die kulturpolitische Biographie der DDR überhaupt noch so betrifft.
Bei den Honecker-Zitaten träume ich plötzlich wieder von einem Erich-Stück. Die Eingebung, daß man mit den Originaltexten arbeiten muß. Es geht beim Theater doch immer um eine Sprachverwurstung. Eine Rhetorik usurpieren. Diese Sprechmaschine, die selbstreferentiellen Rhetorikmuster, das ist alles Theater. Teilweise auch als Kommentar zur Gegenwart interessant. Aber es darf nicht wie Schatrow klingen. Ein alte Kämpe, der zunehmend die Realität ignoriert und an ihr vorbei seine utopischen Reden hält. Das ist eine typische literarische Figur.
Noch 2-3 mal den Zeitungstext durchgegangen, diese unsinnige Freude an einem Nebenprodukt.

Mutti: wie unangenehm ich es finde, immer wieder von ihr für meinen allerersten Text gelobt zu werden, als sei danach nichts gekommen.

Als Werbekampagne für ihre Literaten war die DDR äußerst erfolgreich.

Versprecher: Normalottoverbraucher

Schweres Einschlafen, weil ich in langen Tagträumen einen neuen Aufenthalt in Valencia durchspiele. Spanisch ja, herrlich, endlich wieder was dazuzulernen. Aber die Pflicht haben, jedesmal einen neuen Ort zu erobern, weil das Leben zu kurz ist für Wiederholungen. Die zu erwartende Nostalgie nach 8-9 Jahren.

28.10., Do
Laufen Schönholzer Heide, ca. 1h. Diesige Luft, halbwegs lockerer Schritt, aber ein bißchen Überdruß an der bekannten Strecke. Nur in der Heide wie eine Farbtherapie die Orgie von buntem Herbstlaub.

Warum kaufe ich eigentlich den teureren Ostreis? Ich zahle doch genug Steuern, die man für die Wirtschaft verwenden könnte. Aber ich hätte ein schlechtes Gewissen, nicht die paar Cent für den Erhalt unserer letzten Gerechten zu spendieren. Total irrationale Haltung.

Chaussee: Lese "Für Kastrationsangst hatte ich keine Nerven" und nach Monaten Bearbeitung und Zögern endlich "Die Chaussee der Enthusiasten im Spiegel der Weltliteratur"
Dan: "Der Anblick von ihr hatte den Effekt, daß mein Testosteronjackpot ausgeschüttet wurde."
Sehr gelungener Abend mit viel neuem Publikum. Andrea taucht aus dem Nichts auf nach einem Jahr Island, und ich habe nicht einmal geschrieben.
Eine Praktikantin von der TAZ denkt an einen Artikel zum Jubiläum. Lasse ihr ihre Hoffnungen, auch wenn sie es mit Sicherheit nicht bringen würden.
Bohni: Haß auf den Garten der Eltern: "Adam und Eva, sie pflückten einen Apfel vom Baum der Erkenntnis und erkannten, daß Gartenarbeit eine gemeine Sache war." Frage ihn, ob ich ihn im Garten vertreten darf, wenn er keine Lust drauf hat.

29.10., Fr
Am Morgen mit den Lippen hartes, weißes, sauberes Porzellan berühren. Die Baumwipfel, jetzt schon bunt gefärbt. Die Heizung hat den Raum gewärmt, keine Geräusche. So arbeiten können bis zum Untergang der Welt. Symmetrie, Sauberkeit, Klarheit. Muß aber los zur Verabredung mit T. Lust, stattdessen Ha zu besuchen.

Wolf: Parallelen zu mir. Angst vor Genossen, die zu Besuch kamen, um auf sie einzuwirken. (Angst vor GEZ-Besuchen)
Die Behauptung, die Gegenwart laufe wegen der patriarchalen Strukturen aus dem Ruder (und das bei so einem sanften Mann) Erkennen, daß im Osten wie im Westen dieselben (männlichen) Ausbeutungs- und Machtdispositive wirken. (Ich dagegen leide darunter, daß die tonangebenden Männer hübsche Mädchen im Literaturbetrieb bevorzugen)
In der Presse erscheinen diffamierende Kritiken, die man machtlos hinnehmen muß.
Der Freundeskreise als private Utopie, wenn die gesellschaftliche nicht funktioniert.

Mel hat in einem Schuppen ein Stück Mauer gefunden. Motiv: In einer Wohngemeinschaft Zugreister spielen sich gesellschaftliche Verfallsprozesse ab, die sich am Fund eines Stücks Mauer und an der Frage seiner Vermarktung kristallisieren.

Mit Teresa im "November". Sie hat El Paìs gekauft, um die Reaktion auf "lo con la comision" zu lesen (das von der EU-Kommission). (Ich weiß schon wieder gar nicht, worum es da geht). Harmonisches Elternhaus. Ihr Vater reist wie ich auch nur, um es sich hinterher anzugucken. Natürlich ist ihr Lieblingsfilm von Lynch "Wild at heart" (corazón salvaje), am besten die Schlußszene mit Nicholas Cage. Aber sie stimmt mir zu, daß "Blue Velvet" viel komplexer ist. Auch bei der latenten Gesellschaftskritik der Gruselszenen.

