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Chronik
Monday, April 11, 2005
  2.2., Mi
In Nordkorea würden Langehaarige verfolgt, weil lange Haare die Gehirnaktivität behindern, indem sie den Nerven Sauerstoff entziehen.

Die amerikanische Botschaft in Mitte, jetzt hinter Betonblöcken. Auf diesem Weg könnten könnte keine Ossis mehr flüchten.

Uni-Mediothek. Eigenartiges Gefühl, daß es mit der Uni einfach weitergeht, wenn man nicht mehr da ist. Als würde man seine Heimat besuchen, und in der Wohnung leben statt der Familie fremde Menschen.

Film: "Müde Weggefährten" (R.: Zoran Solomun, '96)
Episodenfilm über Emigration im Bosnienkrieg.
- Menschen in einem Eisenbahnabteil, warten ängstlich an der Grenze. Eine bosnische Frau nach 20 Jahren Arbeit in deutscher Schuhfabrik, zeigt jungen Klebstoffschnüfflern ihre Ekzeme am Arm.
Die alten bosnischen Pässe seien nicht mehr gültig, erfahren sie.
- Menschen, die von einem Schlepper im LKW nach Deutschland gefahren werden. Fragen ihn: "Bist du Serbe?"
"Meine Nationalität ist Deutschmark,"
Der Vater trichtert seinem Sohn ein, so zu tun, als sei er deutscher. Aber wie tut man so? Heben die deutschen die Äpfel auf, wenn ihnen die Tüte runtergefallen ist?
Trifft eine Kroatin aus seiner Klasse, die schon lange in Deutschland lebt. Sie sagt: Der Krieg hat gute Seiten. Die Bosnier hatten keine Kultur und Hygiene. Der Krieg ist für sie eine Schocktherapie.
- Zwei Männer sprechen in der Redaktion einer deutschen Zeitung vor. Eine Dolmetscherin wird geholt, sie sagen: "Eine von uns" Sie: "Was heißt eine von uns?"
Der alte Mann will sich nicht beklagen: "Hier geht es uns gut. Chwala Genscher."
Er bietet seine Geschichte an, er war in einem Lager. Aber der junge Redakteur sagt, daß sie schon vor 2 Wochen ein Interview dazu veröffentlicht haben. "Das Thema ist durch"
"Es gibt noch viel schlimmere Sachen."
Sie werden weggeschickt und frageb, ob sie "jemand älteren" sprechen können.
- Im Flüchtlingsheim in Berlin hält ein ehemaliger Gastarbeiter Apelle ab, um seinen neuangekommenen Landsleuten Ordnung beizubringen: "Wegen solchen wie euch habe ich das Land verlassen."
Der Alte mit der Lagergeschichte erhängt sich.
- Ein junger Mann taucht in einem serbischen Gemeindezentrum in Berlin auf. Er sei kein Nationalist. Aber der Kirchendiener belehrt ihn: "Ihr habt da unten alle studiert, während wir hier gearbeitet haben. 30 Jahre schuften. Im Urlaub unten gemäht und das nächste Stockwerk gebaut. 3 Stockwerke und jetzt? Von den Ustaschen angezündet. Ihr wollt keine Nationalisten sein, ihr seid am gefährlichsten."
Spruch: "Wenn alles Lüge ist, Hauptsache das Schießpulver ist trocken."
"Wozu hat uns Tito Pässe gegeben? Hätte er doch gesagt: hiergeblieben!"
- In der letzten Episode arbeitet der Menschenschmuggler vom Anfang in inzwischen ganz legal für ein Begräbnisunternehmen, das die Toten aus dem deutschen Exil zurück in die Heimat fährt, wo sie begraben werden wollen.

Film: "Tito I ja" ("Tito und ich"), (R.: Goran Markovic, Jugoslawien '92)
Coming-of-age-Story. Der kleine, dicke Junge mit der lauten Familie liebt Tito mehr als Vater und Mutter. Hat Tagträume von Tito. Sein Vater liest ein Buch über Psychoanalyse, um dahinter zu kommen, was seinem Sohn fehlt. Macht mit ihm einen Assoziationstest. Welches Wort ihm bei "Liebe" einfällt ? "Waisenhaus". Schreibt mit Kreide an die Wand: "Zoran liebt Tito."
Er schreibt den besten Aufsatz von allen Belgrader Schulen über Tito. Gewinnt eine Reise in dessen Geburtsort. Seine Eltern schicken ihn mit Tirolerhut und Lederhose los auf den Trip nach Kumrovec. Die Kindergruppe wird von einem überzeugten Kommunisten angeführt. Im Schloß Varazdin jagen sie nachts einen Geist namens "Franjo".

Doku: "Bosnia : The beginning of the end?", BBC '94, 24 Min.
Reporter Jim Fish berichtet. Bosnien sei eine "tinderbox, waiting to explode" gewesen. Das Referendum über die Unabhängigkeit, von den bosnischen Serben boykottiert. Boutros Gali in Sarajevo: "We have a situation, wich is better than 10 other places all over the world. I can give you a list of 10 places, wehre you habe more problems than in Sarajevo."

Doku: "We are all neighbours" (R.: Debbie Christie, GranadaTV, '93, 55 Min.)
Im Januar '93 ist die Anthropologin Tore Bringer wie seit Jahren sehr oft in einem bosnischen Dorf, um zu forschen. Hier leben Muslime und Kroaten. Zwei Nachbarinnen, eine alte Muslimin und eine alte Kroatin führen vor, wie sie sich seit 40 Jahren zum Kaffee besuchen, daran werde sich nie etwas ändern.
Alte muslimische Frauen mit hübschen, bunten Kopftüchern. Beten in der Moschee gemeinsam einen meterlangen Rosenkranz.
Täglich werden Nachrichten gehört, der Krieg rückt näher. Gerüchte. Wo ist man sicher? Wo schickt man die Kinder hin? Alle sind nervös. Plötzlich, praktosch über Nacht, heißt es "Ihr, wir". Muslimische Flüchtlinge kommen mit schrecklichen Geschichten, kroatische Flüchtlinge. Die muslimischen Männern patrouillieren nachts mit ihren Gewehren, die sie noch als jugoslawische Reservisten haben.
Der Ehemann hackt Holz, weil er sonst nichts zu tun hat.
Die alte Kroatin redet nicht mehr mit ihrer muslimischen Freundin.
Die Frauen sitzen abends und singen, um sich abzulenken: "Budila Majka Mehmeda, ustani sine Mehmede, Mehmede?"
Kroatische Soldaten bauen an den Hängen vor dem Dorf Geschütze auf.
Schnitt. 8 Wochen später. Die Anthrolopogin sucht in einem anderen Ort nach dem Ehepaar, das inzwischen vertrieben wurde. Die Filmemacherin kommt sie mit Uno-Schutz besuchen und wird weinend und mit fast hysterischer Freude begrüßt. Was ist ihnen in der Zwischenzeit passiert? Im Dorf sind alle muslimischen Häuser zerstört. Eine Kroatin will darin vor der Kamera kein System sehen.
Nie wieder wollen sie dorthin zurück!

Doku: "Tito po drugi put medju Srbima" ("Tito, ein zweites Mal unter den Serben") (R.: Zelmir Zilnik, Jug. '94, 45 Min., Produktion von Radio B92)
Ein Schauspieler als Tito in weißer Uniform verkleidet, wird vom Blumenhaus, wo sein Grab steht, von einem Chauffeur mit Limousine ins Zentrum von Belgrad gefahren. "Mal sehen, was das Volk denkt." Unterwegs läßt er sich erklären, was in der Zwischenzeit passiert ist.
Das waren doch alle meine Pioniere!
Er will wissen, wer Schuld am Krieg ist.
- "Du bist schuld, weil du gestorben bist."
- "Schuld ist Europa, nicht Serbien."
- "Du hattest Recht bei deiner Rede in Split. Wo du gesagt hast, die harten Zeiten kämen '88-'90"
- "Du bist schuld, wie wir jetzt leben"
- "Martin spegelj ist schuld"
- die Verräter, die nach dir kamen.
- Hättest du Milosevic zum Staatschef gemacht, wäre Jugoslawien nicht zerfallen.
Aber die Trauer um ihn war echt.
Er versucht, an einem Souvenirstand mit Devotionalien für sein Mütze einen roten Stern zu bekommen. Sie haben aber nur das Symbol der serbischen Garde ("Ich kann kein kyrillisch lesen")
Trifft auf eine pro-russische Demo von Rentnern. Nato mit Ku-Klux-Klan-Kappe.
- Manche sagen, Sie wurden im Vatikan begraben und hätten deshalb zuletzt den Papst besucht. Außerdem waren sie Freimaurer. Warum ist kein roter Stern auf dem Grabstein?

Doku: "Darko and Vesna" (R.: Emmanuel Jespers, '97, 44 Min.)
Ein Ehepaar aus Sarajevo. Die Frau ist Anfang '92 mit den Kindern geflohen, in einer langen Autokolonne. Sie sind auf die Insel Brac gekommen und haben jahrelang auf den vater gewartet. In der schlimmsten Zeit zahlte man 10000 Mark, um rauszukommen. Der Mann durfte erst 2 Jahre später raus. Inzwischen haben sie sich total entfremdet. Er ist griesgrämig und macht ihr Vorwürfe. Sie hätte ihn damals mit Essen begrüßt, aber Essen war im doch egal. Viel schlimmer war, was sie gelitten haben. Das könne sie sich nicht vorstellen. Aber wir haben doch auch gelitten, sagt sie, und das kannst du dir nicht vostellen.
Dezember '95 sind sie nach Perth in Australien weggegangen.

Doku: "Crvene gumene Cizme" ("Rote Gummistiefel")
Die mühsame Suche nach Massengräbern. Zum Teil sind sie vermint. Spezialisten seilen sich in tiefe Karsthöhlen ab, um die Knochen zu bergen. Eine Frau sucht seit Jahren nach ihren beiden Kindern. Sie hat aber ungeheure Angst, sie tatsächlich tot zu finden, aber sie findet vorher keine Ruhe..

Teresa taucht mit spanischer Freundin auf. Die sucht Lehrfilme über Business-Deutsch und findet absurdes DDR-Lehrmaterial.

Am Ausgang eine Anzeige: "Spanisher Jung sucht Partnerin, interessiert am Sprechen. Die, die interessiert sind, bitte melden sie an:?"

Bei Saturn von einem Drucker träumen. Statt dessen eine billige Orangenpresse gekauft.
Zu Hause lange auf einer Kusturica-Site. 50 Seiten Interviews mit ihm ausgedruckt.

Die Sandkrümel in den Stullen stammten in Wirklichkeit aus der Plombe oben rechts.

Um Mitternacht noch an einer ersten Version von Keen-Nachruf.

3.2., Do
Taz klopft mich fest, über drei Abende bei diesem DDR-Projekt am Gorki zu schreiben.

Thomas Brasch "Materialien" geschickt gekriegt.
Im abgedruckten Tagebuch erfährt man, daß er mehr gesehen hat, als jeder heute lebende Nachwuchsautor. Nach dem Gefängnis zur Bewährung die Knochenmühle Schichtarbeit. Die Legende vom Faulenzerparadies DDR, zumindest für die späten 60er darf sie revidiert werden. Im Gegenteil, wo es drüben Gewerkschaften gab, hier wurde die Arbeiterklasse von ihrer Führung kolonisiert. Für viele Schüler war in den 80ern der Unterricht in der Produktion eine Lehrstunde in der Aussichtslosigkeit der DDR. Was man im Kabelwerk Oberspree, oder im VEB Elektrokeramik, oder bei VEB Elektrokohle, oder beim Milchhof, oder beim Tiefbau sah, war Ruß, verrostende Fässer mit Bohrmilch, gestrandete Asoziale, die Gewinde frästen oder Schrauben sortierten. In der Pause gab es Zitronentee aus dem verbeulten Topf.
Erlebt die Misere der Arbeiter im Sozialismus, ohne allerdings den naheliegenden Schluß offen auszusprechen, daß hier die Arbeiter vom eigenen Staat kolonisiert werden.
Im Werk trifft er auf Biographien, die direkt in die Nazizeit führen. Auch den Werktätigenhumor. Die Liebesgeschichten, das obsessive Fremdgehen, das Saufen nach der Arbeit. Und zwischen Schicht und Schicht bleibt kaum Zeit zum Schlaf. Wozu für diese Menschen Kunst? Arbeit macht dumm und krank, wenn man nur noch schlafen und essen kann.
Beweis dafür, wie wichtig Tagebücher sind. Für mich sogar sein stärkster, auf jeden Fall für mich brauchbarster Text.
Sein Vater, der ihm in die Kadettenanstalt einen gestelzten Brief schreibt, mit einem kurzen Abriß von Gorkis Lebenslauf, weil der Sohn Autor werden will. Die Väter, die den Faschismus besiegt hatten, verlangten Gehorsam und verstanden keine Neuerungen. Für sie war alles ein Stellvertreterkrieg, es ging um Jeans und die Stones, aber sie witterten den Umsturz. Wagenburgmentalität. In Braschs Fall noch härter, weil die Eltern sich als emigrierte Juden der DDR verpflichtet fühlten. Das Bild vom Begräbnis des Vaters 1989. Der abtrünnige Autor in der ersten Reihe neben Armeegeneral und Parteispitze. Wie muß es da in ihm gekocht haben.
Vielleicht kann man sich von so einer Dramatik nicht verabschieden in den Alltag nach der Wiedervereinigung.

Zahnarzt, sie bessert die Plombe mit einer Gummimasse, soll 4-5 Jahre halten.

Sahara-Imbiß. In Geo (Dez.'04) Sonderteil "Vertreibung". Die Trecks. Morgens wurden BdM-Mädchen geschickt, "die Puppen" einzusammeln, erfrorene Babys am Wegrand. Mütter warfen ihre Kinder ins Wasser, in der Hoffnung, die Matrosen würden sie nicht ertrinken lassen und mit ins Boot nehmen. Die Leichen der Erfrorenen dienten als Wegmarkierungen im Schnee. 1950 waren in der DDR ¼ der Bevölkerung Vertriebene.

M-Bar. Sie gibt mir übergeschwappten Kaffee. Muß im hinteren Raum sitzen. Wie schwer es ist, elegant aus einer Kaffeetasse zu trinken. Alle, die aufs Klo gehen, kommen an einem vorbei, jedesmal guckt man zwanghaft hoch.

Zu Mawil: Comic sowohl der Literatur, als auch dem Film überlegen. Nicht umsonst gibt es keine befriedigende Comic-Verfilmung, was nur den wundert, der das Genre Comic unterschätzt. Daß es keine befriedigende Literaturverfilmung gibt, ist dagegen für Literaturfreunde selbstverständlich.

Ausgekoppelt: Mawil "Die Band"

Chaussee: "Das war der Januar" kommt großartig an. Mawil schon schwieriger. Es ist einfach kein Kompromiß zu finden zwischen dem analytischen Ton und der Lesebühne.

4.2., Fr
Laufen, relativ locker, nicht mehr so kalt. Trotzdem seit 1-2 Wochen durch nichts zu erklärende Gewichtszunahme.

Mawil-Kritik für Taz ausarbeiten. Keen-Nachruf für Tagesspiegel.

Anruf beim Steuerberater, ein vergessener Reisebeleg, Fax reicht, schnell abschicken. Den Kollegen beruhigen, nein ich bin nicht beleidigt, daß er mich nicht eingeladen hat. Eine alte Bekannte, ob die Mail noch geht? Schnell im Internet gucken, wie sich "Rote Gewerkschaftsopposition" schreibt für diesen Nachruf auf eine Berliner Kommunistin. Mail an den Bekannten, weil ich seinen Leserbrief in der Zeitung entdeckt habe. Text an die Tochter der Kommunistin schicken. Kurz darauf die Antwort mit Korrekturwünschen, alles eingeben, an die Zeitung schicken. Beim Verlag anrufen, Belegexemplare für diesen Comiczeichner, dessen Buch mich begeistert hat. Beim Verlag am Telefon freundlich klingen, nicht beleidigt sein über die schlechten Umsätze. Der Comiczeichner hat geantwortet, also Homepage aktualisieren, die Auftrittstermine. Mein Gott, wollte ich im April nicht was ernsthaftes machen? Warum hat mich eigentlich keiner zur Buchmesse eingeladen? Andererseits ein Glück, sonst müßte ich da auch noch hin. Uni-Sport anmelden, zweimal die Woche Fußball, hoffentlich machen die Gelenke das mit. Bei der Gelegenheit gleich auch für den Halbmarathon anmelden. Mal bei Amazon nach dem Lied von "Bright eyes" gucken, das gestern nacht im Fernsehen lief. Noch nie von der Band gehört. Was, schon drei Platten? Aber öffnen läßt es sich nicht, da muß ich den Media Player neu runterladen. Vielleicht auch gleich die letzten Windows-Sicherheitspatches? Mein Bruder schickt 20 Seiten über Debussy, auf französisch, ob ich die möglichst schnell für einen Kumpel von ihm übersetzen könnte? Schnell noch für die Comickritik gucken, ob es "Gitarrenhändler ihr seid Schweine", oder "Gitarrenverkäufer, ihr seid Schweine" heißt, wäre doch peinlich, an der Stelle zu patzen. Gut, daß man alles vom Schreibtisch aus erledigen kann. Direkt schade, daß man zum Wäsche aufhängen noch aufstehen muß.

Mutti: die zweite Frau vom Kaiser war in Frankfurt/Oder bei den Russen unter Arrest. Papa hätte sie mal gesehen. Eine Frau Topf, die noch lebt, hat sie bedient. Daran richtet man sich nun sein Leben lang auf, daß man mal wen bedient hat.

Sarajevo. Immer wieder im Internet Recherchen. Izetbegovics "Islamic declaration" von 1970, 80 maschinengetippte Seiten. Die Haggadah. Jugoslawische sozialistische Architektur. Der Genex-Turm in Belgrad, die Firma war anscheinend kräftig in Waffengeschäfte verwickelt, hat aber nichts mit dem Genex-Versanddienst aus der DDR zu tun.
Der Genex-Turm, 115 Meter, 1980 von Mihajlo Mitrovic gebaut. "Brutalismus" heißt der Stil. Früher stand vertikal "Yugotourist" dran. Eigentlich hieß es "Western city gate", weil es der Eingang in die Stadt war. Und tatsächlich gibt (gab?) es ein Rotierendes Restaurant in der Plattform ganz oben.
Hotel Moskau, 1907
Federal ministry of defense, 1963. Damals ein umstrittener Bau von Nikola Dobrovic.
Museum of Modern Art, 1965.
In Sarajevo die UNIS-Towers von 1987. (Von Ivan Straus, wie auch das Holidy Inn)
Zum Korridor 5c (der geplanten Autobahnstrecke durch Bosnien): 1997 auf der "3. Pan-Europäischen Transportkonferenz" in Helsinki. 10 Korridore durch Osteuropa festgelegt.
Stecci /stecak hießen die alten muslimischen (nicht bogumilischen?) Grabsteine. 60000 davon in Bosnien.
Der Tunnel in Sarahevo 1888 von den Österreichern gebaut.
Dann stürzt der Rechner ab, und ich kann die letzten 10 Seiten nochmal korrigieren.

Film: Noch einmal teilweise "Shawshank redemption". Doch ein gelungener Gefängnisfilm, die Gesichter ein bißchen echter als üblich. Dabei nichts als das Monte-Christo-Motiv, die späte, aber dafür umso umfassendere Rache. Geduld und Köpfchen gegen Gewalt. Starke Rührung, aus unbekannten Gründen.
Nichts zu Essen im Haus, knabbere Honig-Pops, weil keine Milch da ist.

Im Internet Taz von morgen, nun endlich, Monate nach der Abgabe, mit dem Zeitungstext. In der Kurzbiographie erwähnen sie wieder reihenweise Städte und Studien, dabei hatte ich es ihnen ausdrücklich untersagt.

Im Bett die 80 Seiten Kusturica-Interviews aus dem Internet angefangen.

5.2., Sa, Seelower, vormittags, Sonne
Ha spielt mit meinen Milchzähnen. In der Kälte endlich einmal zum Kinderbauernhof. Man soll nichts füttern, wegen Koliken.

Zu halb acht ins Gorki-Studio Franz Fühmann "Im Berg".

6.2., So
Fühmann an Taz.
Ausgekoppelt: "Franz Fühmann ? Im Berg"

"Du bist mir ein Buch mit sieben Seiten."

Zu Hause intensiv Sarajevo. Jetzt immer mit Internet, um alles zu vertiefen und Spuren nachzugehen. Dabei stößt man dann auf immer mehr Material. Eine Seite mit Aufnahmen von Tito-Reden und Fotos. Endlose Bibliographie seiner Fernsehauftritte. Foto von zwei Fußballern, die bei der Nachricht von seinem Tod weinend auf dem Rasen zusammenbrechen.

Schecks Literatursendung. Man kann ihn polarisierend nennen, oder einfach unsympathisch. Die Arroganz des Bildungsbürgers, der sein lebenslanges Außenseitertum kompensiert. Kempowski sympathisch, schöner mecklenburgischer Akzent. Hatte einen Schlaganfall nach 20 Jahren lesen fremden Leids.

Schmeling hätte sich im Nachkriegsdeutschland mit Coca-Cola vom Naziverdacht reingewaschen.

Überarbeitet, kalte Füße. Angst vor Schlaganfällen.

7.2., Mo
Doku über Rekrutinnen bei der Bundeswehr. Beschweren sich, wenn sie "wie Kinder behandelt werden". Alleine schon die Erwartung, es bei den Vorgesetzten mit Vernunftwesen zu tun zu haben, wäre bei uns nie aufgekommen. Es war doch Sinn der Sache, sich als Soldat einem sinnlosen Regime zu unterwerfen.

Doku: "James Nachtwey ? Kriegsfotograf" (R.: Christian Frei)
Seine bewußte Entscheidung, in diesem Beruf Karriere zu machen, mit dem klar formulierten Programm, die Welt aufzurütteln. Seit 20 Jahren Elend und Gewalt gesehen, so nah wie keiner.
Sterben würden die, die das erste mal dabei sind, und alte Hasen, die sich für "bullet proof" halten.
Die komplizierte Arbeit an der Perfektion. Beim Belichten für die Ausstellung wird mit Hand abgewedelt. Ein halbes dutzend Abzüge müssen gemacht werden, bis er zufrieden ist.
Wenn sich der Ehrgeiz über den Respekt für die Menschen stellt, hätte man seine Seele verkauft.
Viele wären so gepolt, würden sich Grausamkeiten wünschen, um sie knipsen zu können. Weil ein Naturgesetz sagt, daß immer das grausamste Material genommen wird.
Den Widerspruch zwischen ästhetischer Beurteilung der Bilder und Dargestelltem nicht aufgelöst. Daß Bilder das gezeigte immer verschönern.
Die Einsamkeit, weil man seine Erfahrungen nicht mehr teilen kann, nicht mal mit Kollegen. Das Beschriften der Filme abends im Hotel. Reinigung der Fotoapparate, es sieht aus, wie beim Gewehr reinigen. Morgens das Anlegen der Ausrüstung.

Tom Astor: "Die Tastatur liegt einsam dort, weil Father in der Mother bohrt."

8.2., Di, Seelower, vormittags, Sonne
Im Haliflor mit großer Lust Jovan Divjak "Sarajevo, mon amour" angefangen.
Mitreißendes Interviewbuch, bisher nur auf französisch erschienen. Unmenge von Details über die Zeit der Belagerung.

Film: "Sideways", Kulturbrauerei.
Mandel-Magnum und Popcorn gegen den Heißhunger. Danach etwas Übelkeit, auch weil sie den ganzen Film über Wein saufen. Angenehme Buddy-Komödie mit freundlicher Verzweiflung. Der Schürzenjäger und der zurückhaltende Weinkenner und Schriftsteller. Immerhin schafft es Hollywood im Rahmen seiner Zwänge, immer mal solche Filme zu machen. Da reizen die deutschen Filmemacher den Spielraum, den sie bei uns doch eigentlich haben müßten, viel weniger aus.

Zu Hause total erschöpft.

9.2., Mi
Gesetz von der Erhaltung des Schreiens. Schreit das Kind nicht jetzt, schreit sie es nachher umso mehr.

Um 2 am Zoo zur Saunawelt am Europacenter. Der türkische Bademeister schimpft, weil Plastesandalen auf der obersten Stufe krebserregende Dämpfe absondern. Sitze beim Aufguß zufällig oben und murmeln, als ich runtersteige, vielleicht bringt es ja Unglück?

