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Chronik
Tuesday, March 29, 2005
 

25.12., Sa

Lehrersatz: "Legs mir ins Fach."

Babys würden die Sprache leichter lernen, die sie während der Schwangerschaft gehört haben.

Menschen, die mit den Fingern arbeiten, würden später senil und lebten länger. Klavierspieler, Schneider, Tipsen.

Als Solosänger langweile man sich im Chor.

Film: "High Society"

Bemerkenswert die unkritische Darstellung der Domestizierung der Frau. Ihr Ex-Mann, der ihr den neuen Bräutigam nicht gönnt, schenkt ihr zur Hochzeit ein Schiffsmodell "True love". Alle werfen ihr vor, kalt zu sein, gegen ihren Ex-Mann, gegen ihren Vater, dem sie die Affären nicht verzeiht, im Gegensatz zur Mutter. Sie sei ein Moralapostel, sagt er, mit anderen Worten frigid. Sonst würde sie auch ein Herz haben für die menschlichen Bedürfnisse anderer. Erst als sie sich mit Champagner betrinkt, taut sie auf und geht mit einem Journalisten schwimmen, ohne sich hinterher daran zu erinnern. Die Botschaft ist, daß nur betrunkene Frauen wissen, was sie eigentlich wollen: flachgelegt werden.

26.12., So

Am Zentralviehhof im Friedrichshain hing ein Schild: Kindergarten "Abteilung Schlachtung und Zerlegung".

Kindheit: sie trafen sich in der Oper immer "am Knobelsdorff". Und wenn man mit war, wunderte man sich, wie man so heißen konnte.

Ihre Oma hat in "Frau ohne Schatten" gesungen. Und heute hat sie einen Schatten.

Kindheit: Friedmann spielt auf der Geige: "Säge, säge Holz entzweih"

Film: James Bond rettet die Welt vor einem Raumschiffkidnapper. Etliche Japaner fallen im Kugelhagel, zum Glück ist James Bond kein Japaner. Ein Hubschrauber wird gesprengt.

Diskussionsrunde über Fernsehshows. Wolfgang Lippert vertritt die DDR, was eine Beleidigung für uns alle ist. Im Showbereich hätte es keinen Unterschied zwischen West und Ost gegeben, behauptet er. Hallo?

Die Tussen von den Privaten gereizt selbstbewußt, sie sind doch gar nicht schuld an der Misere mit ihren Sendern. Analytisch kommen sie nicht weiter. Was der Zuschauer sehen will, wird gezeigt. Wildes von früher wirkt jetzt zahm.

27.12., Mo

Tatsächlich bei Peek und Cloppenburg eine Barbourecke. Aber enttäuschend, wie schlecht die Jacke bei mir sitzt, an den Schultern hängt sie runter. Der Cordkragen ist auch ganz einfach gearbeitet, und sie hat keine Innentaschen. Das für 299 Euro deutlich zu teuer.

Die Amerikaner hätten nach dem Krieg Schwule über der DDR abgeworfen.

Ob die Kinder auf der Südhalbkugel andersrum um den Tisch laufen?

Der Onkel mit Fotoalbum. Die Namen aller 10 Enkel bekommt man erklärt. In einem Album sieht man dreimal Ostern und dreimal dieselben Ferienorte. Mit 82 war er allein auf Fahrradtour durch Brandenburg.

Nie so intensiv wie von 18 bis Kriegsende gelebt. "Dauernd was neues." Noch keine Erfahrungen mit Mädchen, wo das "für die anderen schon Thema Nr.1 war."

Eine Doku über eine Proletenfamilie, die nach 17 Jahren einen beim Tierpark in Pflege gegebenen Flughund zurückverlangt. Sie haben Dokumente, wie man Flughunde richtig versorgt: "Ick kann ihnen ditt abpausen!"

28.12., Di

Kindheit: Der DDR-Zoll behielt ein Brettspiel "Deutschland" ein. Mutti fuhr zur Friedrichstraße und erfuhr, "Deutschland" sei ein revanchistisches Wort.

Im Zug, eine Frau liest: "Eine entwaffnende Frau"

Einen Stift für Lob und einen für Kritik an meinem Leben verwenden und immer darauf achten, daß sie beide gleich lang bleiben, damit ich nicht verbittere.

Als ich das Telefon ins Gepäcknetz tue, erscheint auf dem Display: "Netzsuche".

Überlegen, was wir in Deutschland und Österreich für eine eigenartige Strecke fahren könnten: Wiener, Kassler, Braunschweiger, Hamburger, Berliner.

Gespräche übers Vergreisen.

Zu Hause in der Wohnung alles kalt. Hingelegt. 10 Minuten vor dem Losgehen Kempowski zuende gelesen. Dann unten einen Platten, nochmal hoch, Pumpe holen. Pumpen und mit der kalten Luft in den Lungen zum Theater gerast. Weil der Held bei Kempowski am Ende gestorben ist, so eine Beängstigung auch bei sowas zu sterben, vor Aufregung. Aber unterwegs auch einen neuen Roman entworfen über die Zeit, die ich gerade erlebe. Eigentlich steht einem alles klar vor Augen, aber aufschreiben wird natürlich schwierig.

Theater: "Forever Young", R.: Castorf (nach "Süßer Vogel Jugend" von T.Williams. Film mit Paul Newman)

Wuttke wie immer brachial und ohne Charme. Komisch, daß der als so ein großer Schauspieler gilt, wo er doch nur am meisten schwitzt. Dafür ausgiebig Kathrin Angerer zu sehen. Leider, gerade in dem Moment, wo sie kurz ihr Oberteil auszieht, weggeguckt.

Vom Stück wenig verstanden. Es regnet desöfteren auf der Bühne. Manchmal fällt einer in ein Wasserloch und paddelt aufgeregt mit den Armen.

Stauffer mit Frau getroffen. Ins Restaurant gegenüber, wo das Personal betrunken ist und uns mehrmals falsch bedient. Erkundige mich, woraus das "Kartoffeldressing" auf dem Salat besteht und bekomme prompt den Salat ohne Dressing. Und kein Getränk. Am Ende den falschen, für uns aber günstigeren Bon.

29.12., Mi

An der Pizzeria behaupten sie, schon einmal die Woche Pizza bedeute 60% weniger Speiseröhrenkrebs. Italienische Foscher haben es bei 8000 Italienern ermittelt.

Plötzlich spricht es von überall über das Thema Lebensentscheidungen. Bei King of Queens eine Folge, wo er von einem Neuanfang mit einem eigenen Sandwichgeschäft träumt. Und bei den Waltons hat Ike Bammel, weil er heiraten wird und doch gewohnt ist, ohne Pyjama zu schlafen. Aber John Walton beruhigt ihn: "Es ist gut, nicht allein zu sein. Und du bist doch allein."

"Ja."

"Na, also."

"Du hast recht."

Und dann auch noch in Heimat, 10 Jahre nach der Wende sagt der eine Handwerker, daß er "noch mal neu anfängt". Mit einer Russin, die 23 ist. "Ich wußte gar nicht, daß ich 6 mal in einer Nacht kann."

30.12., Do

Bücherrücken. Laufen: 39 Min. Luft zu kalt für den Hals. Weiter Bücherrücken.

Buch: Semezdin Mehmedinovic "Sarajevo Blues" zuende.

1995 erschienen, in Amerika hochgelobt, auch von Paul Auster, aber enttäuschend. Sich philosophisch oder lakonisch gebende Kurztexte und Gedichte, die auf hard boiled machen. Statt die Praxis der Belagerung zu beschreiben, den Alltag zu archivieren, liest man wenig originelle philosophische Betrachtungen über die Natur des Menschen.

Sniper: "Nicht ausgesetzt sein, das ist der ganze Verkehrskodex, und er steht im völligen Gegensatz zu den Forderungen des Friedens; und das bedeutet: auf der Hauptstraße sein und gesehen zu werden."

Die Erkenntnis, daß er mit seinen Texten Reklame für den Krieg macht.

Ausgekoppelt: Ich brauche nur eine geräumige Kiste

Chaussee: Heizung geht. Zwei Zuschauer kommen nicht rein, weil es "nach Diesel riecht". Wollen dann im Sommer wiederkommen.

Plötzlich Irene und Kasia an der Kasse, die Polinnen aus Moskau, 4 Jahre nicht gesehen. Muß russisch reden, aber es geht. Kasia arbeitet für eine Firma, übersetzt russisch. Irene Russisch-Lehrerin in Masuren.

Der Text voller unfreiwilliger Tsunami-Anspielungen, die ein bißchen die Stimmung einfrieren.

Wir feiern vorfristig Silvester und "stoßen gemeinsam auf."

31.12., Fr

An vier Kiosken kein Glück, dann aus Versehen den alten "Freitag" gekauft. Und sie läßt mich warten, wegen einer Kartenzahlung vor mir, obwohl ich das Geld passend habe. "Kann ich den Freitag haben?"

"Wenn sie dran sind."

Daß man nicht einfach geht. Aber was nützt das schon, man müßte mindestens den Laden anzünden.

Erst im Wolf-Bildband, ihrem Gesicht beim Altern zusehen, dann im Reimann-Bildband.

Silvester: 5 Minuten vor 12 den Sekt aufgemacht, aber sie trinkt ja gar nichts, weil sie stillt. Teile mir ein Glas mit mir.

Als es knallt, kommt der Nachbar rübergeschlurft. "Wie gehts denn Frau T.? Sieht man ja kaum noch draußen. Richten se 'n schönen Gruß aus."

1.1.05, Sa

Schreckliche Nacht, 2 Stunden lang immer wieder aufgewacht. Herzklopfen. Morgens Kopfschmerzen.

Babys würden öfter niesen als Erwachsene, um ihre Nasenschleimhäute zu befeuchten. Woher sie das wissen?

Über Gebrauchsästhetik. Kunstgewerbe sei nach industrieller Fertigung entstanden. Der Anspruch dieser Leute. Verlassen sich nicht auf das Bewährte. Insgesamt ging es immer nur bergab mit dem Geschmack der Massen. Bauhaus ist gescheitert.

Herr S. berichtet vom Krankenhaus:

Heute jing dit schon

Denn hab ick da mein Schketsch jemacht, hat jut jeklappt, Schwester Monika mit de Schnapsgläser.

Wenn et so bleibt, bin ick zufrieden.

Nun muß ick jeden Tach 5 Tabletten schlucken.

Die Ärzte waren ja böse, weil ich die Operation abjelehnt habe.

Lunge, Niere, Leber, allet in Ordnung bei ihnen.

Ick sag, n Arzt kann och n Fehler machen.

Der Dings war 8 Tage später och tot.

Ick versprech ihm, wenn ick 2 Monate raus bin, daß ick bei ihm mich wieder vorstelle.

Ick lag nur bei ihm uffm Kanapé.

Denn ist er mit mir hin und herjekullert uffm Kanapé, mal so, mal so.

Und er hat jesagt: Naja, also die Sache ist so: es ist nicht schlechter geworden, aber och nicht besser.

Denn nehm wa ditt mal so, wies is.

Im Krankenhaus war ick jut uffjehoben.

Ditt war, wie wo ick beim Lazarett war mit meine Verwundung.

Mensch, dit war ne Behandlung, wie bei Muttern.

Nachher kriegten wir n Beutedeutschen, n Russen.

Wenn der jejessen hat, hat der immer alles um sich rum verteilt.

Der hat sich das dann bei uns abjeguckt, alles abgeräumt.

Denn ham die Schwestern bald jewehnt, als wir abjehaun sind.

Zwei Enkel, die könnten schon heiraten, aber der eene hat jesagt, er hat keene Zeit für Frauen, und der andere hat umso mehr.

Jetzt hat er ja eine, die wär wat fürt Leben. Die davor konnt man nich ansprechen, die war so hochnäsig.

Sollense machen.

Buch: Lebensgeschichte von Ilse Fredrichsdorff.

Bekennende Kirche. Flucht vor den Russen. Ende '45 mit 33 an Typus gestorben.

Nur Briefe und ein paar Zeitzeugenaussagen bleiben übrig. Leider sehr unkonkret und von Bibelsprüchen durchsetzt. Was haben diese Menschen erlebt, und wie schlecht können sie es in Worte fassen. Weil sie nicht wissen, was uns an ihrem Leben interessieren wird. Weil es nicht üblich war, seine Lebenswelt genau zu protokollieren.

1940 erstes theologisches Examen vor der illegalen Prüfungskommission der Bekennenden Kirche.

Darf keinen Talar tragen. Beerdigungen bei kaltem Wetter. Die Bauern bitten sie, einen Talar anzuziehen, sie hätten beim Anblick des dünnen Kleids selbst gefroren.

Fürbitte-Gottesdienst bei Verdunkelung. Der Pfarrer kann nichts mehr lesen, spricht aber frei.

"Und denken sie, der Paul Prillwitz, der dicke Lahme, hat sich am Sonntag vor acht Tagen das Leben genommen, vor den Augen seiner Frau, die ihn zurückzuhalten suchte, erschossen und erhängt zugleich. Er hatte drei Jahre mit der Lydia Pr. ein Verhältnis. Seine letzten Worte waren noch, daß sie dreimal von ihm schwanger war. Sie wollte alles vergessen, er solle an die Jungen denken. Aber er war nicht zu halten. Die alte Mutter sagte am Grabe: Nun brauche ich mich wenigstens nicht mehr zu ärgern. Schuld trifft einen insofern, als man sich sagen muß, man hat nicht genug gebetet." (!!)

"Am Abend kamen die Polen und feierten mit den Amerikanern. Ich saß auf dem Trecker. Alle Deutschen sind Schweinehunde, sie sollten auf keinen Fall nachgiebig sein."

"Der Kirchenälteste wollte seine Frau vor der Vergewaltigung retten und bahnte ihr einen Weg durch die Pferde hindurch, als die Russen einbrachen. Das Pferd erschrak sich, er durfte es ja nicht anrufen, und an den Folgen des Hufschlages starb er.