Ost-West-Sprache: Alex vs. "Ahlex"

Mit großer Unlust im Niesel am Freitag noch einmal die Danziger runter, diesmal über die Oberbaumbrücke nach Kreuzberg. Taborkirche, Ecke Wrangelstraße. Ganz durchgeschwitzt und plötzlich wieder Bauchschmerzen.
Die Backsteinkirche, Atmosphäre aus der Kindheit. Mir fällt wieder ein, wie ich mit 6 in der Samariterkirche für einen Glasfiberflitzbogen zu Weihnachten "Draußen ist es bitterkalt, wer stapft da durch den Winterwald..." aufgesagt habe.
Daß der Einlasser blind ist, fällt erst auf, nachdem er 30 Leute umsonst reinläßt.
Barbara mit heimatlicher Berliner Diktion.
Allmachtsgefühle auf der Kanzel. 20-30 Gemeindemitglieder sind unter den ca. 100 Zuschauern. Es muß schon um die großen Fragen gehen, den Glaubensverlust. Eine Lehre: man kann in der Kirche nicht provozieren, alles wird geschluckt. Tubes Texte wirken wie die für die Jugend aufgepeppten paradoxen Gleichnisse eines Pfarrers. Im Grunde sind wir alle gute Christen, weil wir zum Nachdenken über das Leben, den Sinn des ganzen und die Lage des Menschen anregen. Ich frage einen, ob es nicht einen Grundkonsens über den Glauben geben muß bei den Leuten, die sie hier reinlassen. Nein, denn sie wollen auch Andersgläubige und Atheisten ansprechen. Sagt man: "Ich glaube nicht an Gott" ist die Antwort: "Das ist gut, daß du dich damit auseinandersetzt. Zweifel sind der erste Schritt zum Glauben."
Man kann auch gar nicht anders sprechen als wie man es an den Pfarrern immer gehaßt hat, diese beschwörende, leicht weinerliche Rhetorik ist schon durch den Hall vorgegeben.
Lese "Kopf zerbrochen" und die Kastrationsgeschichte "Müde bin ich..." die erstaunlich gut ankommt. Als ich witzele, der lange weiße Stock, an dem der Bärtige aus der ersten Reihe schnitzt, sei wohl ein Oberschenkelknochen, geht er raus und ist tödlich beleidigt. Er scheint im Viertel bekannt zu sein und sich durch die Kneipen zu schnitzen, macht aber hinterher immer selber wieder sauber.
Ihre Girl-Gripu hat sich aufgelöst, der Manager sei mit dem Geld verschwunden. "Und wie läuft Triumphgemüse?" fragt sie mich. Sofort bin ich in der Defensive. Stoße immer an ihre langen Schuhspitzen. Zum Schluß gemeinsam einen "omm"-Lichtkreis, Tube versperrt sich dieser spirituellen Gruppen-Erfahrung.

Wunder: der Rückspiegel an der Orgel

Kindheit: Kopf zerbrochen, daß Brücken mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% einstürzen, weil sie entweder halten oder einstürzen.

Gelöst mit dem Fahrrad an der East-Side-Gallery entlang. Die Stadt im Nebel. Die Spitze vom Fernsehturm verschwindet vollständig. Maria am Ostbahnhof wird gerade weggebaggert. Daß es doch eigentlich gut ist, durch die Gesellschaft zu Abschieden gezwungen zu werden, sonst würde man nie etwas verlassen.
Wie paradox es ist, daß ich jetzt das Womacka-Fresko als Heimat empfinde, wo man das doch immer verachtet hat. War die Verachtung unecht, unüberlegt, Automatismus, oder ist die Empfindung von heute künstlich, versöhnlerisch, postmodern?

Zum Geburtstag von Bes Bekanntem. Weil ich mir müde die Augen reibe, gelte ich an der Bar als betrunken und bekomme kaum ein Bier. Keine Frau guckt mich auffällig an.

Morgens in ein grusliges Kindercafé in der Schönhauser. Der ohrenbetäubende Lärm, den diese Monster in der Hüpfburg veranstalten. Einer fast Ha an den Kopf.

Kunstobjekt: in einer Ausstellung eine große Kugel, "die in 100 Jahren explodieren wird."

Matthias an der Ecke Wichert. Über Sophie Calle. Er mißtraut Künstlern, die sich so wichtig nehmen, aber sie sei damit die erste gewesen und dabeigeblieben. Sage A. ab wegen IKEA und lege mich lieber hin.

Bis 30 Minuten vor dem losgehen zögere ich es hinaus. Dann endlich "Was unterscheidet mich eigentlich noch von Heiner Müller" überarbeitet. Wie schön, nach einem halben Jahr die Fehler gleich zu sehen. Man könnte fast meinen, eine Fertigkeit zu haben, die anderen fehlt. Hart erarbeitet mit endlosem, ewigem Redigieren. Trotzdem auch wieder beängstigend, wie falsche Sätze man noch schreibt, wie wichtig es ist, Zeit vergehen zu lassen.

Gelöst zur Kantine, dort über 100 Zuschauer. Brandenburgische Buchwochen. "Thema 'Erinnerung': dazu fällt mir nichts ein."
Beginne mit "Was unterscheidet mich eigentlich noch von Heiner Müller" und jeder Text wird eine Steigerung. Trotz gutem eigenem Beitrag sind doch Bohnis Monolog eines immer die Bösen spielenden Schauspielers und Spiders Kurztext über einen Kosmonautenvater am besten.
Bov: "Billigprellböcke überschwemmen den Markt."
Spider sei bei den Surfpoeten "Verantwortlicher für Wissenschaft und Gesellschaft"
Stein hat eine Ich-AG "Meinungsforschung" gegründet.

Schusterjunge. Marlen ergänzt, daß 150 Menschen auf der Welt am "Undine-Syndrom" leiden würden. Die würden beim Einschlafen aufhören zu atmen und ersticken und müßten immer einen Betreuerstab um sich haben, der für ihre Atmung sorgt. (Wahrscheinlich waren es ursprünglich viel mehr, die diese Krankheit unerkannt hatten?) Es ist immer wieder erstaunlich, auf was für poetische Ideen die Natur kommt, welche Krankheitsmetaphern ihr noch einfallen.
In ihrer Wohnung hat vorher der Sänger von Rammstein gewohnt, und sie mußten haufenweise angekokelte Kostümteile aus dem Keller räumen.
Korrelation zwischen Stil der Playboy-Titelbilder und amerikanischen Präsidenten. Dicke Brüste seien immer angesagt, wenn die Republikaner an der Macht sind. Mir fällt die Marianne-Ikonographie ein, die prallen Brüste der die Nation ernährenden Schutzfigur gegenüber der als sexuell pervers und eigennützig verschrieenen, sich der Mutterrolle verweigernden Marie-Antoinette.
Die neueste pauschalisierende Lesebühnen-Kritik einiger Berlin-Besucher in ihren Web-Blogs (in denen sie es nicht besser machen). Warum man das überhaupt ernst nehme (ich, weil ich so selbstkritisch bin, daß jede Kritik irgendeinen Zweifel anspricht, den ich habe) Dabei meinen sie gar nicht die Punkte, die mir aufstoßen. Wenn ich einen gefährlichen gemeinsamen Nenner bei Lesebühnen-Texten ausmache, dann meinen sie ja nicht den.