Michelle beichtet bei Kerner ihren Selbstmordversuch. Und das trotz ihrer Kinder! Die Sendung scheint zu einer Art säkularem Beichtstuhl zu werden.

10.2., Do
Sarajevo. Aleksandar Zograf, ein Belgrader Comicautor, veröffentlicht seine Sachen auf italienisch auf einem italienischen Balkan-Portal. Meistens geht es in den Strips um alte Texte und Dokumente, die er aufgestöbert hat, und aus denen er ausführlich zitiert.
Nach dem täglichen Pensum immer ganz aufgekratzt und mit dem Gefühl, niemand auf der Welt würde so hart arbeiten, wie ich.

"Gitarre" und "Bekloppt" überarbeitet. In meinen Augen entsteht durch die Überarbeitung etwas ganz neues, obwohl die anderen den Unterschied kaum bemerken.

Bei S. selbstgemachte Käsespätzle und Wein. So ein Besuch entspannender als ein Saunagang.
Eine Wand nur mit CDs. Ob er die alle gehört habe.
A. fragt, wann ich meine letzte intensive Empfindung gehabt hätte, und mir fällt nichts ein!
Eine Art Brot-Nußkuchen für die anderen eingepacken lassen. Aber dann vergesse ich ihn im RAW auszupacken.

Eilig zur Chaussee, am Leninplatz vorbei.
Robert: "Es führt nur ein Weg zur Lunge, und der muß geteert werden."
Magen sauer, zittrig, die blöde Prellung vom Fußball macht mich nervös. Starkes Frieren.
Bartz macht Aal-Werbung. Antisemitische Fischpolitik in Ostpreußen und Polen, "Juden raus, Aal rein". Werden Fotos von deutschen Fischläden zeigen. Die antigermanischen Karpfenzüchter.
Bohni: Skispringen: "In den 30er Jahren hob man beim Springen den rechten Arm zum Hitlergruß."

Dionysos: "My name is John McEnroe, do you know my poetry? It will be written with blood, with the blood of the bad referee."

11.2., Fr
Kann nicht laufen wegen Schambeinprellung vom Fußball.

Film: "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" (R.: Philip Kaufman), in vier Tagen häppchenweise zuende gesehen.
Das Buch damals ja weggelegt. Zwar klug und ironisch, aber nicht lebenswichtig. Außerdem wirkt die Verschränkung von Liebesgeschichte und großer Geschichte immer etwas plakativ. Arzt und Frauenheld wird von Unschuld vom Lande erobert. Prager Frühling, Aufruhr in den Augen, der Geheimdienst identifiziert anschließend Demonstranten anhand ihrer Fotos, die im Westen erschienen sind. Das König-Ödipus-Motiv, das gute wollend, sich schuldig machen. Sie gehen nach Genf. Entfremdung im Westen. Dort demonstriert man aus Weltanschauung, im Osten mußte man. Im Restaurant verlangt die Tschechin, daß die Dudelmusik ausgestellt wird. Die Plasteblumen. Hier schon unsere Ernüchterung nach der Wende beschrieben.
Die Illustrierten wollen ihre Fotos von Prag nicht mehr, das Thema ist durch. "Die Russen in Prag, das haben wir schon gesehen." Sie soll nackte Frauen knipsen, oder Kakteen.
Nachdem ich ganz gerührt war, Prag wiederzusehen, lese ich, daß der Film in Lyon gedreht wurde. Vom selben Regisseur stammt auch dieses langweilige Astronautenepos von neulich.
Er folgt ihr zurück nach Prag. Ein kleiner Artikel über König Ödipus aus der Revolutionszeit wird für ihn zum Verhängnis. Aber er bleibt hart, läßt sich nicht kaufen, gibt die Arbeit als Arzt auf und zieht mit ihr aufs Land, um Gemüse anzubauen. Die andere Geliebte ist inzwischen in Amerika.
Am Ende sind sie glücklich, aber tot.

20:00 zum Gorki-Studio. Anna Thalbach liest aus "Vor den Vätern sterben die Söhne".
Nur 35 Leute da. Sie liest ohne Unterbrechung 1h35Min. und dann noch mal 10 Minuten als Zugabe, obwohl keiner danach verlangt hat. Genau die Stimme der Mutter. Wie schwer es ist, sich auf Lesungen zu konzentrieren.
Gute Konfrontationen im Text. Der junge Mann, der vor hat aus dem Land abzuhauen, wird am letzten Tag von einem vermeintlichen Spanienkämpfer in die Wohnung gelockt. Sie finden keine Sprache. "Nichts trifft sie mehr, als wenn wir über unsere eigenen Erfahrungen reden."
Von "Spur der Steine"-Aufführung mit inszenierten Provokationen mit dem Moped an die Ostsee. Dann zum Blueskonzert m Friedrichstadtpalast. Der deutsche Konflikt wirkt auf einmal ganz klein vor diesen Stimmen aus Amerika.
Details, die man jetzt im Fabrik-Tagebuch wiederfindet. Also hat er es doch ausgewertet. Aber wieviel stärker mir das im Tagebuch erscheint. Ist das Blasphemie, so zu denken? Interessant, schon hier die typische Ost-West-Kommunikationsstörung. Der arrogante, Gespräch verweigernde Ossi und der nichtsahnende Wessi. Bestimmt auch ein Muster aus der Ethnologie.
Marsyas-Text, doch nur eine DDR-typische Pflichtübung in Mythenanverwandlung.
Diskussion, was seine Situation war. Wozu schreiben in Deutschland damals? Wo verläuft die Kampflinie? In Wirklichkeit mußte man die DDR wohl linksradikal angreifen, weil die Arbeiter gar nicht an der Macht waren. Keine Gewerkschaften, Ausbeutung von oben, solange noch alle mitgemacht haben. Später schwand dann die Moral.

Gedankenspiel, was ich mit 1 Million machen würde. Viele schwierige Entscheidungen stünden an. Ein Landhaus suchen. Der Familie was abgeben. Was stiften fürs Gewissen. Klingt nach viel Arbeit, also lieber nicht.

- "Aber das schlimme an solchen Frauen ist doch, wenn sie dann den Mund aufmachen und was sagen."
- "So weit darf man es eben erst gar nicht kommen lassen."

Neuartiges Konzept für eine Talk-Show: prominente Gäste werden geladen, aber nur ich als Gastgeber darf reden, die anderen müssen zuhören.

12.2., Sa
Mit Volker B. Partisanenfilme gucken.
Film: "Sutjeska."
Der Brite: "Sind wir vom Weg abgekommen?"
Tito: "Wir verirren uns doch nicht in unserem eigenen Land."
Der den Walter spielt erinnert mich an einen unserer Professoren. Immer, wenn ich ihn sehe, bekomme ich ein schlechtes Gewissen wegen der ausstehenden Magisterarbeit. Besonders, wenn er mit MG auf mich zurennt.
Danach, filmisch sogar noch besser: "Schlacht an der Neretva", '69. Mit Curdt Jürgens, Hardy Krüger, Yul Brynner, Franco Nero, Orson Welles (als Tschetnik-Abgeordneter der Londoner Exil-Regierung)
Curdt Jürgens: "Endlich mal die Chance, mit diesem ganzen Partisanenzinnober aufzuräumen, meine Herren."
Etwas realistischerer, aber auch langweiligerer Film. Im Grunde wäre das eine Forderung an den Anti-Kriegsfilm: langweilig zu sein.
Tito, mit seinen Leuten von Verfolgern eingekreist, läßt die letzte Brücke an der Neretva sprengen, um einen Rückzug vorzutäuschen. In der Nacht überqueren sie mit allen Verletzten den gefährlichen Fluß.
Eingeschlossen in der Kirche, singen die Partisanen. Oberst Grener (Hardy Krüger) zögert, er fühlt die moralische Unterlegenheit seiner Mission.
Partisanen kühlen die heißen Rohre mit Händen und Schnee.
Einer dreht durch, schießt auf gefangene Tschetniks. Sein Partisanenvorgesetzter: "Wer gibt dir das Recht, auf Gefangene zu schießen?"

Schusterjunge, Hacksteak. Ob es pflanzenfressende Pflanzen gebe. Ihnen fällt die Würgefeige ein.

13.2. So, Seelower, abends
Sarajevo. Internetrecherchen, zum KZ in Belgrad, zu Ante Markovic, dem letzten föderalen Präsidenten. Wieder neue Bücher bestellt. Die Seite vom Osteuropa-Institut der FU. Jeden Lehrbeauftragten möchte man persönlich ausfragen.

Film: "Giganten" (D.: James Dean, Rock Hudson, Liz Taylor. Buch: Edna Ferber.)
Ohne James Dean wäre der Film sicher vergessen. Ein texanischer Rancher angelt sich eine Frau aus dem Norden. Liz Taylor spielt natürlich herrlich die traditionell erzogene, aber sehr neugierige und schon etwas aufmuckende, junge Frau. Er heiratet sie und bringt sie nach Texas, von dem er so geschwärmt hat. Sie ist von der Kargheit seines riesigen Besitzes überrascht, über den das Tumbleweed kullert. Fällt in Ohnmacht, als ihr die Texaner beim Grillen Hirn aus dem Kalbskopf anbieten. Der Kopf werde zum Garen eingegraben.
Sozialkritischer Touch, sie will sich persönlich um die mexikanischen Arbeiter kümmern, was er ihr verbietet. Seine alleinstehende Schwester ist eifersüchtig auf die neue Hausherrin, reitet aus Trotz deren scheues Pferd und kommt dabei um (pychologische Symbolik). Vererbt rätselhafterweise einem Tunichtgut (James Dean) einen wertlosen Flecken Land. Der will ihn nicht verkaufen, sondern sucht nach Öl. Das erste Öl findet er in Liz Taylors Fußstapfen auf seinem Grund (Symbolik). Wird zum reichen Magnaten, aber vom eingesessenen Landadel nie anerkannt. Eigentlich liebt er ja auch Liz Taylor.
Dennis Hopper in einer seiner ersten Rollen.
Im Krieg wird als erstes ein mexikanischer Junge eingezogen, kommt um. Die Armee bestattet ihn in Ehren (stimmt das?) Texaner profitieren durch Steuervergünstigungen vom Krieg.
Am Ende prügelt sich ihr dickköpfiger Mann (Rock Hudson) in einem Diner für das Recht seiner mexikanischen Schwiegertochter, mitzuessen. Versöhnliches Ende, in der Ehe haben beide dazulernen müssen.
Vorsichtiger Sozialkritik, zaghaftes Eintreten für Frauenrechte, ein Epos über den Modernisierungsprozeß in Texas. Aber letztlich seicht.

"Der Name Schmidt hat in dieser Gegend seit langer Zeit einen guten Klang!"

15.2., Di
Auf der Homepage vom Verlag, mein Preis gar nicht erwähnt. Die Termine der Lesereisen der anderen Autoren. Reflex, alles hinzuschmeißen.

Zur AGB, "Bruderkrieg" ist aber ausgeliehen. Unglaublich, heute kann man alles von zu Hause aus übers Internet recherchieren und sich an seine Stadtbezirksbibliothek schicken lassen. Was sind wir damals rumgerannt. AGB, eine der frühen Westberliner Erfahrungen. Immer übermüdet. Auch jetzt zwischen den Regalen sofort wieder so eine existenzielle Müdigkeit.

Bin ich denn noch wegzudenken aus Deutschland?

Mutti: Tadeusz, polnischer Freund ihres polnischen Mädchens in Ostpreußen: "Wenn die Russen kommen, bringen sie uns alle um."

Doku über Amerikas Außenpolitik. Bush: "Our cause is just, and no matter, how long it takes, wie will fight the enemy of peace."
Eisenhower warnt in Abschiedsrede vor dem "militärisch-industriellen Komplex". Der Begriff soll von ihm stammen.
Heute hat die Army 60000 angestellte, private Mitarbeiter zum Kartoffeln schälen und Wäsche waschen, das machen sie alles nicht mehr selbst.

Duve: "Schriftsteller sein ist ein Symptom."

16.2., Mi
Buch: Peter Zilahy: "Die letzte Fenstergiraffe"
Übermalung einer ungarischen Kinderfibel. Das Alphabet gibt die Struktur vor, in die Impressionen von einer Belgrad-Reise zur Zeit der Anti-Milosevic-Demonstrationen von '96, Fotos, Erinnerungen an die Kindheit im kommunistischen Ungarn, Anekdoten aus der ungarischen Geschichte eingegliedert werden. Alles sehr locker und letztlich nichtssagend. Der Autor wird als ungarischer Andy Warhol bezeichnet.
Der erste Farbfernseher in seiner Kindheit, nur die deutschen Spieler blieben schwarz-weiß.
Kitsch: "Belgrader Gesichter sind leicht entflammbar, leicht gehen sie eine Reaktion ein."
Milosevic sagt ausländischen Journalisten, es seien Karadzics Leute, die auf den Straßen randalieren würden.
Eine alte ungarische Kampftechnik: während der vorgetäuschten Flucht schoß man nach hinten Pfeile ab.
Angeblich hat Stalin 1917 die Bahnlinie überfallen und ausgeraubt, die Tito als Kriegsgefangener gebaut hatte.
Studentinnen, die die Polizisten zum Tanz auffordern.
Ein Polizist flüstert ihnen zu, sie sollten ja nicht aufgeben.
Bei Studentenstreik verlangt der Rektor, er werde sie rausschmeißen, wenn sie sich nicht sofort wieder an die Tische setzen, statt auf die Straße zu gehen. Am nächsten Tag tragen die Studenten die Tische auf die Straße.
Leichenzug für die Zeitung "Politika", die von Milosevic umgekrempelt wurde.
"Nicht reden, pfeifen, solange kommt wenigstens nicht heraus, daß jeder was anderes denkt."
Schönheitswettbewerb am Kordon. Preis für "Mr.Police".
Über Radio werden alle Slobodan Milosevics und Mira Markovics zum Kordon gebeten. Sie sagen den Polizisten, sie können nach Hause gehen.
Mira sagt, sie würden bis aufs Blut kämpfen. An der Uni wird eine Blutspende veranstaltet.

"Kurva", auch auf ungarisch Hure.

Nach Belgrader Meldungen wurden im Zoo von Sarajevo die Löwen mit serbischen Kindern gefüttert.
Auf die Frage, woher die Serben denn ihr Benzin hätten, gestand Karadzic, sie wären in einer Höhle auf deutsche Vorrtäte gestoßen. (diese Phantasie beim Lügen)
"Geschichte ist das Opium Osteuropas"

Yugo, präkolumbianisches Ballspiel. Der Ball symbolisiert die Sonne und darf die Erde nicht berühren. Der Kapitän der Verlierer wird geköpft.

Buch: Mawil: "Wir können ja Freunde bleiben"
Als hätte man es selbst geschrieben, so vertraut ist einem alles. Sinn für die radikale Pointe. Er schlägt sich eine Seite lang gegen die Stirn, weil er eine Chance bei einem Mädchen vermasselt hat. Sagt immer "Verdammt!" Auch beim Diavortrag in der Schule ist er mit den Gedanken bei dem Mädchen: "Und so zerfiel das Römische Reich." "Verdammt!!"

Buch: Anthony Storr "Freud"
Täglich kam ein Friseur.
Mit 67 Gaumenkrebs, über 30 Operationen
Zwangsneurotiker: Selbstdisziplin, die zur völligen Gehemmtheit und zum Verlust jeglicher Spontaneität führen kann
Schätzte Musik gering. Das Klavier seiner Schwester wurde entfernt, weil ihn der Übungslärm störte.
Die lange Liste seiner Mitarbeiter und Schüler, die sich von ihm lossagten, Adler, Jung, Rank.
"Exzessive Verallgemeinerung ist eine Versuchung aller schöpferischen Denker".
Konversionshysterie, Symptom drückt Gefühle in symbolischer Gestalt aus. Würgen in der Kehle als Ausdruck für die Unfähigkeit, eine Verletzung zu schlucken.
Das Nirwana-Prinzip, Zustand der Ruhe bei völliger Abfuhr aller Spannungen. Dagegen steht der "Reizhunger"
"Von welchem Fall und von welchem Symptom immer man seinen Ausgang genommen hat, endlich gelangt man unfehlbar auf das Gebiet des sexuellen Erlebens."
Intellektuelle Wißbegierde und Streben nach Erkenntnis von der frühkindlichen sexuellen Neugier abgeleitet
Analer Charakter: Hingabe an Ordnung und Reinlichkeit Reaktionsbildung gegen eine besonders ausgeprägte Beschäftigung mit Schmutz und Kot. Eigensinn leitet sich aus der Rebellion gegen das elterliche Beharren her, daß Ausscheidungen nur unter gewissen Umständen möglich seien.
Sparksamkeit: das Verlangen des Kinds, Lust zu gewinnen, indem es seine Fäkalien so lange wie möglich zurückhält. Daher auch "stinkreich" und "Dukatenscheißer"
Weiblicher Ö-Komplex: Das Mädchen ist enttäuscht von der Mutter, weil es keinen Penis hat. Daher wendet es sich dem Vater zu und phantasiert, von ihm geschwängert zu werden. Das vorgestellte Kind ersetzt ihm den fehlenden Penis.
Ab 1892 Hypnose aufgegeben zugunsten der freien Assoziation, bei der sich Freud am Kopfende, außer Sichtweite befindet. Weil es ihm unangenehm war, täglich 10 Stunden angestarrt zu werden.
Keine Notizen machen. "Gleichschwebende Aufmerksamkeit" Der Analytiker soll "dem gebenden Unbewußten des Kranken sein eigenes Unbewußtes als empfangendes Organ zuwenden, sich auf den Analysierten einstellen wie der Receiver des Telephons zum Teller eingestellt ist." "Der Arzt soll undurchsichtig für den Analysierten sein und wie eine Spiegelplatte nichts anderes zeigen, als was ihm gezeigt wird."
Geld für die Stunden nehmen, egal, ob er kommt oder nicht. Der Patient würde, wenn er nicht zahlen müßte, allzuoft seinen Widerstand dadurch zeigen, daß er nicht käme, gerade, wenn eine neue Entdeckung in der Analyse bevorsteht.
Wer Frauen oder Kinder von Freunden behandelt, darf sich darauf vorbereiten, "daß ihn das Unternehmen, wie immer es ausgehe, die Freundschaft kosten wird" (wie beim schreiben)
1895 hat er einen berühmten Traum "Irmas Injektion", 1900 schreibt er an Fließ: "Glaubst du eigentlich, daß an dem Hause dereinst auf einer Marmortafel zu lesen sein wird?: Hier enthüllte sich am 24.Juli 1895 dem Dr.Sigm. Freud das Geheimnis des Traumes." Tatsächlich wurde so eine Tafel 1977 enthüllt.
Übertragung: Patienten machen aus ihm einen idealisierten Liebhaber, eine Vaterfigur, einen Erlöser. Was sie wollten, war nicht ihre Wissenschaft, sondern seine Liebe.
Er schloß aus, daß es wahre Gefühle waren. Nur Wiederholungen der Vergangenheit.
Völlige Distanz schneidet einen von den Informationsquellen ab.
1915 Triebe und Triebschicksale. Erstmalig Aggressionstrieb.
Depressive Persönlichkeiten sind hungrig nach Zustimmung und versuchen Kritik zu vermeiden, die sie in Depressionen stürzen könnte. Ihr starkes Verlangen zu gefallen macht sie übersensibel für das, was andere fühlen und führt dazu, daß sie sich damit zu identifizieren versuchen. Verdrängung der selbsicheren oder aggressiven Seite der Persönlichkeit.
Entgegengesetzt dazu die Manie. Spaltung von Ichideal und Ich aufgehoben.
In "Zur Psychopathologie des Alltagslebens", Freudsche Fehlleistungen. Sehr einfallsreich. Freud kann sich nicht an den Namen des Künstlers erinnern, der einige berühmte Fresken in der Kathedrale von Orvieto gemalt hat. Statt Signorelli fallen ihm die Namen Botticelli und Boltraffio ein. Die Erklärung ist einfach. Seine Abneigung, mit Fremden über Sexualität zu sprechen, sein Wunsch, den Selbstmord eines früheren Patienten zu vergessen. Bei Signorelli wurde Signor durch Herr ersetzt, das aus Herzegowina stammt. Bo aus Botticelli und Boltraffie von Bosnien. Bosnien und Herzegowina waren von den Türken besetzt, über deren sexuelle Gebräuche sich Freud nur ungern mit einer Reisebekanntschaft unterhalten wollte. Während eines Aufenthalts in Trafio hatte er vom Selbstmord seines Patienten gehört. Trafio kommt zu Boltraffio.
Balgereien zwischen jungen Tieren und Menschen sind eine wichtige Art, kontrollierten Einsatz von Aggression zu lernen und begünstigen möglicherweise ein erfülltes Sexualleben.
1913 Totem und Tabu
Menschheitsgeschichte. Totem als Stellvetreter des Vaters.
"Der kleine Hans" hatte Angst, von einem Pferd gebissen zu werden. Verdrängung und Projektion von Feindesligkeiten gegen den Vater.
Menschen in der Horde, dominiert von einem einzelnen Mann, der alle Frauen beansprucht und dem Inzest vorbeugt, indem er jüngere Rivalen vertreibt. "Eines Tages taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater und machten so der Vaterhorde ein Ende [?] Die Totemmahlzeit, vielleicht das erste Fest der Menschheit, wäre die Wiederholung und die Gedenkfeier dieser denkwürdigen, verbrecherischen Tat, mit welcher so vieles seinen Anfang nahm, die sozialen Organisationen, die sittlichen Einschränkungen und die Religion."
Moses sei auch ermordet worden, daher das andauernde unbewußte Schuldgefühl im jüdischen Volk.
Religion als "universelle Zwangsneurose"
Freundschaft gibt es nicht. Alle Arten von Beziehungen sind "zielgehemmter" Ersatz für sexuelle Beziehungen.
"Die Zukunft einer Illusion", religionskritische Schrift.
Das ozeanische religiöse Gefühl kann mit Verliebtheit verglichen werden, in der sich der Liebende eins mit dem geliebten Menschen fühlt. Eine extreme Regression in ein sehr frühes Stadium: das des Säuglings an der Brust, bevor dieser gelernt hat, sich selbst von der Mutter und der Außenwelt zu unterscheiden.
"Das 'Nein', das man vom Patienten hört, nachdem man seiner bewußten Wahrnehmung zuerst den verdrängten Gedanken vorgelegt hat, konstatiert bloß die Verdrängung und deren Entschiedenheit, mißt gleichsam die Störke desselben."
Der Wolfsmann, depressiver Zwangsneurotiker, 60 Jahre in Behandlung. Alptraum mit 4 Jahren: Weiße Wölfe sitzen auf den Ästen eines Walnußbaums vor seinem Schlafzimmerfenster. (mit 11/2 Zeuge geworden, wie seine Eltern dreimal einen coitus a tergo vollzogen. Traumatische Urszene. Warum dann Patienten aus der Oberschicht? Ärmere müßten das viel öfter gesehen haben. Aber Freud wies öfter darauf hin, daß die arbeitende Klasse weniger anfällig für Neurosen sei.
Ist das Ziel der Psychoanalyse die Verminderung von neurotischen Symptomen oder die Aneignung von Wissen über sich selbst?
Hauptschwierigkeit der Analytiker liegt darin, die Therapie zu beenden und nicht, den Patienten zum Weitermachen zu bewegen.
Was ist Psychoanalyse? Eine allgemeine Psychologie, die auf normale Menschen, wie auf Neurotiker zutrifft. Der Unterschied zwischen neurotisch und normal ist nur graduell.
Eine säkularisierte Art von Erlösung. Wenn es dem Patienten nicht besser geht, kann der Psychoanalytiker ihn davon überzeugen, daß die Schuld dafür bei ihm liegt, wie in der Religion.

17.2., Do
Text über den nie ganz aufgegebenen Traum, Filme zu drehen.

Ausgekoppelt: "Der Mann, den sie 'ich' nannten"

Chaussee. Zwei Schulfreunde im Publikum. Es gebe noch nicht den literarischen Text über unsere spezielle DDR-Erfahrung.
Eine schlampige Frau tanzt einen Typen an, ein anderer Mann trägt sie gegen ihren Willen zur Tür, ihr Kavalier zerschmeißt eine Flasche, Handgemenge am Ausgang. Man beobachtet es aus sicherer Entfernung, am Weinglas nippend.