"Am 20.April waren wir bei K-W, da haben wir erlebt, wie die Amis Adolf Hitler gratuliert haben, da hat die Erde gewackelt."

Trecker von der Flucht steht heute noch in der Scheune.

Beim Vieh wegtreiben "Da sind die Kühe und Rinder durcheinander gelaufen und rauf auf die Panzersperren. Auf den Wegen hat man die Panzersperren gebaut. Und das flog alles in die Luft, es war ja vermint. Und dann kamen die Soldaten bald und haben das Fleisch genommen."

"Als 13-14jähriger habe ich, nachdem wir nach Marxdorf zurückgekehrt waren, gepflügt, und da habe ich das Schlimmste erlebt. Man hatte als Abgrenzung zu den Nachbarn Feldraine. Da bin ich mit dem Pflug langgefahren, und hatte auf einmal eine Zeltplane hochgepflügt mit einem Soldaten."

"Es hat immer geheißen: Der Russe wird vor Berlin verbluten."

'45: "Bis Ende Juni ging alles gut, da brach der Typhus aus. Fliegen über Fliegen bedeckten die Felder, sie fanden reichlich Nahrung."

Dorfpolizist soll Hilfsprediger verhaften. "Haben sie schon Kaffee getrunken?" Dann trinken sie. Er gab mir den Rat die Flugblättern zu verstecken. "Im Ofenloch vielleicht?" "Nein, da muß ich nachsehen".

Reichsbischoff Müller als "Reibi" verspottet.

'33/34 SA-Männer treiben die Lietzener Nein-Wähler vor sich her. Jagen sie im Winter durch die Wasserlachen.

Ein Pfarrer der BK. Dann als Major an der Ostfront. Auszeichnungen verweigert. Im Kessel von Halbe. 41/2 Jahre russische Kriegsgefangenschaft.

16.4.-8.5.'45 Treck nach Kummer(!), nordwestlich von Berlin. Sie macht einen Abstecher nach Spandau, wo der Vater an den Folgen von bei einer russischen Hausdurchsuchung erlittenen Verletzungen stirbt.

2.1.04 (So), Alt-Lipchen, nachmittags

Zeitung: "ein farbenfrohes Spektakel am Himmelsfirmament"

Gewinner des Fotowettbewerbs bekommen ein Duftpaket oder ein Kuschel-Kissen.

Ein Neugeborener heißt Jeremy-Leé

3.1., Mo

Kindheit: autogenes Training im Sportunterricht. Wir verstanden "orthogenes Training".

33 Seiten korrigiert. Fast ein Schwächeanfall. Windiger Tag. Auf dem Feld zwei runde Flecken vom Feuer.

4.1., Di

Sein Vater mußte ihm beim Dampfbad vorlesen, weil er schon als Kind keine Zeit verlieren wollte. Antwortet auf e-mails nicht mehr, das kostet zuviel Zeit. Telefon läßt er meist aus, den AB löscht er einfach.

Ob es Wómacka oder Womácka heiße.

Was mich besonders an dir nervt ist, daß du mir unterstellst, ich würde dir Vorwürfe machen.

Schiller-Artikel. Auf der Carlsschule des württembergischen Herzogs Carl Eugen mußten sie die Leichen verstorbener oder zu Tode gequälter Mitschüler sezieren.

Rauchte seinen Tabak durch die Nase.

Erst heute fällt mir auf, daß es Wernigerode heißt und nicht Werningerode

5.1., Mi

Nachts mit Übelkeit aufgewacht. Morgens eine halbe Banane, Tee. Danach gleich wieder hingelegt. Kotzen. Tatsächlich schmeckt es durch die Banane besser, der Bulimiker-Trick funktioniert. Magen-Darm-Grippe. Ein Vomex-Zäpfchen. Nicht schlafen können, wegen quälender, ausstrahlender Rückenschmerzen im Hüftbereich. Jede Lage ist unerträglich, die Füße kalt, leichter Schüttelfrost. Vipratox hilft nicht. Bis 15:30 die Minuten gezählt. Denke an die Soldaten im Krieg, die mit abgeschossenen Beinen daliegen und stöhnen. Niemand hilft. Weit von zu Hause, und alles ist aus. Die Schmerzen. Was hält einen in solcher Lage überhaupt am Leben? Wenn man mir jetzt eine Kapsel gäbe, würde ich zögern?

Ab Mittags geht schluckweises Trinken von Anti-Dehydrierungs-Pulver mit Geschmack von gesalzenen Erdbeeren. Paracetamol-Zäpfchen wirken Wunder. Kann bis 17:00 schlafen.

6.1., Do

Sehr geschwächt und noch ohne Appetit auf. Was von so einem, sich eine Ewigkeit hinziehenden Leidenstag, an dem nichts passiert ist, bleibt.

Zeitung: Japan ist an der Manschnower Mikrowellengemüsetechnik interessiert.

H. kommt. Man will ein erfreuliches Thema aufbringen: der Zug Berlin-Frankfurt fährt ja demnächst nur noch eine halbe Stunde!

- Ja, wenn der Strom nicht ausfällt und kein Baum aufs Gleis fällt. Als ob eine Stunde so lange wäre.

- Die Studenten...

- Mit Frankfurt identifiziert sich da keiner. Nur, weils so schön billig ist.

Im Dunkeln die Abfahrt mit dem Bus. Die Wohnung ganz kalt. Russischer Neujahrsbrief von Skottie, das rührende russische Ornament.

Die alte rote Lampe am Bücherregal angeklemmt, viel angenehmere Atmosphäre durch das zusätzliche Licht.

7.1., Fr

Arno Schmidt "Sitara, und der Weg dorthin" angefangen, über Karl Mays angebliche Sexobsession.

Im Internet nach Bosnischer SS-Division. Unendlich viel Material. So vergeht der Nachmittag.

Kluge mit Manfred Osten über Erinnerung/Gedächtnis.

Motiv in "Bruder Hitler". Bücherverbrennung, der eigentliche Marsch auf Wien, der natürlich Freud gilt, dem "ewigen Bescheidwisser", Gedächtnisforscher. Hitler dagegen für "Tabula rasa".

Eckstein, Übelkeit vom Heringsfilet, ein Bier, "Freitag": Norbert Mappes-Niedek recht positiv über den eitlen Gstrein "Das Handwerk des Tötens"

Dubrovnik "tagelang pausenlos beschossen. so daß man nachher die Patronen wegfegen mußte"

Auseinandersetzung von Journalisten und Schriftstellern über "Poetik des Krieges"

Angriff von Handke auf Le Monde-Journalistin in "Winterliche Reise..."

"Es ist ein dummes Klischee, daß Kriegsreporter mit der Gefahr protzten"

Klischee sei auch die notorische Hotel-Lobby, in der sie Hof halten.

Schildere der Journalist die Wahrheit, produziere er Klischees (tote Kinder). Das dürfe der Autor nicht. "Du sollst keine Klischees produzieren." Aber warum nicht?

"Karl Kraussche Fundamentalkritik des Journalistenberufs, beständig den Vorwurf wiederholen, daß der Reporter kein Goethe ist", das sei müßig.

In den Zeitungen Reportagen um "Furcht und Mitleid zu erregen"

- Georg Seeßlen anläßlich "Team America" über "schlechten Geschmack". Ist er eine linke oder rechte Geste? Sein Ziel sei der Spießer/Gutmensch. Guilty Pleasures im Fernsehen, was Kult wird, immer mit schlechtem Geschmack.

- Boris Groys über "das Neue": In der Wirtschaft wird das alte entsorgt, nur in der Kunst musealisiert, dadurch Vergleich möglich. Museen sind "schwarze Löcher der Wirtschaft".

Alte Technologien sind gar nicht vergleichbar, schon mit der Concorde kann man nicht mehr fliegen.

Auch historische Regierungssysteme haben sich abgelöst.

"Technisch leben wir immer auf dem aktuellen Stand der Möglichkeiten."

"Jedes von seiner Funktion befreite Ding wird im Archiv zum ästhetischen Gegenstand, ob Kunst oder Technik." (radikaler Kunstbegriff)

"Wir unterliegen heute einer ästhetischen Pflicht: Wir müssen unser eigenes Image schaffen, um uns zu unterscheiden."

"Der Beweggrund für Innovation ist der Distinktionsgestus, wir wollen sichtbarer sein auf dem Hintergrund des Überkommenen."

"Bei bewußter Betrachtung der Welt stellen wir fest, daß wir so gut wie abwesend sind."

"Unser Leben verbringen wir damit, ein Bild von uns zu erzeugen und es dann immer weiter zu korrigieren, zu präzisieren - und dabei sterben wir... Damit wollen wir uns vor der Zukunft schützen, dem Vergessenwerden"

"Es gibt heute viele Menschen, die den ganzen Tag nur Proposals schreiben und andere, deren Job es ist, sie zu lesen ? und abzulehnen. Wir produzieren einen ungeheuren Abfall an Zukunft."

Wettbewerb mit den Toten: "Als Philosoph möchte ich, daß Hegel oder Kant mich lesen und sagen: Auf diese neue Idee bin ich nicht gekommen."

"Heutzutage scheint alles und jedes neu zu sein, weil die Archive zerfallen. Darum müssen wir die Idee des immer weiter wachsenden Archivs verabschieden."

Eigentlich will ich natürlich, daß Goethe mich liest und nicht umgekehrt.

Film: "Alexander" (Oliver Stone)

Das Colosseum wieder verseucht mit widerlichen Proleten. Rülpsen während der Vorstellung, ihre Tussen gackern dazu. Unerträglich langweiliger Film. Unerträglich leere Bildästtetik, ewige Close-ups. Beständig alles zukleisternde Musik. Erst denkt man, es ist ein Vangelis-Verschnitt, aber dann ist es Vangelis! Sinnleere Dialoge, nicht einmal unfreiwillig komisch. In verbrecherischer Weise das Thema verschenkt. Immer, wenn Hollywood philosophisch sein will, scheitern sie auf ganzer Linie, weil sie gar nichts zu sagen haben. Deshalb der Rahmen mit dem Erzähler eine Farce. Sollte es stimmen, daß Stone in Vietnam gewesen ist, dann wäre das sein einziges Erfahrungsplus. Deshalb die beiden Schlachtszenen noch am interessantesten. Auch die stark blutbschmiertem, stöhnenden Verletzten danach. Die aufdringlich ausgewalzten Homo-Anspielungen.

"zehnzitzige Hündin des Hades"

"aus diesen kriegerischen Lenden stammt er"

Floskel: "Der Wein spricht aus dir"

"Sie verlangt viel von mir, dafür, daß ich 9 Monate in ihrem Leib gewohnt habe."

"Wie mit magischen Kräften spinnst du ein Netz aus Lügen um mich und verwirrst mich!"

Die Todesszene soll wohl eine Anspielung auf Citizen Kane sein, er läßt eine Murmel fallen und stirbt.

Sein Pferd Bukephalos, Angst vor dem eigenen Schatten.

Roxane

Sie haben die kosmologische Revolution an Alexander verschenkt. Ihn als Forscher zu zeigen. Der Neugier einen Namen zu geben.

Immerhin schön illustriert der Harem von Babylon. Obwohl das Bild sicher auch von einem Genrebild aus dem 19.Jh. inspiriert ist, wie fast alles, was Hollywood an monumentalem macht. Das große Kino hat die Entwicklung der Malerei nicht mitgemacht und inspiriert sich an den schönen Schinken.

Zu Hause im Internet nach Stone gesucht, seine Kameramänner.

Mehrstündiges Special mit alten Fernsehaufnahmen von protestierenden und schwadronierenden Westberliner Studenten mit scheußlichen Schnurrbärten. Ein Segen, daß diese Zeit vorbei ist! Ewald Lienen, wie ein Waldschrat frisiert, muß sich von dem Sportreporter in der Fußballsendung zurechtweisen lassen, weil er es wagt, sich nicht ausschließlich zum Fußball zu äußern. Oberlehrerhaft das ganze Fernsehen damals, in Ost wie West. Da hat es doch einen gewaltigen Fortschritt gegeben, sicher auch durch die Konkurrenz zu den Privaten. Von Qualitätsverfall zu reden ist doch Unsinn, wenn man das zum Vergleich heranzieht, was damals gesendet wurde.

8.1., Sa

Schlafen mit Halsmuff, um kein Risiko einzugehen.

Adorno Nr. 123 Schülerfaschismus

Nr. 125 Amerika, Geld nehmen in der Kunst

Noch einmal die "Historia de preliis Alexandri Magni (Historie von Alexander dem Großen)." 1997 100 Seiten davon gelesen, nur 40 fehlten noch, seitdem liegt es auf dem Stapel nicht beendeter Bücher. Fiel in eine Zeit des intellektuellen Erwachens. Erste Neugierschübe. Kosmologie-Seminar, die mittelalterliche Wissenswelt. Der Wunsch, wenigstens einen Monat vor Ort Griechisch zu lernen. Die antiken Stätten zu sehen, und ein Gefühl für die Topographie dieser Orte zu bekommen. Das technische, der naturwissenschaftliche Subtext. Das Gefühl, die Zeit würde nicht reichen für alles. Und die Adressenlosigkeit, weil man keinen Ansprechpartner hatte. Ahnungslos auch über ein finanzielles Auskommen. In welches Studium paßte man eigentlich? Und was fing man mit dem Wissen an?

Rundbrief von Onkel P. Ein Ostdeutscher nach Abwicklung seines geologischen Instituts arbeitslos. Teilt sich sein Geld für die restlichen zu erwartenden Lebensjahre genau ein und bereist die Orte, die er bisher nur in der Theorie beschrieben gekannt hatte. Als letztes beschreibt er die Geologie seiner Heimat, kauft sich dafür einen in seiner Lebensrechnung nicht einkalkulierten Fotoapparat.

