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Chronik
Thursday, May 05, 2005
  6.4., Mi
Er handelte mit Orangen, später auch mit Organen.

Regelrechte Todeswoche, Juhncke, der Papst, Fürst von Monaco, Saul Bellow.

Das "Erlesenes erhalten"-Buch von der TAZ. Wieder nur eingeschränkte Freude, denn dieser Linolschnitt nach einem Foto von mir, ist wirklich unglaublich häßlich. Wie sie das geschafft haben, mir solche Triefaugen zu machen, dabei muß das Foto fünf Jahre alt sein.

Kaugummi mit Mundgeruchgeschmack?

Chaussee: Robert: "Ich träumte davon, mich mit einer Hüpfburg selbständig zu machen."
Stephan: "Als Hodenkrebs hat man einfach keine Lobby. Man hat die ganze Männerwelt gegen sich."

In der Kohlenquelle endlich die letzten zwei Wochen aus dem Notizbuch zuende übertragen. Davon so geschwächt, daß es nicht weitergeht. Wie das Schreiben einen mitnimmt, was man gar nicht merkt, wenn man gesund ist.

5'Nizza im Kesselhaus. Minimalmusik, der Sänger kann immerhin auch samtweich. Trotzdem kommen ihre größten Hits dann doch von Bob Marley. Viele Zugaben. Eine betrunkene Russin steigt auf die Bühne und fordert die Band übers Mikro auf, keinen Quatsch zu machen und weiterzuspielen. Wichtig: nie vor Russen lesen, und wenn, dann hinterher immer die Mikros ausschalten!

7.4., Do
Ißt man sein Knäckebrot auf dem Balkon, klingt das Geräusch beim Kauen ganz anders als in Innenräumen.

Noch einmal den DDR-Text fürs DT. Er wird aber länger statt kürzer. Außerdem bereiten die Anmerkungen Kummer, weil sie genau die Feinheiten raushaben wollen, die meinen Stil ausmachen. ("Leider ist im Hotel der Schreibtisch so gebaut, daß man entweder schräg zur Kante sitzt oder schräg zur Wand. Dadurch stellt sich das Gefühl ein, hier nur geduldet zu sein." Kommentar: "Kann weg, versteht man auch so", etc.) Wie sollte man sich dann erst bei Stücken einig werden?

Chaussee: 300 Zuschauer. Robert und ein Freund trinken beim Fußball gucken und nehmen sich vor, nur bei Toren zu trinken. Entdecken dann aber die Sendung "Eurogoals" auf Eurosport.
In der Pause kommt ein Mädchen von der Taz auf die Bühne und möchte ein paar Fragen beantwortet haben, seit wann es uns gebe. Verweise sie für solche Informationen etwas entnervt auf unsere Homepage und diverse Artikel im Internet, in denen ja auch überall das gleiche steht.
Ein Mädchen hätte sich vorgenommen gehabt, im letzten Jahr mit dem Schreiben anzufangen und einen Band Kurzgeschichten zu machen, es dann aber doch nicht getan. Jetzt will sie schriftstellerischen Rat.
Kann am Ende kaum noch sprechen, weil man immer so gegen die laute Musik anschreien muß.