Idee: Schnipsel und Bildserie: "Ästhetik des Widerstands". Häßlichkeiten dokumentieren, die mich täglich unglücklicher machen.
- das neue Stück marmorierter Teppichboden im Hausflur

Noch Sportstudio vom Band. Meine irrationalen Sympathien für Fußballklubs. Bochum, weil da mal Wosz gespielt hat, der aus dem Osten kommt, noch besser: polnische Vorfahren hat. Deshalb auch Leverkusen, weil da mal Thom war vom BFC. Alle Klubs mit Osteuropäern. Duisburg, weil da mal Ewald Lienen war, der in den 80ern lange Haare hatte und den Krefelder Appell unterschrieben hat. 1860, die ich eigentlich hasse, weil da Falko Götz vom BFC Trainer war und Häßler gespielt hat, der aus Berlin kommt. Dortmund, weil da Sammer Trainer war. Alle Klubs, in denen Ossis spielen oder gespielt haben.
Bleiben nur ganz wenig übrig, für die ich nichts übrig haben muß.
Bei Nationalmannschaften dasselbe.

31.10., So
Belegte Stirn, Zeitumstellung, trotzdem zu spät wach. Wolf im Bett. Dann Internet und Riverboat mit einem diabolisch phlegmatischen Schauspieler aus Magdeburg (Frank Gierke), der den Beruf gewählt habe, weil er faul sei und geltungssüchtig.

Film: Noch einmal von Anfang an "King of comedy".
Dieses sagenhaft ökonomische Drehbuch, konsequent wie eine Kurzgeschichte, wie eine Partie Schach. Die so unendlich tröstliche Rachephantasie eines Außenseiters (Monte-Christo-Motiv?).

Wenigstens Notizen übertragen, dann schon wieder am Zeitungstext.

Blick auf das Regal mit den einmal angefangenen und aus den verschiedensten, oft unerfindlichen Gründen nicht zuende gelesenen Büchern. Sloterdijk "Eurotaoismus" zum Beispiel, mit Begeisterung bis zur Hälfte. Die vielen Anstreichungen, alles Sätze, die man sich merken möchte. Aber doch das Gefühl, eigentlich nichts daraus erfahren zu haben. Und vor allem, daß einem nichts fehlt, wenn man es nicht liest. Philosophie, die mit begeisternder Assoziationsfähigkeit und fast schon kabaretthafter Formulierungsfreude die Gegenwart kommentiert. Eigentlich für mich nur sinnvoll solche Texte zu lesen, wenn ich Sprechweisen für Stücke übernehme.

Sauna, mal ohne Erkältung. Beim 2.Aufguß nicht rechtzeitig geflüchtet und fast erstickt unter ihrem Handtuchwedeln. Danach gehe ich auf dem Bürgersteig auf zwei wartende junge Männer zu, und denke schon, daß sie mich anpöbeln wollen. Aber sie stehen nur so da und gucken in meine Richtung. Wie mir bei so etwas das Herz pocht, weil ich der Konfrontation ja aus Ehrengründen nicht ausweichen will und genau auf sie zugehe, statt abzubiegen.

Film: "Vanilla Sky".
Man guckt es sich an, weil die Farben so schön sind, die Schauspieler so durchtrainiert und die Wohnungen so groß und sauber. Aber nach einer Stunde weiß man immer noch nicht, worum es eigentlich geht. Doch nicht etwa um diese brave Liebesgeschichte? Was soll das mit der Psychonummer im Knast? Und der biedere Psychologe, den er angeblich mit seiner Story in die Midlife-Crisis redet, das kann doch nicht ernst gemeint sein? Halte aus, weil ich wenigstens noch wissen will, wie sie sich plotmäßig aus der Affäre ziehen, aber dann bricht die Aufnahme ab, nicht lang genug eingestellt! Das ist ja jetzt die größte Gemeinheit.
Gut, daß ich den Film nicht geguckt habe.

1.11., Mo
Fußball: gut durchgehalten, aber nur stellenweise Spaß. Komischerweise muß auch der Gegner gut sein, damit es einen reizt. Wenn es so richtig fließt Angriff, Gegenattacke, alles ohne Verzögerungen, wie beim Ballett. Und alle denken mit und lassen den Ball laufen. Dann haben wir so einen großmäuligen agilen und in der Dynamik durchaus genialen Burschen dabei, der aber, wenn er nicht am Ball ist, mit auffällig lässiger Körpersprache und Unbeteiligtheit seine Überlegenheit betonen will. Wie oft läuft man mit und kriegt dann nicht den einfachen Ball, weil er sich festrennt und dann aus unmöglicher Position abzieht. Dabei ist es ja simpel, so zu spielen. Wenn man einfach immer allein durchzukommen versucht, muß man ja keine Entscheidungen treffen. Und das ist das, was einen Spielmacher ausmacht, immer instinktiv abzuwägen: versuche ich es alleine, spiele ich den genialen und riskanten Ball und riskiere einen Konter, oder den einfachen Ball zum Nebenspieler, der das Spiel aber nicht öffnet. Immer in dieser Zwickmühle zu sein und instinktiv richtig zu entscheiden, das ist die Kunst.

Schlaf.

Im Internet einen Auszug von einem "Stück", das die Mora für die Ruhrfestspiele geschrieben hat. Sie machen es sich so leicht, sie denken gar nicht darüber nach, was ein Stücke eigentlich ausmacht. Wie man nach Heiner Müller noch Stücke schreiben kann. Einfach so ein monologisches Gewäsch und idiotische, möglichst derbe und realitätsferne Handlung.