Am Nebentisch trinken ein paar Frauen "Prosetscho"

Taz: Höge kolportiert oberflächliches über Lesebühnen und zitiert dabei kommentarlos einen halben Titanic-Artikel. Und das, ohne uns je gesehen zu haben.

Abends zum russischen Essen zu Joh. Eine Australierin mit deutschem Opa, weiß aber nicht, wo er im zweiten Weltkrieg war. Glühwein, ein Bier. Davon sehr unwohl.

Wenn sich nun alle einigen könnten, genau so alt zu werden, wie die durchschnittliche Lebenserwartung? Vorausgesetzt, man bekommt es garantiert? Würde man mitmachen, oder auf mehr pokern?

Polnische Forschungen darüber, daß Hitler im Krieg so schnell gealtert sei, weil der Granit vom Beton seiner Bunker 500fache Strahlung abgibt. Führt auch zu belegten Euphoriezuständen.

9.1., So, Seelower, morgens

Morgens den Seeßlen-Artikel im DEFA-Jahrbuch 2000 gelesen. Über Faschismus und Krieg im deutschen Nachkriegsfilm, immerhin 40 Seiten. Den Wunsch hinterlassend, alle Filme, die es gibt, zu sehen, täglich drei. Aber man kann es ja nicht nutzbar machen und die guten Stellen archivieren. Am brauchbarsten noch, einfach aufs Gedächtnis zu vertrauen. Also auf das unbewußte Archiv. Nur, daß man die Bilder literarisch kaum ausbeuten kann. Man müßte Filme drehen, und sich dabei seinen Zitat-Assoziationen überlassen.

Adorno 126-128. Gegen die Behauptung der Trennung von Gefühl und Verstand. Was mich auch immer so aufbringt, wenn sie bei Wer wird Millionär "aus dem Bauch entscheiden". Als gebe es so eine intellektuelle Instanz, wo es doch immer noch Gedächtnisspuren sind, die die Entscheidung bedingen.

Film: "Saviour ? Soldat der Hölle", (D.: Dennis Quaid)

Ein amerikanischem Soldat verliert bei einem Anschlag von Fundamentalisten auf eine Pariser Kirche Frau und Kinder. Er läßt eine Moschee hochgehen und geht als Fremdenlegionär nach Bosnien, um dort mit einem Sniper-Gewehr möglichst viele Muslime zu erschießen. Jedesmal faßt er sich an sein Kruzufix. Im Angesicht der dort herrschenden Gewaltverältnisse wird er unmerklich geläutert. Fährt mit Goran, einem kroatischen Soldaten durch die Landschaft. Dringen in ein geplündertes Haus ein, in dem eine alte Muslimin auf dem Bett sitzt, die Leichen ihrer ermordeten Familienmitglieder liegen auf dem Boden. Er schneidet ihr den Ringfinger ab. Sie verstecken sich vor bosnischen Kampfhubschraubern(??) Beobachten einen Gefangenenaustausch, eine bosnische Kroatin, die von Muslimen geschwängert wurde. Goran tritt ihr in den Bauch, Guy erschießt ihn daraufhin und bringt das Kind auf die Welt (die Nabelschnur schneidet er mit dem Seitengewehr durch?)

Ihre Familie verstößt sie. Er will nichts damit zu tun haben, fährt sie aber ins Flüchtlingslager. Sie will unterwegs das Kind nicht stillen, fast wirft sie es aus dem Auto. Er muß die Windeln wechseln (nimmt seine Uniformjacke dafür?) Bastelt aus einem Kondom einen Schnuller.

Sie beobachten "Mudschaheddin" mit grünen Kopfbinden, die bosnischeserbische Zivilisten erschießen.

Auf dem Weg nach Split wird sie von bosnischen Kroaten gefangen und mit anderen Zivilisten ermordet. Sie weiß, daß Guy mit dem Kind zusieht, und bedeutet ihm, nichts zu tun, um das Kind zu retten. Damit es nicht schreit, singt sie ein Wiegenlied. Der Schlächter tötet sie mit einem großen Holzhammer.

Dann die notorische Szene mit dem Baby, dem der Mund zugehalten wird, damit es nicht schreit.

Er bringt das Kind nach Split zum roten Kreuz. Zahlt die Busfahrt mit seinem Kruzifix. Verzweifelt zerreißt er seinen Ausweis und wirft das Gewehr weg. Eine Frau bringt ihm das Kind zurück. Er nimmt es weinend an, jetzt hat sein Leben wieder einen Sinn.

Bemerkenswert, daß das Kino meilenweit hinter der Leistung von Dokumentarfilmen herhinkt. (Wie beim 2.Wk)

Die Behauptung eines gleichgewichtigen Bürgerkriegs. Bosnier mit Hubschraubern, Morde an Zivilisten auf allen Seiten. Der Amerikaner, der im Grunde doch ein guter Mensch ist, und sein Trauma durch ein Bekenntnis zum Leben überwindet.

"Und habt ihr Kummer oder Sorgen, schreibt gleich morgen, an Frau Puppendoktor Pille, mit der großen, klugen Brille"

Um 4 zu Jan. Wohnung in der Lychener. Treppenhaus mit herrschaftlicher Doppeltreppe, großer Hof. Wohnung mit drei Zimmern. In einem steht nur ein Sessel, Fernseher, Boxen an der Decke.

Drei Stunden mit V. über Jugoslawien geredet, Enver Hoxa, Geschichtsschreibung vs. Literatur.

Nichts gegessen, nur schnell zwei Schokoladenkuchen mit Puddingfüllung.

In die Volksbühne geeilt, zur Premiere von "Philoktet" (Heiner Müller)

Mir ist so schlecht von dem Kuchen, daß ich kotzen könnte. Aber ich kann doch keine Heiner-Müller-Premiere nach 10 Minuten verlassen, wie sieht das denn aus?

Das Stück ist schlimmer als erwartet. Es gibt nur drei Rollen, und keine Frau dabei. Der Schauspieler hatte mit einem bulgarischen Regisseur gewettet, er würde sich nicht trauen, die Hauptrolle zu spielen, und jetzt sehen wir dem Bulgaren dabei zu, wie er versucht, den Text fehlerfrei vom Blatt abzulesen. Ab und zu gehen sie an einen Tisch und genehmigen sich einen Jägermeister.

Ich versuche es damit, mich zu strecken. Das Blut schießt immer vom Kopf in den Magen und zurück. Und jedesmal, wenn die Darsteller sich versprechen, machen sie die letzte Szene noch einmal. Außerdem geht es darum, daß Philoktets kranker Fuß so stinkt, daß die Griechen ihn auf einer Insel voller Kot ausgesetzt haben.

Nach einer Viertelstunde geht Claus Peymann und schlägt die Tür. Die Schauspieler genehmigen sich einen Jägermeister.

Wenn ich jetzt gehe, sieht es so aus, als hätte ich mich nicht getraut, vor Claus Peymann zu gehen.

Nach weiteren zehn Minuten, gerade sagt Philoktet: "Ihr habt eure Arbeit gemacht" Steht ein Mann hinter mir auf und ruft: "Aber ihr habt eure Arbeit nicht gemacht!" Er drängelt sich durch die auf den Treppenstufen sitzenden zur Tür runter und ruft in den Saal: "Pfui!"

Ich schlucke Spucke und versuche, Luft aus meinem Magen rauszupumpen.

Jetzt geht noch einer und ruft: "Ich brauche einen Schnaps!"

Ich habe ein bißchen die Hoffnung, daß sie das Stück abbrechen, oder daß langsam alle gehen, so daß ich aufs Klo kann zum Kotzen.

Zu Hause mehrfach gründlich gekotzt, obwohl nichts im Magen ist. Zwei Elvis-Dokus, dem Armen ging es am Ende auch nicht gut. In der Ed-Sullivan-Show muß er einem Hund mit Zylinder "Hound Dog" vorsingen.

10.1. Mo, Seelower, morgens, heiter

Immer noch keinen Appetit. Nur noch 72,3 Kg. Quark am Morgen, davon wieder Übelkeit.

Im Balzac M., dem eine Esoteriker "eine Lichtsäule implantiert hat". Er kann aber nicht sagen, wie lange das hält, vielleicht ja für immer? Nicht May sei der sexbesessene, sondern Arno Schmidt selbst. Glaubt ihm kein Wort. Im übrigen verklemmte Macho-Erotik. Ich könne den perfekten Blinden spielen im Film, mit meinem Blick. Von hinten hören wir, wie die Kunden im Befehlston zur Kaffeeausgabe zitiert werden. Man müsse tiefer in sich hören, unterm Kopf, aber noch überm Bauch.

2 h beim Arzt warten, gut daß der Durchfall nicht akut war, wie sähe das denn aus. Außerdem die ganze Zeit "Titanic" auf Panflöte. Deutschland sei zur Zeit "stark durchseucht". Seine Kinder hätten auch untern Weihnachtsbaum und auf die Geschenke gekotzt. Verschiedene hocheffektive Pillen und Tropfen, das heißt dann wohl, daß alles bisherige gar nicht wirken konnte. Termin für Ultraschall und Magenspiegelung (Gastroskopie). Auch nochmal Bluttest.

Film: "Die letzte Festung" (D.: R. Redford)

Jetzt doch zuende gesehen. Sein deutscher Sprecher ist doch auch der von den historischen Dokus? Ein Film, den sie sicher von der Army gesponsert bekommen haben, Demonstration von Führungsqualitäten. Am Ende sind die Soldaten im Army-Knast alles gute Jungs, nur der Direktor, der Militaria sammelt, obwohl er nie "im Feld" war, ist ein Sadist. Anfangs schleimt er beim hohen Offizier, der unverhofft zu seinen Gefangenen zählt, dann narzisstische Kränkung, weil der ihn verachtet, und schließlich erschießt er Redford persönlich. Das ist alles zu logisch, Drehbuchschach.

Redford plant von innen die Übernahme des Gefängnisses, um die gesetzmäßigen Haftbedingungen durchzusetzen. "Jede Festung kann man einnehmen". Die üblichen Typen, der stotternde, der vom Führer Selbstbewußtsein eingehaucht bekommt. Der zögernde Überzeugungslose, der am Ende aber unerwartet doch noch auftaucht, eine Schlüsselrolle übernimmt und damit sterbend zum Soldat reift.

Immerhin gut zu wissen, daß es das internationale Zeichen für "Hilfe" bedeutet, wenn in einer Festung die Flagge verkehrt gehißt wird, wer weiß, wann einem das mal helfen kann.

KoQ: Doug beichtet ihr seine Sexträume, die nur funktionieren, wenn er sie sich tot vorstellt. Sie schreibt ihm daraufhin erlaubte Sexträume auf einen Zettel. "Carrie ist verreist. Du gehst ihr Blumen kaufen, die Verkäuferin erinnert dich ungeheuer an Carrie."

Film: "Métisse" (R.: Matthieu Kassovitz)

Noch vor "La Haine" gedreht. Vieles schon da, die Übergriffe der Polizisten, das explosive Gemüt der Jungs, die Minderheitensymmetrie im Drehbuch, Rappen. Aber noch viel heiterer Grundton. Wehmütige Freude, wieder mal richtiges Französisch zu hören. Auch Vincent Cassel noch ganz jung.

Kassovitz' Vater spielt ein alter Jude, der schwer zu verstehen ist, weil er französisch mit jiddisch mischt. Derselbe kam in "La Haine" aus dem Klo und erzählte den verdutzten Jungs von seinem Transport ins KZ.

Neid auf diese soziale Herkunft, die verrückte Familie, die Verbindung zur Vergangenheit durch die Schicksale der Alten.

Währenddessen Zwieback und Salzstangen kauen. Einen Apfel riskiert, aber sofort wieder Übelkeit. Leichtes Fieber.

VG-Wort-Abrechnung. Quittungen und Rechnungen für die Steuer sortiert.

11.1. Di, Seelower, mittags, bedeckt

Reisebelege sortiert. Noch einmal Word neu installiert. Verstärker zur Reparatur in der Gleimstraße gebracht.

Eine Bekannte von ihr behauptet, manche könnten sich Kondome vom Mund durch die Nase ziehen.

Plötzlicher Anfall von Entschlossenheit. Nach 11/2 Jahren mit der elektrischen Säge ein Brett verkürzt und im Bad angebracht, ohne ein Loch zu bohren.

Nudeln mit Zicker und Zumt.

Zappen. Ein Hengst wird kastriert, einem Schwein Fieber gemessen. Das Schni-Schna-Schnappi-Kind bei Raab. Paßt irgendwie zur Hengstkastrierung.

Eisenbahnbau in den USA, Wettlauf zwischen Ost- und Westgesellschaft. Im Westen hauen Chinesen mit der Hand Tunnel durch den Granit. Rekord sind 16 Km verlegte Strecke an einem Tag. 1869 steht die Verbindung.

12.1. Mi, Seelower, nachmittags, bedeckt

Im Zeitungsladen: "Jetzt haben sie doch festgestellt, daß die im Westen mehr Geld kriegen bei Hartz IV. Da hat einer von die Grünen gesagt, daß dit rischtisch so is, weil da dit Leben och teurer is. Ick hab die noch nie leiden können."

"Genau, die gehörn alle uffjehängt."

"Maiskolbenfresser."

"Nana?"

Und ich kaufe die Taz.

"Der Sturm", Doku über das Kriegsende.

16.10.44 erstmals in Ostpreußen auf deutschem Boden

12.1.45 beginnt aber erst der Angriff.

1 1/2 Mill. Zivilisten fliehen

Pferde für das Eis mit scharfen Stollen beschlagen.

Schlobitten

Weichselbrücke bei Dirschau gesprengt. (Das Tczew, wo man nach Königsberg umsteigen mußte?)

Kessel von Heiligenbeil wird bis 29.3.45 gehalten, so daß die Reichsstraße 1 von Königsberg nach Pillau noch Fluchtstrecke ist. Trecks über das vereiste Haff und die Frische Nehrung.