Angst, mich bei den Menschen mit Grippe anzustecken, weil eine Epidemie anrollen soll.

Buch: Max Andersson/Lars Sjunneson "Bosnian flat dog"
Zwei schwedische Comiczeichner (Schweden, Carl Bildt, der erste High representative von Bosnien) auf einer Convention of alternative comics in Slowenien. Skedar, ein alter slowenischer Bekannter aus der Zeit im schwedischen Studentenwohnheim ruft ihn an, um ihm sein Kriegstagebuch zu verkaufen. Am Treffpunkt erscheint ein Auto mit bosnischem Nummernschild, aus dem sie mit Eisbomben beschossen werden (Eis in Granathülsen, in das in Sarajevo Motive eingraviert wurden.) Aus ein paar Tagebuchreste von Skedar, die sie am Tatort finden, erfahren sie, wie er als Mitarbeiter einer Gebäudesanierungsfirma in Ljubljana in einem Kühlschrank die eingefrorene Mumie Titos gefunden hat. Wie er ihn geklaut hat, um ihn zu verkaufen, aber unterwegs in den Bosnienkrieg geraten ist.
Die Comiczeichner folgen der Spur, es geht durch die Republika Srpska, einem einzigen, großen Markt für gefälschte CDs und Waffen.
In Sarajevo machen sie beim Bestellen von drei Bier mit drei Fingern, ohne es zu Wissen, den serbischen Nationalgruß machen, und bekommen nichts. Auf der Straße sehen sie Bosnian flat dogs (flache, wie überfahrene Hunde, die die Form der Granateinschläge haben). Einer von ihnen wird für Skedar gehalten, weil er seinen Figuren auch immer etwas von seinen eigenen Zügen gibt. Sie werden gewarnt, beim Duschen in zerbombten Wohnungen ohne Wände seien schon viele Männer von den Srebrenica-Frauen geraubt worden.
Die neue bosnische Fahne, blau-gelb, wie die schwedische. Die Matratze, auf der Carl Bildt schlief. Hat den traumatisierten Srebrenica-Frauen Jobs als Eisverkäuferinnen verschafft.
Währenddessen in einem unterirdischen Gängesystem, dessen Wände aus den von den Dogs gekauten aus ausgespuckten Tagebuchresten besteht, werden SFOR-Soldaten von den Srebrenica-Frauen gefangen gehalten. Mit Hilfe von einem von Titos Beinen werden sie genetisch manipuliert, damit sie wie Tito aussehen und attraktiver und männlicher wirken.
Ein Glossar führt einen in die wichtigsten Grundbegriffe ein: "Balkanisierung - das Gefühl, in verschiedene Richtungen verschwunden zu sein"
"Sliwowitz - stark balkanisierendes Rauschgetränk."

18.2., Fr
Gesund aufgewacht und endlich wieder 1 h laufen in der Schönholzer Heide. Dick verpackt, aber sehr kalte Luft. Wie immer in Pankow, die wehen Erinnerungen.

Die 4. Durchsicht vom Sarajevo-Material beendet, nach 2 Monaten täglicher Arbeit auf 377 Seiten gekommen, also ganze 3 Seiten gekürzt.

I due forni. Fast alle Tische sind für 19:00 reserviert, darf mich aber bis dahin noch setzen.
"Freitag": - Erhard Schütz über Bombenkrieg-Bücher. Die junge Autorengeneration würde beim Thema Krieg und deutsche Geschichte versagen. Besonders mokiert er sich über Dückers' Anthologie. "Empathie, gar solche, die sich durch Kälte schützt, wird man darin vergebens suchen? Nur ja keine Obsession! Obsession kalkuliert nicht den Erfolg und fragt nicht, ob sie sich beliebt macht? ein von sozialpädagogischer Seminaristensprache verquastes Vorwort."
- Christo, soll als Schüler der Kunstakademie von Sofia in den Semesterferien Landwirten beigebracht haben, Traktoren und Heuhaufen an den Berghängen effektvoll aufzustellen, um auf die Passagiere des Orient-Express Eindruck zu machen. Christo als Schüler der russischen Agit-Prop-Avantgarde.
- Ein Friedrich von Hayek, Vordenker des Neoliberalismus. Im Interesse wirtschaftlicher Freiheit sei Demokratie bestenfalls als nützliches Werkzeug zu betrachten.
Die westliche Politik denke in den Kategorien Carl Schmitts von "Freund" und "Feind"
- Thomas Melle über Tocotronic. "Identifikationsdienstleister", jugendliche Schwermut, stolzes Außenseitertum und ratlose Renitenz. "Rebellische Lethargie, deren bekannteste Formel die Schuldfrage an einem nahezu willkürlichen Objekt abarbeitete: Michael Ende, du hast mein Leben zerstört."

Abends zur Lokalrunde. Noch einmal auf der Stelle ins Kino International verliebt. Auch im Café Moskau der Fußboden aus Reichskanzleimarmor. Kein Buch verkauft, mit Kassiererin geredet. Was ich sonst noch mache, außer schreiben, will sie wissen, und mir fällt nichts ein, reicht das denn nicht?
Plötzliche Lust, auch Schlagzeug zu lernen. Einfach Unterricht nehmen? "Weihnachten bei Lowtzows" und "Das war der Januar" mittelmäßig angekommen.

Doku über Ion Tiriac. Der Mann, der uns immer als Mafioso erschien, ist in Rumänien beliebt, weil er Kinderheime baut. Generalimporteur von Mercedes, eigene Fluglinie, eigene Bank. Präsident will er aber nicht werden.

19.2., Sa, Seelower, nachmittags, bedeckt
Ost-Erweiterung Europas, dabei wird Europa doch gar nicht erweitert, lediglich die EU.

"Freitag" in Internet. Alte Artikel von Christoph Hein: "Solidaritäts-Steuer" sein ein Widerspruch in sich. Eigentlich müßte sie "Adenauer-Steuer" heißen. Erstaunlich deutliche Worte schon seit Jahren.

Mutti: ein bulgarischer Junge sei beim Fußballtraining auf dem Cantianplatz tot zusammengebrochen. Auf einem bulgarischen Gräberfeld in Berlin begraben.

Kindheit: Im Ferienlager bei Wanderungen im Dorfkonsum immer Streichhölzer gekauft und unterwegs gezündelt.

20:00 Gorki. Glaube II-Reihe, das Jahr 1970 Einar Schleef.
Fotos von Straßen Sangerhausens, vor seiner Übersiedlung gemacht. Die 70er, ferne Vorzeit. Kaum Autos auf dem Kopfsteinpflaster, Kinder in kurzen Hosen, mit komischen Brillen, alte Witwen gucken um die Ecke.
Der Autor kommt ins Vaterhaus, von der verwitweten Mutter bewohnt. In eine deutsche Kleinstadt kommt man nicht ungestraft zurück. Er versucht aufzuräumen, sie keift ihn an. ("Die Äpfel brauch ich noch!"). Sie ist ein garstiges Kind geworden, verdreckt und beleidigend, "Psycho"-Motiv.
Wenn man als Autor einen Tritt braucht, der einen ein Leben lang antreibt, unabhängig von Ruhm und Erfolg, Schleef hat ihn bekommen.
Sofern man ihm glaubt. Denn im Grunde ist es ja auch eine subtile Form von Rache, seine Mutter so abstoßend darzustellen.
Bezug zur DDR bleibt unklar. Er hatte es eben schwer mit seiner Familie. Aber waren es deutsche Eltern? DDR jenseits von sozialistisch-kapitalistisch, eine Familienhölle.

20.2., So, Seelower, abends
Doku: Winnetou-Dreharbeiten
Pierre Le Bris hieß er, in Brest geboren (!!)
Die meisten Drehorte in Kroatien.
Sterbeszene Winnetou am Mali Halan-Berg, jetzt ist die Gegend vermint. Ein Kriegsteilnehmer bietet sich als Scout an.
Der Schauspieler Rick Battaglia erschießt Winnetou, danach in Deutschland Persona non grata. Wütende Briefe an den Produzenten, Morddrohungen. Er muß Winnetou wieder auferstehen lassen, dreht noch fünf Filme mit ihm.
"Wenn der Mond sich rundet, treffen sich die Häuptlinge aller Stämme, um über den Frieden zu verhandeln."
Ntschutschi sagte zu Old Shatterhand: "Anika ti matan" ("Ich liebe dich")
Produktionsfirma "Jadran-Film" Zagreb. Nähen die Kostüme mit Leder aus Karlovac. Jetzt vieles davon im Karl-May-Filmarchiv Wien

Kindheit: alle sagten daraufhin immer "wenn ich mich nicht irre"

Philosphisches Quartett, fast verpaßt. Tsunami. Sloterdijk: Empathie für die ganze Welt unmöglich. Medien als Sinnesprothesen. Fernereignisse/Nahereignisse.
Medien von Terroristen instrumentalisiert. Informationsquarantäne verhängen?
Terrorismus als "böse Unterhaltungsindustrie, die sich parasitär einnistet in unsere Medienwelt. Sie werden uns inszenieren nach Strich und Faden." "Schwarzes Entertainment".

21.2., Mo
Brillenschlangen-Texte verschickt. Schleef-Kritik an Taz. Fußball 3 h. Kein Tor.

Film: "12 Stühle", (R.: Ulrike Oettinger), Kino Krokodil.
3 1/2 Stunden dauert der Film! Amateurhaft gespielte Revolutionsgroteske, sparsam gemachtes Roadmovie. Immerhin der dokumentarische Aspekt, man sieht Odessa und das schwarze Meer. Heruntergekommener alter Glanz, Fassaden, Treppenhäuser. Russenhumor ist allerdings gewöhnungsbedürftig.

Michailkow dreht momentan Fortsetzung von "Die Sonne, die uns täuscht"

22.2., Di
Sarajevo: In Natalija Basic "Krieg als Abenteuer"
Interpretation und Dekonstruktion von Interviewmaterial. Biographieforschung. Über die Sprache der Zeugen wird ein Begriffsnetz geworfen. Man würde es allerdings als normal intelligenter Leser auch selbst verstehen.
Die Provokation dieser wissenschaftlichen Sprache. Wie entgeht sie der Versuchung, ihre Felderfahrung zu literarisiseren? Offensichtliche Phänomene beim interviewen werden wissenschaftlich belegt. Erkenntnisgewinn? Schon die Erhebungsgeschhichte müßte erzählt werden, der fast konspirative Zugang zu den ehemaligen Soldaten, deren Aussagen sie aufnehmen will. Gierig liest man die kleinen Nebenbemerkungen, die sie sich erlaubt.
Literarische vs. soziologische Wahrheitsfindung.

In: Karl-Markus Gauß "Die sterbenden Europäer", das Kapitel über die Sepharden von Sarajevo.
Die spanischen Juden 1492 von Ferdinand und Isabella vertrieben. Sarajevo ist "Yerusalaim chico". "Romanioten" waren die alteingesessenen Gemeinden in Sofia, Rustschuk, Sarajevo, Istanbul. Spanisch als lingua franca der Kaufleute, auch Ladino, Judeo-Español, Romance, ?udezmo genannt.
1878 K.u.k-Okkupation. "Im Troß des österreichischen Heeres befanden sich vielmehr Tausende Beamte, gebildete Akademiker", die Aschkenazim. Die sephardische Gemeinde anfangs nicht sehr begeistert über die Neuen.
1500 Juden waren es vor der Belagerung, die Hälfte ist ausgewandert. Kein Antisemitismus.
Die Provare-Straße nach Bjelave, wo ich gewohnt habe. Bjelave vor hundert Jahren vornehmlich von Juden bewohnt.
Jetzt suchten viel in der Familiengeschichte nach einer jüdischen Urgroßmutter, um in einen Konvoi zu kommen.
Einwohner wurden von Eisbrocken erschlagen, die auf Tito-Straße runterfielen.
"Was immer auf der Welt kompliziert ist, ist in Bosnien noch komplizierter."
Das BKC (Bosnisches Kulturzentrum), 1932 als größte Synagoge des Landes gabaut, 900 Plätze. Vor der Shoa in Sarajevo 14000 Juden, von denen 900 überlebten. Die Synagoge nach dem Krieg dem Staat geschenkt.
1904 Aschkenazische Synagoge gebaut. Von dort Medikamentenversorgung organisiert. Ein einziges mal in der Geschichte war es von Vorteil, Jude zu sein. "Für die Toten bekommt man leichter Geld als für die Lebenden!"
Die Bibliothek mit Phosphorbomben beschossen. Persische, arabische, maurische Handschriften. Jetzt mit österreichischem Geld wieder aufgebaut.
Ein Mann aus einem UNO-Konvoi sei in Toledo zum Haus seiner Vorväter gegangen, und der alte Schlüssel habe gepaßt.
Haggadah, 1350 in Zaragossa geschrieben. Von den Nazi-Deutschen mit Ingrimm gesucht.

Ein Kinderbuch: "Die große Arbeit der kleinen Biene"

Vielleicht sollte ich mich Konfliktforscher nennen?

So viel gelesen, daß ich schon ahne, wie schlecht ich schlafen werde. Tatsächlich dauernd von Sarajevo geträumt und aufgewacht.

23.2., Mi
Von einem Kinderbuch ist nur der Einband übrig, links steht: "Großvater hatte ein Rübchen gesteckt und sagte zu ihm: wachse, wachse, mein Rübchen, werde süß und fest."
Und auf der Seite gegenüber: "Plumps, ist das Rübchen draußen".

Zeitung: "Unter dem Motto 'Winter am Kongo' will Waltraud Planeta vom Eisenbahner-Sportverein heute mit Interessierten wandern und einen Speckbraten vernaschen."
"Die Frankfurter Abwassergesellschaft veranstaltet ein Casting für das Frankfurter Wassergirl. Das Wassergirl soll mit ihrer Persönlichkeit für das Frischwasser der Region stehen. 'Wir suchen eine Sympathieträgerin', erläuterte Gerd Weber, Geschäftsführer der FWA. Das Wassergirl soll anderen Jugendlichen die Vorteile von Trinkwasser darstellen'."

Film: "Band of brothers"
Auf Ausgang oder im Urlaub fühlt sich der Soldat verloren. Ordnung durch Gewalt. Existentielle Verunsicherung im Frieden. Motiv schon in "Im Westen nichts neues".
- Warum war Militär in der DDR nichts attraktives? Oder war es das für manche? Rolle der Kirche/Friedensbewegung als Opposition. Eigentlich meinem viel tiefer empfundenen Wunsch, Indianer zu werden, widersprechend.

Eine Lehrerin in der DDR erzählte von einem Partisanenjunge, der sich, um nichts zu sagen, unter der Folter die Zunge abgebissen habe, die ihm dann im tagelang geknebelten Mund verfaulte.

DDR-Industrie: VEB Garnveredelungswerke Sehma
Scheren aus Trusetal

24.2., Do
Laufen, 1:07:37. Auf dem Deich zwei Kilometer durch die Schneedecke stapfend. Langsames vorwärtskommen in der Kälte. Sonne, Raubvögel.

In Eisenhüttenstadt ein Dok.-Zentrum "Alltagskultur der DDR". Di-Fr 13-18, Sa/So 10-18

In der Bibliothek Schievelbeiner liegt "Bruderkrieg" und "Gori vatra" mit UT. Das krank machende Neonlicht solcher Räume. Eine Fotowand zur Sanierung des Viertels um '94. Vorher gab es noch ein Eckgeschäft "Obstkonserven".

Film: "Bruderkrieg" ('95), Teil V
18.12.92 Lord Owen "träumen sie nicht, der Westen würde kommen und das Problem lösen. Don't dream dreams."
Karadzic sagt: 5000 Soldaten an zwei Punkten, und wir wären erledigt gewesen.
12.4.93 Eröffnung des Holocaust-Museums in Washington, Elie Wiesel appelliert bei seiner Rede an Clinton, in Bosnien etwas zu tun.
1994 in Gorazde werden Blauhelme als Geisel genommen. Daraufhin der 1. Luftangriff in der Geschichte der NATO.

Kalt, eingemummelt. Kann nicht mehr tippen oder lesen. Angst vor der Grippewelle.

25.2., Fr, Lunteren, nachmittags
7:00 wecken. Ostbahnhof

Harald Schmidt in "Zeit": "Ich bin so, die Sendung ist nur ein Abfallprodukt."
Zu den Deutschen: "Wir werden ja nicht geboren, um charmant zu sein, wir werden geboren, um die Welt zu belehren."
"Australien? Das ist doch 23h weit weg." "Weit weg, wovon?"
"Ich trete zurück, um Schaden vom Amt abzuwenden. Nein. Besser das Amt, als ich!"
Ob er irgendwann aufhören wird: "Christus ist doch auch nicht vom Kreuz gestiegen."
- Robotron, Büromaschinenwerk Sömmerda. Die Hälfte der Computer Europas werde inzwischen dort zusammengebaut. nach der Wende hat der Direktor keinen Kredit für eigene Computerherstellung bekommen. Also druckt er mit seinen technischen Konstruktionsgeräten Millionen Formulare, die die AOK an ihre neuen Mitglieder im Osten verschickt.

Suchen nach Chausseebuch-Titel. "Unser Kampf" findet keinen Anklang. (Oder "Uns Kampf"?)

Ich stecke mir Ohrstöpsel ins Ohr, um mich als Robert zu verkleiden.

Buch: Ludo Hupperts: "Briefe aus Sarajevo"
Im Selbstverlag erschienen, der Autor war holländischer UNPROFOR-Pressesprecher in Bosnien.
Beschreibt Hilfslieferung in ein bosnisches Bergdorf. An der Wegkreuzung liegt ein bosnisch-serbisches Dorf, das Wegzoll verlangt.
Die Menschen sagen ihm Telefonnummern, er soll ihre Angehörigen in Westeuropa anrufen. Ein alter Mann hält den Wagen an, gibt ihm einen schäbigen Zettel mit einer Nummer und als Dank einen noch grünen Apfel.
Sein Dilemma: es ist so einfach, hier den Weihnachtsmann zu spielen.
Briefe einer Bosnierin. Statistisch gesehen hat sie gute Chancen zu überleben, weil sie nah am Arbeitsplatz wohnt.
Beschreibung der Plünderungen in Dobrinja.
Taxifahrer. Wenn ihr Englisch schlechter wird, sprechen sie einfach lauter.
Dilemma: ein Arzt will ins benachbarte Irrenhaus fahren, um die Leute zu versorgen. Die Schwester weigert sich, weil sie dafür nicht angewiesen ist und vor Ort im Lager der UNO bleiben muß, für den Fall der Fälle. Die Ärzte sind frustriert, wenn sie nichts zu tun haben.
Moral: Die Sniper Alley runterrasen. Hattest du Angst? Ich war überrascht und böse, weil sie auf mich schießen, der nichts böses im Sinn hat. (Aber haben die anderen, die getroffen werden, denn etwas "böses" gemacht?)
Ein Musiker, dessen Bruder erschossen wurde, spielt jeden Tag in den Ruinen der Stadt Cello.
Der Ärger der von den UNO-Leuten angestellten bosnischen Mitarbeiter. Beim Umzug der Büros werden sie behandelt, wie Möbelstücke. Niemand denkt daran, daß sie eigentlich hier zuhause sind.
Wenn sie sich mehr mit Politik beschäftigt hätten, wäre lediglich die Überraschung nicht so groß gewesen.
Die Westler denken, die Leute hier hätten vor dem Krieg ein primitives Leben geführt.
Jetzt haben sie anderes im Kopf, als das Papier in den Abfall zu schmeißen, sie sind selbst Abfall geworden.
Gedankenexperiment: nach der Wende, wir hätten unser Essen in Paketen bekommen. Uns nicht waschen können. Die Helfer lernen unsere Sprache nicht und verdienen 10 mal mehr. Wie hätten wir uns gefühlt?
Fakt: Wasser und Strom fallen gleichzeitig aus, weil die Pumpen dann ausfallen.
Jeder stammt aus einer gemischten Ehe, nämlich zwischen einem Mann und einer Frau.
Immer mehr Flüchtlinge, die zum ersten mal in eine Stadt kommen.
Die UN-Fahrzeuge mit Lampe an der Seite, die die kleine Flagge beleuchtet.
Scharfschützen, man konnte nicht mehr auf die Friedhöfe.
Ein Mann sitzt an einem Grab und raucht. Streicht mit der Hand über das Grab.

Keen-Nachruf im Tagesspiegel erschienen.

Vom Bahnhof Lunteren laufen wir 20 Minuten durch den Wald, bis wir tatsächlich das finden. Holzdach, Kamin, Weinflaschenregal in der Lobby. Früher hätte jeder mindestens eine davon geklaut. Einfach nachts reinschleichen und sich bedienen. Der Fernseher winzig. Eine holländische Ethno-Show, auf einer einen vergrößerten Paß darstellenden Pappwand öffnet sich an der Stelle des Paßbilds ein Fensterchen, hinter dem der Kopf des Gasts erscheint. Der Moderator unterhält sich mit dem Kopf. Heute eine Serbin, die in Holland lebt und perfekt holländisch spricht. Im Bett endlich tippen, Notizen übertragen.

Ein Fahrer kutschiert uns durch den Wald zu einem Konferenzgebäude. Die ganze Gegend sei sehr christlich. Ein großer Saal mit viel Lichtvarianten, die der Techniker uns vorführt. Perfekte Mikros. Messestände mit Lernmaterial, schwatzende Lehrer. Wir essen gut aussehendes, aber etwas fade schmeckendes Gemüse mit Braten.
250-300 holländische Deutschlehrer im Saal, schon von Anfang an hellauf begeistert, tosender Begrüßungsapplaus. Robert legt mit "Elternabend" vor. Am Ende stürzen sie sich auf die 40 Brillenschlangen, auch meine 11 Bücher gehen weg. Doppelt soviel wäre möglich gewesen.
Hinterher im Foyer deutsche Stimmungsmusik vom DJ "Rosamunde" und "Schnappi". Die Frauen zunehmend angeheitert. Bohni wird von einem Lehrer angemacht.
Zum Schluß noch von den Messeständen viele verschiedene Gratiskugelschreibersorten gemopst.

26.2., Sa
Morgens gemütliches Frühstück in der Lobby. Eilig durch den Wald zum Zug und verpassen ihn doch. Das Bahnhofsgebäude heute ein Möbelhaus. Die Puppenstadt mit kleinen Häuschen. Viele Fensterfronten vergrößert. Wovon leben die Menschen hier? Der Ort hat aber auch eine Art Hauptstraße. In einer geräumigen Kneipe mit holländischen, nazihaften Glatzköpfen, die versuchen, sich über uns lustig zu machen ein Mittagsbier. Allgemeines, mich stumpfsinnig stimmendes Kreuzworträtsellösen.
In Amsterdam städtische Hilfskräfte, anscheinend extra dafür angestellt, warnen uns an den Telefonzellen vor "Pickpockets".

Slobodna Bosna: Bei der Suche nach Kriegsopfern finden sie in den Karsthöhlen auch noch Leichen deutscher Soldaten aus dem 2.Weltkrieg.
"Tamo gde su srpski grobovi, tu su srpske zemlje" ("Dort, wo es serbische Gräber gint, ist serbisches Land")
"Tamo, gde su sprpski radikali, tu su srpski grobovi" ("Dort, wo serbische Extremisten sind, sind serbische Gräber")

Wenn alle Menschen unsterblich wären, hätte statistisch gesehen irgendwann jeder mit jedem einmal Sex.

Amsterdamer Innenstadt. Man kann nichts empfinden, wenn man nachts den marodierenden, betrunkenen Touristenmassen zusieht, wenn in jeder halbwegs angenehmen Kneipe die Rummsmusik auf Anschlag läuft, und wenn man für alles dreimal soviel zahlen muß, wie es moralisch vertretbar wäre.
Ins "Tuschinski", ein imposantes Jugenstilkino. Eine Karte kostet 9 Euro (!) Nochmal "Sideways" gesehen, diesmal auf englisch. Bohni und Dan scheinen aber nicht sehr begeistert.
Große, buttrige Popcornkugeln und Bier, aber sehr flau, rechter Hals leicht entzündet, wacklig. Hinterher bei McDonalds ein übelmachender Shake. Berge von Abfall auf den designten Metalltischen. Warum ist es so, daß um diese Zeit in einer europäischen Großstadt nur die ekligsten, betrunkensten, aggressivsten Menschen herumstromern?