Buch: Jörg Magenau "Christa Wolf ? Eine Biographie" zuende.
Hätte nie gedacht, daß ich das lese (450 S.!), aber Erfolgsgeschichten sind letztlich immer tröstlich.

Im Spiegel eine Doppelseite zur Hypochonder-Anthologie und sofort ist sie bei Amazon in den Top 1000.
Ablutophobie, die Angst, sich zu waschen.
Freud: "Das hypochondrisch beobachtete Organ kann an die Stelle des Genitals treten." Er ist ein Genie, das literarische an ihm ist, daß er alles auf sich, in seinem Fall, auf den Sex bezieht und eine beeindruckende Phantasie dabei entwickelt.
Molière starb 1673 auf der Bühne an einem Schwächeanfall in der Rolle des eingebildeten Kranken.
Montaigne dachte, seine einseitige Hodenschwellung komme daher, daß die häufigen Blähungen falsch durch den Körper geleitet würden.

Zum Kookaburra. Erwägen, wenn es zu wenige Zuschauer sind, ihnen das doppelte anzubieten, damit sie wieder gehen und wir frei haben. Aber es sind nur 2, die wir überreden können am Donnerstag zu kommen.

Leichte Halsschmerzen, Stirn warm. Wann fühlt man sich mal wieder richtig energiegeladen?

In eine Eckkneipe Fehrbelliner Straße zu entspannten Gesprächen in der Sesselgarnitur. Der Sänger von Freygang soll hier oft sein, undstaucht tatsächlich später noch auf. Wer von uns Nazi-Verwandte hatte. Volker einen Oberleutnant. Gesellschaftsspiel: wer hatte den ranghöchsten Nazi in der Familie?

Stephan will noch mal für ein halbes Jahr als Lehrerassistent nach Frankreich, ausgerechnet Lille, weil es da häßlich sein soll. Versuchen ihn zu überreden, lieber nach St.Tropez zu gehen.

Ihr Bekannter würde auch immer über seine Prostata reden und sich einbilden, die Zeckenkrankheit zu haben.

2.11., Di
Eigentlich ist uns doch bewußt, daß die Menschen früherer Generationen moralisch und ethisch reifer waren als wir. Nicht so verpimpert und mehr gewohnt. Und das, obwohl man nichts von der Seele des Kleinkinds wußte. Ich denke immer, es kann nicht gut sein, wenn die Eltern so ein Gewese um die Seele ihres Kleinen machen. Das werden doch dann nur noch schlimmere Außenseiter.

Schön, so früh schon draußen zu sein. Aber um 9 haben die Milchcafés noch nicht offen, stelle ich fest. Mit Taz und Freitag ins Balzac. Dauernd will sie mir meine heiße Milch wegräumen, in der noch ein winziges Schlückchen ist, auf das ich mich so freue. Am Ende passe ich einen Moment nicht auf, und sie hat alles abgeräumt.
"Nach außen hin bin ich angepaßt, zurückhaltend, konfliktscheu und einfühlsam. Drinnen jedoch bin ich gefühllos, haltlos und kitschig", gebe im "Freitag" nicht etwa ich zu Protokoll, sondern ein schwer inzestuös veranlagter Mann.
In Minsk, genau an der Kreuzung, an der wir immer ausgestiegen sind, haben sie ein "Flashmob" veranstaltet. Sie stellen sich alle am Kiosk an und verlangen "Sowjetskaja Bjelarus", die Staatszeitung. Dann reißen sie die erste Seite raus, schmeißen die Zeitung weg und stellen sich wieder an.
Neulich die noch traurigere Einschätzung unserer zynischen Außenpolitik gehört: die EU sei gar nicht interessiert an der Demokratisierung von Ukraine und Belarus, weil sie ja dann in der Verlegenheit wäre, ihr Ansinnen, in die EU einzutreten, ablehnen zu müssen.

Anruf von einer Barmer-Frau, die mir lauter Sachen anbietet, die nichts kosten sollen.

Ausgekoppelt: Kandidaten zur Präsidentschaftswahl, wenn wir beim nächsten mal alle nicht können sollten

King of Queens, sie bringen 4 Folgen hinterheinander. Wie soll man da noch zum leiden kommen, wenn man so umfassend und befriedigend unterhalten wird?
Geniale Szene: Doug und Carry versuchen dem alten Arthur, der im Sessel eingenickt ist, Popcorn in den Mund zu werfen, als sei es ein Basketballkorb. 3 Punkte für Treffer, 10 Bonuspunkte, wenn er erstickt. Als er aufwacht hauen sie schnell ab. Er rappelt sich, sieht das viele Popcorn auf seinem Hemd und sagt: "Es ist kein Traum gewesen. Phantastisch. Doch wo sind die holländischen Nutten?"

Ich möchte nicht sterben, ohne daß eine Krankheit nach mir benannt worden ist.

Anruf bei Stauffer. Bis März in Berlin. Vor seinem Fenster wird der Boden ausgebaggert, Kriegsleichen geborgen, er bildet sich ein, es würde bis zu ihm in den vierten Stock danach riechen. Macht sich Plan für neues Buch, den er dann wie ein Beamter abarbeitet.