8.4., Fr
Halb 10 geweckt. Endgültig den DDR-Text fürs DT. So, wie es ist, ist es gut, wenn sie es denn so lassen.
Für den Nachruf auf Frau Else K. zur S-Bahn-Station Attilaweg. Es gibt Stationen in Berlin, von denen man noch nie gehört hat. Hier im tiefen Westberlin ist sogar die Zuganzeige noch aus Ostproduktion, so ein Kasten mit den Namen der Stationen, die abwechselnd leuchten. Auch wie der Bahnhof geschnitten ist, als stiege man in Pankow aus.
Mit dem Bus durch Mariendorf. Unrenovierte, graue Fassaden, alles wie bei uns früher. Ein schlichtes "Spielwaren"-Geschäft.
Marienfelde, in der Gegend alles ähnlich benannt: Bosporusweg, Gallipoliweg, Marmaraweg, Goldenes Horn, Türkenpfuhl. Ist das erster Weltkrieg? Daneben Horaz, Plautus, Tacitusstraße. Laubenpieperkolonien: Fröhliche Eintracht, Feierabend, Sorgenfrei, Ostelbien II.
Wohnanlage von Anfang der 60er, südlich des Flugplatzes Tempelhof. Damals hier noch Landwirtschaft. Moderne Häuser, inzwischen schon etwas oll. Langer, heimartiger Flur, an dem die Wohnungen liegen. Aus einer Wohnung ein lauter Ehekrach.
1920 geboren. Großeltern polnisch, sie waschechte Berlinerin, in der kleinen Auguststraße in Berlin-Mitte geboren.
Vater Schuster, Mutter hauswirtschaftliche Ausbildung. Einzelkind. Den Groschen für den Schulausflug schon kaum entbehren können.
Reiche Verwandtschaft in Kleinmachnow, Onkel Max handelt Käse en gros. Wenn sie von dort eine Kiste Harzer mitbringt, freuen sich alle. Das wirst du mal erben, aber nichts da, eine Fliegerbombe zerstört alles, Erbschaft perdu.
1935 Landpflichtjahr in Ostpreußen. Sie bleibt 10 Jahre auf den großen Gütern und erlebt ihre schönste Zeit.
1944 nach Berlin, die Mutter ist schon im Sudetenland, das Haus ausgebombt.
Sie fährt mit der Freundin nach Königsberg zu deren Eltern. Sehen noch das Bernsteinzimmer, während der Geschützdonner schon zu hören ist.
Mit einem der letzten Schiffe von Pillau nach Stettin.
Zur Mutter ins Sudetenland. Dann war schon die Kapitulation, und es hieß "Reichsdeutsche raus". Zu Fuß nach Berlin gelaufen, oft vor den Russen im Wald versteckt.
Die Russen stellen sie in einer Fleischfabrik in Weißensee an. Produzieren für die Russen und versuchen immer Würste rauszuschmuggeln. Eine dicke Frau klemmt sich Speckschwarten unters Korsett. Sehr gefährlich, wer erwischt wurde, kam weg.
Als Trümmerfrau die Gesundheit geschädigt.
Im Prenzlauer Berg in einem "Tag- und Nachtheim für Kriegswaisen".
Wegen ihrer exakten Schrift wird sie Ella Kay empfohlen, der Bürgermeisterin vom Prenzlauer Berg und späteren Berliner Jugendsenatorin.
Wird freundschaftlich in den Kreis von Kay aufgenommen, '48 SPD. Das alte Beitragsbuch mit Sondermarken der SPD: "Wir bleiben eine Stadt", "Für verfolgte Demokraten", 5DM.
In Schloß Glienicke über den Sommer ein Kinderheim. Daraus wird ein ständiges Kinderheim.
Die Blockadezeit. Seitdem immer ein Vorratsschrank mit kiloweise Salz, Zucker, Reis, Nudeln. Es wurde immer ersetzt.
Im Stil eines Poesiebüchleins ein Archiv der Kinder. "Joachim, Mutter und Schwester von den Russen erschossen. Schwester vermißt. Geistig schwerfällig, aber fleißig." "Klaus, Hochstapler und Casanova von Geburt an. Mutter wurde nicht mehr mit ihm fertig. Begabter Zeichner." "Werner, hat mit dem Vater Einbrüche unternommen. Hat sich in der Gemeinschaft wohlgefühlt. Als der Vater aus dem Gefängnis kam, rückte er aus." Das Büchlein wurde Ernst Reuter zum Geburtstag geschenkt, der sich artig mit einer Karte für die "freundlichen Glückwünsche zu meinem Geburtstage 7.August '51" bedankte.
'49 mit 120 Kindern nach Glienicke. Immer Autodidaktin. Eltern konnten sich höhere Schule nicht leisten. Sie bringt sich selbst Akkordeon und Klavier bei. Gestaltet Sommerfeste. Schreibt Theaterstücke für die Kinder, das dicke Buch in Sütterlin.
1950 verliebt sie sich in einen verheirateten Heinzungsinstallateur. Die Tochter wird geboren. Alimente kommen nie, sie wollte das Kind für sich.
Tochter wächst in den ersten Jahren mit den Waisenkindern auf. Damals lernt man noch Knicks machen.
Die UFA, die früher Mieter vom Schloß war, dreht immer noch oft. Filme, wie "Mädchen in Uniform". Lily Palmer, Romy Schneider kommen. Motiv: Genschow (?) dreht Märchenfilme "Onkel Tobias vom RIAS ist da". Auch mit Waisenkindern als Statisten.
Der Mauerbau, die Reinigungskräfte aus dem Osten können nicht mehr kommen.
Später kommt die "Sehschule" in Zusammenarbeit mit Prof.Vogelsang vom Rudolf-Virchow-Krankenhaus.
Das Foto von der Kinderschielgruppe. Die armen kleinen Gören mit ihren zum Teil starken Sehfehlern. Heute sieht man das kaum noch. Etwas, was es in unserem Alltag kaum noch gibt.
Im ganzen Leben zweimal in der Zeitung: "Nachtdepesche", Freitag 25.April 58.
"Kranke Kinder lernen sehen? beim Spiel." (das zweite mal in meinem Nachruf)
Bis '63 im Schloß (eigentlich im Jagdschloß, der Hauptteil wohl in der Ostzone)
Plötzlich war eine richtige Qualifikation nötig.
Nach der Rente bringt sie sich Ölmalerei bei, im naiven Stil von Grandma Moses. Auf den Bildern, z.T. Reiseeindrücke aus Moskau, z.T. Erinnerungen an Ostpreußen, taucht auch immer ganz klein irgendwo die Tochter auf.
Laubenpieperin. Ella Kay hat ihren Garten gegenüber. Als es in der Kolonie zu Einbrüchen kommt, gehen die beiden zusammen, wie die anderen Pächter, nachts auf Streife.
Auf einem Foto mit einem speziellen Fernsehhörgerät zu sehen, das über Funk funktioniert.
Nach der Maueröffnung mal durch Mitte gefahren. Der Durchgang der Hackeschen Höfe, früher ihr Schulweg, ein Armeleuteviertel.
Mit 83 eine Krebsoperation, alle rieten ab, aber sie wollte es wissen. Ihr größter Triumph war, es noch einmal nach Hause zu schaffen. Schließlich hat sie selbst entschieden, wann Schluß war.