27.2., So
Im ehemaligen Postamt am Bahnhof, das zu einem Kunstmuseum ausgebaut wurde. Bewußt improvisierte Inneneinrichtung mit Preßholzplatten, sichtbaren Rohren und Beton. Von ganz oben schöne Aussicht auf den Hafen, der nach und nach zugebaut wird. Videokunstausstellung, die sinnloseste Kunstform überhaupt. Als ob nicht alles neue heute schon im Videoclip gemacht würde. Ein Fernseher, auf dem in einer Endlosschleife ein Wochenschauausschnitt von Arbeitern, die einen Propeller anwerfen zu sehen ist. Das symbolisiert Totalitarismus. Als künstlerischen Kommentar dazu sieht man manchmal das Gesicht des Künstlers aufflackern. Und das wird jetzt bis in alle Ewigkeit auf diesem Fernseher zu sehen sein, sofern man es schafft, ihn zu konservieren.
Ein ganzer Raum für eine Projektion, bei der die serbische Künsterlin zu sehen ist, die mit einer weißen Fahne in der Hand auf einem Pferd sitzt. Dazu hört man jemanden ein serbisches, patriotisches Lied singen.
Bilder vom Tag, als Amsterdam gegen Ende des Krieges übergeben werden sollte, sich die Menschen versammelt haben und von einer deutschen Einheit zusammengeschossen wurden.

Mit Bohni in ein schönes Café Rum, Kaffee und "Toasti". Beim Zurücklaufen gehen wir in der Scheißkälte fünf Stationen zu weit. Außerhalb des Zentrums sieht es überall gleich aus. Die Mülllkästen haben unterirdische Behälter, in denen der Müll gesammelt wird. Ob die Müllmänner unter der Erde arbeiten, und den Müll von uns unbemerkt abtransportieren?

Abends ins Comedy-Café. 11 Euro Eintritt (!). Zwei Stand-up-Witzereißer aus den USA. "Milk, milk, lemonade, 'round the corner fudgees made". Man sieht nach 10 Sekunden, wer witzig ist und wer nicht. Halten sich an Ethno-Standards auf, Holland und Amerika, Deutsche im Publikum, haha. Viel Sex. "Captain, I'm losing power"
Bei Burger King schmeckt es etwas besser.

"Orloog" heißt komischerweise "Krieg".

28.2., Mo
Abends, während die Wohnung langsam wärmer wird, die aufgezeichnete Oscar-Verleihung. Wie alt manche schon sind. Die Einspielung der Toten jedes Jahres. Das besessene Historisieren unserer Zeit. Beyoncé bei drei der Filmsongs dabei und doch nicht gewonnen. Charly Kaufmann kriegt einen. Vor East Clintwood gehen alle in die Knie, man muß nur lange genug leben.
In den deutschen Zeitungen anschließend wieder nur Genöle über die Verleihung, wie langweilig es gewesen sein soll, dabei ist, was wirklich langweilig ist, doch die europäische Filmpreisverleihung.

29.2., Di
Nach zehn Minuten fiese Rückenschmerzen beim Laufen, als würde man mir einen Stahlring um den Brustkorb ziehen, kann sekundenlang nicht atmen und überlege, zurückzugehen. Dann geht es wieder, wenn man ganz genau auf jeden Schritt achtet.

Film: Gori Vatra. Auf DVD, beim dritten mal mit deutschen Untertiteln.
Bosnischserbischer Pope zum muslimischen Bürgermeister: "Du bist wirklich ein Arschloch, ich bin froh, daß wir gekämpft haben."
"Ich auch."
Wichtig ist die ganz nebenbei eingefangene Atmosphäre in dieser Kleinstadt. Auf den grünen Hügeln, die sanft in Wald übergehen, wohnt man in kleinen Häusern. Im abschüssigen Garten steht eine Bank mit Holztisch, über dem eine nackte Glühbirne baumelt. Abends sitzt man hier in der Stille, raucht und trinkt Rakija.

Für eine Überweisung meine letzte TAN eingegeben, die neue Liste geöffnet, und erst hier gelesen, daß man für die Aktivierung der neuen Liste eine alte TAN braucht. Dreimal was falsches eingegeben, das Online-Konto ist gesperrt. Und bei der Sparkasse fällt mir plötzlich meine Geheimzahl nicht mehr ein.

Rechtzeitig los, aber dann ist mein Fahrradschloß vereist. Nochmal hoch und ein Feuerzeug holen, damit geht es. Zum Chagall.
Beim gehen schneit es draußen, und das Fahrradschloß ist wieder vereist. Der Schlüssel ist schon etwas verbogen. Ich fahre nach Hause, um einen Zweitschlüssel zu suchen, finde aber keinen. Beim Schlüsselmacher in den Arkaden würde die Typbestellung angeblich zwei Wochen dauern. Also noch ein Versuch mit Eisspray und Graphitstaub, aber kurz bevor ich aufgeben will, bricht der Schlüssel ab. Trage das Rad nach Hause. In einem Waffengeschäft gefragt, ob sie es aufkriegen. Während er Werkzeug sucht, betrachte ich die herrlich funkelnden Paintball-Gewehre an der Wand, die Erotik von Waffen, einfach nicht wegzudiskutieren. Viel zu wenig beachtet beim Bosnien-Krieg, diese Seite.
Er hat kein Werkzeug, der Fahrradladen hat schon zu, und ich bin total deprimiert. Statt noch zu arbeiten einen halben Tag verloren, Rückenschmerzen, die Geheimzahl vergessen, die Tan-Liste verbraucht, das Konto blockiert, mein Fahrradschloß, das mir seit 1991 so treue Dienste geleistet hat wegen meiner Ungeduld hinüber. In den extra angezogenen festen Schuhen schrecklich unwohle Füße.

Mit Stauffer im "Famiglia". Nur langsam wieder beruhigen können.
Bis kurz nach Eins über Buchmarkt geredet, die Geschichtslosigkeit der Schweiz. Hat ein Opernlibretto geschrieben, was mit wiehernden Pferden. Seine Übersetzung ins Französische selbst bezahlt. Auch eine Schülerin, die seine Korrekturen eingetippt hat.

30.2., Mi
Sarajevo: Band of Brothers, Teil 3.
Ein junger Soldat schafft es nicht, zu schießen. Duckt sich immer in Panik im Schützengraben. Einmal sogar vor Schock kurzzeitig erblindet. Ein Offizier hält ihm eine Rede: "You know, why you hid in that ditch, Blithe? Because you think, there is still hope. The only hope, you have, is to accept the fact, that you're already death. And the sooner you accept that, the sooner you will be able to function as a soldier is supposed to function. No mery, no compassion, no remorse."
Am nächsten Tag zielt er und erschießt einen Deutschen. Nachher geht er zu der Stelle und sieht sich die Leiche an. Beim nächsten Einsatz meldet er sich freiwillig und wird sofort in den Kopf getroffen.

Endlich beim Arzt, die Befunde besprechen. Perfektes Blutbild, Gastroskopie ohne Ergebnis. Nicht mal Heiocobacter habe ich. Keine Gastritis, nur minimal geröteter Magenausgang. Aber ich bin ja auch wegen meinem Rücken hier. Man legt sich lang, er zieht nicht ungeschickt an meinen Armen. Dann 10 Minuten Saugkopfmassage mit Elektrokribbeln. Auch noch eine Spritze. Aber der Rücken kaum besser.

Der fabelhafte, nicht genug zu lobende Fahrrad-Gönnes, ein Lichtblick in dieser kalten, geldgierigen Zeit, sägt mein 14 Jahre altes, treues Trelock-Schloß, das so gut war, daß sie den Typ nicht mehr herstellen, um nicht pleite zu gehen, in einer halben Minute mit einem kleinen Trennschleifer durch. Und ich dachte, es wäre aus unerstörbarem Titan-Kryptonite. Aus Amerika würden gewaltige Hydraulik-Zangen importiert, damit könne man das noch einfacher zerschneiden.
Kaufe ein neues von Abus, das nicht so stabil aussieht.

Sparkasse, ohne Probleme eine neue Tan bestellt. Auch die Geheimzahl fällt mir plötzlich wieder ein. Wenn das in New York passiert wäre.

Wegen Rücken nicht zum Fußball.

Zu 19:00 zum Bertelsmann-Haus Unter den Linden. Erwische Falko dabei, wie er schon wieder ungeduldig bei mir anruft, obwohl ich nachweislich auf die Sekunde pünktlich bin. Peinliche Kontrolle am Einlaß. Leichter Hals, sehr schwach, leicht unwohl und sehr unglücklich. Die Rückenschmerzen sind hoch in den Nacken gekrochen, kalter Schweiß. Bach auf der Geige sägt auf meinen Nerven. Verlagschef von Bertelsmann redet kurz, kann auch ein bißchen Latein. Rede von Reemtsma, zitiert aus "Culpa", die Aussschnitte im Echolot seien so unterschiedlich, daß der Leser auch bei krassen Fehlern seine ordnende Hand vermuten würde. Das ist ja der Witz an der Kunst, am Ende wird alles für Absicht gehalten.
Sein Gefühl, bei der Auswahl immer das richtige zu tun, ganz instinktiv zu arbeiten und es schnell zu können.
Daß es ein Glück sei, noch nicht in der Gefangenschaft die Idee zum Echolot gehabt zu haben. Im Wasserfall hätte er verdursten müssen.
Kempowski-Film vom eitlen NDR-Literatur-Mann. Alle müssen herausstellen, wie lange sie ihn schon wohlwollend begleiten.
So ein zu Albernheit fähiger Mensch, und dann in so einer wichtigtuerischen Gesellschaft. Aber ich würde Durchfall kriegen vor Aufregung, wenn die alle wegen mir da wären, sogar der Bundespräsident.
Hinterher dumm rumstehen beim Stehbuffet. Alle scheinen sich zu kennen und plaudern munter. Wir etwas abseits, warten, daß die Stehdiener mit ihren Köstlichkeiten auch einmal bis zu uns durchdringen, aber sie bleiben immer wieder stecken. Dann sind endlich alle so satt, daß ein paar Minischnitzel und Getränke es bis zu uns schaffen. Wie Außerirdische, man fragt sich sicher, was wir hier machen, schließlich sind alle Gäste geladen. Ist es nicht gemein, daß K. Falko gar nicht begrüßt? Gerade mal die Frau nickt ihm kurz zu. Und müßte einen nach vier Büchern nicht der eine oder andere dieser Literaturbetriebler erkennen? Leichte Aggression auch auf dieses teure Bertelsmann-Gebäude, erstklassiges Material wurde da verbaut. Jetzt sitzen sie in der Mitte Berlins mit ihrem scheiß Reichtum. Aber das Geld für weitere Kempowski-Projekte fehle trotzdem, erfährt man. Gar nicht sicher, daß die frühen Tagebücher ediert werden können. Und die Stellen der Mitarbeiter laufen aus.

Gegen neun mit Schwäche und Übelkeit verschwunden und zum Postbahnhof. Trotz drühzeitig gekaufter Karte dast schon verzichten wollen. Schwer zu findendes Gebäude. "Bright eyes", wenn es ausverkauft ist, muß man schon reingehen. Der Rücken brennt aber. Eine halbe Stunde halte ich in der Menge stehend durch. Diese vielen jungen Menschen, woher kommen die alle? Stelle mir vor, wie immer neue Generationen nachrücken, und einen mit ihrem Erscheinen ins Grab schieben. Unaufhaltsam ihre eigene Wirklichkeit ausfüllend, uns an den Rand drängend. Die Lieder klingen alle gleich, schöne Stimme immerhin, aber trotzdem enttäuschend. Schweiß läuft einem runter, total verqualmte Luft. Will schon nach der Hälfte gehen und setze mich dann doch noch mit einem Bier in den anderen Raum. Ans letzte Jahr erinnert, wo es mir bei Elbow sogar noch schlechter ging. Nachgedacht, ob mir morgen ein Text für die Chaussee einfallen wird. Vielleicht was zu dem Freud-Buch.

3.3. Do, Seelower, vormittags, Schnee, diesig
Buch: Joe Sacco: "The Fixer ? A story from Sarajevo" (USA, 2003)
Comic über Neven, einen sogenannten Fixer, also einen der Insider aus Sarajevo, die sich und ihre vielfältigen Beziehungen und Informationen für Geld an westliche Journalisten vermieten. Er wartet in der Hotellobby auf Neuankömmlinge und lockt sie mit mysteriösen Andeutungen und Versprechungen. Aber das Buch erzählt seine Geschichte. Seine kleinkriminelle Vergangenheit in Jugoslawien, Militärdienst, Mitglied einer der bosnischen paramilitärischen Brigaden, die Sarajevo verteidigt, bzw. die Situation ausgenutzt haben. Selbst serbischer Abstammung. Der Autor thematisiert seine Überforderung von der fremden Stadt, seine Ahnungslosigkeit. Immer wieder werden die Geschichten von Neven durch bei zufälligen Begegnungen mit anderen Ex-Soldaten oder Bekannten relativiert. Man weiß also nicht, ob das, was wir erfahren, nur die Spitze des Eisbergs, oder durchweg erlogen ist. Der Krieg war auch eine Zeit der Legenden und Gerüchte.
Tatsache ist, daß es verschiedene, mehrere tausend Mann starke Warlord-Einheiten gegeben hat. Sie haben sich viertelweise gebildet, und unter ihren Mitgliedern waren frühere Sportler und frühere Verbrecher. Die charismatischen Führer der Einheiten hatten Kampfnamen, wie Celo, Juka, Caco. Einer war zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt gewesen und vorzeitig entlassen worden, um als Leibwächter eines einflußreichen jugoslawischen Ministers aus Bosnien zu arbeiten.
Die Warlords sicherten die Versorgung ihrer Männer durch Raub und Plünderung, in ihren Augen legitime Konfiszierung. Wenn sie von Geschäftsleuten nahmen, deren Besitz letztlich ja von ihnen verteidigt wurde. Oder sie räumen staatliche Geschäfte aus, denn schließlich dienen sie ja dem Staat. So wird die Verteidigung der Stadt zu einer Art Schutzgelderpressung. Man entführte auch Zivilisten von der Straße weg, die für 10-20 Tage verschwanden, in denen sie Schützengräben ausheben mußten. Auffällig wurde, daß es vor allem serbische Zivilisten traf, und daß viele spurlos verschwanden. In die "konfiszierten" Wohnungen zogen Freundinnen der Warlords ein. Mancher fühlte sich "untouchable".
Izetbegovic schien diesen Männern zeitweise mehr zuzutrauen als der regulären Armee, die sich ja erst bilden mußte. Später versuchte man, die Brigaden einzugliedern, ihre Führer bekamen militärische Ränge, aber sie demütigten die regulären Militärs, oder erschienen nicht zu den Stabsbesprechungen. Als einer von ihnen verhaftet werden sollte, nahmen sie Geiseln und errichteten Barrikaden. Einer soll seine Dienste auch an die bosnischen Kroaten verkauft haben und an ethnischen Säuberungen in diesem Teil Bosniens beteiligt gewesen sein. Ein anderer sicherte sich den Zufahrtsweg über den Igman, so daß er Zölle nehmen konnte, er kämpfte irgendwann nur noch für sich. Dennoch waren die Führer bei vielen populär fast "Popstars des Kriegs". Einer plante, in das befreite Sarajevo auf einem weißen Pferd einzureiten.
Ende '93 wurde einer der Führer verhaftet und "auf der Flucht erschossen". Ein anderer wurde in Belgien tot aufgefunden. Vielleicht steckte der bosnische Geheimdienst dahinter.
Als Caco 1997 auf einen offiziellen Friedhof umgebettet wurde, kamen mehrere tausend Menschen, die Regierung distanzierte sich nicht.
Die Lage war kompliziert. Du weißt, du brauchst diese Leute, aber du mußt versuchen, sie zu kontrollieren. Kriminelle Energie in die Armee kanalisieren. Offen bleibt, was du mit diesen Kräften im Frieden anfängst.
Und man weiß natürlich nicht, ob ihre militärischen Leistungen nicht auch Legende sind.

Sarajevo: In der "Zeit" endlich jemand, der Zilahy kritisch sieht. Karl-Markus Gauss spricht mir aus der Seele. Nimmt ihm ein bißchen übel, daß er den Erfolg einkassiert, den andere mit der Alphabet-Idee schon verdient gehabt hätten. Vor allem Milorad Pavic mit dem "Chasarischen Wörterbuch". Nach einem Blick auf die Homepage von Zilahy sehne man sich nach dem alten, kauzigen, melancholischen Autorentyp, der sich als literarischer Handwerker versteht. Alles scheint nur eine Vorübung für die CD-ROM zum Buch zu sein, die angeblich 40 Mitarbeiter 2 Jahre beschäftigt habe.
Die Unterscheidung von Sachbuch und Belletristik werde obsolet. Ein Alphabet Osteuropas und der eigenen Familiengeschichte sei so zwingend, wie beliebig. Kalauer und zur Zwangswitzelei gravitierende Originalität.

Film: Band of Brothers, Teil 4
Die Replacements werden geärgert und gering geschätzt. In Frankreich erleben die GI's Freudenfeste der Bevölkerung und Beobachten entsetzt die Mißhandlung von Frauen, die mit Deutschen geschlafen haben sollen. 17.9.44 über Holland abgesprungen. Die Offensive scheitert. Sie sehen aus der Ferne, wie die Engländer das brennende Eindhoven bombardieren.
Wissen: wenn man mit dem Fallschirm abspringt, muß man das Gewehr quer tragen, sonst zerschlägt man sich den Kiefer. Und bei flachem Absprung braucht man keinen Reserveschirm, weil man sowieso tot wäre.

Ausgekoppelt: Schriftsteller, die ich gerne wäre: Sigmund Freud

Chaussee: Sehr gute, fröhliche Ansagen, schenke Stephan das Tour-de-France-Buch für 1 Euro. Wieder viele Schnorrer an der Kasse.
Freud kommt an, die Konzentration läßt aber nach 6-7 Minuten nach. Dan improvisiert nach Wörtern etwas über einen Friseur und Hobbypsychologen, bei dem er mit einer Plasteperrücke unter der Trockenhaube sitzt.
Gegen 1 ruhig zurück mit dem Fahrrad. Tatsächlich den ganzen Abend beschwerdefrei, eine herausragende Veranstaltung.

4.3. Fr, Seelower, nachmittags, Schnee, bedeckt
Sarajevo: Buch: Zlata Filipovic "Ich bin ein Mädchen aus Sarajevo"
Tagebuch eines 1980 in Sarajevo geborenen Mädchens, von April bis Dezember '92. Anscheinend hatte eine französische Zeitung, oder ein französischer Verlag nach einem Kind aus Sarajevo gesucht, das Tagebuch schrieb, um es im Ausland zu veröffentlichen. In Analogie zum Tagebuch von Anne Frank. Leider ist die Autorin wirklich ein Kind, und ein bißchen altklug, so daß sie sich beim Schreiben schon über die Schulter zu gucken scheint. Man bekommt kaum Informationen, manche wichtigen Ereignisse (die Schüsse am 5.4., die Friedensdemonstration vor dem Parlament, die Entführung des Präsidenten) wirken wie von den Redakteuren hineinmontiert. Seitenweise wird nur der Wunsch nach einer normalen Kindheit ausgesprochen. Als das Tagebuch erscheint, wird die Familie von TV-Teams aus aller Welt heimgesucht, die sie mit Anne Frank vergleichen (der Zwang zur historischen Assoziation). Ende '93 darf die Famile Sarajevo verlassen.
Spricht immer von "den Jungs da oben", den Politikern aller Seiten, die die Schuld tragen.
Kinder, die sich bei einer UNPROFOR-Weihnachtsfeier um die Geschenke prügeln.
Das neue bosnische Wörterbuch, in dem viele Wörter ein "h" haben, wo es früher als Rechtschreibfehler galt.
Kriminelle stehlen Öl vom Umspannwerk, so daß der Strom ausfällt. (Mit dem Öl fahren dann ihre Autos)
Die Kinder gehen zum UNPROFOR-Zahnarzt.

Doku: "Bruderkrieg", Teil 1
20.April '87, Milosevic reist in den Kosovo. Eigentlich vertritt er nur den Parteichef Stambolic. Der Parteifunktionär steht vor der aufgebrachten Menge, Serben, die sich über die Albander beschweren wollen. Er redet von Einigkeit und Brüderlichkeit. "Jeder Plan, der auf Nationalismus und Haß beruht, kann niemals ein friedlicher Plan sein." Willigt aber ein, sich mit serbischen Nationalisten zu treffen und sich die Klagen anzuhören. Vier Tage später, am 24.7.87, findet eine Anhörung in einem Saal statt, während draußen die Menge wartet. Die Nationalisten provozieren die Polizei, angeblich haben sie schon Ladungen mit Steinen bereitgestellt. Als man drinnen den Tumult hört, kommt Milosevic herraus, geht in Positur und murmelt, scheinbar spontan: "Drugovi, niemand darf euch schlagen." Alles von der Kamera aufgezeichnet. In dem Moment wurde er zu ihrem Anführer. Wenn es stimmt, dann hat er in diesen Tagen begriffen, welches Potential der Nationalismus besitzt, und wie er nach dem Ende des Kommunismus an der Macht bleiben kann.
Die Nummer 3 der Partei rügt ihn für antikommunistische Äußerungen und wird auf sein Betreiben hin abgesägt.
Raif Dizdarevic, Staatspräsident Jugoslawiens.
Admiral Mamula, jugoslawischer Verteidigungsminister
Die "Mladina"-Affäre, kritische Berichterstattung einer slowenische kommunistischen Jugendzeitung. Forderungen nach einem Slowenien ohne Waffen. Der slowenische Präsident Kucan übergibt den verantwortlichen Journalisten der militärischen Spionageabwehr, um sich den Rücken frei zu halten.
Am 20.1.90 in Belgrad der 14.Sonderkongreß des SKJ.
Die Slowenen bekommen keinen ihrer Anträge durch. Der montenegrinische Vorsitzende verhindert es. Schließlich verlassen sie den Kongreß. Die Kroaten zögern. Milosevic behauptet, die Slowenen hätten als "ordentliche Menschen, die sei sind" ihre Hotels ja schon am morgen abbestellt gehabt.

Doku: "Bruderkrieg", Teil 2
Der Aufstand der Knin-Serben in der kroatischen Krajina. Ein Polizist schwingt sich zum Führer der Bewegung auf. Ein kroatischer Polizist, der Tag und Nacht unterwegs ist, um Barrikaden abbauen zu lassen, und die Leute zu beruhigen, wird schließlich ermordet.
In Split eröffnet Tudjman die Leichtathletikeuropameisterschaften (wann? hat die DDR noch teilgenommen?)
Kroaten schmuggeln Waffen aus Ungarn ein, um ihre Polizei zu bewaffnen. Der Geheimdienst bekommt einen Tip und filmt.
In Belgrad Krisensitzung des jugoslawischen Präsidiums und der Armeeführung. Die Präsidiumsmitglieder der einzelnen Republiken haben schon Angst, nach Belgrad zu reisen. Es kommt zu einer Abstimmung über den Armeeeinsatz in Kroatien. Gleichstand, die bosnische Stimme entscheidet, er stimmt dagegen.
25.6.91 Unabhängigkeitserklärung Kroatiens.

Bruderkrieg, Teil 3
Jeder Einzelheit wird rekonstruiert, ein Tableau der Gleichzeitigkeit erstellt. Zu bedenken, daß die Akteure auch nicht besser informiert waren, als wir. Die Rolle der Gerüchte, der nationalen und der föderalen Medien und Fernsehsender. Einen Bewußtseinssnapshot rekonstruieren: Was wußte der einzelne? Was fürchtete er? Am Ende scheint es unvermeidlich, daß alles genau so gekommen ist, und doch war jede Einzelheit vermeidbar.

18:36 am Alex, die Regionalbahn bringt einen bequem nach Potsdam.
Diskutieren, ob Old Shurehand Old Shatterhand "runtergekriegt" hätte.
Waschhaus Potsdam, angenehmer Ort, Guckkastenbühne. Es kommen aber nur 12 Zuschauer, obwohl uns mindestens 30 versprochen wurden. Wir halten uns wacker, es macht ja Spaß zusammen zu sein, aber als Auftritt ist es eigentlich gespenstisch.