Fernsehen: Man kann nicht anders, es kommt einfach so viel interessantes. Parallel Champions League und Fests Hitler-Doku aus den 70ern, über die sich Wenders so aufgeregt hat. Dabei ist es ganz harmlos, eben Orginalaufnahmen von ihm, die man aber alle schon kennt. Das beeindruckendste ein Tonbandmitschnitt von einem Gespräch, wo Hitler plötzlich ganz normal redet, wie man es nie gehört hat. Außenpolitik, rumänisches Öl, als verhandle man Familienprobleme. Mussolini in Berlin, hält seine Rede auf deutsch. Hitler vor einer Rede, sich sammeln, mehrmals das bereitliegende Textblatt anstupsen. Den Anfang hinauszögern. Dann ganz leise beginnen: "Deutsche..." Schon im Wiener Asyl hätte er immer geübt, dann in München bis zu 10 Reden am Tag gehalten. Dazwischen apathisch. (Eigentlich auch das genau wie bei mir zwischen den Auftritten) Machen wir es nicht genauso: statt im Asyl im RAW-Tempel. Und ist das nicht eine amerikanische Erfolgsstory? Den ihm so nahen Charakter des verkrachten Künstlers hat Thomas Mann schon perfekt beschrieben, das, wovor man immer wieder in Staunen verfällt ist aber diese unglaubliche Erfolgsstory, die wir uns in unseren Filmen und Büchern ja auch immer wieder von uns selbst erzählen. Wo gibt es das, daß einer aus einem Asyl kommt, größenwahnsinnig, gedemütigt, faul, zu nichts anständigem begabt, und dann 20 Jahre später umjubelt von der ganzen Stadt in einem Triumphzug zurückkehrt! Wahrgewordener phantasmatischer Tagtraum jedes gedemüdigten Künstlers oder Beamten. Das zu erreichen durch die tausend Zufälle der Geschichte, als einer von tausenden, die zur gleichen Zeit genauso veranlagt waren und untergegangen sind. Daß sein Ehrgeiz, wie bei einem Künster oder Sportler, der schon alles erreicht hat, aus einer nie versiegenden Quelle stammen muß, ein sich immer wieder erneuernder Defekt, die ewig weitereiternde Demütigung, die das nie-ankommen garantiert. Sein ausgesprochenes Lebensziel: in der großen Kuppel über der neuen Hauptstadt Germania zu sitzen, zu lesen und nebenbei durch ein kleines Guckloch in sein Paradies zu schauen.

Stephans Schwester am Telefon diagnostiziert, daß ihr Laptop-Akku kaputt ist.

Etwas tippen, dafür den ganzen Abend den Computer an, nur um am Ende statt noch einmal weiterzuarbeiten, durch ein Versehen die Arbeit des Tages zu löschen. Ein mieses Gefühl, obwohl ich im Fernsehen so viel erfahren habe an so einem Abend, aber man hat trotzdem ein schlechtes Gewissen.

Sarajevo: die pappig werdenden Kifle sind wie Gefühle und Eindrücke: am nächsten Tag hat man schon keine Erinnerung mehr an die Intensität.

Warum ich Schriftsteller werden wollte:
Müssen nicht in Rente gehen, oft ist das letzte Buch sogar das beste.
Man muß seine Wohnung nicht selbst auflösen, alles ist wertvoll und wird in ein Museum umgewandelt, oder schon zu Lebzeiten archiviert.
Man bekommt sein Leben lang junge Frauen, die gar nicht anders können, als einem zu verfallen, je verfallener man ist, umso besser.
Man muß keinen Beruf lernen, man muß eigentlich nur deutsch können, als Lyriker ja nicht mal das.
Man ist sein eigener Chef und kann sich die Arbeitszeiten selbst einteilen.
Man muß kaum etwas ins Arbeitsmaterial investieren.
Man kann zur Not auch als Sekretär eines erfolgreichen Künstlers überleben.
Man darf die neue Verfassungspräambel seines Staats formulieren.
Man darf sich schlecht anziehen und muß auf Partys nicht witzig sein. Der Schriftsteller darf aussehen, wie er will, er kann ja nichts dafür.
Man muß nicht malen können.
Man wird gefragt, was man zur Politik der amtierenden Regierung denkt.
Jede Äußerung zu jedem Thema ist interessant, weil man sie als Schriftsteller macht, von dem es einen interessiert, was er über Themen denkt, von denen er nichts versteht.

Ost-West-Sprache: Balkong vs. Balkohn

3.9., Mi
Notizen rüber. Nochmal Zeitungstext. Nochmal ausdrucken und wieder einen Tag warten für die Endlektüre.

Zu Stauffer. Renoviertes Haus, goldenes Klingelschild mit Kamera. Hinterhof bis zur Linienstraße, mit einem sprudelnden Springbrunnen im Herbstlaub und Terrassenwohnungen. Abgezogene Wohnungstüren, goldene Klingelgriffe, Namensschilder aus Emaille. Blickt auf die Abrißarbeiten gegenüber. 3 Blaumänner sehen zu, wie einer mit dem Schaufelbagger aufwendig Kellerschutt siebt. Ab und zu greift einer ein Stück Draht oder einen Stein und läßt ihn wieder fallen. Keine Schutzhelme und Atemmasken. Er will wegen dieser Steuergelderverschwendung einen Brief an den Rechnungshof schreiben.
Hat hier einen langen Flur und mehrere Zimmer. Schöne Küche mit edlem Steinboden. Zwei Bäder. Alles von der Schweiz bezahlt.

White Trash hat zu, also zum kleinen Italiener Ackerstraße. Die Kellnerin ist begeistert von seinem Schweizer Akzent. Dort würden immer alle einzeln bezahlen und das gleiche bestellen. Ändere meine Schorlebestellung auf Bier ab, damit wir auch das gleiche haben. Überlege, mir einen Schweizer Akzent zuzulegen, damit mich alle immer gleich sympathisch finden. Ob es in der Schweiz überhaupt Verbrecher gibt?
Ein guter Kleinverlag wäre einer, der mich fragt: "Haben sie keine Idee für etwas, was sich nicht verkauft?" Dem würde ich sofort vertrauen.

In Kneipe Auguststraße zum Tippen, 30 Seiten Chronik durchgehen. Telefon, Falko will Berliner Szene für eine Osttaz zum 9.11. Sehr verschnupft. Ein älterer Sachse gegenüber, mit Goldbrille, der sich von Kaffee zu Cola hangelt. Scheint hier irgendwie gestrandet. Fragt das Kellnermädchen, ob man da und da tanzen könne, sie erklärt ihm, daß man da Tango tanze. Wie sehr muß er sie begehren, weil sie nicht nur das junge Mädchen ist, sondern die verflossenen Jahre, als er noch ein erfolgreicher Stenz war. Am Nebentisch reden zwei Ossis über ihr Sanitärbusiness: "...bin denn gleich mit Fis, dis is in so flüssiger Form, dis is ja keen Fit, hab dann festgestellt, daß man in der Kombination von verschiedenen Anbietern Ergebnisse erreicht, die akzeptabel sind. Dis is wie son Tisch, bring ich denn in die Schweiz... Ich hab jetzt n Angebot gemacht fürn Tüp, fürn Hotel, ich kann dir mal, dis hab ich im Katalog, den hab ich jetzt nicht mit, das hab ich für den Spülstein, den ich da gemacht hab. Der Spülstein, den ich da gemacht hab, der war schon gar nicht im Angebot, das billigste Angebot, ein Waschbecken, also ein Becken, also nicht doppelt, war mit 2900 Euro im Buch beschrieben. Also du hast natürlich Natursteinanbieter, es muß Sinn machen..."