März '45 130000 Zivilisten eingeschlossen, von denen 25000 überleben.

9.4. Lasch übergibt Königsberg und wird von Hitler in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Er hat '89 Vereidigung verweigern wollen, Schwedt angedroht.

Dann ständig versetzt, am Ende in Prora, da haben sie alle nur noch mit Kerzen rumgesessen, bis der Minister kam. Wurden nach Hause geschickt, in ihren Betrieben zu arbeiten, Gehalt von der Armee bezogen.

Bis zum Herbst mit einer Truppe Heizer in einem Möbelwerk. Alles Alkoholiker, die tollsten Geschichten gehört. Aus Versehen einen Kessel Schnaps für Grog verdampfen lassen. Die ersten Entlassungen erlebt.

An Uni gedacht. Meine Seminarnotizen würden heute direkt in die Chronik eingehen.

Verstärker abgeholt, 60 Euro für einen kaputten Kondensator.

Ausgekoppelt: Kotze pflastert seinen Weg

Doku: "Bosna!" (R.: Bernard-Henry Lévy)

Angeblich stand man in den Serben der viertstärksten Armee der Welt gegenüber. Das sei Propaganda gewesen, um Eingreifen auszuschließen.

20.1.93 Izetbegovic in Paris.

Waffenembargo für ganz Jugoslawien, de facto galt es nur für Bosnien

Irrtum von '36, München wiederholt.

Faschismus: Sie töten gezielt Moslems

Sie verbrennen Bibliotheken

Ihre namenlosen Opfer. Vor der Erschießung Hosen runtergelassen, wegen Beschneidung.

Der systematische Aspekt der Auslöschung eigentlich unwichtiger Dörfer.

Der Westen spricht von muslimischer Armee/Kräften und sieht nicht die eigene Identität des bosnischen Sarajevo.

Die Verteidiger würden im Geist des europäischen Antifaschismus wirken "Helden, aber keine Rambos. Mit Wut im Bauch, aber doch besonnen" (wenn das geht?) Izetbegovic sei anders als de Gaulle für den Krieg nicht gemacht.

"Norpois-Syndrom", Figur eines Diplomaten bei Proust:

- Sarajevo, ein Alptraum

- Durcheinander von falschen Nationen

- "Pulverfaß Balkan", Bosnien existiere eigentlich gar nicht (nur unter der Fuchtel eines Herrschers wie Tito, der Ordnung schafft)

- Also wird Serbien als Gendarm für die Region eingeplant (es hat die längste Staatentradition)

- unschön, aber notwendig sind ethnische Säuberungen

April '93 Kriegseintritt Kroatien

Neue ethnische Säuberungen. Urbicid von Mostar.

Kroatischer Verrat, was den Westen nur bestätigt, sich nicht eingemischt zu haben.

Blauhelme, Handlanger der ethnischen Säuberungen

Feb./März '94. Angeblich braucht man 200000 Mann Bodentruppen, aber ohne einen Toten wird die Belagerung beendet. Kein Gegenschlag. Jelzin weist in Moskau Karadzic zurück.

Er bekomme Atemnot beim Einschlafen, wenn seine Freundin nicht da sei.

13.1., Do

Buch: Marica Bodrozic "Tito ist tot"

Ärgerlicher Kitsch im Gewand der Hochliteratur. Der Titel behauptet, es würde um Jugoslawien gehen, aber sie beschreibt nur unermüdlich die flirrende Sommerhitze in ihrem kroatischen Heimatdorf. Endlose, schwammige Passagen. "Weil Onkel Joseph aber kein Stein war, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, rannen ihm ricke Tränen aus den blauen Augen und richteten sich, als ständige Bewohner, auf seinen trinkerroten Wangen ein."

"Es war eine Welt von Fühlungen, die Vater mir erschloß und die sich auf eigentümliche Weise in jene erste Sehnsucht nach Ferne verwandelte, die mich das erste und einzige Mal in die Höhen unseres Mandelbaumes getrieben hatte. Vielleicht hatte ich nur darauf gewartet, daß Vater zu dieser Ferne wurde, zum Wipfel meines Baumes, der über mich hinauszuragen behann, als ich nicht mehr an ihm festhielt."

Wenig gute Stellen. Holzsammlerinnen rollen Schlangen in ihren Holzbündeln mit ein. Wegen Hitze würden die Schlangen das Blut von Frauen trinken. Eine Frau, die einen Schlangenbiß überlebt hat, wird gemieden.

Buch: Susan Sontag "Über Fotografie" begonnen.

Beim Arzt. Eine alte Frau mit Krückstock muß eine Urinprobe füllen. Der Becher wird auf den Tresen gestellt, ist das nicht erniedrigend? Blutabnahme. "Tut gar nicht mehr so weh, wie früher" sage ich, um etwas zu sagen.

"Weil ich es so gut mache."

Spontan endlich einen Flachbildschirm gekauft. Bei dem dann die Schrift verschwommen ist. Daraufhin erst einmal Schlaf.

Ich treffe mich nur noch mit Menschen, um mein Immunsystem upzudaten.

Chaussee: Ansage mit Dan komplett auf russisch

Improvisieren eine konzeptionell Diskussion zur Frage, ob wir nicht mehr politisch sind.

Stephan: "?habe ich mir selbst gedankt, für die schöne Zeit mit mir."

Volker schmeißt mühsam eine betrunkene Frau mit Hund raus, der Bohni ins Bein kneift. Stephan moderiert das Geschehen vom Mikro aus, weil es sich in die Länge zieht.

Offenes Mikro liest was über eine Fee, die noch Träume hat.

"Jetzt wo du so schön über die Fee gelesen hast, tut es mir fast leid, daß wir sie vorhin rausgeschmissen haben."

14.1.05 Fr, Seelower, vormittags, heiter-bedeckt

Steuer eingetütet. Notizen übertragen. Bürgeramt, mich im Prenzlauer Berg anmelden. Alles schon im Internet ausgefüllt, aber ich hätte auch den zweiten Zettel mitbringen sollen. An der Wand hinter ihr eine Sammlung von Hundepostern. Bekomme aber den Stempel und bin gemeldet. Dann Paket mit Unterlagen zum Steuerberater.

Im "November" Nudeln, Kaffee und den "Freitag": - "Der Spende, diesem Zwischending aus Geschenk und Opfer, haftet abstrakt immer noch ein Schuldgefühl an. Ihre Magie besteht darin, zu besänftigen, was nicht zu kontrollieren ist. Wir wissen ja, daß es uns auf Kosten anderer zu gut geht. Stimm' die Götter günstig, die Spende ist ein Tauschgeschäft."

- Sarkozy wolle "Meritokratie" aufbauen. "Aufstieg der Rechtschaffenen und Verdienstvollen."

- Thomas Ebermann, ein Ex-Grüner: "Irgendwann muß man die Lust an der Gesellschaftskritik vom Erfolg dieser Gesellschaftskritik abkoppeln. Alte Weggefährten denken dann, der hat sein Talent aber verschleudert und wissen, daß ich sie verachte."

"Wenn du dich linksradikal betätigen willst, weil du nicht anders kannst, weil das deiner analytischen Überzeugung entspricht, dann mußt du dich damit anfreunden, daß dein Platz am Rande dieser Gesellschaft ist. Das ist der Normalzustand, von dem wir einmal dachten, ihn ein bißchen außer Kraft setzen zu können."

- Jürgen Elsässer über den Dollar: Die USA kaufen Waren bei anderen Nationen und bezahlen mit nachgedrucktem Geld. "Die Amerikaner verwandeln das vom Ausland geliehene Kapital in Nachfrage nach Produkten anderer Nationalökonomien und kurbeln so die weltweite Konjunktur an. Damit funktioniert die Globalökonomie nach dem Muster des deficit spending."

Keynes: Strukturelle Nachfragelücke für Arbeitslosigkeit verantwortlich. Regierung stellt billiges Geld zur Verfügung und stimuliert Konjunktur durch Staatskonsum. So beim New Deal und in der NS- Wirtschaftspolitik.

In Deutschland zur Kaschierung der Schulden seit '36 keine Haushaltspläne und Staatsbilanzen mehr veröffentlicht.

Wertdeckung der aufgeblähten Geldmenge durch geraubte Rohstoffe und Sklaven.

USA bringen im Gegenzug zu Rüstungslieferungen praktisch sämtliche Goldvorräte der Welt in ihren Besitz.

"Keynesianismus funktioniert so richtig nur als Kriegskeynesianismus."

Heute gilt für den Dollar, wie damals für die Reichsmark: "Die Anleger glauben den aufgedruckten Wert nur, solange jedermann, jederzeit und an jedem Ort mit militärischer Gewalt gezwungen werden kann, die Papierschnipsel in Waren umzutauschen." Es ging nicht um "Blut für Öl", sondern um die Zahlungsfähigkeit der USA.

Beim Medimarkt behauptet er, ich müsse nur die Auflösung vom Bildschirm ändern, aber das ging ja nicht.

Daß ich mich immer noch nicht traue, im Laden die Hände in die Taschen zu tun, weil ich nicht für einen Dieb gehalten werden will.

Drei Stunden vergeblicher Versuch, den Monitor scharf zu kriegen. Aus dem Internet neuer Treiber für die Grafikkarte, Treiber für Monitor, kein Resultat. Müdigkeit und Frustration.

Film: "Die Fünfte Offensive" ("The battle of Sutjeska", R.: Stipe Delic. Vorher schon second-unit-Director bei mehreren Winnetou-Filmen.)

20000 Partisanen nach der Schlacht an der Neretva in Montenegro von bulgarischen Einheiten, Italienern, Wehrmacht und SS-Division "Prinz Eugen" eingekesselt. Tito will ausbrechen, aber ohne einen einzigen Verwundeten zurückzulassen. Noch gibt es keine zweite Front der Alliierten. Eine britische Militärmission trifft ein, ahnungslose Engländer, die belächelt werden. Ein Partisan bittet den Engländer um eine Zigarette, sein Kamerad weist ihn zurecht, nicht zu betteln.

Engländer: "Wo ist die Front?"

Tito: "Überall, wo der Feind ist."

"Und wo ist der Feind?"

"Überall."

Der walisische Bergarbeitersohn Richard Burton als Tito: "Die Sowjetunion hat mit sich selbst zu tun, wenn uns jemand helfen kann, dann sind es die Westmächte, sie haben die Waffen, die uns für den Kampf fehlen."

(Kommentar auf Bosnienkrieg?)

Sie müssen die Verbände abnehmen, waschen und mit weniger auskommen, Frauenarbeit.

Binnenstory: das notorische Komikerpärchen, das gegen den Befehl, alle schweren Waffen zu vergraben, eine Haubitze mitschleppt, damit am Ende drei Panzer abschießt und dem Tito, statt es zu rügen, auf die Schulter klopft.

Ein Vater, der nach und nach seine Söhne verliert.

Irene Papas als orthodoxe Serbin. Ihr Mann mit Kreuz und Stern auf dem Käppi. Tötet, "weil es sein muß". (Konzession an die Völkerfreundschaft im sozialistischen Jugoslawien?)

Der Zug der Verwundeten, ein amputierter führt einen Blinden.

Die Briten vertrösten sie, die Alliierten kommen nicht zu Hilfe und schicken keine Flugzeuge. Tito: "Es ist besser so. Wenn dieser Krieg zuende ist, werden wir keinem etwas schulden. Wir haben uns dann die Freiheit selbst erkämpft und den vollen Preis dafür bezahlt."

Tito tröstet einen zurückgelasseen Verwundeten und ordnet an, ihn abzuholen.

Verwundeter: "Es hat doch keinen Zweck mehr."

"Das war Tito, mit dem du gesprochen hat. Der bringt uns durch."

"Tito? Das war Tito? Dann glaube ich, daß wir nach Hause kommen."

14.6.'43 Ausbruch aus dem Sutjeska-Kessel. Neues Hauptquartier in Jajce.

Synchronsprecher: Anthony Hopkins hat die Redford-Stimme.

Film: "American history X"

Langweilige Bildästhetik. Die Geschichte ist wie immer in Hollywood in einen Familienroman eingebettet, wodurch es an Brisanz verliert. Kleiner Bruder bewundert großen Bruder, der hat einen Vaterkomplex, weil der Vater Polizist war und im Dienst erschossen wurde. Schwarzer Lehrer als Ersatzvater.

Der intelligente Nazi wird im Knast umgekrempelt, weil er sich den Witzen und dem Charme seines schwarzen Arbeitskollegen aus der Wäscherei nicht entziehen kann, und weil er sich von den anderen Nazis distanziert, als er mitbekommt, daß die mit den "Chicanos" Drogengeschäfte machen. Sie haben seine moralischen Grundsatzreden satt und vergewaltigen ihn.

Sowieso war seine Rassenideologie nur Unterklassenressentiment und "Notwehr" gegen die aggressiven Schwarzen im Viertel.

Nach seiner Rückkehr wird er von der Nazibewegung als Held gefeiert und, als sich herausstellt, daß er nicht mehr daran glaubt, sofort als Verräter verfolgt.

15.1.05 Sa, Seelower, nachmittags, bedeckt

Wissen: bei Angriffen mit dem Helikopter immer auf den Helm setzen! Wichtig zu wissen, für den Fall, daß man mal in die Verlegenheit gerät.

Archiv der Kriegsfilmdetails anlegen.

BZ titelt: "Daisy sah den Mörder!"

Beim Mediamarkt können sie wieder nicht helfen mit dem Monitor, habe mich schon fast damit abgefunden mit unscharfer Schrift zu arbeiten, besser als nichts.

Buch: Susan Sontag "Regarding the Pain of Others"

Lese begeistert, aber nach 40 Seiten fehlt einfach ein Kapitel, Fehldruck.

Kluft zwischen Mann und Frau. Nur Männer führen Krieg.