5.3., Sa
Starke Rückenschmerzen, jetzt weiter unten im Wirbel. Bei jeder Positionsänderung, vor allem nach langem Sitzen kann man sich kaum mehr aufrichten.

6.3. So, Seelower, nachmittags, Schnee, bedeckt
Rückenschmerzen, laufen unmöglich.

In der Mülltonne liegt eine original verpackte, unbenutzte Narva-Leuchtröhre. Vielleicht Falko schenken?

Eckstein, Orangen-Suppe, "Freitag": - Truman gibt noch auf dem Rückflug von der Potsdamer Konferenz den Befehl für "Totality", den Plan für einen Kernwaffenkrieg.
- VII. Internationale Waffenschau IDEX-2005 in Abu Dhabi

19:00 fertig gepackt. Noch eine halbe Stunde, um endlich Skotties Rumänischplatten zu hören. Aufnahmen aus Bukarest vom Ende der 60er. Wie immer, wenn man vor Reisen die Wohnnung aufgeräumt hat, das Bedürfnis zu bleiben.

Mit Mels Golf über die Avus Richtung Leipzig. Die schöne, krakenartige Fußgängerbrücke am Bahnhof, haben sie jetzt auch abgerissen. Auch die alte "Sporett"-Leuchtreklame nicht mehr gesehen.
Finden die Autobahn nach Süden nicht und fahren durch die endlose Stadt, am Flughafen vorbei, bis wir endlich "Hermstorfer Kreuz" lesen. In Jena eine kleine Irrfahrt. Mel fährt mich nach Kahla.

7.3., Mo
Wegen Rückenschmerzen wieder kein Lauf.

Gehe zum Uni-Gebäude, die Kurse sind aber dieses Jahr im Campus-Gebäude. Der Pförtner erklärt mir so ausführlich den Weg, daß mir ganz schwindlig wird. Da kennt einer seine Stadt wie seine Westentasche.
Feierliche Eröffnung des Rumänisch-Kurses. Etwas trockener Vortrag über die Wirtschaft in Südosteuropa. Ceaucescus "Austeritätspolitik". "Ersatzinvestitionen". Die osteuropäischen Währungen seien in den 90ern unterbewertet gewesen. Das heißt dann wohl, daß das schöne Gefühl, so billig zu reisen, irgendwann Vergangenheit sein wird. Ein Student ist sich nicht zu dumm, nachzufragen, ob denn die Planwirtschaft nicht vorsätzlich kaputt gemacht wurde, statt, daß sie kaputt gegangen sei. Und auch die Parallelökonomie durch die SFOR-Truppen in Bosnien möchte er erwähnt wissen.
Der Bürgermeister baut in seine Rede ein Heraklitzitat ein, es gibt ja wahrscheinlich nur eins.

Im Kurs wieder über- und unterfordert zugleich. Muß mich als erster vorstellen und habe doch seit einem Jahr nichts gemacht. Statt intensiver Textlektüre und hören von Originalaufnahmen muß man sich Aussagen zum Gesicht des Nachbarn aus den Fingern saugen, obwohl man gar nicht Rumänisch reden kann. Warum in Sprachkursen nur immer dieser Wahn, sprechen üben zu wollen, statt Texte zu lesen und so viel wie möglich richtige Sätze durchs Gehirn zu jagen. Dabei lernt man zehnmal schneller, als wenn man sich mit seinem Nachbarn, der es auch nicht besser kann, etwas zurechtstottert.

Slawismen im Rumänischen:
nevinovat - unschuldig
veseli - fröhlich
povestire ? Erzählung
de obicei ? gewöhnlich
jalea ? Jammer
pivnitsa - Keller
Sarajevo: Soba ? Herd, Ofen. (kroatisch: Wohnung)
vesnic ? ewig
slujba ? Posten
groaznic
ciudat
zid ? Mauer (die große, sonst "perete")

Wieder in Jena, nur die Gehwegplatten sind noch aus dem Osten. Die überall gleichen Ladenketten haben die Stadt erobert. Nichts ist mehr originell am Zentrum so einer Stadt. Muß immer überlegen, wo wir '83 langgestromert sind, erinnere mich aber nur noch an einen Süßigkeitenladen. Natürlich war die Stadt aufregender. Abends zu McDonald's. Sehr kaputt gegen 7 in Kahla. Einkaufen im neuen, fast leeren Netto. Das nette Mädchen an der Kasse. Wird sie jetzt ihr ganzes Leben lang hier kassieren?

Ein Stapel "Kahlaer Nachrichten". Kann nicht anders, als sie zu studieren.
Ein Formular zum Ausschneiden: "Folgende Unzulänglichkeiten/Gefahrenquellen habe ich festgestellt und bitte um weitere Veranlassung."
Psychosoziale Beratung "Wendepunkt" in der Moskauer Straße.
Kindergarten "Kirchenmäuse"
Kegeln. "Klarer Sieg mit 91 Holz unserer 1.Männermannschaft"
"Sehr geehrte Tierbesitzer, die Thüringer Tierseuchenkasse führt die amtliche Tierbestandserhebung 2005 durch"
"Bürgerkritik: Sachlich&konkret"
"Der Hinweis eines Bürgers, daß in den Kahlaer Geschäften Produkte mit überhöhten Preisen angeboten würden, kann nicht mitgetragen werden. Der Bürger sollte einmal wirklich die Preise in Kahla und in den Baumärkten vergleichen."
Gute-Laune-Band "Swinging Dixieland Union"
Skat-Stadtmeisterschaft: "In dieser von vielen Beteiligten äußerst ehrgeizig geführten Runde mußte Gunther Grajetzki seine Führung wieder abgeben."
"Der zweimalige Sieger des Dohlensteincup Eddy Büschel spürte bereits am ersten Spieltag des neuen Jahres das ernsthafte Bestreben der Mitspieler, einen erneuten Triumph zu verhindern."
Heimatgesellschaft Kahla e.V. lädt zum Videoabend ein. "Wanderwegewart Manfred Woitzat präsentiert Videoaufnahmen von Orchideen unserer Heimat"

Danach sogar zu kaputt zum lesen. Um 10 Licht aus.

8.3.05 Di, Jena, Café Wagner
Um 7 geweckt. Draußen schon hell. Schwerfällig losgelaufen, anfangs noch Rückenschmerzen. Schneedecke, vielleicht zum letzten mal dieses Jahr. Die Quelle ist natürlich nicht vereist. Die Suppichte hoch, der stille, duftende Wald. Den steilen Forstweg hoch nach Seitenroda, dann zur Leuchtenburg. Nach 57:03 zurück. Keine Zeit zum frühstücken.

Die quietschende Kreide, daß mich das nie gestört hat.

Starke Sehnsucht nach Bulgarien. Würde man es heute denn noch darauf ankommen lassen und ihr einfach hinterherfahren?

Die große, moderne Mensa, aber das Essen verkocht.

Telefonisch Karte am Theater für "Mein junges, idiotisches Herz" bestellt. Von einer Dramatik-Studentin aus Berlin. Behauptet im Interview, sowieso lieber ins Kino zu gehen, und nicht so "auf Provokation machen zu wollen, wie in Berlin, Volksbühne und so."

Auf einem Flyer steht: "groovige Mugge aus der Jenaer Schmiede"

Café Wagner, wo Mel schon sitzt und ein Buch über die Taliban liest. Die Hilfspakete hätten die gleiche Farbe gehabt, wie die Bomben. (??) Guter veganer Salat und ein Bier. Endlich angefangen, die Chronik ab 10.11.04 durchzugehen. Um sieben in den Hörsaal zur Filmvorführung.

Film: "Patul lui Procust" (2001)
Der Schauspieler aus Nostalgia als Dichter, der in eine Hure verliebt ist, und sich am Ende umbringt. Alles in Rückblenden, wir erfahren die Geschichte aus seinen Briefen, die die Hure aufbewart hat, und die einer ihrer Liebhaber sich in ihrem Bett liegend durchliest.
Nervige Paris-Anbetung aus den 20ern. Désir triangulaire, verkorkste Liebesgeschichte.
Beim Propeller anschmeißen sagt man "Kontakt"
Eine Studentin ißt im Hörsaal einen Döner, eine andere bringt ihr Baby mit, das die ganze Zeit nölt.

Am Bahnhof, nachts um halb 10 die hiesigen Zugverbindungen studiert. Nach Ingolstadt, Nürnberg, München, Wien geht es. Eigentlich müßte man die Direktverbindungen von jedem deutschen Bahnhof kennen.

In Chemnitz gibt es seit '96 einen Großhandel für alte DDR-Möbel und Einrichtungsgegenstände.

9.3.05, Mi, Jena, Café Bohème, abends
Schlaf 23:30 bis 8:00. Das Duschwasser hier so kalt, daß einem der Kopf platzt, aber sehr angenehm. Schnell zum Bäcker, den seine Kunden grüßen: "Auf Wiedersehen, Frau Blume." Keine Zeit, das frische Brot zu genießen, zur Bahn. Der Schnee taut schon.
In der Regionalbahn immer das Gefühl, auf Reisen zu gehen, obwohl die Fahrt nur 13 Minuten dauert.
Nachdenken über die Bedingungen einer Kleinstadtexistenz. Wer das heute noch auf sich nimmt. Die Beschränktheit der Entwicklungsmöglichkeiten. Wie traurig es sein muß, irgendwann tatsächlich in der Keksfabrik zu lernen, nachdem man sich das doch als Kind immer gewünscht hat, einmal in einer Keksfabrik zu arbeiten.
Eigentlich ist doch jede Arbeit unmenschlich.
Wunsch, diese ganzen Städte zu besuchen, Rudolstadt, Saalfeld, Orlamünde.

Wörter: vaporul ? das Schiff
Kurciuma ? Kneipe

Daß Mädchen im Unterricht immer eine Riesenflasche Wasser vor sich stehen haben müssen.

Legende: Zwei Brüder, Stefan und Cucu. Stefan bringt Cucu um, seitdem ruft er seinen Namen: "Cucu, cucu?"

Beim Essen neben einem Mann im Rollstuhl gesessen und darüber nachgedacht, warum man von Rollstuhlfahrern immer annimmt, sie seien sympathischer als andere Menschen.

Eine hat erlebt, wie Heino für ihre Behindertengruppe gesungen hat. Fünf ihrer Leute seien mit Kopfschutz auf ihn zu, um Autogramme zu bitten: "Heino! Heino!"

In der Bibliothek, die slawische Ecke. Brennende Wehmut bei der Bulgaristik. Wie verstaubt die alten Bände wirken, und welches Niveau man haben muß, um dazu wirklich zu forschen. Ein paar deutsche Titel zu Jugoslawien rausgeschrieben. Buch mit DDR-Übersetzungen von Partisanenliedern.
Der lautlose, perfekte Fahrstuhl. Die Arbeitsplätze mit Blick auf Stadt und umliegende Berge. Trotzdem die Bibliotheksluft, in der man es keine halbe Stunde aushält, obwohl alles so hell und modern ist. Das bedrohliche, lebensgroße Goethe-Porträt im Foyer. Ob denn für alle Zeiten feststeht, daß Goethe der größte war, den man nie erreichen wird, oder wird man ihn irgendwann gegen einen noch größeren Nationaldichter austauschen? Angenommen, Deutschland existiert noch 10000 Jahre?

"Po svetu" gibt es noch, erscheint 4 mal jährlich.

In der "Sports-Bar" im Stehen Arsenal-Bayern 1:0. Hohes Tempo, beeindruckende Präzision, lauter feine Einzelleistungen, und der Reporter hört nicht auf, von mangelndem Engagement zu sprechen.
Um mich Sachsen mit typischem Unterbiß. Die kleine Kellnerin quetscht sich mühsam durch die Massen.
Schneegraupel und mit gutem Gefühl warten auf den Zug.

10.3., Do
7:00h laufen, rechts am Hornissenberg vorbei, die Kuhställe, der Blick über das weite, hügelige Land, in Zäbitz angebellt, Fachwerkhäuser, rechts ab in den Wald. Der Schnee nach Tauperiode unter der dünnen Neuschneedecke hart gefroren. Schlechter Tritt, weil es kaum ebene Stellen gibt, stellenweise gestapft. Herrliche Sonne.

Das eine Mädchen mit lila Pullover, schwarzen Haaren und einem silbernen Vampir um den Hals. Ob sie aus speziellen Gründen rumänisch lernt?

"zacusca" heißt die gekochte Paprika-Tomaten-Masse. Damit ist das Rätsel geklärt, warum die alte Frau auf dem Markt in Sibiu immer: "Zacusca, zacusca", sagte, ich dachte, sie meinte, das eingekochte sei zum Frühstück gedacht.

Mein DDR-Rumänischkurs mit dem Stempel der "Bücherei der VEB Filmfabrik Wolfen".

Veganer würden nur Fallobst essen. In Indien würde man für die Veganer genetisch manipulierte Eier herstellen, die kein Eigelb enthalten.

Vorlesung über Roma-Bild der Rumänen.
Sozialpsychologische Vorurteilsforschung (was es alles gibt?) Stereotyp, ein Begriff aus dem Buchdruck. Eine Frau arbeitet am "Institut für Friedenspädagogik, Tübingen".
Roma, in Rumänien schreibt man sie Rroma, um den Begriff von "Romania" abzugrenzen.
Freiheit und Selbstbestimmtheit vs. faul, diebisch, parasitär
Hat Schüler in Cluj Aufsätze zum Thema schreiben lassen. Manche malen am Ende ihres Textes Grußworte: "Danke, Deuchland!"
"Gelem, gelem", offizielle Hymne der Roma.

20 Minuten tippen alleine, auf einer Bank im dritten Stock, wo abends kein Mensch mehr hinkommt. 19:00 Filmvorführung.

Film: "La salade", nach Novelle von Petru Dumitriu.
Ein rumänischer Offizier hat unter Bela Kun in Ungarn eine Adlige gerettet (Kristin Scott-Thomas) und inzwischen drei Kinder von ihr. Läßt sich in die Dobrudscha versetzen, wo die Komitadschi (Makedonier?) den rumänischen Grenzposten die Lippen abschneiden. Das Haus steht in der Einöde, eine Garnison verrohter Soldaten hat er zu befehligen. Die Frau freundet sich mit den bulgarischen Bauern an, die dazu abgestellt wurden, ihren Garten zu pflegen. Nach einer weiteren Attacke der Komitadschi, sollen zur Abschreckung die friedlichen, bulgarische Bauern getötet werden. Sie ist dagegen, aber er kann nichts machen, er müßte seinen Dienst quittieren. Fast wird sie noch von den aufgebrachten Witwen gelyncht.

Auf dem Weg zur Bahn zu McDonald's. Dann im Grünowski 1 h tippen und schnell zur Bahn. Im Bett ganz schwach. Schal in der Uni vergessen.

11.3., Fr
23:15-8:00 Schlaf. Frühstück am schönen Holztisch. Sonnige Küche. Rondo-Kaffee, ein paar rumänische Wörter im Valenzwörterbuch, man muß sich richtig davon losreißen. Der angenehme Zwischenzustand, zwar fremd, aber nicht mehr orientierungslos zu sein. Mit einer Routine, die noch nicht erdrückt.

Im Magazin ein Beitrag, was aus dem "Fräuleinwunder" geworden sei. Erpenbeck, Schwerdtfeger, Dückers, über die es heißt, sie gehöre zu den jungen Autoren, "die sich am meisten mit der Nazi-Vergangenheit auseinandersetzen".

Warten aufs Theater in der Theaterkneipe. Nette Barfrau zapft schales Bier. Ein Mädchen setzt sich an den Nebentisch und läßt mich nicht die Zeitung lesen: "Wenn du dich mit mir unterhalten willst?" Kann mich kaum auf den Freitag konzentrieren, weil es doch unangenehm ist, als Stoffel dazustehen, nur weil man seine Ruhe haben will. Sie findet aber einen jungen Theologen, der sich zu ihr setzt. Kommt aus dem Mansfelder Land, an der Schule ausgegrenzt. Mit dem kann sie über ägyptische Götter reden. Vorher hat sie eine Schauspielerin vom Theater in der Lektüre aufgestört, die sich zur Kassandra-Inszenierung nach Christa Wolf vorbereiten wollten, die demnächst Premiere hat. Sie kannte aber weder Christa Wolf, noch Kassandra. Fragt sie, ob sie den ganzen Text auswendig könne.

Stück: "Mein junges, idiotisches Herz"
Nach etwas suchen doch noch den Eingang vom Theater gefunden. Man wartet im Keller, neben der Drehbühnenmechanik. Fühl mich nicht so gut, hoffentlich nicht bei den vielen Erkälteten angesteckt.
Zu meinem Entsetzen muß man in der Mitte des Saals ohne Rückenlehne auf einer Bank sitzen, unauffälliges Verschwinden ausgeschlossen. Das Publikum sitzt in einer langen Reihe Rücken an Rücken. Der Text ist ein mageres Gestammel über einsame Menschen im Mietshaus, keine Charaktere, nur Comedy-Klischees. Einsamkeit verbildlicht durch eine Frau, die jeden Tag Gulasch kocht, ohne es zu essen. Eine ist scharf auf den Getränkemann und plant deshalb ihren Selbstmord so, daß er sie findet. Keine Sprache, keine Spannung in den Formulierungen, keine Dialoge. Die Figuren berichten nur atemlos, was passiert. "Ich gehe zur Tür und gucke raus, draußen steht er, ich bin aufgeregt." Ist natürlich bequemer, es so zu machen, weil man nicht riskiert, daß die Situationen nicht funktionieren, wenn man sie einfach erzählt. Hetzen durch den Text, ohne Nuancen beim sprechen, ohne die Wörter ironisch nachklingen zu lassen. Wie schwer es sein muß, junge Schauspieler zu finden, die gut sind. Und auch hier sind wieder die Männer besser als die Frauen, jedenfalls teilweise. Alle haben eine Masche, um die Figur darzustellen, und die wird ewig ausgewalzt. Und um das ganze optisch aufzupeppen, wird exzessiv Video projiziert, alle sind doppelt und dreifach auf den Leinwänden zu sehen.
Der einzige magische Moment, als ganz laut die Stones gespielt werden: It's all over now, baby blue. Da möchte man gleich das ganze Album hören.

Die Bahn um 2 Minuten verpaßt, also eine Stunde im Grünowski warten. So im tippen, daß ich fast die letzte Bahn verpasse.
Nieselregen. Im Zug hört ein Lehrling mit Walkman so laut Death-Metal, daß man fast mitsingen könnte. Wie traurig, wenn man sich selbst verstümmeln muß, weil man sein Leben nicht erträgt.

12.3 05, Sa, Jena, Grünowski, nachmittags, heiter-bedeckt
24:00h bis nach 3 so laute Musik und Getrampel von oben, daß ich es durch die Stöpsel durch höre. Böse Träume, zwei Mädchen, die durch die Lüftungsschächte in meine Wohnung kriechen wollen, versuche, sie durch Messerstiche zurückzuhalten.
Dafür beim Aufwachen doch noch gesund. Oft hält man Kopfschmerzen und Überanstrengung für Erkältungssymptome.
Wieder leichter Reif oder Schneeschicht, glatt, die Füße kalt. Auf dem Bahnsteig eine Oma mit ihrem Enkel. Herrliche Sonne, Sonnabendmorgen.

Die Frage "Care este participiul verbelor a scrie, a fierbe, a culege" schon beantworen können.

Die ganze Woche schon darauf gefreut, wieder im Alt-Jena essen zu gehen. Wie herrlich weit weg man hier von allem ist. Eigentlich bin ich nur wirklich glücklich, wenn ich lernen darf und nicht arbeiten muß.
In der Taz endlich die Mawil-Rezension erschienen. Eine Doppelseite über die Verhältnisse beim Spiegel. Klingt alles sehr staatstragend und shakespearesk, dabei würde das Blatt keinem fehlen, wenn es einginge.
Ausgerechnet in den Ostthüringer Nachrichten eine ganze Seite über die KFOR-Truppen und die von der SFOR organisierte Waffenrückgabe in Sarajevo. Eine Oma, die eine Handgranate im Einkaufsbeutel bringt.
Ein etwas verlotterter Opa, der vom Bringedienst abgeholt wird: "Ich wünsche einen guten Appetit!" Sauerkraut-Kartoffel-Suppe, Rindsroulade mit Thüringer Klößen, gebackene Apfelringe mit Eis, großes Bier und Kaffee, alles für nur 17,10.

Doch schwach geworden und zum Internet gegangen, der Saal hat zu, aber im Foyer vom Rechenzentrum stehen die zwei öffentlichen Terminals. Ein älterer Mann, der hier anscheinend den ganzen Nachmittag verbringen wird, lädt sich Fotos und Hip-Hop-Videos runter.

Jetzt wird Erpenbeck dafür gelobt, daß sie ihre Heldin bei "mit Näglein besteckt" an Nägel denken läßt. Dabei hat das doch jeder, und man hat es auch schon mindestens einmal bei wem anders gelesen (Christa Wolf?)

In Literaturen sehr positive Besprechung von Danilo Kis "Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch". Daß man so unterschiedlich empfinden kann, es ist doch ganz langweilig geschrieben, mit einer bitteren, schwerfälligen Ironie.

Im Zug reden zwei Frauen: "Denn hab isch eins gelesen, dis hieß 'Sklofin', dis is scho-kie-rend. Da stehn dirr de Hore zu Bersche. 'Unter goldenen Gittern', die Lebensgeschischte von der Nägerin, Marry Higgins, da kommste nisch mähr von los. Da ist eins dabei, da tun se die lebendisch begraben, die merkt dis aber gar nich."

Abends in der Wohnung Büchsennudeln. Auf der Straße ein halbstündiger Streit zwischen Betrunkenen. Manchmal springt der Obermieter auf, so daß ich von der Vibration trotz Ohrstöpseln aufwache. man bräuchte also eigentlich ein gegen Erschütterungen abgefedertes Bett, um ganz sicher zu gehen, nicht geweckt zu werden.

In der Taz ein Gespräch mit Antikapitalismusforschern. Sie hätten bei Armen in südamerikanischen Städten 200 Metiers gezählt, die sie betreiben, um zu überleben. Die Kreativität, und daß die natürlich von der großen, (angeblich) herannahenden Krise weniger betroffen sein werden, weil sie ohnehin schon so leben müssen. Das ist wie das Straßen-kow-how des Clochards in dem Klimafilm vom Emmerich.

Buch: Aleksandar Zograf "Bulletins from Serbia" (UK, 1999)
Serbischer Comicautor, dessen Spezialität Comic-Strips sind, die er nach seinen Träumen zeichnet. Schreibt vom 24.5.-10.6.99 aus Pancevo, einer kleinen Stadt bei bei Belgrad, E-Mails für seine Freunde im Ausland.
Ihre größte Angst ist, daß die Raffinerie in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung bombardiert werden könnte. Alle befürchten eine ökologische Katastrophe. Viele Bomben treffen auch Zivilgebäude.
Die serbischen Flugabwehreinheiten am Boden sind mobil, um nicht getroffen zu werden.
Durchgehende Beobachtung, daß das Regime seine Repression "unter dem Schutz" der Nato-Bomben noch verstärkt. B92 wurde geschlossen. Sie können zur Armee einziehen, wer ihnen nicht paßt.
Im Fernsehen kommen "boring old war movies"
Arbeiter in Kragujevac, wo der Yugo hergestellt wird, dessen neueste Version ironischerweise "Yugo Ciao" hieß, bilden ein human shield.
Roma nehmen ein abgeschossenes Nato-Flugzeug auseinander, fürs Altmetall.
Man hat e-mail-Adressen von Piloten der NATO-Basis im italienischen Aviano herausgefunden. Jetzt können sich, dank der modernen Technologie, die, die die Bomben werfen, und die, die dort leben, wo sie fallen, beschimpfen.
Der NATO gehen die Ziele aus, und was ist kein militärisches Ziel? Umkehrung des Prinzips aus "Die totale Mobilmachung", denn alles kann vom Militär genutzt werden. So bombardieren sie irgendwann auch eine Mülldeponie.
Menschen in Novi Sad bilden eine Menschenkette auf der letzten intakten Brücke.
Warum hat der Warschauer Vertrag nicht London bombardiert, wegen Thatchers Nord-Irland-Politik?
Die Hühner legen wegen der ständigen Detonationen kleinere Eier.
Während der Angriffe bewacht eine bewaffnete Einheit den Belgrader Zoo, falls die Raubtiere ausbrechen.
Er sammelt lustige und absurde NATO-Flugblätter, die ihn an "Mars attacks!" erinnern, wo die Mars-Menschen auf der Erde wild um sich schossen und immer wiederholten: "Don't run away! We are friends."
In einer kleinen Stadt in Belgien, wo es auch einen "Roter Stern"-Fußballklub gibt, fürchten sie schon, versehentlich auch noch bombardiert zu werden.
Witz: Milosevic schreibt an Clinton: "Lieber Bill, wir ertragen es nicht mehr. Gib endlich auf!"