Minsk: Führt Leben in Architektur der Zukunft zu Literatur der Zukunft?

In dem grauhaarigen Mann am Tresen vermute ich Herrn B., den ich dann nach dem Bezahlen auch tatsächlich auf seinen Sohn, meinen Armeefreund anspreche. So aufgewühlt von der Begegnung, daß ich zu Hause am nächsten Morgen einen Text über Literatur, Mathematik und NVA schreiben muß. Außerdem Notizen zum Armeematerial.

Ein Buch über September 89-September 90. Schwer, einen Anfang und ein Ende zu setzen, wie beim Roman. Weil doch alles sich erst aus dem Davor erklärt. Man müßte weit vor den Großeltern anfangen. Vielleicht: "Bumm. Der Urknall. Dann lange nichts. Und dann wird es nach und nach immer unübersichtlicher... Sehr viel später dann ich."

"3 nach 9"-Gedächtnisrunde bei Kerner. Zu Ostzeiten sicher eine meiner Lieblingssendungen. Warum? Man fühlte sich frei, wenn man das sah. Wie locker die über alle gesellschaftlichen Fragen diskutierten. Da setzt sich ein bekiffter Kabarettist ungefragt neben den regierenden Bürgermeister.

Langes Sinnen über die Zukunft des Schreibens. Nachts kaum schlafen können, weil es plötzlich so zu eilen scheint mit einem Buch über die Armee.

4.11., Do
Noch vor dem Laufen schnell ein paar Armeenotizen.

Laufen, 40 Minuten Hu-Hain. Dick eingepackt, ziemlich träge.

Ausgekoppelt: Herr B.

Mal beim Bauamt wegen der verschwundenen Granitbären vom Forcki fragen.

Anruf bei Eltern. Papa kaufte manchmal "Die Milchader ? Zeitung der FDJ-Initiative zur Entwässerung des Rhin-Luchs"

Zeitungstext durchgehen.

Auf Viva ein Video im Aerobic-Stil der 80er. Unglaubliche Körper, biegsam in engen Klamotten. Laszive Dehnübungen, kaum noch von sexuellen Verrenkungen zu unterscheiden. Man möchte gar nicht wissen, was es alles gibt, dann würde es einem auch nicht fehlen. In Minsk war man davon verschont geblieben. In welcher Gefahr die Frauen schweben, von Männern umgeben, die jederzeit durchdrehen könnten, wenn sie nicht durch die unsichtbaren Fesseln der Zivilisation gezügelt würden.

Ein volles Honigglas fällt runter, gerade, als ich mich an den Text setzen wollte. Wie entfernt man eine Honigpfütze?

Freue mich über Bes schöne s-w- Bilder von Ha. Ob ich mich auch mal so freuen werde, wenn ihre Bilder im Playboy sind?

Balzac mit dem Ausdruck vom Herr B.-Text.
Daß Mathematik ideologiefrei ist, soviel Freiheit habe ich heute in meiner Arbeit nicht.

Nur noch 20 Minuten zum Text eingeben, aber es reicht. Dann frohgemut zur Chaussee. Dort angegangen, weil ich die Plakate nicht für die Zuschauer in Zeitung einrollen will. Was ich denn überhaupt für heute gemacht hätte. Könnte in so einem Moment einfach aufstehen und für immer austreten.
Wir lassen einen Präsidenten unter uns wählen. Empfehle mich als Vertreter der schwarzen Minderheit.
Herr B.-Text gleich als erstes. Lang, aber konzentriert, sie hören gut zu und klatschen ordentlich. Aber dann reißt Micha mit seiner Dampframmen-Präsenz alle Mauern ein und wird frenetisch bejubelt. Man fragt sich doch, was man hier noch macht, wenn sie eigentlich so etwas wollen.
Beim Präsidententext lachen sie am meisten bei "schwul" und "schwarz".
Im Gästebuch: "Am Anfang etwas lahm, aber dann ja noch sehr witzig."
Micha über Rapper: "Er hat sich ein Lied ohne Melodie ausgedacht/ mit dem er uns das Leben zur Hölle macht."
Wahlspecial, auf der Bühne sitzt Florida. Dan hält eine Rede für sich, in der er sagt, daß er für billiges Bier und niedrige Eintrittspreise stehe. Wahlmänner, total chaotische Zählung der Stimmen durch Bohni und Stephan, die sich durch diesen Wahlbetrug selbst zum Präsidenten ernennen.
Tröstlich, daß Ulf da ist, mit dem man über Literatur reden kann.
Bi meint, bei meinem Text hätten sie um sie herum "zustimmend geraunt".

Idee: Anthologie: "Behinderte gehn weiter"

5.11., Fr
Der Idealfall: morgens im Schrank eine neue Bluejeans entdeckt, von der ich gar nicht wußte, daß ich sie besitze. Dazu ein weicher Pullover und man fühlt sich bürgerlich geborgen.

Im Morgenfrieden zum letzten mal den Zeitungstext. Nichts mehr zu ändern an den genau 20001 Zeichen.