"Wer glaubt heute noch, der Krieg lasse sich abschaffen? Niemand, nicht einmal die Pazifisten."

"Fotografien von Kriegsopfern sind selbst eine Art Rhetorik. Sie insistieren. Sie vereinfachen. Sie agitieren. Sie erzeugen die Illusion eines Konsensus."

"Während der Kämpfe zwischen Serben und Kroaten zu Beginn der jüngsten Balkankriege wurden von der serbischen und der kroatischen Propaganda die gleichen Fotos von Kindern verteilt, die bei der Beschießung eines Dorfes getötet worden waren."

"Schon bei Guernica wurde behauptet, die Basken hätten die Stadt mit Dynamit in der Kanalisation (selbst hergestellten Bomben) zerstört, um die Empörung im Ausland anzuheizen."

Buch: Simone Weil "L'Iliade ou le poème de la force" (Ilias: Dichtung der Gewalt)

Buch: Ernst Friedrich: "Krieg dem Kriege!"

Film: Abel Gance "J'accuse" Zombiszene: Die Toten von Verdun stehen auf, um die Lebenden zu warnen.

"Spezialisierte Berufstouristen, die wir Reporter nennen."

"If it bleedes, it leads."

Krimkrieg (1854-56) Hinterlader und Maschinengewehr.

"Was im Nachrichtenjargon 'Die Welt' genannt wird? ist (anders als die wirkliche Welt) geographisch wie inhaltlich ein sehr kleiner Ort?"

"Anders als ein geschriebener Bericht, der sich, je nach seiner gedanklichen Komplexität, seinem Kontext und seinem Wortschatz, an einen größeren oder kleineren Leserkreis richtet, verfügt ein Foto nur über eine einzige Sprache und ist im Prinzip für alle bestimmt."

Mit der Leica, Kleinbildkamera, kann man mehr als das Nachher, die Schlachtfelder und Mondlandschaften fotografieren. Erstmals im Spanischen Bürgerkrieg.

"Nach vierzig Jahren aufwendiger Katastrophenfilme aus Hollywood scheint der Ausspruch 'Es war wie im Kino' an die Stelle jener anderen Formel getreten zu sein, mit der Überlebende von Katastrophen das zunächst Unfaßbare dessen, was sie durchgemacht haben, früher auszudrücken versuchten: 'Es war wie im Traum.'"

"Wo es um das Erinnern geht, hinterlassen Fotografien eine tiefere Wirkung [als Filme] Das Gedächtnis arbeitet mit Standbildern."

Heute ist der Schock selbst eine "bedeutende ökonomische Ressource" für Aufmerksamkeit.

In den 4 1/2 Monaten der Schlacht an der Somme (Juli 1916) fielen 1300000 Soldaten und die Front rückte 8 Km vor.

Fotos: "Die Garantie für Objektivität war 'eingebaut'"

Ohne jede Beimischung von Kunst, die mit Unaufrichtigkeit und Erfundenem gleichgesetzt wird.

Amateurbilder, oder solche, die sich "eines der bekannten antikünstlerischen Stile bedienen" wirken authentischer. "Weil sie künstlerisch nicht hoch hinauswollen, wirken diese Bilder weniger manipulativ, weniger darauf angelegt, billiges Mitgefühl und vorschnelle Identifikation zu erzeugen - ein Verdacht, dem heute alle weitverbreiteten Bilder, die Leiden zeigen, ausgesetzt sind."

"Die Fotografie ist die einzige bedeutende Kunst, in der Berufsausbildung und jahrlange Erfahrung keinen uneinholbaren Vorsprung gegenüber denen gewähren, die weder über eine Ausbildung noch über Berufserfahrung verfügen."

Frank Capas Bild vom sterbenden republikanischen Soldaten. Auf der anderen Seite in Life stand eine Werbung für "Vitalis", eine Pomade.

Die Erinnerung an den Krieg ist lokal. Der Chacokrieg (Bolivien, Peru) ist bei uns vergessen.

"In der derzeitigen politischen Stimmungslage, die dem Militär so wohlgesinnt ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr, können Bilder von deprimiert vor sich hin starrenden GI's, die früher den Militarismus und den Imperialismus zu untergraben schienen, womöglich inspirierend wirken."

Dann fehlt im Buch ein Kapitel. Nochmal zur Buchhandlung, zurückgeben, neu bestellen.

Nachtrag, 4.3., Rest von Sontag:

Ikonographie des Leidens, Laokoon, Passion Christi. "Anscheinend ist der Appetit auf Bilder, die Schmerzen leidende Leiber zeigen, fast so stark wie das Verlangen nach Bildern, auf denen nackte Leiber zu sehen sind."

"Es gibt das Vergnügen des Zurückschauderns."

"Vielleicht haben nur jene Menschen das Recht, Bilder eines so extremen Leidens zu betrachten, die für eine Linderung etwas tun könnten ? etwa die Chirurgen des Militärhospitals, in dem die Aufnahme gemacht wurde, oder Menschen, die aus ihr etwas lernen könnten. Wir anderne sind, ob wir wollen oder nicht, Voyeure."

1.WK, erster Krieg, in dem Kameras in größerem Umfang zur militärischen Aufklärung verwendet wurden.

"Der internationale Sport, dieser unschätzbare Kriegsersatz."

Auf frühen Kriegsbildern wirkten Soldaten, wie "ein Gruppenausflug von lauter würdigen Männern." Genreszenen aus der Etappe.

Manipulation schon beim Krimkrieg. Kanonenkugeln werden auf der Straße verteilt. Auch in Gettysburg Leichen umgruppiert. Merkwürdig unsere Enttäuschung, wenn wir davon erfahren: "Wir wünschen uns, daß sich der Fotograf im Haus der Liebe oder des Todes wie ein Spion bewegt und daß diejenigen, die er fotografiert, von der Kamera nichts ahnen, daß sie nicht auf der Hut sind."

Roosevelt schon 1898 im spanisch-amerikanischen Krieg Kavallerie-Oberst.

Buch: Ernst Jünger, "Krieg und Lichtbild", in: "Das Antlitz des Weltkrieges. Fronterlebnisse deutscher Soldaten", Berlin 1930. Dort: "Es ist derselbe Verstand, der den Gegner über große Entfernungen hinweg auf die Sekunde und auf den Meter genau mit seinen Vernichtungswaffen zu treffen weiß, und der das große geschichtliche Ereignis in seinen feinsten Einzelheiten zu bewahren sich bemüht."

Buch: da Vinci "Anleitung zur Herstellung von Schlachtengemälden"

"An Kriegsfotos Schönheit zu entdecken wirkt gefühllos. Und doch ist die verwüstete Landschaft immer noch eine Landschaft."

"Ein schönes Foto entzieht nach dieser Auffassung dem bedrückenden Bildgegenstand Aufmerksamkeit und lenkt sie auf das Medium selbst, wodurch der dokumentarische Wert des Bildes beeinträchtigt wird."

"Problematik der routinemäßigen Auslösung von Gefühlsreaktionen", aber: "Darstellungen der Kreuzigung werden für Gläubige, wenn sie wirklich gläubig sind, nicht banal." "Die Menschen wollen weinen. Pathos, in Gestalt einer Geschichte, nutzt sich nicht ab."

"Das Gedächtnis ist immer individuell und nicht reproduzierbar ? es stirbt mit dem einzelnen. Was man als kollektives Gedächtnis bezeichnet, ist kein Erinnern, sondern ein Sicheinigen ? darauf, daß dieses wichtig sei, daß sich eine Geschichte so und nicht anders zugetragen habe, samt den Bildern, mit deren Hilfe die Geschichte in unseren Köpfen befestigt wird."

"Das Problem besteht nicht daran, daß Menschen sich anhand von Fotos erinnern, sondern darin, daß sie sich nur an die Fotos erinnern."

Buch: "Without sanctuary", Bildband von schwarzen Lynchopfern 1890-1930

"Man kann es für eine Pflicht halten, Fotos zu betrachten, auf denen Grausamkeiten und Verbrechen festgehalten sind. Man sollte es in jedem Fall für eine Pflicht halten, darüber nachzudenken, was es heißt, solche Bilder zu betrachten, und wie es um die Fähigkeit bestellt ist, sich das, was sie zeigen, tatsächlich anzueignen."

"Wenn man den Eindruck bekommt, daß es nichts gibt, was 'wir' tun könnten? fängt man an, sich zu langweilen, wird zynisch und apathisch."

"Das Mitgefühl beteuert unsere Unschuld und unsere Ohnmacht. Insofern kann es (unseren guten Absichten zum Trotz) zu einer impertinenten ? und völlig unangebrachten ? Reaktion werden."

"Die Grundhaltung des Konsumenten ist die Erschlaffung."

Buch: Wordsworth, Vorrede zu "Lyrical Ballads", über den Verfall des Empfindungsvermögens.

"Dabei ist die These von der Wirklichkeit, die zum Spektakel geworden sei, auf atemberaubende Weise provinziell. Sie universalisiert die Sehgewohnheiten einer kleinen, gebildeten Gruppe von Menschen, die im reichen Teil der Welt leben, wo man die Nachrichten in Unterhaltung verwandelt hat."

Bilder: Paul Lowe

Empörung der Einwohner, als er 1994 in Sarajevo Bilder der Stadt neben Bildern von Somalia ausstellt.

"Gibt es ein Mittel gegen die so nachhaltig verführerische Wirkung, die vom Krieg ausgeht? Und kann es sein, daß diese Frage von einer Frau eher gestellt wird als von einem Mann?"

TAZ: Götz Aly über den Sozialstaat der Nazis:

Steuerklassen I bis IV Reichsfinanzreform von '34. Pfänden erschwert. Schuldnerschutz. NSDAP "erste deutsche Volkspartei" Ehegattensplitting. Kilometerpauschale, damit "auch der deutsche Arbeiter die Möglichkeit hat, im Grünen zu leben."

Das soziale Appeasement, den einfachen Leuten ging es gut. Sie haben vom Krieg profitiert.

Bis '42 war der Wehrmachtssoldat ein "bewaffneter Butterfahrer". Päckchen geschickt. Im Krieg Versorgungssätze für die Frauen. Inflation ins besetzte Ausland verlagert. Gegenfinanzierung durch Enteignung der Juden. "Der Holocaust geschah zum Vorteil aller Deutschen."

Unterlagen über die Kriegsfinanzierung bis heute im Bundesarchiv nicht ordentlich verzeichnet. "Dahinter steht die Angst, den Zweiten Weltkrieg tatsächlich bezahlen zu müssen."

"Auch die Überlebenden sind nicht an allzu nahe liegenden, scheinbar banalen Erklärungen interessiert. Hier kommt etwas zusammen, was nicht zusammengehört, aber in dieselbe Richtung wirkt."

Funtionieren des Nationalsozialismus erkläre sich nicht aus Hitlers Charisma, sondern aus der Massenkorruption. Der Staat habe sein Volk bestochen. "Die Massenzustimmung wurde mit Mitteln der Umverteilungspolitik erreicht: mit sozialer Wärme."

Böse formuliert, ist noch die DDR daran gescheitert, daß sie zur Gegenfinanzierung ihrer Sozialpolitik keinen Angriffskrieg führen konnte.

Film: "Die fünfte Offensive"

Italienisch produzierter Film mit Henry Fonda, Stacy Keach, Helmut Berger, John Huston, Giuliano Gemma.

Floskel: Frau sagt: "Dieser furchtbare Krieg!"

Kampftaucher vor Kreta. Partisanen in Griechenland. Panzerkrieg in Nordafrika. Ein Breitwandepos, das nur Klischees produziert.

Die französische Hure in Le Havre. Der deutsche Offizier wußte nicht, daß sie für Geld arbeitet. Legt es ihr hin und verschwindet unbemerkt.

Ein deutscher Panzerzug mit einem Geschütz von 20 Km Reichweite wird von Résistance-Kämpfern gesprengt.

In der Wüste verfolgen Panzer einen LKW, man wirft in so einem Fall Minen ab.

John Huston als englischer Kriegsreporter "Ich rieche förmlich, wo sie sich in die Wolle kriegen!"

Dann komme ich nicht los, was soll ich auch draußen? Schnell einkaufen, eine Pizza im Ofen, die ganze Küche stinkt verbrannt, weil noch Zucker vom letzten Geburtstag im Ofen war, von irgendeinem Kuchen.

Doku: "Arno Breker"

In den 20ern in Paris, mit Calder gewohnt, mit Cocteau befreundet. Maillol, was für Zeiten, was für Künstlertypen.

Der Vorwurf an den Künstler, sich blind gestellt zu haben, mit dem Verweis darauf, unpolitisch zu sein. Dadurch Teil des Systems.

Düsseldorfer Matthäi-Kirche, Matthäus.

Liebermann vermittelt ihm '33 ein Atelier in Berlin.

'35 bittet ihn die Familie, Liebermann die Totenmaske abzunehmen.

Käuzchensteig im Grundewald, Atelier für Monumentalskulpturen.

Für Ehrenhof der Reichskanzlei zwei Skulpturen: Partei/Wehrmacht mit Fackel/Schwert.

Schloß Jeckelsbruch, 4 Km vor Wriezen. Zum 40. vom Führer geschenkt bekommen.

Hafen am Oderlandkanal, gebaut von Fremdarbeitern, Franzosen. Der Geschäftsführer von Organisation Todt.

Reichskanzlei ist Steinbruch für sowjetisches Ehrenmal.

Er in Mending/Bayern. Dort '45 von Stalin die Einladung, nach Moskau zu kommen. Als Mitläufer zu 100 Mark Geldstrafe verurteilt.

Gerling-Konzern Köln (Versicherungen). Er baut die neue Zentrale.

Motiv: Für seinen Garten in Düsseldorf kauft er nach und nach seine eigenen Skulpturen auf.

Schloß Nörwenich (?) Museum.

Feb. '91 tot mit 91 Jahren.