Es ist irgendwie beleidigend, daß nach meinem Tod immer noch Strom durch die Leitungen fließen wird.

13.3., So
Langer Lauf bei herabrieselndem Schnee. In der Suppichte nach Tauwetter hartgefrorener Schnee unter neuer Pulverdecke. Langer Anstieg durch den völlig einsamen Wald. Die Freiluftkapelle an der einen Biegung. Oben, kommt man auf die Landstraße, die vom Schnee zugeweht ist, kein Auto, verhangene Sicht. In Seutenroda Schnee schippende Hausbesitzer, das Geräusch von die Straße kratzenden Räumgerät. Die schönen Fachwerkgehöfte. Den Weg über die Felder gewählt, der aber so zugeschneit ist, daß man ihn nur am Kuhzaun erkennt. Knietief im Schnee, 2Km Kniehebelauf. Auch in Seitenbrück sind alle am Schnee schippen.

Kindheit: Ferienlager. Wie spannend die anderen Kinder alle waren. Jeder hatte Eigenheiten, oder er besaß interessante Sachen, oder er kannte neue Witze. Sie kamen aus ganz verschiedenen Milieus, aus anderen Ecken Berlins, man machte Treffen für die Zeit danach aus. Heute komme ich in eine Gruppe und interessiere mich nicht mehr für die Menschen.

Mit dem Zug nach Weimar über in Jena West. Genau aufgepaßt, wo die Linien sich vor Jena kreuzen. Nach Weimar, ein Katzensprung. Sofort angestrengtes Graben im Gedächtnis, ob man etwas wiedererkennt. Immerhin seit '89 nicht hier gewesen. Aber der ganze Bahnhofsbereich, ohne jede Erinnerung.
Mit dem Bus nach Buchenwald. Damals hatte man den Termin geschwänzt, aus Opposition gegen das pflichthafte. Reisebusseweise Besucher. Eine laute Gruppe junger Holländer, eine andere mit Italienern. Das zweifelhafte einer Gedenkstätte als Touristenattraktion. Aber, wie soll man es machen?
Wenig originales ist erhalten. Vielleicht seien die Baracken abgerissen worden, weil hier noch 5 Jahre ein Lager der Russen war, und weil die Gefangenen Sachen ins Holz geritzt hatten. Jemand fragt sich, ob es dafür wohl auch eine Ausstellung gebe, und eine sagt ganz empört: "Das ist aber doch noch was anderes."
Weimar sei ziemlich rechts gewesen. Eine sagt: "Alle deutschen Städte waren rechts!"
DDR-Industrie: Feuerlöscher von VEB Feuerlöschgerätewerke Neuruppin
Eine metallene, draußen in den Boden eingelassene Gedenktafel, ist genau 37 Grad warm.
Schneidender Wind auf dem Appelplatz. Der Blick über die Hügel Thüringens, mit wandernem Licht, kleine Ortschaften.
Einer wollte seinen Bruder aus der Todesbaracke holen und mußte dafür einen anderen schicken, der davon nichts ahnte. Holte ihn aber auf halbem Weg zurück, weil er es nicht konnte. Später hat er den fast geopferten getroffen. Sein Bruder mußte sterben.
Die Prominenten, die hier kurz gefangen waren, französische Politiker.
Das Selektionsprinzip, das sich im Lager fortsetzte und dauernd präsent war, gerade auch unter den Gefangenen selbst. Es gab auch ein "kleines Lager", in dem alles noch schlimmer war, und aus dem man kaum wiederkam.
Nach der Befreiung schwärmen sie in die Dörfer aus, auf der Suche nach Essen.

In Weimar am Goetheplatz das Gebäude, in dem bei den Weimartagen das Org-Büro war. Über den Boulevard, den wir damals immer auf und ab stromerten. Das Antiquariat Suleika ist noch da, wo ich Bulgakows "Kleine Prosa" gekauft habe. Sonst kaum etwas erkannt, alles renoviert. Der Theaterplatz mit dem Goethe-Schiller-Denkmal. In meiner Erinnerung war es viel größer, mit mehr Stufen, auf denen sich abends alle getroffen haben zum Gitarre spielen. Wie wir durch die Stadt marodierten auf der Suche nach interessanten Geschäften und Abenteuer. Nach Kneipen, in denen wir Bier bekamen. Und jetzt ist es ganz banal geworden.

In ein Café-Restaurant, lange gewartet auf einen enttäuschenden Sauerbraten mit Klößen. Zwei Männer im Gespräch, einer berichtet, er sei auf der Flucht aus Ostpreußen geboren.
Zeitung: es gibt eine amerikanische Versicherung, bei der man sich gegen Entführung durch Außerirdische versichern lassen kann. Man muß nur beweisen, daß man wirklich weg war, dafür reicht ein Gegenstand, der nicht von der Erde stammt.

14.3., Mo
musafir ? Gast

Kaffee bei Bagels and Beans. Den Becher in die Jackentasche gesteckt, der Deckel öffnet sich unterwegs zur Uni unbemerkt, und mir fließt alles über die Hose.

Wieder dieser unfreundliche Antiquar in der Wagnergasse. Was er sich wohl denkt mit diesen Allüren? Vieles würde man gerne nehmen, aber ich kann es nicht nach Hause schleppen. Schon '81 ist bei Aufbau ein Erzählungsband von Alexander Kluge erschienen, in dem es einen akribisch genauen, dokumentarischen Text über die Bombardierung von Halberstadt gibt, mit einmontiertem Bildmaterial, Abwurfkarten und Statistiken. Und heute wird der Bombenkrieg plötzlich Thema, und alle glauben den Medien, daß das neu sei.
Ein Buch "Tschechisch für Anfänger" aus dem Sudetendeutschen-Verlag, Reichenberg, '43.

Dann im Hörsaal, jemand besorgt vom Pförtner die Fernbedienung des Projektors. Die Uni ist abends ganz leer, man war seit mittags hundemüde, hat sich aber durchgebissen und genießt dafür jetzt eine besondere Euphorie.

Film: "Marfa schi bani"
Billig gemacht, aber eine echte Entdeckung. Ein junger Mann bekommt von einem dubiosen Ganoven den Auftrag, für "Medikamente" von Constantza nach Bukarest zu fahren. Etwas taratinoesk, die Frage des Auftraggebers, ob er morgens oder abends scheiße, mit solchen, die Abends scheiße, habe man nur Ärger, denen könne man nicht vertrauen. Er selbst könne ja nur zu Hause.
Der Junge nimmt gegen die Anweisung einen Kumpel und dessen Freundin mit. Unterwegs werden sie von einem mysteriösen Auto verfolgt, dessen Insassen sie bei einem Halt attackieren. Aber das ist alles gar nicht so wichtig, weil das beeindruckende ist, wie genau und ohne Übersetzungsverluste durch das Medium, die rumänische Realität eingefangen wird. Daß er in einem winzigen Zimmer bei seinen Eltern wohnt, aus dem Fenster der Küche heraus betreibt die Mutter einen Straßenkiosk. Er soll ihr aus Bukarest gleich Getränke vom Großmarkt mitbringen. In der Küche sitzt die stumme Großmutter und muß gefüttert werden. Das Auto ist so klapprig, daß sie nur 60-70 fahren. Die Straße ist eine langgestreckte Karawanserei, überall Buden, parkende Autos, es wird gegrillt. Genau wie in Bulgarien, Autofahren ist nicht der Streß der Wettfahrt, wie bei uns, sondern man kann zur Not auch Dreispurig überholen. Ständig wird mit den anderen Fahrern kommuniziert, bzw. sie werden beschmipft.
Dann die Gespräche: sie sitzen in diesem wackligen Kleinbus und unterhalten sich, welcher Pickup der beste ist.
Von der Polizei bei einer Geschwindigkeitskontrolle gestoppt, bekommen sie die zu erwartende Strafe vorgerechnet und verhandeln anschließend, wieviel daraus wird, wenn sei dem Polizisten ein Bakschisch geben. Das läuft ganz routiniert ab, als sei es Alltag.

Den anderen gefällt der Film nicht, wahrscheinlich, weil drei Viertel nur aus der langsamen Autofahrt besteht. Sie gehen zum Teil raus, oder machen den Film bei der Auswertung im Kurs schlecht. Man ist so allein mit seinem Geschmack.

15.3., Di
Laufen, Suppichte, Leuchtenburg, Dohlenstein, 56:16.

Wir sollen über unseren Taumberuf reden, und das Thema deprimiert mich unerwartet. Nicht, weil ich ihn nicht finden würde, sondern, weil ich stellvertretend für die anderen Existenzängste kriege. Wie sollen die denn alle je eine Arbeit finden? Und was hätte alles noch schieflaufen können bei mir.

Jeden Tag, nach dem Mittagessen, der Kampf mit dem Kreislauf. Wenn man wach bleibt und am frühen Abend Bier zu trinken beginnt, wird man allerdings zum Lohn doppelt agil.

Von 17:00 bis 20:00 Film und Diskussion: "Wunden", (R.: Günther Czernetzky)
Er ist siebenbürger Sachse, '78 für ein Filmstipendium nach München gegangen. Heute ist er wieder sehr oft in Siebenbürgen, und ab 70 möchte er gerne das halbe Jahr dort verbringen.
Träg zwei Abzeichen am Revers, aus Ironie. Ein Akivisten-Abzeichen, und eines für 10 Jahre Arbeit in der "Heimatsortgemeinschafts?"(??)
Er zeigt uns seinen Dokumentarfilm über die bis heute in Siebenbürgen gebliebenen Menschen. Die Aufnahmen sind von Ende '92-'93, es sind nur ältere bis greise Leute geblieben, dafür hat jeder ein Charaktergesicht. In jedem Dorf hat er gefragt "Wer kann hier am besten erzählen?" und man schickte ihn hin. Tatsächlich kultivieren manche eine regelrecht dramatische Erzählweise, richtig auf den Höhepunkt der Story bedacht.
Zwischen die Erzählungen werden alte Wochenschauaufnahmen geschnitten, die einem bewußt machen, wieviel erhellendes Material es noch aus der Nazi-Zeit zu entdecken geben muß.
Ein 100jähriger Zigeuner mit weißem Bart und langen, weißen Haaren. Hämmert auf einer Zinkwanne. In den 40ern nach Transnistrien deportiert. In der Ukraine im Lager gewesen. 3 1/2 Monate Fußmarsch dorthin. Wollte Gras fressen, aber ein Russe hat ihn gewarnt, das sei tödlich, ihm das Leben gerettet.
'41 wurden die Zigeuner nach Transnistrien deportiert.
'42 eine deutsch-rumänische Siegesparade in Bukarest, die "siegreichen Odessa-Krieger"
Erst die Krim, dann Kaukasus, Stalingrad.
Es gab eine "1000-Mann-Aktion", siebenbürgische Volksgruppenführer "schenkten" Himmler Leute für die SS.
Vertrag Antonescu/Hitler, Sachsen aus der rumänischen Armee übergetreten. Die Frage ist heute, ob und wie freiwillig das geschehen ist. Einer erzählt stolz, wie ihre Einheiten die Deutschen beeindruckt haben.
Wandspruch: "Was du erringst im Kampf der Zeit/ ist Saatkorn für die Ewigkeit"
Wochenschau '44: "Verrat des rumänischen Königs Mihail und seiner Hof-Kamarilla". Am 23.August, dem späteren Nationalfeiertag Rumäniens, heute ist es wieder ein anderer.
Plötzlich kämpft die rumänische Armee mit den Russen gegen die Deutschen. Aber sie wurden von den Russen nicht ernst genommen, zwischen den Fronten als Puffer verheizt.
"Erst hieß es, Bessarabien wird befreit" (unter den Deutschen, mit der rumänischen Armee) "dann Siebenbürgen" (auf dem Rückweg, diesmal mit den Russen von den Deutschen)
Verhältnis der Siebenbürgern zu den Banater Schwaben, die ja erst unter Maria-Theresia gesiedelt haben, immer kritisch.
'45 wurden dann Männer und junge Frauen von den Russen verschleppt. Streitfrage, ob die Rumänen die Häuser der Deportierten geplündert haben. Ihr Pfarrer sagt heute, nein, aber die Sachsen erzählen schlimme Geschichten, bis zu Raubmord an denen, die an ihrem Besitz festhalten wollten.
Die "Motzen" aus den Westkarpaten füllten ihre Häuser als Kolonisten. Oder Zigeuner, denen sie aber zu groß waren. Sie bauten sich lieber ihre eigenen Hütten auf dem Grund.
Andererseits der Kummer des Rumänen, der seine erste eigene Ziege nicht beim Sachsen grasen lassen durfte.
Die Sachsen auch heute voller Vorbehalte gegen die Rumänen, die sich nichts aufbauen würden, nur neidisch seien auf ihrs. Würden nur darauf warten, daß sie nach Deutschland gingen.
Eine Sächsin erzählt im reinsten siebenbürger Sächsisch (Schwäbisch?), von dem kaum ein Wort zu verstehen ist, und das manchmal fast wie jiddisch klingt.
Sie ist im Viehwaggon in die Ukraine gekommen. Die Russinnen, die wußten, daß sie zu Hause drei kleine Kinder hatte, fragten: "Wo ist die mit den drei Kindern?" und gaben ihr was zu essen.
Im Arbeitslager sagen sie immer "skoro domoi", aber es stimmte nicht. Man nennt sie "Stachanowista", weil sie so gut arbeitet.
Nach fünf Jahren kommt sie zurück, und ihre Kinder kennen sie nicht mehr. Mit Bonbons geht es irgendwann.
Ihren Mann hat sie 18 Jahre nicht gesehen, bis er Anfang der 60er aus Deutschland zu Besuch kam, wo er, wie sie sagt, "?zwei Frauen hatte. Sollte ich die dritte sein?" Sie trifft ihn auf Wunsch der Kinder, und ist so bewegt, weil alles wie früher war, als hätten sie sich nie getrennt. Aber sie bleibt in der Heimat und er stirbt zwei Jahre später in Deutschland.
Eine andere klagte nach ihrer Rückkehr immer. Die Mutter kochte alles für sie, aber "immer fehlte was". Dann gab ihnen zu Ostern ein Mann einen Becher Wein. "Das war wie Gold!" Sie ging zur Mutter: "Jetzt kannst du kochen, was du willst. Der Wein war es!"
Aufnahmen vom Jahrmarkt heute, was für Visagen! Herrlich, wenn das bald in die EU strömt.
Wie schrecklich es für alle ist, als letzte zurückzubleiben. Die Ausreisewelle war wie ein Virus. War ein Haus infiziert, war schnell der ganze Straßenzug weg.
Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, zeigen keine Reue wegen Wehrmacht-, oder SS-Angehörigkeit.

Spät, bewegt und erfüllt zurück nach Kahla.

16.3., Mi
Vorlesung üner "Pro- und antiwestliche Diskurse in Rumänien"
Prügel aus Rumänien, weil sie sich in Deutschland "Balkanrumänistenverband" nennen, und Balkan dort negativ besetzt ist. Balkan sind immer die anderen.
Als einziges romanisches Volk nicht katholisch, sondern orthodox.
17.Jh. schreiben Chroniken in Moldau "Von Rom stammen wir ab"
Laurian schreibt 1853 rumänische Geschichte, datiert sie aber auf 2606 (ab urbe condita, Rom ist 753 gegründet)
Phanar, griechischer Stadtteil in Konstantinopel. (heute Fener, Fenerbace?)
Seit 1710 bis ins 18. Jh. Phanarioten, reiche griechische Familien aus Phanar, kaufen sich bei den Osmanen als Statthalter für Rumänien ein. Von Rumänien heute als düstere Periode gesehen, aber in Wirklichkeit kulturelles Aufblühen.

Antiwestliche Diskurse seltener. Im 20.Jh:
- die "Semanatoristi" in der Zeitrschrift "Semanatorul" ("Der Sämann")
Nicolae Bega verherrlicht den Rumänen als trinkfesten Bauern und Weiberhelden. Dagegen der Städter, der sich einer fremden Kultur an den Hals geworfen hat.

Film: "Filantropica"
Leider ohne Untertitel, und man versteht vielleicht ein Prozent. Trickbetrüger, deren Nummer darin besteht, die Zeche zu prellen. Sie tun so, als feierten sie ihren Hochzeitstag, deshalb springt immer jemand großzügig ein. Das Geld teilen sie mit dem Kellner.
Gute filmische Ideen, er wird in einer Karaoke-Bar vom Kellner verprügelt, dessen Beschimpfungen am unteren Bildrand wie eine Karaoke-Schrift zu lesen sind.

Durch neue Bücher reichert man die alten an. Man schreibt nie nur am aktuellen Text, sondern verändert durch das Entstehen des neuen Textes gleichzeitig auch alle alten Texte. Nur im Kontext der neuen Texte bedeuten sie, was sie bedeuten. Das ist der Werkgedanke.

17.3., Do
Laufen: Suppichte, Leuchtenburg. Nur mit Hemd und Pullover, keine Leggings. Kaum noch Schnee, nur im Wald, an Stellen, wo die Sonne nicht hinkommt.
Sehr glücklich, wenn man den Morgen so durchgetaktet hat, daß man genau in der Zeit liegt. Schnell einen Kaffee und das frische Brot vom Bäcker. Ein paar Seiten rumänische Sätze im rumänischen Valenzwörterbuch. Dann los zum Zug, zum ersten mal im Jahr nur mit Jeansjacke und ohne Mütze.
Genau noch die Fahrkarte zu kaufen schaffen am Automaten. In der Sonne auf dem Bahnsteig warten, hinter einem der bewaldete Berg. Die kleine hübsche aus den letzten beiden Jahren fährt auch wieder mit demselben Zug. Die Haut hat schon etwas gelitten unter dem Solarium.
In Jena ohne zu hetzen zur Uni, und wieder hat man einen Tag vor sich, an dem man etwas lernen darf, was einen interessiert, und sich für nichts rechtfertigen muß, was man macht.
Eigenartig wirken die riesigen Schrotthaufen von Frank Stella auf dem Uni-Campus. Vermutlich nicht nur sündhaft teuer, sondern auch noch regelrecht häßlich.

rastalmaci ? auslegen
ras-, slawisches Präfix, talmaci ? dolmetschen

Vertretungsstunde, wir lesen endlich einen anspruchsvolleren Text, man ist gleich Feuer und Flamme. Diese ewigen, gequälten Dialoge doch am Ende satt bekommen.
Dann im Grammatiktest einen Text schreiben sollen zu etwas, was mir unvergeßlich ist. Erzähle vom ersten Rumänien-Besuch, zufällig am Nationalfeiertag in Sibiu die offizielle Demonstration erlebt.

Herrlichste Bücher antiquarisch auf dem Uni-Campus. Nehme ein 2004 erschienenes Südosteuropa-Lexikon.

Mit Mel am Nachmittag im Grünowski. Wundert sich über meine Abschiedswehmut, die mich schon seit Montag quält, seit die Hälfte rum ist. Sie hat hier überhaupt nicht solche Gefühle.

Volkshochschule bietet Kurse an "Körpersprache für Arbeitslose"
"Malen in den Farben Blau/Gelb/Rot"
"Plastisches Gestalten: Mäuschen aus Sackstoff"
Nächste Woche steht in den "Kahlaer Nachrichten": "Jochen Schmidt, der zwei Wochen bei seiner Schwester im Eichicht gewohnt hat, hat die Stadt wieder verlassen."

Noch einmal nach Jena, zum Abschiedsfest. Zu Fuß durch die halbe Stadt gelaufen, durch Gegenden, die ich noch gar nicht kannte. Es ist alles noch viel größer, voller herrlicher Villen. Am Hals friert man, sonst ist es zu warm. Das Jugendgästehaus am Rand der Stadt, wo die meisten untergebracht sind, eine große, weiße, renovierte Villa. Sie tanzen schon zu Manele-Musik.
Auf der Rückfahrt im Auto Mels Kasabian-Kassette. Sie stellt jeden Monat eine Mixkassette zusammen.

Zu Hause zu kaputt zum lesen. Jeden Abend schläft man mit der Angst ein, krank zu werden, dabei war einfach nur der Tag zu anstrengend. Bis jetzt habe ich mich auch bei den vielen Erkälteten im Kurs nicht angesteckt, es ist fast ein Wunder.

18.3., Freitag
Nachts schon vom DDR-Essay fürs DT geträumt.

Vor dem Porzellanwerk soll jetzt ein Lidl gebaut werden, obwohl die ganzen anderen Ketten hier schon nicht ausgelastet sind.
Verschwitzt, aber rechtzeitig am Bahnsteig. Ältere Damen aus Kahla treffen sich: "Und?"
"Zur Mammographie"
"Ach, die alljährliche."
"Nein, zur Kontrolle, ich hab doch Zysten."
Nicht wiederzugeben dieser gemütliche Dialekt.
Wieder steht das rote Mifa-Rad im Abteil. Die Löcher am Schutzblech für das bunte Gumminetz. Wunsch, mir wieder ein altes Mifa-Rad zu kaufen, wo kriegt man eins?
Rothenstein, auch beim vierten mal in Kahla habe ich es nicht geschafft, mir die alte Ferienlagerschule anzusehen. Plötzlich fällt mir ein, daß damals im Ort ein altes Plakat vom Wanderkino hing, das Wochen vorher "Sie nannten ihn Mücke" gezeigt hatte. Daß man sich so etwas gemerkt hat, und heute rauscht alles, was man erlebt, einfach durch.

Sie weiß nicht, was sie mit uns heute noch machen soll, hat offensichtlich keine Lust. Fängt gleich mit Diskussion über Stereotype an, unendlich zäh und langweilig. Statt uns einfach einen schönen Text aus der Zeitung lesen zu lassen. Dieser Wahn, immer gleich sprechen zu wollen, dabei muß man doch erst einmal lesen, lesen, lesen.
Für den Test immerhin 2,7, dafür , daß ich vor zwei Wochen noch nicht einmal sagen konnte: "Ich lerne Rumänisch, weil mir die Sprache gefällt."

Um 11:25 losgegangen zum Bahnhof. Sogar noch bei McDonald's einen Royal TS. Der hat so viel Mayonnaise, daß mir im Zug schlecht wird, und ich nicht mal den "Freitag" lesen kann.

Nach zwei Monaten noch keine Antwort vom Verlag. Ob es das Buch je geben wird?

18:30 am SO36 eingetroffen. Seitlich durch einen schmutzigen Hauseingang. Diese schmuddlige Clubatmosphäre. Beim Thailänder an der Ecke, Ente cross zu Tode paniert. Volker und Stefan wollen gehen, weil sie "sowas nicht essen".
Aber wenigstens füllt es sich erstaunlich, ca. 400 Leute. Nur wegen Schwäche kein Enthusiasmus zu empfinden, man sitzt Backstage und hofft, daß alles bald vorbei ist. Eines Tages wird einen das Publikum kreuzigen. Die Ansage mit Dan geht noch, der Ton ist gut. Roberts Linsentext hysterisch belacht, aber gleich danach bei "Geräumige Kiste" schon kein Verständnis. Danach immer stärker anschwellendes Quatschen von hinten, wo die Leute, die die Band hören wollen sich aufhalten. Ein lauter "Ohrboten!"-Zwischenruf. Man kann ja nicht die anderen für den einen bestrafen, aber eigentlich müßte man den Versuch spätestens in dem Moment abbrechen. Stephan: "Danach kommen die Ohrboten, es ist ihr erster Auftritt, und hoffentlich nicht ihr letzter."
Brillenschlange schleppend verkauft, Bücher gar nicht. Ohrboten mit begeistert mitsingenden Fans. Daß junge Menschen sich dazu hergeben, andere zu bejubeln, werde ich nie verstehen. Man hat doch seinen Stolz.
Angst vor der Disko, ich muß auch noch anfangen. Aber ich spiele einfach 10 Hits, und es läuft. Nur bei Morrissey leert es sich sofort, es ist wie verhext. Kurz nach halb 2 zurück. Lange auf dem Alex warten müssen, wo gruslige Puppen aufgebaut sind. Dieses jugendliche, nachts durch die Unterführungen marodierende Party-Volk, woher haben die nur die überschüssige Energie für so etwas? Laut, sinnlos und aggressiv, deprimierend.