Ausgekoppelt: Morgen fault der Fisch drin

Doku: Palast der Republik.
Ganz vergessene Erinnerung: die automatischen Schuhputzmatten am Eingang. Wo gibt es so etwas heute?
Minetti rezitiert bei der Einweihung eine Ode auf den Palast. Wie scheußlich man den für solche Auftritte damals fand. Es hatte doch niemand nötig, sich so zu prostituieren. Auf keinen Fall glaubte man jemandem seine Überzeugung. Heute klingt der Text fast schon wieder rührend. Ein Gedicht auf ein Gebäude: "...wird es Gedanken fördern, wie ein Bergwerk Kohle... Bauarbeiter, als erste seid bedankt..." Dann ein Balett, die Tänzer als Bauarbeiter mit Schutzhelmen verkleidet. Sozialistische Klassik.

Anruf auf dem Fahrrad. E. will Text darüber, warum wir bei der Chaussee alle Ossis seien.

Parfüm "Intifada"

Essen "Due forni". Erst ist sie sehr nett, aber dann werde ich wieder 10 Minuten übersehen. Calamarisalat und Calamaritagilatelle, ein bißchen viel Tintenfischafter auf einmal. Kaffee und göttliche Panna cotta. Taz. Sicher, was sie über Bush schreiben liest sich interessant, auch der Kommentar zur Abschaffung des Nationalfeiertags. Aber ist es wirklich wichtig für mich, das zu verfolgen?

Haliflor, am "Warum wir alle Ostdeutsche sind"-Text und Notizen rüber bis 8.

Ausgekoppelt: Warum wir alles Ostdeutsche sind

Nebentisch: "Die Rolling Stones extremer als die Beatles, andererseits waren sie ja auch eine amerikanische Band..."

Mit Falko im Central verabredet zu Crumb-Film.
Aber in der Taz waren die Zeiten falsch angegeben, das Filmdoppel erst um 22:30 und bis 2:30. Er überredet mich, in einer Videothek Friedrichstraße "Ghost World" auszuleihen. Tatsächlich haben sie ihn.
Film: "Ghost World"
Herrlich bösartige und wahre Provinzadoleszenzhölle. Auch wenn Falko anhaltend behauptet, es handele sich um eine amerikanische Großstadt, in Kleinstädten, gebe es "solche Geschäfte nicht". Ihn scheint der Film auch kalt zu lassen. Die Lippen von Scarlett Johanson seien hier noch nicht gespritzt. Dabei sind es die gleichen wie in "Lost in Translation", ich muß es doch wissen, ich habe sie schließlich oft genug geküßt.
Auf der Schulabschlußveranstaltung spricht das Mädchen im Rollstuhl darüber, wie es durch den Unfall von der Drogensucht geläutert und zur Streberin wurde. Steve Buscemi, der Schellack-Sammler als eigentlicher Cooler im Ort. Er will mit Frauen nicht über seine Beschäftigungen reden, er haßt ja seine Beschäftigungen.

Die beiden zauberhaften Kindchen wie hypnotisierte Kaninchen vor dem Fernseher. Kann mich nicht beherrschen, sie am Fuß zu kitzeln.

Er schickt berühmten Leuten zu deren Geburtstagen seine Bücher.
Findet Faßbinder auch schrecklich.

"Zum Glück gibt es Angebote, über die man nicht nachdenken muß."

Zum Thema Ossis auf Lesebühnen. Der Eulenspiegel zeige doch, was ostdeutscher Humor wert sei. Hallervorden ja auch Ossi. Der habe in den 60ern eine westberliner Prostituierte ermordet.

6.11., Sa
Laufen Hu-Hain.

Zu vier am Podewil "Open Mike". Erkläre Stauffer, was mir der Ort wegen Computerclub damals bedeutet. Das Linoleum noch echt. Doppelt so viele Zuschauer wie bei mir damals.
Ärgern uns, daß wir nicht in der Jury sitzen.
Lektor von Klett-Cotta kennt mich nicht, auch nicht nach Aufzählung aller vier Bücher. Manchmal denke ich, ich kenne mich mit der jungen deutschen Literatur besser aus als die, die davon leben. Vielleicht sollte ich auch davon leben.
Alle Schweizer würden in allen ihren Texten die Schweiz erwähnen.
Die Agentin findet, ich solle schneller liefern. Ich finde, es ist egal, ich schreibe doch für die Ewigkeit.
U. findet es "arrogant" daß ich mich nicht aufdränge und stattdessen erwarte, daß alle von selbst darauf kommen, mich zu fragen. So kann man es auch sehen.

Zu 19:00 Kantine. Filmteam vom ZDF-Morgenmagazin. Was uns von den herkömmlichen Lesungen unterscheide. Kaum komme ich in Fahrt, ruft die Kamerafrau brüsk dazwischen, das Mikro sei einen Milimeter im Bild. Das arme Tonmädchen ganz verschüchtert.
Überlege, ob es auch funktionieren würde, jede Woche einen neuen Text zu hinterlegen, den sich die Zuschauer dann für Eintrittsgeld selbst durchlesen können.
Lese "Ewiges Leben". Stimmung ganz anders als letzte Woche, 70 Leute. Muß schwer ackern fürs Niveau.
"Vater schreibt man stets mit V, bei Mutter weiß mans nicht genau."

Ich veröffentliche meine Bücher lieber gleich im Weltall.

Definition von Literatur: etwas zu sagen haben, und es nicht sagen.

7.11., So
Wieder einmal im Adorno: Verfall der Bewirtung, Verpöbelung des echten Luxus.

Müde Augen, bewölkte Stirn. Entmutigt, eingeschüchtert. Nur noch in Momenten kann man sich bewußt darauf konzentrieren, ein eigentliches eigenes Leben zu führen und nicht auf ewig ein Angestellter zu sein.

Kindheit: heroische Berufe: Archäologe, Programmierer

Anruf Paul, will bei uns mit Playback eine Live-Platte einspielen. Rio Reiser sei so gut. Daß man damals noch solche Texte bringen konnte: "Ich hab geträumt, der Winter war vorbei..." Das sei so schön, aber heute ginge es nicht mehr, warum? Naivität, ein Markenzeichen in der Aufmerksamkeitsökonomie. Es gibt kein Jenseits des Marketing.