Doku über den Abzug der sowjetischen Armee aus Deutschland. Die letzten Soldatenjungs, die in der dunklen Kaserne nach russische Popmusik tanzen. Eigenartige Tanzstile, die bei ihnen in der Isolation überleben konnten.

16.1., So

Abends im Fernsehen "Cast away". Immer beruhigend dieser freundliche Tom Hanks. Daß sie aus der alten Story noch so viel rausholen ist schon eine Leistung. 30 Minuten ohne Dialog. Der Volleyball Wilson. Im Grunde geht es mir mit jedem meiner Gegenstände so, daß ich, wenn ich sie weggeworfen und verraten habe, wie Tom Hanks auf dem Floß bitterlich weine: "Es tut mir leid! Es tut mir so leid!"

Film: Martin Scorseses "Reise durchs italienische Kino"

Ein beglückender Fernsehmoment. Er erzählt aus dem Off über seine Lieblinsgsszenen vom Neorealismus. Alles Filme, die er als Kind gesehen hat, manches im Fernsehen. Er war so schwächlich, daß er nicht viel rausgegangen ist. "Roma cittá aperta" fand ich nicht so gut, weil die Reinwaschungsideologie zu plump war. Aber "Fahrraddiebe" sensationell. Dieser Blick für die Realität. Plötzlich werden ganz andere Details beachtet. Italien wollte sich der Welt erklären. Mußte erst ein Krieg kommen, damit dieser Selbstdarstellungsdruck aufkam?

Da Sica früher ein Star in sogenannten "White telephone films".

17.1., Mo

Ultraschall von Bauch und Nieren. Ihm fallen dabei fast die Augen zu. Eine ungefährliche 2,5 cm große Zyste in der rechten Niere. Unangenehme Gastroskopie, ich hätte mich aber "gut gehalten", werde ich gelobt. Betäubungsspray für den Rachenraum, Beißring, dann den Schlauch schlucken und die Durchsagen: "Wir sind jetzt im Magen? Jetzt sind wir im Zwölffingerdarm? Jetzt nehme ich die Gewebeprobe?"

Erst einmal kein Befund, aber die Proben noch abwarten. Leicht geröteter Magenausgang, deute auf Sodbrennen hin.

Milan getroffen, der mit hochkommt. Wir lösen das Monitorproblem. Nach 15 Stunden rumprobieren lag es daran, daß man nicht den offiziellen Treiber der Firma benutzen konnte, auch nicht, wenn er der aktuelle war, sondern lieber einen bereits installierten Windows-Dummy. Mit dem kann man die Auflösung hochstellen. Danach ganz verliebt in den neuen Arbeitsplatz. Nichts schöneres als Konsum und Geld ausgeben.

Di, 18.1.

Eine Ohr-Gel-Fabrik

Um 10 mit Mel im Acud zum "Globale-Film-Festival"

Doku über serbische Zigeunerjungen, die nach Jahren in Deutschland nach Belgrad abgeschoben wurden.

Ein älterer Zigeuner schimpft, sie sollten in ihrem richtigen Viertel filmen, um zu sehen, wie es ihnen geht. Dort hätten sie keinen Kassettenrekorder.

Empfinden Deutschland als ihre Heimat.

Kriegen kein Visum für Deutschland.

Kann mein Bier nicht trinken, Übelkeit und Säure im Magen.

Zu Hause helfen Tropfen und magensäureresistente Magnesiumpillen.

KoQ: "Ich muß noch der Keramik zeigen, wer hier der Boss ist"

Bei Fliege sitzt ein 102jähriger Berliner. Mit 90 zweites mal geheiratet, inzwischen aber wieder verwitwet.

Noch im Brasch-Arbeitsheft festgelesen. Um 4 im Bett.

19.1., Mi

Kein Laufen, Magenschonung.

Brasch: Das Brasch-Sonderheft. Meine Position zu dieser Künstlerromantik revidieren. Wie fern mir inzwischen viele dieser Texte sind.

Drogen genommen. Angeblich 1500 Frauen gehabt.

Romantik des Mammutwerks, das er dem Wunsch der Gesellschaft, sein Leben aufzuschreiben, entgegensetzt. Warum wollte er es nciht aufschreiben? War das alles schon der Ekel am Tauschgeschäft, den man heute empfindet?

Aber er war sofort ein Held drüben, schlug ein, wie eine Bombe. Der Spiegel stand Gewehr bei Fuß, als er in Westberlin auftauchte. Immerhin zwei seiner Filme in Cannes im Wettbewerb. Und kurz darauf die Einheit, niemand sprach mehr von ihm, heute ist er fast völlig vergessen. Dabei war er immer präsent mit Übersetzungen und Inszenierungen.

Doku: "Der Sturm", Teil 2

Vier Kinder, um die 6 Jahre, sehen zu, wie Mutter auf ihrem Gut vergewaltigt wird. Weil der Vater schießt, werden beide Eltern erschossen. Die Kinder fliehen und schlagen sich durch. Einer will Brot beim russischen Bäcker, die Frau fegt die Krümel vom Boden.

Militärpolizei "Kettenhunde" genannt, erlaubte ihnen nicht, Aufgehängte abzuschneiden, sie durften nur auf die Seile schießen, bis sie runterfielen.

Im eingekesselten Breslau werden Häuser gesprengt, um eine Landebahn zu bauen.

Im Lazarett ist sie fast ohnmächtig geworden, weil alle nach der Mutter riefen und nach ihr griffen.

Den Tag über vielleicht 2 Stunden redigieren und dabei nur 25 Seiten geschafft. Die Eingabe dauert noch länger als das Korrekturlesen. Bisher keine Reaktion vom Verlag.

Film: "Alles auf Zucker" mit A. in der Kulturbrauerei.

Zum Glück kein Grund, neidisch zu sein. Ein paar schöne Dialogstellen, aber ein uninteressanter Plot. Wir überlegen, wie man es besser machen könnte. Es scheint alles so vobestimmt bei Komödien, so ein Zwangskorsett. Man kann es dann nur im Detail böser machen, das Tempo wechseln wäre schwer. "Hat doch wirklich Pech jehabt nach der Wende, nur Pech. Und jetzt soll er auch noch Jude sein."

Location-Raten: Bodebrücke, Café Moskau, Frankfurter Allee. Wunsch, auch in so einer Wohnung zu wohnen, wie die Familie im Film. So dunkle, vergilbte Räume.

Im "Entweder Oder" Kartoffelpuffer. Diskutieren über den Versuch der Regierung, mehr Gentests in der Verbrechensbekämpfung einzusetzen. Ich bin natürlich erst einmal dafür, weil die Idee logisch klingt. Aber es sei doch ein Wahn vom sauberen Menschen in der sauberen Gesellschaft zu träumen. Eigentlich hat sie recht.

Laufen zurück. Sie wolle nicht den Willen der Tochter brechen, sondern sie müsse sich manchmal durchsetzen, um sie zivilisationsfähig zu machen, das hätte ich falsch verstanden.

Frauenärzte seien oft schwul, wegen der unangenehmen Einsichten.

20.1. Do, Seelower, nachmittags, Niesel

Ausgekoppelt: Fotografiermafia

Film: "Zug des Lebens"

Wider Erwarten ein großartiger Film. Bitter nur die Behauptung der Juden im Film, Deutsch sei wie jiddisch ohne den Humor. Ungeheure Komik: Als Nazis verkleidete Juden und Schtetl-Juden wippen gemeinsam beim Schabbat-Gebet mit dem Oberkörper auf und ab, von kommunistischen Partisanen beobachtet, die nicht mehr wissen, was sie machen sollen.

Viele der Schauspieler wirklich Juden. Der alte Rabbi in Ägypten geboren. Es soll ja schon antisemitisch sein, darauf hinzuweisen, wieviel wir verloren haben durch den Holocaust, denn es kann ja nicht sein, daß man den Tod von kultivierten Menschen mehr bedauert, als den von unkultivierten. Aber es ist ein niederschmetternder Gedanke, sich vorzustellen, wie Deutschland mit diesen Menschen heute aussehen würde.

Chaussee: Im Regen auf dem Fahrrad, ganz eingeweicht angelangt. Hose und Jacke notdürftig in der Gebläseluft getrocknet. Hier und da tropft es durch die Decke.

Ansage: Man bekommt, wenn man am Tresen seine Sachen auswringt die gewonnene Wassermenge in Schnaps getauscht.

Dan entgratet als Schüler Scherköpfe vom Bebo-Sher. Ruft dazu auf, bei guten Stellen im Text das Feuerzeug rauszuholen.

Robert: "Ein genüßlich an unseren Steuergeldern saugender Blutegel."

Bohni singt Variationen auf Schnappi: "Ich bin Knüppi, der böse Polizist?" "Ich bin Ficki, die schöne Prinzessin. Ich heiß Ficki, weil ich so fickrig bin?"

L. taucht auf, aber nur, um was mit dem RAW zu regeln. Hat hier letzten Sonnabend groß Geburtstag gefeiert, seine Einladungsmail hat mich nicht erreicht. Das erste mal in 6 Jahren, daß einer aus der alten Clique sich sehen läßt, und dann ist es nicht mal mit Absicht. Er geht auch sofort wieder.

21.1. Fr

Verlag streut Zweifel. Man setzt sich an die Arbeit und fragt sich, ob man nicht verrückt ist, sich freiwillig zu knechten, wenn es doch gar keiner haben will.

Film: "All quiet on the western front" ("Im Westen nichts neues") (R.: Lewis Milestone. Geboren in Kishinev. 1960 dreht er das Original von "Ocean's 11")

Sicher ein Vorbild vieler Anti-Kriegsfilme. "Tod ist kein Abenteuer".

Eine deutsche Kleinstadt am Beginn des ersten Weltkriegs. Es könnte auch die Stadt aus "Feuerzangenbowle" sein. Der Lehrer schwört die Jungen mit lateinischen Sprüchen vom Heldentod auf die glorreiche Pflicht ein, in den Krieg zu ziehen. Die Mädchen würden Soldaten lieben. Außerdem ist für sie die Schule sowieso zuende. Sie wollen sich geschlossen melden und überreden den einzigen, der noch zweifelt "zusammenzubleiben". Ferienlagerstimmung beim Beziehen der Doppelstockbetten in der Kaserne. Dann vom eigenen Briefträger, der sich völlig gewandelt hat, erbarmungslos geschleift. Es gilt, alles zu vergessen, was sie wissen oder werden wollten, jetzt sind sie Soldaten.

Schanzenkoller bei tagelangem Beschuß. Ratten im Unterschlupf. "Fourage"

Die Mimik der Schauspieler noch ganz hölzern-expressiv, aber der schöne ostpreußische Akzent des Synchronsprechers.

Lazarett in der Kirche, auch ein Topos.

Routine im Stellungskrieg, aus dem Graben, vorstürmen zum Angriff, Rückzug. Bajonettattacke abwehren. Dazwischen liegen sie im Graben und trinken gierig Rotwein gegen den Durst. Die Flasche wird mit dem Seitengewehr geköpft.

Details: Wissen: Läuse verbrennt man auf einem Löffel über einer Kerze.

"Was soll aus uns werden, wenn der Krieg vorbei ist?"

Deckung auf einem Friedhof, plötzlich liegt er in einem aufgebombten Grab.

Ersticht einen Franzosen und muß die Nacht über neben ihm liegen und sein Röcheln hören.

Party in der Etappe: "Trink mer noch n Tröpchen, trinl mer noch n Tröpchen, aus dem kleinen Henkeltöpfchen"

"Ein Prosit, ein Prosit, der Gemütlichkeit"

Mit Brot und Wurst schwimmen sie nachts zu den französischen Mädchen. "La guerre, grand malheur"

Typisches Motiv, der bedrückende Heimaturlaub. Die Mutter ist krank, das Kinderzimmer so klein und voller Erinnerungen, die Schmetterlingssammlung. Er besucht die Schule, wo der Lehrer schon die nächste Generation mit den gleichen Sprüchen auf den Krieg einschwört. Er soll vom Krieg erzählen, weil er aber nichts heroisches von sich gibt, schlägt die Stimmung um, und er wird als Feigling beschimpft. Im Wirtshaus erklären ihm die alten Männer anhand einer Karte, wo sie den Durchbruch schaffen können. "Verkloppt nur den Franzmann ordentlich!" Er reist vor dem Ende des Urlaubs ab, dann schon lieber zu den anderen. (Krieg stiftet Ordnung)

Todesszene mit Schmetterling.

Benefiz-Lesung beim BFC für einen verstorbenen Freund von Andreas Gläsers. Mit Eisbärenfans zum Sportforum.

Andreas: "Ja, Leute, wir machen einfach, was wir immer machen, wir versuchen n schwungvollen Abend zu machen."

Hatten uns geeinigt, jeder 2 mal 5 Minuten zu lesen. Ahne liest 15, und ist hinterher standhaft der Meinung, seine Texte seien kurz. Willmann liest gleich 20 Minuten aus den Erinnerungen eines BFC-Schlägers an die frühen 80er. Wie sie in Leipzig aussteigen und nach Feinden zum Verprügeln suchen. Eigentlich reiner Rassismus diese Fan-Denkweise. Hat auch nichts mehr von einem Duell, es geht ja nicht fair zu. Ich weiß nicht, ob man ihnen nicht zuvie Ehre zuteil werden läßt, wenn man sich für dieses Treiben interessiert.

Robert als Aue-Fan beim BFC. Muß den Fans im Block den Ausweis zeigen, um zu beweisen, daß er wirklich aus Aue ist.

Daß ich Anfang der 90er alle meine Stadionhefte und Wimpel weggeworfen habe?

Mit Robert über Hodenkrebsängste und Prostataschmerzen. King of Queens, er kann nicht mehr ohne Doug und Carry leben.