19.3., Sa
Schon nach 6 Stunden aufgewacht, Kopfschmerzen.
Im Flur von einer Rentnerin abgepaßt, drücke ihr 5 Euro für die Volkssolidarität in die Hand. "Prima, da mache ich ja Punkte."
Ostbahnhof. Zeitung: Oslobodenje: Uri Geller sucht Ante Gotovina.

Leipzig. Das "Blaue Wunder" hieß die Fußgängerbrücke, die sie abgerissen haben, berühmt von Fotos der Montagsdemos. Das Stasi-Gebäude war gar kein Neubau, sondern massiv und alt.
Frittiertes Schnitzel im Keller, wo anschließend eine Grufti-Lesung laufen wird: "Anderer Lebensstil ? Selbstverletzung."
Nur 10 Leute sind gekommen, die Hälfte von Amnesty. Lese aus dem Minsk-Tagebuch. Auch den Taz-Artikel, der mir sogar selbst gefällt.

Danach schaffen wir noch den Zug kurz vor 6, weg aus Leipzig, wo man mich wieder nicht vermißt hat. Kein Sitzplatz, nur in der Mitropa. Ein Spanier neben uns, der das neue von Andruchowytsch liest und ihn interviewt hat. Ein älterer Engländer bestellt das Eis-Dessert. Zwei Bier.

Benn, am 19.3.45 an Oelze: "Wer über Deutschland reden und richten will, muß hiergeblieben sein."
Das muß eine interessante Debatte gewesen sein in der Nachkriegszeit. Für uns zählen ja vor allem die Exil-Autoren, aber wie haben die dagebliebenen das gesehen? Vergleichbar mit Bosnien, wo es fast schon eine Arroganz derer gibt, die ausgeharrt haben.

Nenad war in Leipzig und hat sich nicht gemeldet. Bei einer Gesprächsrunde "10 Jahre Dayton" mit Ugresic, Dragan Velikic, Lawrence Norfolk, der sich dafür vor Jahren mit einem "Kleinen Bosnischen Alphabet" qualifiziert hat.

Halb 9 zu Hause. Bei "Wetten Dass" jongliert einer mit dem Mund Tischtennisbälle an einer Wand, Kate Blanchett guckt zu. Bei der Saalwette hat tatsächlich ein Berliner die Wetten-Dass-Ausgabe von '83 auf Video.

Die Buchnacht auf MDR mit "den wichtigsten Neuerscheinungen der Saison".
Kempowski kommt später, herrlich miesepetrig und ungeduldig, läßt die Moderatorin von Anfang an auflaufen. Dreht sich immer um, wenn der Moderator in anspricht, weil er das Geräusch nicht zuordnen kann: "Wer redet hier?"
Im Einspieler wird gesagt, manche nennen ihn einen Revanchisten. "Wer soll das denn gesagt haben?" Das sei doch Unsinn. Auch alle Fragen, die ihm gestellt werden sind dumm.
Das Echolot habe "seine Gesundheit untergraben". Er will jetzt "den Stift hinlegen". Er hätte "sein Pensum geschafft", natürlich schreibt er noch Tagebuch, schon 16000 Seiten. Da könne man dann sicher auch lesen, was er über diese Revanchisten-Sache denke, warnt er die Moderatoren vor.
Nach diesem schrecklichen Krieg, er versteht das alles nicht, Ost-West, "die" Schweizer. Muschg bewundernswert höflich und sanft, läßt sich nicht provozieren. Die Akademie würde sich auf sein Archiv freuen. Aber Kempowski stichelt weiter, geradezu paranoid. Aber natürlich verständlich nach dem Lebenspensum. Und sowieso immer befreiend, wenn heute noch einer aus der Rolle fällt, letztlich bleibt gerade so ein Auftritt in der Erinnerung.
"Herr Kempowski, wir danken ihnen herzlich für das Gespräch."
"Halts Maul, auf deutsch gesagt."
Muschg findet die Ost-West-Debatte unverständlich. Der Osten sei Teil der deutschen Geschichte, arrogant, daß sie sich dafür nicht interessiert hätten.
Buscheuer faselt über New York und ihr Leben als Kunst-Projekt. Kein gerader Satz. Dafür soll ich Gebühren zahlen.

Film: "Djindjic" (R.: Christopf Sodemann, Dusan Velickovic)
Am 12.3.03 ermordet. Der Begräbniszug in Belgrad, die vielen tausend Menschen. Ganz vorn Soldaten.
Als Student noch mit längeren Haaren, manchmal Bart, aber schon der intensive Blick. Er hätte immer so viel gelesen.
'78 in Konstanz promoviert. "Marx' kritische Gesellschaftstheorie und das Problem der Begründung"
Ein Klaus Mangold, Vositzender des "Ost-Ausschus der deutschen Wirtschaft" (klingt fast wie "Heeresgruppe-Ost"). Feist in seinem Bonzensessel. Und so ein Mensch hat nun berufsbedingt noch am meisten Einblick in den Osten.
1990 zurück nach Belgrad. Politiker geworden als Konsequenz aus seiner intellektuellen Arbeit.
Diese eigenartige Episode. Warum hat er im Krieg ('95?) in Pale die bosnisch-serbischen Nationalisten getroffen? Er sagt, es spielte damals keine Rolle, ob es Karadzic war, sonst wäre es ein anderer gewesen. Manche meinen, er wollte einen politischen Verhandlungserfolg bei den Separatisten, als Trumpf gegen Milosevic. Den nationalistischen Führern schmeicheln, und Serbien nach Europa schummeln. Denn da gehörte es für ihn unmißverständlich hin. Wenn das stimmt, war es eine kühne Strategie, und der typische verschlungene Weg der Realpolitik.

Am Mount Everest gelte eine eiserne Regel, um 13:00 muß man spätestens umkehren und absteigen.

20.3., So
Laufen: Schönholzer Heide, dort 4 Runden, allerdings mühsam. 1h43:59Min. Sonnig, die Luft noch zu kühl, viele Spaziergänger. Erstaunlich schwerfällig. Am Ende sehr erledigt und nur Knäckebrot mit Honig im Haus.

Die Chain-Group (?) im Missisippi-Delta. Von den Gefängnissen zur Arbeit verpachtete Gefangene. Man stampfte den Rhythmus, um die Klapperschlangen zu vertreiben, daraus hat sich der Bluesrhythmus entwickelt.

300000 Rotarmisten sind beim Kampf um Berlin noch gefallen.

Buch: Joe Sacco "Safe Area Gorazde" zuende.

21.3., Mo
11 Bücher zu Bosnien sind in den zwei Wochen eingetroffen. Paul Parin, Erinnerungen an die Zeit bei den Partisanen. Zlatko Dizdarevic, Tagebuch der Belagerung. Ein Band zur Balkan-Schulbuchforschung. Eine Geschichte der bosnischen Sepharden. Eine Balkanfilmgeschichte. Ganz aufgeregt, wie schafft man das alles zu lesen?

Bei Kluge die Kriegsreporterin Ehmcke vom Spiegel.
Die Aura des Kriegsjournalisten. Man erwartet, daß er Dinge gesehen hat, die ihn die Natur des Menschen tiefer begreifen lassen, als wir es können. Im Grunde, wie früher die Mystiker und Heiligen, denen man ansehen wollte, daß sie näher an Gott waren, als man selbst. Weil man immer noch davon ausgeht, daß sich die wahre Natur des Menschen im Krieg zeigt.
Als Reporter "seine Augen hintragen."
Die Opfer von Kriegen seien so beschädigt und traumatisiert, daß ihr Sprach- und Erinnerungsvermögen leidet. Unfähig, das erlittene in ein Narrativ zu bringen. Daher der Journalist als Zeuge nötig.

Dann bei Kluge Joachim Kersten über Scharfschützen. Das scharfe Auge des Jägers als Männlichkeitsideal. Seine Treffsicherheit sichert der Sippe das Essen. Der sibirische Scharfschütze im 2.Weltkrieg.

Doku über widerliche Deutsche, die in Israel einen Kurs in einer widerlichen Bodyguard-Schule gebucht haben. Es sei toll, daß die Ausbilder dort wüßten, wovon sie reden, weil sie es selbst erlebt hätten. Es gibt kein Jenseits des Marketing. Sogar GSG9 sei in Israel ausgebildet worden (??). Kurs kostet 15000 Mark.

Sauna. Ein ekliger Typ, der sich mit einer Bürste den fetten Wanst kratzt. Die ganze Zeit über einen Protest-Brief an den Verlag phantasiert. Hinterher stark geschwächt, aber ein Bier heilt mich zu Hause unerwarteterweise, und ich kann wenigstens fernsehen.

Film: "Rambo I"
Rambo nähert sich auf der Landstraße einer amerikanischen Kleinstadt im Norden, in den Wäldern. Ein scheinbar freundlich, letztlich aber faschistischer Polizist fährt ihn durch die Kleinstadt durch und wieder raus, weil er ihn wegen seiner Haare für einen Penner hält und ihn hier nicht will. Rambo hat ein Vietnam-Trauma. Stallones fast noch jugendlicher Körper, obwohl das schon nach Rocky III gedreht ist. Narben von Folterungen im vietnamesischen Dschungel.
Wie ein streunender, geschlagener Hund, der niemandem mehr vertraut, tritt er auf, wortkarg und bissig, wenn man ihn in die Enge treibt. Auf dem Polizeirevier symbolische Vergewaltigung durch Wasserstrahl beim Duschen. Er läßt sich aber nicht domestizieren, will seine Fingerabdrücke nicht abgeben.
Wissen: Dobermänner können auch im Regen auf Sicht jagen.
Sobald man ihn zwingen will, kommen seine verdrängten Erinnerungen hoch, und er reagiert wie ein gefangenes Tier. Er flieht aus der Wache in den Wald, sie verfolgen ihn.
Der Dolch, sein phallisches Symbol, Schrumpfform der berühmten Schwerter aus den Heldensagen. Vielfach verwendbar, er schneidert sich einen Umhang damit, im Griff sind Nadel und Faden versteckt, mit denen er sich selbst die Schnittwunde am Oberarm näht. Schnitzt sich einen Wurfspeer zur Wildschweinjagd.
"Diese Vietnamhelden sind verdammt harte Nüsse."
"Vielleicht mehr was für die Staatspolizei."
Der historische Rahmen, den man damals so billig antikommunistisch und provokativ fand, die Anspielungen auf Vietnam und in den späteren Teilen Sowjetunion, sind doch eigentlich nebensächlich. Das interessiert sie nur dramaturgisch, nicht ideologisch, könnte man behaupten. Austauschbar, heute würde man es gegen andere Mächte austauschen.
Nachdem er ein paar von den Polizisten im Wald mit nach Vietcongmethoden gebastelten Fallen festhält, sagt er zum anführenden Polizisten: "Ich hätte alle töten können. In der Stadt hast du die Macht, nicht hier. Geh nicht weiter, oder du hast einen Krieg, den du nie begreifen wirst. Laß uns aufhören." Das Stadt vs. Wildnis-Motiv. Seine Kriegskompetenz aus einem Krieg, wie ihn andere nie gesehen haben. Sein Humanismus, weil er die Verfolger noch ein letztes mal warnt. Denn er ist müde vom töten?
Sein "Erfinder" trifft ein, ein Colonel vom Pentagon, der ihn und die Männer aus seiner Elitetruppe ausgebildet hat. Von denen lebt keiner mehr, letzter-Mohikaner-Motiv.
Der Colonel warnt: "Ein Mann, der trainiert ist, keine Schmerzen zu empfinden."
Die narzißtische Kränkung des Kleinstadtpolizisten, der alleine mit seinem Gegner klarkommen will.
Rambo findet aus einer Mine heraus und überfällt die Stadt, zündet die Polizeiwache an. In die Enge getrieben, spürt der Colonel ihn auf: "Es ist vorbei, Johnny."
"Nichts ist vorbei. Es war nicht mein Krieg, ich habe nur alles getan, ihn zu gewinnen, aber irgendjemand ließ uns nicht gewinnen. Ihr habt angefangen. Ihr könnt nicht einfach aufhören. Als ich zurück kam in diese Welt, empfingen mich diese Maden auf dem Flughafen. Sie haben gegen mich demonstriert, mich einen Babymörder und Frauenschänder genannt!"
"Es war eine schlimme Zeit für alle, aber das ist jetzt vorbei. Du bist der letzte einer Elitetruppe. Du solltest es nicht so zuende bringen."
"Mir bedeutet das Zivilleben nichts. Ich hatte Freunde, wir sind zusammen durch die Hölle gegangen. Da drüben im Krieg gab es einen Ehrenkodex. Ich war verantwortlich für 1 Million Dollar teure Ausrüstung und hier bekomme ich nicht mal einen Job als Parkwächter!!"
Das Dolchstoß-Motiv. Das im-Zivilleben-hilfloser-Soldat-Motiv. Der Weltkriegssoldat in der Weimarer Republik. Oder die Aussagen der Soldaten aus dem Bosnien-Krieg, die die Gewalt an der Front und die Kameradschaft als ordnungsstiftendes Element empfunden haben.
Aus dem Film ist noch nicht das Klischee von Rambo abzulesen, das immer zitiert wird. Nur die Elemente Einzelkämpfer, Selbsthelfer und Outlaw. Psychologisch aber noch glaubwürdig.
Der rothaarige Caruso aus "Kiss of death" spielt mit.

22.3., Di, Seelower, nachmittags, heiter
Doch nicht krank, Halleluja.

Buch: Zlatko Dizdarevic "Der Alltag des Krieges ? Ein Tagebuch aus Sarajevo" (Paris, 1993. Frankfurt/Main, 1995)
Dizdarevic ist 1950 geboren und war bis 1994 Chefredakteur von Oslobodjenje ("Befreiung"), einer bosnischen Tageszeitung, die 1943 (42?*) gegründet wurde. Sein Kriegstagebuch besteht aus Kolumnen, die er für Slobodna Dalmacija, eine Zeitung aus Split geschrieben hat, undzwar im ersten Jahr der Einkesselung, also von April bis Dezember '92.
Leider ist der Indormationsertrag der Lektüre gering. Man erwartet Details von der Praxis der Belagerung, der Überlebensroutine, der Veränderungen im Alltag, Dokumentarisches, den genauen Blick auf das tägliche Leben. Aber als Journalist gleitet er immer wieder in bittere Polemik und Appelle ab. Als Dokument bemerkenswert, wie klar, haßerfüllt und schonungslos er über die Feinde der Stadt schreibt, und ebenso über die vermeintlichen Freunde von EU und UNO-Schutztruppen. Leider erfährt man viel zu wenig konkretes über die genauen Gründe der Verärgerung.
In einer Kolumne geht es z.B. um die Entlassung von Kollegen aus der Zeitung, die ihm das Herz zerreißt. Aber es war anscheinend ihre Entscheidung, zu welcher Seite sie sich schlagen. Man erfährt aber nicht genau, um welche Kollegen es ging, Sympathisanten der bosnischen Serben? Oder bosnische Nationalisten? Warum mußten sie gehen?
Im April wird der Korrespondent aus dem Zvorniker Büro der Zeitung beim Angriff auf die Stadt aus dem Büro gezerrt und hingerichtet. So etwas hätte es nicht einmal im Libanon gegeben, Hinrichtung von Journalisten.
Serben überfallen Sendestationen in den Bergen und richten die Antennen auf serbisches Fernsehen aus.
Ein Mann bringt sein von Heckenschützen getroffenes Mädchen ins Krankenhaus und sagt unter Tränen in die Kameras, er lade den Mörder "zu einer Tasse Kaffee ein, wo du mir dann von Mann zu Mann erzählen kannst, was dich dazu gebracht hat, das zu tun? Auch er wird einmal wieder weinen können." Für den Autor ist das ein schlechtes Zeichen, wenn sein Volk noch nicht verstanden habe, daß es von Verbrechern umgeben ist, für die es keine Vergebung geben kann. Aber "wie ich uns kenne, werden wir ihnen eines Tages alles verzeihen, auch wenn wir nichts vergessen werden."
Der Westen redet immer von den "verschiedenen Konfliktparteien", die gleichermaßen Verantwortung tragen, was ihn jedes mal aufbringt, weil es nur einen Angreifer und ein Opfer gibt, keiner verschiedenen Konfliktparteien.
Böse Worte über die Exilanten, die aus der Ferne ihr Gewissen beruhigen wollen oder schweigen. So viele sind weggegangen, früher hat er wegen der vielen Bekannten, die er unterwegs traf, für den Weg von der Wohnung zum Café eine halbe Stunde gebraucht, heute schafft er ihn in fünf Minuten.
Das große Unglück, daß es unumkehrbar ist. Daß man in Zukunft in den Begriffen "Serbe", "Moslem", "Kroate" denken werden muß. Daß sie ihnen beigebracht haben zu hassen.
Er setzt sich zu älteren Männern, die auf einem schattigen Hof Kaffee trinken. Er erzählt ihnen von Boutros-Ghali, den er einmal in Kairo kennengelernt hat. Wie soll der denn wissen, wie es ihnen geht, weit weg, wie er ist. Aber "der hat unter den Wölfen in Amerika sicherlich kein leichtes Leben? Wenn du ihn siehst, sag ihm, er kann sich auf uns verlassen, wenn wir ihm irgendwie helfen können."
Die Unterhändler und Diplomaten kommen immer kurz in die Stadt, um dann bei Karadzic in der Lukavica-Kaserne Herberge zu beziehen. Sogar Elie Wiesel habe die meiste Zeit seines Aufenthalts dort verbracht (Tatsache?). Und sich bei den Bosniern erkundigt, wie sie die gefangenen Tschetniks behandeln würden.
Täglich wird das Redaktionsgebäude der Zeitung beschossen. Sie sind in den darunter liegenden Atombunker gezogen.
Brot backt man mit dem Schnellkochtopf.
Autobatterien für Leselicht besorgt man auf dem schwarzen Markt.
Einmal wird aus weißen, von den Serben entwendeten UNPROFOR-Fahrzeugen, Dobrinja beschossen.
Auf dem Schwarzmarkt will einer für 1500 Dinar eine deutsche Mark. Jemand bietet ihm im Scherz ein paar Briefmarken an (Mark und Marken, dasselbe Wort).
Teebeutel werden in der Sonne getrocknet, dann kann man noch Zigaretten daraus drehen.
Man entwickelt einen Blick dafür, welche Fleischkonserven besser sind.
"Die Illusion, es gebe so etwas wie gemeinsames Heldentum, wie gemeinsame Ehrbarkeit, wie Gemeinsamkeit überhaupt, läßt sich nicht aufrechterhalten." Manche fühlen sich im Krieg wie die Made im Speck. Andere lassen sich mit Geld oder Beziehungen ihr Telefon freischalten.
Der Westen will nicht militärisch eingreifen, seine Logik ist: ihr habt Konserven bekommen, jetzt müßt ihr auch die Teilung akzeptieren.
Karadzic will unter dem Schutz der blauen Fahne in die Stadt kommen, um am UNPROFOR-Sitz zu verhandeln.
Die bosnischen Politiker bedienen sich in den "zur Kontrolle" eingerichteten Zwischenlagern selber an den Hilfsgütern.
Im Stadtteil Grbavica, den die Serben kontrollieren, fallen nachts Maskierte von den Hängen ein, um die Häuser zu durchkämmen. Nur die "gehorsamen" Serben dürfen tagsüber auf die Straße. Wer sich der Mobilisierung entzieht, wird verfolgt. Moslems und Kroaten unterliegen der "Arbeitspflicht" und müssen Gräben ausheben, Barrikaden bauen, die Straße fegen.
Was für Menschen sitzen dort oben in den Wäldern, in einem gestohlenen Sessel, mit einer Flasche Schnaps und schießen auf Kinder?
Witz: Selbstmord, nach Sarajevoer Art. Man stellt sich einfach auf eine Kreuzung und wartet.
Die tiefen Teller kommen außer Gebrauch.
Journalisten fragen, warum die Bevölkerung keine Dankbarkeit für die Lebensmittellieferungen zeige. "Dieses Geprotze mit den Flugzeugen und den Proteinen." Lord Carrington denkt "Wenn die erschöpft sind, werden sie miteinander reden."
Witz: Was ist der Unterschied zwischen einem intelligenten und einem dummen Bosnier? Der intelligente ruft den dummen jeden Tag aus dem Ausland an.
Die Politiker haben den Verdacht, daß eine "fünfte Kolonne" aus der Stadt mit den Tschetniks telefoniere, um den Beschuß zu koordinieren. Deshalb haben "die aus großen Patrioten bestehenden Hausbrigaden" die letzten Telefonanschlüsse zerstört. "Mit einem patriotischen Gehabe und einer Lust am Polizeispielen." In den Hausgemeinschaften bilden sich neue Machthaber heraus.
Weinbergschnecken kommen in Mode, sind aber schnell alle gegessen.
Damit Petroleum länger hält, muß man ein bißchen Salz untermischen.
Rassehunde werden ausgesetzt.
Die Post schaltet gegen Bestechung Telefonanschlüsse frei.
"Nur unverbesserliche Optimisten glauben noch, daß sie in der Nähe des Familiengrabes beerdigt werden."
Kugeln, die pfeifen, sind weit weg. Die Kugel, die dich tötet, hörst du nicht.
Die Designergruppe Trio verfremdet das Coca-Cola-Logo zu "Enjoy Sara-Jevo". In der Hoffnung, daß ein Plagiatsvorwurf aus Atlanta die internationale Aufmerksamkeit auf die Stadt lenkt.
Leggewie: "Wenn sich auf auf der anderen Seite das ethnische Reinheitsgebot durchsetzt, wäre dies aber keine logische Folge balkanischen Dauerhasses, sondern ein Produkt des westlichen Unwillens, die Unabhängigkeit der Vielvölkerrepublik zu garantieren und zu verteidigen wie eine eigene Sache."

Bei der Sparkasse, um meine TAN-Liste zu aktivieren. Er nagelt mich fest, weil ihn mein Konto interessiert. Ich soll einen Lingohr-Systematic-BB-Invest-Fonds kaufen. Der sei sogar besser als ihr eigener Fonds. Tippt auf einem Taschenrechner und präsentiert mir 500 Euro Gewinn. "Wenn ihnen jemand auf der Straße 500 Euro geben würde, würden sie die doch auch nehmen."
Man kann sich entscheiden, ob man nur auf einzelnen Kontinenten investieren will, oder auf allen. "Aber, wenn sie jetzt nur Europa nehmen, geht ihnen der kreative Flow von Asien verloren. Und der wichtige und innovative amerikanische Markt."
Ich schlafe fast ein bei dem Gespräch, weil er mir langwierig ein Diagramm erläutert, das man mit einem Blick selbst durchschaut. Diese Gespräche sind anscheinend auf Menschen zugeschnitten, die eine Tabelle nicht lesen können. Aber jetzt hat er sich solche Mühe gegeben, jetzt muß ich auch zu dem vereinbarten Termin kommen, und ihm was abkaufen. Schließlich hat er sich so nett nach meinem Leben erkundigt. "Reiseschriftsteller? Wollen wir tauschen?" Sie kapieren natürlich nicht, daß man, je freundlicher sie zu einem sind, umso mehr vermutet, daß sie einen betrügen. Sonst müßten sie ja nicht so nett sein.