Reformbühne. Video von mir im Bucher Treppenhaus. Schrecklich die Frisur. ärgerlich das Genuschel, der verhuschte Blick.

Träume von einer regelmäßigen Sololesung aus der Chronik, vielleicht mit Falko zusammen.

8.11., Mo
In den Open-Mike-Texten, eine sticht heraus, hat aber nicht gewonnen.

Gerrit will mich in den Autorenangaben für die Taz ein Jahr älter machen, der Text erscheint zwar morgen, ist aber noch mit 33 geschrieben.

Fußball beglückend. Kein Spiel verloren, das kann doch kein Zufall sein, wenn mein Teams nie verlieren. Wuchtiges Kopfballtor nach Ecke. Erstaunliches Fußspitzentor gleich zu Beginn. Auch einmal kurz vor Schluß ein entscheidendes 1:0 an den Innenpfosten, was da alles von einem abfällt. Einer, der bei Empor spielt, auf Großfeld würde man es sich nicht leisten können, den Ball immer "hinterm Fuß zu verstecken." Wenn einem 10mal einer reingetreten hätte, würde man sich das abgewöhnen.

Jelinek behauptet, in Deutschland gebe es keinen Humor und keine Wortspiele, deshalb sei sie bei uns nicht so erfolgreich.

Film: "A woman under influence" (R.: Cassavetes)
Zu 8 mit Teresa am Babylon. Das bulgarische Mädchen an der Kasse.
Erst denke ich, was geht es mich an, wenn die Frau gleich durchdreht, nur weil der Mann eine Nachtschicht aufgebrummt bekommt. Ihre Schuld, wenn sie sich nicht zu beschäftigen weiß. Aber dann ist es eine brillante Studie. Selten so eine überzeugende Schauspielerin gesehen. Sie hat einen leichten Schaden, aber den hat ihre Umwelt auch. Aber sie stört die Ordnung. Ihr bärbeißiger italienischstämmiger Bauarbeitermann (Peter Falk) schwankt zwischen Liebe und Ratlosigkeit, die sich in Gewalt ausdrückt. Der gesellschaftliche Subtext, der Rassismus der jeweiligen Eltern, nicht-Italiener und Italiener.
Fast mythisch: Frau gegen Mann, Ratio gegen Verfemtes. Aber Teresa widerspricht, seine Mutter sei ja gerade die Ratio gewesen.
Was ist verrückt?
Trotzdem fällt es schwer, damit umzugehen, ich könnte das nicht.
Als sie seltsam befriedet aus der Anstalt kommt, will er sie eigentlich wieder wie vorher.
Die Dogma-Kamera, immer groß aufs Gesicht. Und so herrliche proletarische Hackfressen, das gab es also auch einmal im amerikanischen Film.

Hinterher kurzentschlossen K. wegen J.H.-Anthologie abgesagt. Ich muß mir nicht jede Arbeit aufbrummen lassen. Danach ganz durcheinander, weil ich so selten im Leben mache, was ich denke.

Ins Nemo. Sie will wissen, wie ich das meine, wenn ich meine "Exen" in einen Zusammenhang einordne, weil sie mich alle geprägt haben. B. sei in dem Sinne mein 1.Weltkrieg gewesen.
Behaupte, oft sei männliche Gewalt ein Zeichen von Schwäche, die Unfähigkeit, mit der Frau zu kommunizieren, mit Ambivalenzen umzugehen. Sie springt mich gleich an, ich würde Gewalt rechtfertigen. Das ist das schlimme in Gesprächen mit Frauen, wenn einem die Diagnose immer als Rechtfertigung ausgelegt wird.
Wer intellektualisiert mehr, Frau oder Mann?
Wem fällt Sex leichter?
Sie kann sich jederzeit einen in der Disko anlachen für eine Nacht, das bedeutet nichts.
Kann sich nicht vorstellen, daß ich mich selbst karikiere. Auch nicht in meinen Texten, die sie ja nicht kennt.
Sage, das sei die mütterliche Strategie. Nicht die Selbstkonstruktion zu akzeptieren. Immer den eigentlichen Menschen dahinter vermuten und demaskieren wollen. (Paglia: die weibliche Tendenz, den Mann immer zu infantilisieren?)

9.11., Di
Open-Mike-Berichte. Wieso ist es "experimentierfreudig" verkomplizierte Lyrik zu schreiben? Die Entscheidung sei für die Literatur und gegen die Marktgängigkeit. Was ist das für ein Scheingegensatz?

Story: wie man noch wie Christa Wolf schreiben soll, wenn einem doch King of Queens völlig reicht, kommt auch alles vor, was einen bewegt.

Eigentlich zu "Leningrad" im Volkspalast gewollt, da ist aber schon ausverkauft.

Im Niesel zur M-Bar. Jimi Tenor erkannt (Intervision), etwas stolz.
Von 21:00 bis 0:30 Chronik bis zuende durchgehen und Notizen übertragen. Geburtstagsanruf von Falko aus dem Burger.

Mi, 10.11.
Im Paket die gesammelten Versuche-Hefte vom BE, von Müller herausgegeben. Wie durchdacht es war, diese Texte parallel zur Theaterarbeit zu drucken. Wenn ich kein Theater habe, oder mir keines zutraue, warum dann nicht die "Chaussee" nutzen, um sie in der Richtung zu unterwandern?

Ein bißchen wie mit der DDR, wenn man mißglückte, überwundene Lieben einfach vergißt. Kommen sie untergründig wieder? Machen Erfahrungen einen wirklich stärker?

DDR: Sich vorstellen, wie es damals war, die Verbote beim Schreiben immer schon mitzudenken. Wenn man weiß: das geht nicht, das muß ich gar nicht aufschreiben. Dann in die Antikebearbeitung gedrängt werden. Aber mehr wollen, als camouflierende Schlüsseldramatik.

Anruf Falko. Wie verhindert man, daß ganze Stunden Gespräch keine Erinnerung hinterlassen? "Alles aufnehmen." Überlegen, uns einen Praktikanten zu leisten, der alles aufschreibt.

226 Seiten auf 180 zensiert, 20%.
 
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