Mit ihm über Landsberger Allee zurück. Wie oft er schon die Nacht über auf Bahnhöfen stand. Oder ganz ohne Zug, 2 h zu Fuß zurück gelaufen. Einmal mit Taxi, und am Geldautomaten so getan, als käme kein Geld. Dem Fahrer seinen Ausweis geben müssen. Der kam dann zu ihm nach Hause, sich das Geld holen. Sah die vermüllte Wohnung und sagte: "Mensch, Junge, willste dir nicht mal Mühe geben?"

Liest lieber Bücher, die ihm gefallen haben nochmal, als was neues.

Helmut Dietl bei 3 nach 9. Daß mich das Format immer noch unterhält. Wiederholung von 1988, Gottschalk als Gast. Wie sich sein heutiger Stil schon andeutet. Aber daß diese Art mal als jugendlich gelten konnte, Normen verändert hat. Auf seine Art rebelliert, natürlich immer charmant und freundlich. Daran sieht man doch, wie bieder das deutsche Fernsehen mal war. Ohne Amerika wäre das doch immer noch so.

22.1. Sa

Laufen, 41 Minuten, Hu-Hain. Einfach eine äußerst häßliche Strecke. Auf dem Flakturm dreht sich ein älterer Muslim mit ausgestreckten Armen im Kreis und gibt grunzende und gurgelnde Laute von sich. Ob er auf die Art versucht, Außerirdische anzulocken?

Zu T., die jetzt ein schöneres Zimmer in ihrer WG hat. Einen DDR-70er-Schreibtisch mit Aktenklappe. Zu Fuß zum Deutschen Historischen Museum. Gespräch über Spielberg, Hollywood, Bilder, Mimesis, Rekonstruktionskino.

Ausstellung: "Mythen der Nationen"

Jede einzelne Nation hätte mich interessiert, zu manchen hätte ich besseres Material gefunden. Jugoslawien ganz mager, nicht mal auf "Einer ist Sarajevo" wird hingewiesen, nur ein Filmausschnitt aus "Sutjeska" (Schlacht fand am 9.11.43 statt!) und ein paar Abzeichen.

SUBNOR "Bund der Vereinigungen der Kämpfer des Volksbefreiungskrieges"

"Druze Tito mi ti se kunemo, da sa tvoga puta ne skrenemo"

("Genosse Tito, wir schwören dir, daß wir nicht von deinem Weg abweichen werden")

Jasenovac, von den Serben "die größte serbische Stadt unter der Erde" genannt.

In Bleiburg von der britischen Militärverwaltung an Tito ausgeliefert und getötet 40-60000 Kroaten.

"Das Boot". Immer noch das Bild von der edlen Wehrmacht, von der NSDAP mißbraucht, das wohl aus den 50ern stammt.

Ausschnitt von der Überführung Jean Moulins in den Pariser Pantheon, 64 (?) Malraux hält die Rede. Erst still, dann dräuend, dann lauter werdend und fast in Gesang übergehend. Ein schon nicht mehr theatralisches, sondern eher mythisches Pathos inszenierend. Undenkbar bei uns.

Kantine: Im Lauf der Lesung körperliche Besserung bis hin zu Wohlbefinden. Kann aber auch das Adrenalin sein.

Sarah Schmidt hat eine Widmung in ihrem ersten Buch: "Für die Schmidts"

Schusterjunge. Am Tisch sitzt noch ein älterer Herr, der eigenartige Zahlenkolonnen redigiert, scheint sich im Wetten zu handeln. Vom Schreiben könnten wir doch gar nicht leben, fragt er Volker, oder ob wir Komparsen seien?

In den 60ern hätte ein alkoholabhängiger dänischer Ministerpräsident für eine Flasche Whisky dem norwegischen Ministerpräsidenten die ölträchtigsten Stücken der Nordsee abgetreten.

Noch im Bett den "Freitag": - Seeßlen über "Aviator" von Scorsese: "Alle Filme von Martin Scorsese sind Selbstporträts des Künstlers in Bewegung. Man kann den Zorn aus ihnen ablesen, Krisen der Selbstkritik und die Versuche des Regisseurs, immer wieder neu zu bestimmen, wie er einen Weg zwischen dem Anspruch findet, einen Martin-Scorsese-Film zu machen und einen Film, der die Produzenten und das Publikum dazu verführt, ihn in der Mitte der visuellen Kultur zu akzeptieren."

Nur zwei Frauensorten in seinem Kosmos: "Wechselseitige Blick-Schöpfung und Mutter-Mythologie."

24.1., Mo

Film: "Aviator" (R.: Martin Scorsese), Kulturbrauerei, mit Falko und Ina.

Es stimmt, daß bei ihm jedes Bild gleichzeitig Darstellung und Diskurs ist. Originelle, miterzählende Kamera, eigenwillige Schnitttechnik, leider keine gute Geschichte. Klassisches Künstlerdrama, Heiligengeschichte, wie immer bei Scorsese. Großes ensteht nur durch Überschwang, Unvernunft und Verausgabung. Aber das Opfer, das er bringen muß, seine kaputte Psyche, der Waschzwang, bleibt wie rangeklebt. Man versteht nicht, warum er seine Ticks nicht einfach behandeln lassen kann.

Große Szene die Kommunikationsstörungen beim Besuch bei den Hepburns, aber auch der Besuch bei den Schwiegereltern ja eigentlich oft gesehen.

Immer dieser Moment in Flugzeugfilmen, wenn der Pilot ins Cockpit steigt und alle Schalter hochkippt. Ob man das wirklich machen muß?

Falko und Ina fanden es weniger gut.

Im "Bernstein" lappige Riesencalamari, die im Dressing förmlich ertrinken.

Kempowskis Ausbrüche seien noch schlimmer als in "Letzte Grüße" beschrieben. Beide hatten sie auch die schlimme Darmgrippe, wie schön, daß ich nicht der einzige war.

Im Bett noch Brasch-Tagebuch.

25.1. Di, Seelower, Schnee

Den Tagebuchteil von Brasch zuende. Wenn ich ehrlich bin ist das für mich sein interessantester Text. Man respektiert ihn natürlich als Autor für das totale Schreiben, das er praktiziert hat, auch die Pose der Biographieablehnung ist verständlich. Aber es fehlt mir bei ihm immer eine Kleinigkeit, die über die Begabung hinausgeht. Bleibt oft bei Brecht hängen, die Aufdringliche Dialektik in den Gedichten, oder im Heine-Ton, das zwanghafte reimen. Dabei hat kaum ein Autor die deutsche Geschichte so am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie er.

Das Tagebuch von seiner Zeit im Kabelwerk Oberspree ist dagegen unschätzbares Material, aus einem Teil der DDR, an den heute niemand mehr denkt.

Die Ohrfeige bei Entgegennahme eines Preises im Westen: "Wir haben uns nichts zu sagen." Die Behauptung, daß der Westen nicht zählt, die DDR schon als Alternative zum Westen gerettet werden muß. Aber wieviel am Westen bügelt diese Haltung weg. Vielleicht konsequent, auch verführerisch, aber heute kann man es doch nicht mehr so sehen.

Am Haus gegenüber steht ein langer Kran und hebt Wände aufs Dach, vielleicht wird ein Geschoß draufgesetzt.

Doku: Scorseses Reise durchs italienisches Kino, Teil 2.

Visconti "Senso", damals in Rom gesehen. In einem Kino in der Nähe der Wohnung einen ganzen Tag nur Vischonti-Filme, von morgens um 10 bis in die Nacht. Um reinzukommen mußte man nur eine Ausgabe der "L'unità" kaufen.

Fellini "I vitelloni". Der Kreis von Freunden, die nicht aus ihrer Kleinstadt wegkommen. Einer schöpft Hoffnung, als ein verehrter Autor auftaucht, dem er seine Texte anvertraut. Aber dann will er ihn nur vernaschen. Nur einer schafft es am Ende, abzureisen. Der Verlust der Heimat, Voraussetzung für Kunst, eine Arbeit, die uns durch die Wiedervereinigung kollektiv abgenommen wurde.

Höhepunkt sehr richtig Fellini "8 1/2". Schon 14 Jahre später von Woody Allen in "Stardust Memories" geradezu kopiert. Die Szene, in der er die Frauen mit der Peitsche domptiert, dazu der Walkürenritt.

Scorsese redet sich den Mund fusslig, um den Amerikanern seine Lieblingsfilme ans Herz zu legen. Den italienischstämmdigen, weil es ihre Wurzeln sind, den anderen, weil es Filme von überwältigender Einfachheit und emotionaler Schärfe sind. Aber sogar schon die Filmkust ist Geschichte. Filme zu kennen, ein Merkmal der Gebildeten. Scorsese wäre nichts, ohne seine italienischen Wurzeln. Das normalste der Welt, seine Herkunft zu respektieren, uns wird es angekreidet.

Schlußwort: "Sie hatten eine enorme Wirkung auf mich, und ich finde, sie sollten sie auch sehen. Danke."

Aus Angst vor dem Alter jetzt schon gebeugt gehen, damit es dann nicht so auffällt.

Dietl-"Making of". Ein Schild steht immer hinter ihm: "Keine Gespräche vor, hinter oder neben mir."

21.1., Mi

Mutti: Eine Freundin sei im Studentenwohnheim nachts schreiend aufgewacht, Alpträume wegen Flucht aus Ostpreußen.

Film: "Donnie Brasco" mit Johnny Depp und Al Pacino.

Schöne Variation auf das Thema. Diesmal der Mafioso als Angestellter seiner Familie, der jahrelang versucht, durch teure Dienste in der Hierarchie aufzusteigen. So eine Art Steuersystem mit Abgaben von unten nach oben. Zu Hause, wie ein alter Mann, in Trainingshosen, dauernd pleite. Und dann wird er von einem Undercover-Agenten betrogen. Aber letzte Minuten vom Film fehlen mir. Zur Geschichte "Filme, deren Schluß ich verpaßt habe".

Ausgekoppelt: Danke, BRD

Nachruftermin für den Tagespiegel. Spontan für heute nachmittag verabredet, S-Bahn Richtung Grunewald. Die Fahrt über aus dem Fenster gesehen, großartig, diese Schleife, einmal Berlin umrunden.

Onkel-Toms-Hütte. Eine Kolonie renovierter Bruno-Taut-Häuser. Die Fensterrahmen bunt gestrichen, wie Mondrian-Bilder. Steile Treppe, drei schmale Stockwerke.

Tim-und-Struppi-Devotionalien. Rate die Titel der Hefte zu den Tellern, die sie besitzt. Sie hat es als Kind auf englisch gelesen. Schulze und Schulze hießen dort Thompson und Thompson.

Mutter stammte aus Schöneberg, Arbeitermilieu. Vor der Schule Brötchen ausgetragen, um dazuzuverdienen.

Großvater hat im zaristischen Gefängnis seine Identität mit Mitgefangenem getauscht. Warum, weiß man nicht.

Sie wird am Grab von Rosa Luxemburg verhaftet "Jetzt können sie selber Briefe aus dem Gefängnis schreiben."

In der Nacherzählung ist jedes Leben bedeutend.

Schicksal noch nicht als Ressource.

Angeregt zur U-Bahn. Zwei Spanierinnen, die geliebte Diktion. Ich muß mir auch angewöhnen, öfter "vale" und "leche" zu sagen. Die eine zeigt Pelzhausschuhe, die sie für 3 Euro gekauft hat. Sicher frieren sie bei uns. Daß hier viele Studenten in der Vorlesung Zeitung lesen würden, sei doch "maleducado".

"Zentrum für Plastisch-Ästhetische Körperformung."

Friedrichstraße Fish&Chips. Jemand spricht im Buchladen eine chinesische Studentin vom Goethe-Institut an, die nicht richtig deutsch spricht. "Goethe-Institut, ist das ein Zweig von der HU? Zweig? Ja, Zweig? äh? Teil?" Die arme.

Ins Café Hackesche Höfe. Schon wieder ein Gespräch über Unterhalt belauscht. "Nur noch Freitag bis Sonntag. Will die Krieg?" Danach knutscht er mit der Frau neben sich.

Ausgelaugt von so viel an einem Tag. Fast ein Schwächeanfall im Kino. Muß nochmal raus, ein Bier zu holen, das es nicht besser macht.

Film: "Tu ? Hier" (Kroatien)

Schon der dritte Episodenfilm aus Ex-Jugoslawien in letzter Zeit. Aber zu langsam und in den einzelnen Geschichten nicht sehr originell.

Die erste Szene mit Soldaten an der kroatischen Front, die einen Trottel veralbern. In den anderen Episoden sieht man sie alle wieder.

Die obligatorische Fixer-Story geht mir besonders auf die Nerven. Sicher, es ist schlimm, aber kein Grund, sich das dauernd ansehen zu müssen. Man kann zwar zum Hungern gezwungen werden, aber nicht zum Drogen nehmen, deshalb hält sich mein Mitleid in Grenzen.

Ein alter Mann, der in einer ekligen Pension lebt, hört abends alte Kassetten mit Bach. Dann klopft ein junges Mädchen an seine Tür. Kauft ihm einen alten Rekorder. Doch die eine Judith Hermann-Geschichte aus "Sommerhaus, später"?

"ringlspil"

"Ich bin so alle. Und du bist so niemand."

27.1., Do

Chaussee: Eine Giekserin, die fast erstickt vor Lachen.

Dans Bügeleisendialog.

Volker neues Lied über einen aus der 7b.

Bohni über "Brustwahrscheinlichkeit" in Filmen. Fachsimpeleien auf celebrity naked Data Base: www.cndb.com

Volker über Café "Prägnant". Dort gibt es Mutterkuchen und Kaiserschnitzel.

Dan singt einen Tango, Hommage an Clärchens Ballhaus, wo er nie war.

Vor eins zu mir, noch verschneit. Im Radio Elektroklänge von Edgar Froese. Eigenartige Zunft, diese Elektrokomponisten.

28.1., Fr, Berlin, Seelower, nachmittags, Schnee, bedeckt

Im Bett halbe Stunde beklemmendes Kopfkino. Immer wieder Bulgarienbilder.