23.3., Mi, Seelower, vormittags, heiter
Traurigen Brief an den Verlag geschrieben und nicht abgeschickt:

Abends ruft T. an, und wir reden 2h10Min auf Spanisch und in hohem Tempo über ihre Schreibblockade, die sephardischen Juden, die Marranen, zum Katholizismus konvertierte spanische Juden, daß sie in Deutschland immer vorher erwähnen muß, zwei jüdische Namen zu haben, wenn sie Israel kritisieren wolle, europäische Identität und Institutionen, ein Artikel von Timothy Garton Ash in El País, den sie idiotisch fand, und in dem er behauptet, auf keinem anderen Kontinent gebe es eine solche architektonische Identität, wie in Europa, auch das Essen und der Fußball würden uns einen, das sei das Konzept der Nationalstaaten, "Einheit in der Vielheit", findet sie alles idiotisch, es geht um Institutionen und Recht.
Daß sie ihre politische Idee verloren hat, jahrelang parteipolitisch engagiert gewesen. Zwei Jahre hat sie in Valencia Reden geschrieben für einen Politiker von der ihr verfeindeten Partei PP, die aber in der Stadtverwaltung an der Regierung war. In den Reden mußte sie dessen Sozialepolitik verkaufen, die in ihren Augen gar nicht stattfand. Dachte daran, zum Ausgleich Pornoszenarien zu entwerfen. Ein hervorragender Stoff für eine Erzählung, sage ich zu ihr. Wie soll man weitermachen, ohne Glauben an politische Wirkung der eigenen Arbeit? Bernard-Henry Levy "un imbecil", der Postmodernismus wäre nur in Frankreich und an drittklassigen amerikanischen Unis etabliert, alles, was sie in 2 Jahren für ihre Doktorarbeit recherchiert hat, hat ihr für ihre Thesen nichts gebracht, nur Unsinn gefiltert, und den kreativen Teil, den Kern ihrer Ideen schreibt jemand aus Manchester zur Zeit in einer anderen Doktorarbeit. Sie wisse immer schon vorher, was die Wahrheit sei, und was in der Praxis gemacht werden müsse, und kann dazu nicht viel schreiben, weil es für sie klar sei und keine lange Begründung brauche. 200 Artikel und Bücher gelesen und keine Zeile geschrieben.

ZDF-Sendung "Abenteuer Wissen": Der Unterwelten-Verein gräbt sich den den Friedrichshainbunker. Militärisch-protzender Reportageton: "Zurück im Lagezentrum des Vereins werden die neuen Erkenntnisse ausgewertet." Wobei sie sich über ein paar Karten beugen. Im Bunker finden sie einen verrosteten russischen Helm.
Ein geheimes Telefunkenlabor im Humboldthain-Bunker wird erkundet. Telefunken hätte hier bis zuletzt in geheimer Mission an Nachrichtentechnik gearbeitet.
Im Shukow-Bunker an der Reitweiner Nase im Oderbruch. Man sieht zwei Berliner Historiker durch die Gräben spazieren, die ja sowieso zur Besichtigung ausgebaut sind. Ihre Erkenntnis nach moderner Durchleuchtung des Geländes an den Seelower Höhen ist, daß die Russen keine eigenen Stellungen hatten, also den Sturm mit Menschenopfern gewinnen wollten. Aber das weiß man ja.

Doku über Robert Capa: Ungarischer Akzent. Verhältnis mit Ingrid Bergman. Kann sie aber nicht heiraten, weil er als Fotograf ein Vagabund ist.
Was man an ihnen damals bewundert, der Mut, so nah wie möglich dran zu sein, mitzureisen, wie ein Schausteller des Leids, bei heutigen Reportern hat es sofort etwas anrüchiges. Katastrophentourismus, Profilierung. Was hat sich verändert?

24.3., Do, Seelower, nachmittags, diesig
Die Post bringt "Du schwarze Erde ? Lieder jugoslawischer Partisanen", Aufbau Berlin, 1958. Von einer Frau Ina Jun-Broda herausberacht und übersetzt. Vorne eine Widmung von: "Herrn Professor Schönwien, mit Sympathie, in der Hoffnung für Verständnis für das was folgt."

Chaussee: Frage Stephan, ob seine Eltern klagen würden, wenn seine Freundin seine Magensonde abstellen würde.
Bohni über von den Eltern fies versteckte Ostereier, die er immer sicherer aufspürte: "Ich lernte zu denken wie sie".
Aber: "Ich war zu spezialisiert auf Eier. Ich kann mich nicht erinnern, je etwas anderes gefunden zu haben, als Eier."
Dan schlägt vor, als Frau am Offenen Mikro einen Schwangerschaftstest zu machen.
Am Ende fragt mich eine, die eine Diplomarbeit zum Thema schreibt, ob ich so schriebe, weil ich "Zonenkinder" gelesen habe.

25.3., Fr
Beim Laufen überlegt, warum ich nicht türkisch lerne. Man kann ja wenigstens mal anfangen.

In der Morgensonne getippt, unerklärlich euphorisch. Die Straße leer, nur auffällig viele Touristen. Zur U-Bahn und dem Mädchen mit dem Hund lächelnd 50 Cent gegeben.

Mit dem ICE nach Mannheim. Sitzt man entgegen der Fahrtrichtung, sind die Überlebenschancen bei Kollision bestimmt größer.

Abends zwinge ich die anderen, "Band of Brothers, Teil 1+2" zu gucken. Aber in Gesellschaft gefällt es mir gar nicht mehr so. Irrsinnig, die Zeitzeugenaussagen vom Anfang zu synchronisieren. Es scheint schwerer zu sein, normale Rede zu synchronisieren, als Schauspieler. Es scheint immer noch eine Differenz zwischen geschauspielertem und echtem Sprechen zu geben, die man nicht simulieren kann.
Detail: in der Ausbildung an der Sturmbahn durch Eingeweide gerobbt.
Sie finden es unmenschlich, wie sie von Idioten in der Grundausbildung angebrüllt werden. Dabei ist das doch die Logik des Militärs.

26.3., Sa
Früh raus, Laufen im Parkgelände am Rhein. Eine große Runde und noch eine kleinere, 1h50Min.

Papa mußte als Kind immer im Kreis um den Teppich laufen, um die Kante glatt zu kriegen.

Für die amerikanischen Soldaten ist ihr Auslandseinsatz sicher ihr erstes und größtes Bildungserlebnis im Leben.

Abends mit der Straßenbahn ins Zentrum. Ausländerjugendliche, die die Bahn stürmen, sagen zum schimpfenden Bahnfahrer: "Bleib stabil!"

Film: "Million Dollar Baby"
Sehr durchsichtig konstruiert, damit man seine Emotionen nicht vergißt. Boxen geht sowieso immer, und dann noch eine willensstarke Unterschichtenfrau. Gewinnt die großväterliche Liebe vom Trainers, dessen Ersatztochter sie wird, während sie von der eigenen Familie verraten wird. Er schreibt seit Jahren erfolglos an seine Tochter, bekommt alle Briefe zurück. Sein schwarzer Buddy, das frozzelnde Greisenpaar. Da kann nichts schiefgehen.
Witzig, daß ihre unfaire Gegnerin eine "ehemalige ostdeutsche Prostituierte" ist.
Wandsprüche im Gym: "Tough ain't enough"

27.3., So
"Training Day". So schlimm soll es also aussehen in den USA, daß es Gegenden gibt, die man als Polizist nicht betreten darf. Initiation in die Gesetze der Straße. Der ältere Polizist hat eine Art Steuersystem eingeführt, nimmt von Verbechern, die er deckt, und zahlt Abgaben an andere Verbrecher, um sich Loyalität zu sichern.

28.3., Mo
Schleppe die ganze Zeit mein Notizbuch mit, aber in Familie kommen einem einfach keine Gedanken.

29.3., Di
Wieder ICE. Schwächegefühl, am Ende nach allem, was man überstanden hat, doch noch erkältet?

In meiner Verzweiflung in die Sauna, um es auszutreiben, danach sehr matt.

30.3., Mi
Im ein Theaterstück gesehen, eine aktuelle Adaption von "Drei Schwestern". Und ich bin unendlich neidisch auf die Idee, sie sagen immer: "Nach Berlin! Nach Berlin!", was mir sehr originell vorkommt.
Leichtes Fieber, Schnupfen, starke Kopfschmerzen.

Etwas an der Chronik. Die Berwerbung um das Rumänienstipendium, mit Lebenslauf und Motivation, äußerst lustlos zusammengestellt. Im Internet Bilder von Iasi, die jungen Studenten in der Gruppe. Pflichtstunden in rumänischem Folkloretanz inklusive?
Wegen Schwäche T. für heute abgesagt.

Erst hatte ich beim Zeitungskiosk ohne mein Wechselgeld gehen wollen, und dann auch noch die gekaufte Zeitung liegenlassen.

Zu 19:45 zum Potsdamer Platz, "Cinelady", eine Aktion dieses Kinos, bei der Frauen zu Previews ein Glas Sekt bekommen. Sehr geschwächt.

Film: "Melinda und Melinda"(R.:Woody Allen)
Wieder ein neuer Jahrgang. Auf englisch sehr reizvoll. Das formale Spiel, eine tragische und eine komische Geschichte mit derselben Darstellerin parallel zu erzählen, löst sich auf, man achtet gar nicht mehr so genau darauf, in welcher Story man gerade ist, weil beide schön sind, und keine wirklich tragisch oder komisch.
Ganz neue Kameraperspektive auf New York, ein ungarischer Kameramann. Herrliche Farben.
Will Ferrer (?) spielt bis in die Diktion den Woody-Allen-Part, was aber nicht stört.
Die bekannten Elemente: Der heimlich auf die Nachbarin eifersüchtige Ehemann. Die Freundeskreisgespräche im Restaurant. Fremdgehen. Spazieren im Central Park. Der angeberische Nebenbuhler (der den Gästen bei einem Besuch in seinem Haus in den Hamptons seine Künste am Trampolin vorführt.)
Sprache: "Am I gossiped about?"
"You have inscrutinable eyes."
"to gift-wrap something"
Zum ersten mal bei Woody Allen ein Schwarzer in einer wichtigen Rolle. Aber vom Typ her, wie die anderen.
Hat sich offenbar Mühe gegeben, um seiner Heldin zwei bewegende, traurige Monologe zu schreiben. Greift dabei anscheinend auf seine Erfahrungen in den eigenen Scheidungsprozessen zurück.

Zurück halbtot in der U-Bahn. Ein Mädchen, das St. sein könnte, sitzt mir gegenüber. Die gleichen glatt frisierten, dunklen Haare, der arrogante Blick. Die ärmellose Watteweste, und die Stoffhose. Bestimmt Bulgarin.

31.3., Do
Buch: Marc Fritzler "Stichwort Bosnien" zuende.

"Körperfunktionen: Einsamkeit" und "Schorfi" durchzugehen kostet einen Tag. Sonne knallt nachmittags wieder ins Zimmer, der Hals irgendwie stumpf.

Die Zeitung gestern doch nicht beim kaufen vergessen gehabt, sondern in die hintere Tasche gesteckt.

Chaussee: Stirn warm, Körperschwäche, Halsschmerzen.
"Einsamkeit" sehr gut.
Jemand reimt am OM: "Er kannte die Kante, gegen die er rannte" und erntet dafür großen Applaus.
"Schorfi" auch sehr gut. Überhaupt sind alle sehr nett. Sogar 3 Bücher verkauft, aber für jedes muß man dem Käufer lange ins Gewissen reden.

1.4., Fr
DDR-Text fürs DT nochmal durchgegangen

Videos von Deutschrappern auf Viva. Lange muß man nachdenken, um eine Haltung zu finden, denn es hat etwas. Natürlich ist die selbstbewußte Pose auch nichts anderes, als früher beim Rock. Ein bißchen der übliche Altersrassismus, den Eindruck erwecken, als würde man ewig leben. Auf jeden Fall wird die Musik inzwischen besser produziert. Wenn man auch nicht weiß, gegen wen sie eigentlich rappen, außer ihresgleichen, es tut ihnen doch keiner was in Deutschland.

S-Bahn zur Marathon-Messe am Funkturm. In aller Eile die Startnummer abholen. Auf dem Bahnhof stehen und die Stadtautobahn betrachten. Einen Becher Nescafé in der Hand, den Rücken in der Sonne. Früher habe ich diese Stadtautobahn absurd gefunden, unvorstellbar, was sich der Westen dabei gedacht hat. Inzwischen wirkt es fast reizvoll, wie sie zwischen den Wohnblöcken hervorschießt.
Die bunten Grafittis an der Strecke, wie könnten die stören, wenn man sie doch in Wirklichkeit, genau wie die Werbung, gar nicht mehr beachtet.
An einer der Brandmauern von der Kopenhagener sieht man von der S-Bahn aus auch den Schriftzug von "Spair".

Zu halb 8 ins "Due forni", wo wir noch einen kleinen Katzentisch an der Kasse kriegen, aber auch nur für eine Stunde, weil alles reserviert ist. Am Ende so geschwächt, daß ich nicht weiß, ob ich es zu Fuß nach Hause schaffen. Muß aber den ganzen Weg laufen.

2.4., Sa
Nachts Schweiß, der Hals kitzelt mich wach. Von Buch geträumt, den Block von außen gesehen, in unserem Balkonfenster brannte wieder Licht.

Halb 6 kommt Rainer, wir fahren mit der U-Bahn zum Zoo, ich frage mich unterwegs, ob ich durchhalte. Auch noch die warme Jacke vergessen. Vielleicht habe ich einfach Heuschnupfen? Aber es wäre albern, darüber auf dem Weg zu einer Lesung aus einer Hypochonder-Anthologie nachzudenken.
Kontrolliert von zwei Sozialzombis, der eine mit halb ausgeschlagenen Zähnen. Immerhin gibt ihnen diese verantwortungsvolle Tätigkeit ein Stück von ihrer Würde wieder.
Auf dem Kudamm eine andere Sorte Parallelgesellschaft, dicht gedrängt schieben sich die Touristen in beide Richtungen. Als hätte die Stadt für die ein eigenes Reservat geschaffen, in das ein Berliner nie gehen würde.
Die Luft in der riesigen Buchhandlung natürlich wieder sehr ermüdend. Die vielen interessanten Bücher, aber man hat schon so viele zu Hause, die frühere Freude am Kauf wird nie wiederkommen.
Oben im Büro vom Chef, das mich weiter niederdrückt. Ich muß ja hier nicht arbeiten, aber mich nimmt es schon immer so mit, mir vorzustellen, daß andere es müssen.
Wir bekommen am Buffet Kaffee und ich nehme einen schön kühlen Milchreis. Dann die erste halbe Stunde Lesung. Ein paar Zuschauer sitzen an den Cafétischen, die Beschallung von der Buchhandlung im Hintergrund läuft weiter. Manche kommen, manche gehen. Es ist, wie Teppichreiniger in der Einkaufspassage anpreisen.
Die reichhaltige Sachbuchecke. Die Reiseecke, ein neuer Bulgarienführer ist erschienen, damals gab es nichts. Viel Kroatien, wie immer nichts zum restlichen Jugoslawien.
Die Notenecke, immer neuaufgelegt auch die Bücher von Peter Bursch, den es also immer noch gibt. Noch einmal von vorne anfangen mit dem Gitarre lernen? Wieviel Energie man da hineingesteckt hat, und es hat überhaupt nichts gebracht.

Dann halb 10 die zweite halbe Stunde. Andersen habe in Hotels immer ein Seil mitgehabt, um sich zur Not bei Bränden abzuseilen. Und, wenn er schlief, immer einen Zettel auf den Bauch gelegt: "Ich bin nicht scheintot, ich schlafe nur".
Glenn Gould war überzeugt davon, daß sich Viren durchs Telefon übertragen (ich auch!)

Der Buchhändler sehr nett und kompetent. Wobei mich ein kurzes Gespräch über Stifter und Schiller sofort in meine intellektuellen Schranken weist. Man hat einfach keine Ahnung.

Mit Rainer zurück, komme aber nicht mit zur Party, keine Kraft.
Der ganze Waggon voll mit jungen, plappernden Schweden. Zunehmend macht mich der Anblick von Jugendlichen schwermütig.

3.4., So
3. Bewag-Halbmarathon.
Hinterm Palast Fahrrad anschließen. Sehr ängstlich, was mich mit meinem Körper erwartet. Typische Erkältungsschwäche steckt noch drin. Schon nach 1 Km keine Lust mehr, ab 2 Km Zweifel. Aber bis zur Hälfte durchgeschleppt, dann wird es zwar nicht einfacher, der Rhythmus aber etwas besser. Immerhin spürbar, daß die Anstrengung von der Krankheit kommt, nicht von fehlendem Training.
Ab 17 sogar nochmal angezogen, aber kurz vor der Zielgeraden ist klar, daß ich nicht unter 1h45Min komme, immerhin 1h45:50.
Hinterm Ziel von zwei Jungs die Beine massiert, erstaunliche Erleichterung. Ein Typ auf der Nebenliege berichtet von seinen gelaufenen 1h28Min. Sieht überhaupt nicht danach aus. Wie schafft man das?
Mit dem Fahrrad heim, schlafen trotz Kopfschmerzen. Anschließend erlöst ein Bier vom schlimmsten.

Doku: "Hans Rosenthal"
1925 in der Winsstraße (!) geboren.
Arbeitet als Hilftotengräber in Fürstenwalde, legt die Nazis immer ein Stück tiefer als die anderen.
Vater stirbt '37, die Mutter '41. Er ist 16 und allein mit seinem 10jährigen Bruder. Waisenhaus. Der Bruder wird deportiert, er durch Zufall nicht.
1943 in einer Laube in einer Lichtenberger Schrebergartenkolonie versteckt. Immer bei Fliegeralarm konnte er an die frische Luft.
Die beiden Retterinnen teilen ihre Lebensmittelkarte mit ihm ("Reichsfettkarte" hieß das)
Nach dem Krieg einfach zum Rundfunk gegangen und nach zwei Tagen in der Materialausgabe schon in eine Redaktion. Immer gute Ideen, weiter hochgerutscht. Typisch für diese Zeit, wo man, wegen Personalmangel, Karrieren hinlegen konnte, die heute undenkbar wären, wo schon überall wer sitzt.
Beim Radioquiz "Einer gegen alle", bei dem ein Rater gegen eine ganze Stadt antritt, hören regelmäßig 9 Millionen Menschen zu.
Mai '71 erstes mal "Dalli Dalli" aus dem Studio Berlin des ZDF. 153 mal gesendet.
Motiv: er denkt sich sogar im Urlaub die Spiele für die Sendung aus. Eine spezielle Variante von mimetischer Kreativität, unsere Welt in alberne Kandidatenspiele umzuformen.
Der Schnellzeichner Oskar.
Die Berliner Diktion in der immer etwas angestrengten Stimme.
Präsident von Blau-Weiß-Berlin.
1980 Autobiographie, in der er die Geschichte seines Überlebens zum ersten mal schildert. "Ein kleiner jüdischer Junge, den sie umbringen wollten, wird zum Liebling der Massen."
11.11.'86 letzte Sendung, keiner weiß es, nur er ahnt es schon, läßt sich aber nichts anmerken. Magenkrebs.
Er hätte immer Druck gehabt, zuviel gearbeitet. Jahrelang jeden zweiten Tag eine Sendung in Radio oder Fernsehen.

In den neulich aufgenommenen 5 h "Dalli Dalli".
So eine unschuldige Zeit, die biederen Gäste, selbst die Fernsehleute sind es noch nicht gewohnt, sich darzustellen. Er ist so freudig dabei bei seinen komischen Spielen, den Kandidaten so zugewandt wie ein engagierter Papa, der sich auf dem Kindergeburtstag mehr über das vorbereitete freut als die Kinder selbst.
Wenn etwas schiefgeht noch ganz aufgeregt, in dem Glauben, es überspielen zu müssen, dabei liebt das Publikum schon da gerade solche Momente. Aber das war für seine Generation von akribischen Profis noch nicht zu verstehen. Kandidaten wie Jauch oder Gottschalk machen regelrecht einen Epochenbruch deutlich. Woher die neue Nonchalance? Amerika? Aufwachsen ohne Nazizeit?
Zwei Kandidaten aus dem Publikum fällt als dritte in Jerusalem ansässige Religion "Judentum" nicht ein.

4.4., Mo, Sonne, nachmittags, Manu-Kanu
Paket von Skottie aus Petersburg ausgepackt. Russische Bravo, Brotkrustensnacks, Suppen, Notizbuch, Hit-CDs, DVD. Eine Grußkarte: "Wir gratulieren zum Tag der Verteidiger des Vaterlands". Mit Abstand mein schönstes Ost-Paket.

Wieder ein Brief an den Verlag, nicht abgeschickt.

16 Seiten Probeübersetzung von Guy Delisle "Shenzhen".

Alte Dokumentaraufnahmen machen einem im Nachhinein bewußt, wie modern der Papst immer sein wollte. Polnische Breaker im Vatikan.
Derselbe Effekt mit Kohl-Doku. In den 60ern den versteinerten Provinznasen auf einem CDU-Treffen erklärt, daß Deutschland sich für Europa öffnen müsse. Die Infrastruktur der Rheingegend sei bewußt auf Krieg ausgerichtet, nicht auf zusammenwachsen der Region.

Endlich zwei Zeilen vom Verlag, darauf hat man nun zwei Monate gewartet.

Sarajevo: Film: "No Man's Land", zweites mal.
Tun mir unendlich leid in der Hitze im Schützengraben, angeschossen. Wie ist das zu ertragen? Genußvoll zieht er an der Zigarette.
Englische Fernsehreporterin interviewt Soldaten am Wegrand: "How do you feel about the peace talks in Geneva?"
"I'd like to go there. Would you go with me?"
Plötzlich steht die Reporterin am Graben "Can I make an interview with you?"
Sie hat ihr eigenes Headquarter in London, das sie, wie einen Soldaten, aus der Ferne dorthin delegiert, wo die Action ist, wo sie eigentlich nicht hin darf. "As soon as you get it, we're gonna go live again"

Bauchgrimmen.

5.4., Di
Beratungstermin beim Sparkassenbetriebswirt
"Berolina Sicherheit"-Fonds. Diese debilen Bezeichnungen, als könnte man die komplexe Realität der tausenden Parameter und statistschen Tatsachen der Börse in Begriffe, wie "Sicherheit" fassen.
Alles basiert auf "Wertwachstum". "Wir leben ja nicht mehr auf Bäumen. Internet, Stichwort ebay".
Traue mich nicht zu fragen, was er für das Geschäft bekommt. Im Vertrag war nichts zu lesen, aber der war auch zu umfangreich, um ihn in der Schnelle zu überfliegen.
Will, daß ich einmal im Jahr zu ihm komme. "Würde mich freuen". Bringt mich zur Tür.

Zur Erholung Curry bei Konnopkes, nach Jahren wieder einmal.

Frasier: Niles will sich wie gewohnt einen Sherry aus der Karaffe eingießen "Ich brauche einen Sherry", aber sie ist leer. "Da denkst du immer, sowas passiert nur anderen."

S-Bahn zum Treptower Park. Arena voller als beim letzten mal. Bohni steht am Eingang. Baue mich an derselben Stelle wie beim letzten mal auf, vielleicht sucht mich ja wer.
Da Tocotronic eine sympathische Band sind, können sie nur sympathische Fans haben. 4000 sympathische Menschen müßten also hier sein. Daß es so viele sympathische Menschen in Berlin gibt, war mir aber noch nicht aufgefallen.
Vielleicht sollte ich auch mit Gitarre um den Hals lesen. Die anderen müßten dann aber auch hinter mir an Instrumenten stehen.
Dirk von Lowtzow wieder dünner. Eigenartig gekrümmt an der Gitarre. Der neue Gitarrist stimmt mitten in den euphorisch aufgenommenen Zugaben seelenruhig minutenlang sein Instrument.
Über jedes Lied freut man sich, kein falscher Ton in der Aussage, alles trifft genau ins Schwarze. Aber es ist alles andere als Diskurspop bei dem Willen zum Krach und zum dissonanten Ausbruch. Das haben die anderen deutschen Bands eben nicht.
Epiphanie bei "Pure Vernunft darf niemals siegen". Es gibt doch noch den Rockspirit, das inkommensurable zu wollen, am Markt vorbei. Den Trotz der alten Träume. Man darf sich doch noch nicht geschlagen geben. Versuche, die Energie aufzunehmen für die Zukunft.
Zwischendurch ein Set mit doppelt so schnell gespielten Klassikern zum Rumspringen.
Die Zu-Ga-Be-Rufe klingen wie "Superband! Superband!"
Am Ende lassen sie "Neues vom Trickser" in einem gigantischen Getöse ausklingen. Einer tritt immer gegen die Box. Der Basser hängt sich den Bass ab und reibt ihn an einem zweiten Bass. Der Sänger wirft das Kabel auf die Gitarre. Der Schlagzeuger fällt immer wieder vom Schlagzeughocker und taucht wieder auf.
Dann verschwinden sie von der Bühne, und die Schwingungen, die, obwohl sie reiner Krach sind noch nach Musik klingen, hören nicht auf. Man möchte es auch nicht. Aber dann wird unauffällig ausgefadet.

Jetzt geht wieder alles von vorne los. 
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