Kaminer spricht in der "Welt" mit Russen, die in der DDR gedient haben. Weil sie bei der Einberufung zum internationalen Flughafen gebracht wurden, dachten sie, es ginge nach Afghanistan. Dann Erleichterung, als sie in der DDR landeten. "In jedem Haus waren Lampen in die Fenster gestellt. Ich dachte, die Deutschen tun das, damit ihr Schatten auf den Gardinen nicht zu sehen ist, wenn sie in der Wohnung irgendwas machen. In Wirklichkeit war es aber wegen Weihnachten."

Verhökern Benzin an die Bevölkerung. Als der Dolmetscher ihrer Gruppe entlassen wird, zerren sie einen neuen aus dem Bett: "Du warst doch Student?" In zwei Wochen muß er Deutsch pauken. "Ich sollte den Benzinpreis erhöhen. Der aktuelle Preis war vier Mark für zehn Liter. Zuerst schickten sie mich zum Bier kaufen. Ich sagte zur Verkäuferin 'drei Bier', und sie sagte 'vierfuffzisch'. Dann kam dieser Reiner, ich sagte zu ihm 'vierfuffzisch'. Er antwortete irgendetwas, ich bestand aber hartnäckig auf 'vierfuffzisch'. Dann hat er mir noch irgendwas erzählt, sich mit dem Finger an die Stirn geklopft und schließlich das Geld herausgerückt."

Ein ganz eigenes Erfahrungsfeld, bis jetzt noch völlig unbeleuchtet, die Perspektive der russischen Wehrdienstleistenden auf die DDR (oder sogar den die Warschauer-Vertrag-Staaten). Das wäre ein herrliches Thema für ein Buch: NVA-Erfahrungen mit Russen den russischen Erfahrungen gegenübergestellt. Aber, ob es jemand machen würde? Vielleicht mal ihm vorschlagen.

Doku: "Ich habe nie Heil Hitler gesagt" (1990)

Film über Gertrud Keen. 12 Jahre hat sie nicht Heil Hitler gesagt

RGO, Rote Gewerkschaftsopposition

"Gefühlsmäßig" die SU geliebt.

Oktober '34 fragt sie einen Mann nach dem Grab von Rosa Luxemburg. Der legt ihr die Hand auf die Schulter "Du bist verhaftet". Solche, wie sie, nannte man "Blumenmädchen".

14 Tage am Alex in Zelle mit Eva Mamlock (die Freundin von Pieter Siemsen aus meinem ersten Nachruf!). Die muß sie für einen Spitzel gehalten haben, kaum etwas gesagt.

Kommt ins KZ Morungen (Moringen?). Dort springen alle auf und grüßen mit Heil Hitler, weil sie so deutsch aussah.

Jugendschutzlager, heute LKH, vor '33 Arbeitshaus für Bettler und Prostituierte.

Bruder Willy Seisler, Jugendboxmeister, schreibt an Reichssportführer.

Eine Ina Ender (Lautenschläger), Fotomodell im Salon "Annemarie Heise", wo sich die Frauen der Nazigrößen einkleiden, Eva Braun. Bestellen schon im Sommer '41 Wintersachen. Daraus schlossen sie auf die Stoßrichtung Moskau.

Bombenangriffe. Männer auf Heimaturlaub müssen mit in den Luftschutzkeller "Wenn wir bloß schon zurück könnten, dit is ja schlimmer als an der Front!"

Unterkunft in einer Laube in Blankenfelde. Zu Hause gesucht, "wegen Äußerungen". Die Frau, die sie denunziert hat, sitzt nach dem Krieg in ihrer Wohnung. Sie will da nicht mehr hin, aus Ekel.

1 1/2 Jahre abends 6h in Kneipe abgewaschen, um die Kinder zu ernähren.

"Alles roger in Kambodscha"

"Schankedön"

Gesundheit: Kaffee entwässere nun doch nicht.

Doku: "Hollywood und der Holocaust"

Es sei "die am schwersten zu verfilmende Geschichte", weil sie von Erfahrungen handelt, die nur die Überlebenden kennen können. Das ist allerdings eine Grundsatzfrage jedes Mimesis-Versuchs. Jede Erfahrung ist doch im Kern individuell. Nur daß über manche Übereinkunft herscht, weil man sie für vergleichbar hält und kommunizieren kann. Daß Filme Erfahrungen nicht ersetzen können, fällt nur dort auf, wo die implizite Behauptung, es zu tun, pietätlos wirkt.

Die nächste Stufe der Aufklärung wäre es, den Menschen keine Filme zu zeigen, sondern von der Filmindustrie Träume produzieren zu lassen, die den Zuschauern injiziert werden. So daß sie nachts im Traum Erfahrungen durchleben, die sie am Tag nicht machen mußten. So wird die Erfahrung des Kriegs tradiert, ohne daß die Menschheit Kriege führen muß. Katharsis. Eigentlich sollten Dramen und Filme die Suggestionskraft von Träumen haben.

Der "German Bund" in Amerika, 20000 Hitleranhänger.

Lange gab es keine Anti-Nazi-Filme, weil ein naives Deutschlandbild vorherrschte. Nazis unterschätzt, bzw. geschont, zugunsten der amerikanischen Politik des Isolationismus. Außerdem stand Hollywood unter antisemitischem Druck. "Der große Diktator" von Chaplin selbst produziert.

Gruslig wirkt eine Fernsehshow aus den 50ern. Ein Wiedersehen-macht-Freude-Format, in dem in dieser Ausgabe eine junge Holocaust-Überlebende zu Gast ist, die mit ihren Verwandten überrascht wird.

Bei der Bewerbung für ein "Max-Kade-Stipendium" schreibe ich aus Versehen "Max Made". Zum Glück vorher noch einmal überflogen.

29.1., Sa

Im Puppentheater "Die drei Schweinchen". Die Kinder sind überhaupt nicht solidarisch. Der Wolf sagt: "Das ist eine schöne Hütte." Ein Kind ruft: "Da ist das Schweinchen drin!"

"Was findet das Schweinchen im Wald zum essen?" "Kuchen!"

Immer wieder ruft ein Junge: "Das ist gefährlich!"

Im schönen Karlshorst die Minsk-Dias. Versuche ihr, meinen Kunstgeschmack zu erklären. Im Grunde läuft es doch auf die Frage hinaus: Warum gibt es im Westen nach dem Ende der Utopien überhaupt noch Kunst?

30.1., So

Gropius-Bau Stanley-Kubrik-Ausstellung. Ein Mann ärgert sich in kindischer Weise vor allen Leuten über seine Frau: "Kommunizierst du noch mit mir?"

Lange Schlange.

Einer der wenigen, die in ihren Filmen keine untermalende Musik verwendet haben. Immer Originalkompositionen, starker Effekt durch klassische Musik.

Sein Brief an den Produzenten zum Napoleon-Film. Beantwortet die Frage, was für einen Film er denn machen wolle: "Einfach den besten Film aller Zeiten." Die erste Szene sollte Napoleon mit Teddybär zeigen. Die letzte die Mutter mit Napoleons altem Teddybär. Ist das nicht ein bißchen simpel?

Seine Ordnungssysteme. Kompliziert wirkende Schiebetabellen für den Drehplan.

Ganz allein im roten Hal-Raum.

Vitrinen mit Accessoires aus "2001". Uhren, Besteck, alles damals futuristisch gestaltet, und heute wirkt es ganz veraltet. Nichts ist altmodischer als die Zukunft von gestern. Vielleicht sollte man einmal einen Zukunftsfilm machen, in dem in den Wohnungen Biedermeiermöbel stehen.

Dieses Technikgeprotze mit den Kameras.

Das schmerzhafteste die aufgegebenen Projekte: Napoleon, "The Ayran Papers" und "A.I.", aus dem Spielberg dann einen Kinderfilm gemacht hat.

Film: "Gavre Princip ? Himmel unter Steinen"

Deutscher Film von 1990. Ungeheuer öde und zudem noch politisch unausgewogen. Die Österreicher als säbelrasselnde Reiter, die durch friedliche bosnische Volksfeste preschen. Auch immer ein widerliches Motiv, wenn sich der Nationalstolz am unloyalen Balzverhalten der eigenen Frauen entzündet. Unsere Frauen schäkern mit ihnen! Von hier führt doch eine direkte Linie zu den systematischen Vergewaltigungen im Krieg.

Fährt ins "freie Serbien", um zu studieren. Dort als Caféhausrevoluzzer: "Aufklärung bewirkt nichts. Jetzt hilft uns nur noch der Terror." Aber es wird nie gesagt, wofür sie eigentlich kämpfen. Wie sah die Unterdrückung durch die Österreicher denn aus? Daß man ihnen Eisenbahnen und Straßen gebaut hat?

Der neue Kusturica, bei uns kommt er im Juni raus, in Polen läuft er schon jetzt.

31.1., Mo

Holm Sundhaussen: "Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten", im Katalog von "Mythen der Nationen"

Falscher Eindruck, es hätte eine jugoslawische Solidargemeinschaft nie gegeben. Post-factum-Argumentation.

2.Weltkrieg als Sinnstiftung reichte für die Gestaltung der Zukunft nicht aus.

Brüderleichkeit, Einheit "mythopoetische Ideologeme"

Volksbefreiungsarmee, 1944 nach Tito 44%Serben, 30%Kroaten, 10%Slowenen, 4%Montenegriner, 2,5%Muslime

Bei den Opfern die "Mystik der großen Zahl"

60er und 70er Jahre Partisanen-Comic "Mirko und Slavko", in der Kinderbeilage von "Politika"

1978 der Liedermacher Djordje Balasevic singt "Racunajte na nas" "Einige zweifeln an uns, weil wir Platten hören und Rock spielen... Aber in unseren Venen fließt das Blut der Partisanen... Rechnet auf uns."

Die Prvoborci ("Erstkämpfer"), gehörten schon '41 der KPJ an.

SUBNOR "Bund der Vereinigungen der Kämpfer des Volksbefreiungskrieges"

Ab Mitte der 80er "Umkodierung der Vergangenheit", "epistemologische Katastrophe", "Gegenerinnerungen"

Neo-Cetniks. Fellmütze, Vollbart. "Cetnicke Pesme", 1990 ein Sommerhit. Lieder, wie "Eine Quitte mir in der Schublade verfaulte"

Kroatien: rund 3000 antifaschistische Denkmäler in den 90ern beschädigt oder zerstört

Die "sahovnica", das offizielle Wappen in Jugoslawien. Bei Ustasa mit weißem Quadrat am Rand.

NATO-Bombardement und deutsche Vergeltungsmaßnahmen in Kragujevac im Oktober '41 verschmelzen. "Die historische Zeit löste sich auf (wie bei allen Mythen)".

Schindhelm in der TAZ: "Was mich an den 68ern gestört hat: diese Leute haben es nie geschafft, uns als gleichwertige Menschen zu sehen... Ein wirkliches Interesse an Ostdeutschland hat, bis auf wenige Ausnahmen, nur der konservative Teil der Bundesrepublik gehabt." Aber die Fotos von ihm, die einen eitlen Menschen zu zeigen scheinen, relativieren die Aussage.

Titanic schrieb über Lesebühnen: "Logisch, daß der trainierte Vortragsstil genuiner Slammer vermehrt auch auf Lesebühnen Einzug hält." Dabei ist es doch geade umgekehrt, das gute an den Lesebühnen ist doch, daß es hier keinen "trainierten Vortragsstil" gibt, weshalb "genuine Slammer" hier auch nicht gut ankommen.

"Auch so erklärt sich jene, verglichen mit arroganten Siebziger-Jahre-Experimenten geradezu ehrfürchtige Publikumspflege, die zunehmend betrieben wird: Empfangen doch die Autoren vom Auditorium praktisch ihre komplette Versorgung, auch, was ihr Selbstbewußtsein angeht." Auch hier muß man widersprechen. Mein Selbstbewußtsein leidet eher unter den Abenden.

"So daß Lesebühnen als Prototypen funktionierenden unsubventionierten Kunsttreibens gelten können - worauf sie ruhig ein bißchen stolz sein dürfen."

Hier hat er einmal recht.

"Schon deshalb würde ich gern auch echte Helden dort erleben, Autoren also, die nicht bloß unspektakulären Alltag besingen, sondern auch mal dichtend diese Situation überwinden, und zwar glaubwürdig. Eine Liebesgeschichte, ein Drachenkampf, ein gelungener Ölwechsel am Auto, wär' das nichts?"

Was soll man dazu sagen? Was ist Alltag, wenn schon der Ölwechsel keiner ist?

Buch: Mawil "Die Band"

Der Reiz am Gründen einer Band. Nimmt man eine Sängerin rein, oder vergrault man damit die weiblichen Fans?

Wie kauft man eine Gitarre, wenn man noch gar nicht spielen kann? Peinlich vor den altgedienten Bluesern, die diese Geschäfte betreiben.

Ist es wichtiger, wie ein Instrument klingt, oder wie es aussieht?

Der Lehrer korrigiert ihnen ihre englischen Hip-Hop-Texte

Der Vater weiß, daß sie sich früher die Blasen mit Kleber verklebt und weitergespielt haben.

Wenn plötzlich ein Schlagzeuger zur Band stößt, der musikalisch ist, wodurch die Proben sich wegen Problemen mit der Bundreinheit in die Länge ziehen.

Sich die eigenen Songs merken: "War das der harte?"

Daß man im Studio plötzlich einzeln spielen muß.

Am Ende steht, was jeder jetzt macht, 5 Jahre später. "Thomas is letztens Vater geworden" dazu sieht man ein Schlagzeug, das im Keller verstaubt.

Vielen Menschen würde man lieber als Comic-Figur begegnen.

Eklige Fish und Chips bei Nordsee. Ich frage noch, ob das warm ist, und natürlich ist es kalt.

 
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