Restaurant "Split". Der etwas schäbige Stil dieser Westberliner Restaurants. Die panierte Scholle kaum geschafft, doch etwas muffig-fischig. Dann regnet es draußen, und der geplante Spaziergang zum Tempelhofer Kanal (?) fällt aus. Mit dem Bus zur U-Bahn, Alex.

Mit den anderen nach Magdeburg. In Brandenburg werden wir in den ICE geschickt, weil unser Zug nicht weiterkann. Halten den Wagen erst für 1.Klasse, aber es muß ein Versuchsabteil der neuen Generation sein. Mit beruhigendem Holzmobiliar, schwarzes Leder, Steckdosen an allen Plätzen, ein stilistischer Quantensprung.

Das schöne Papstfoto mit wehendem, weißen Mantel, auf den Stab gestützt.

Taz: "Extremer Metal funktioniert nach einer Krassheits-Potentierungs-Logik." Eine Band nennt ihre Musik: "Extreme blackdeath-speed holocaust metal".

"Freitag": Ein Ottó Tolnai aus Ungarn über seinen Aufenthalt in Berlin am Stuttgarter Platz. Beschreibt, wie er eine Beziehung zu Berlin aufbaut, wie überall Osteuropa zu sehen ist. Interessiert sich für die rosa Rohrleitungen, die er den "endlosen Flamingo" nennt. Recherchiert nach dem Architekten, der den Kopf des Flamingos gebaut hat. Nennt diese Arbeitsweise "mikrorealistische Methode".
Flamingos sind rosa, weil sie rote Krabben fressen. In Ungarn verblaßten sie, weil es keine Krabben gab, man fütterte Paprikapulver zu.

Der Dramaturg holt uns ab. "Runterspielen" (?) heißt es, wenn man jemand jüngeren spielt. Bei 3 Euro Eintritt kämen deutlich mehr als bei 4 Euro. Ärgerlich, wie sie von Berlin ignoriert werden. Die Hierarchie und Arroganz im Theaterbetrieb. Sie werden einfach nicht besprochen, und wenn mal einer kommt, findet er gleich alles schlecht.
Unterkunft im Plattenbau, das Theater hat ganz oben eine Wohnung. 4 Zimmer, Balkon, Terrasse. Etwas verrottete DDR-Substanz. Blick auf den Dom. Vielleicht war das zu Ostzeiten die beste Adresse in Magdeburg.

Im "Kartoffelhaus" nicht von der umfangreichen Speisekarte bezirzen lassen, nur Reibekuchen und Schierker Feuerstein. Wir hätten reservieren sollen, sagt sie, obwohl das Lokal fast leer ist. Stephan will Strudel ohne Rosinen bestellen. Draußen der Stuck vom Hasselbachplatz. Eine Fassade mit einem Balkon, der über zwei Stockwerke geht und noch einen Binnenbalkon enthält.

Sehr gelungene Ansage mit Stephan. Behaupte, in Brandenburg habe sich jemand vor den Zug geworfen, um uns nicht nach Magdeburg zu lassen. Vergesse leider am Ende zu sagen, daß dasselbe hoffentlich auch morgen geschieht, weil man uns hierbehalten will.
Die Lesung gut, aber nicht berauschend, die Stimmung hängt immer wieder vom Text ab und trägt sich nicht von selbst. Vielleicht muß man dafür sorgen, daß das Publikum mehr Alkohol bekommt.
Beim Einschlafen lange störendes Kitzeln im Hals und Husten aus der Tiefe der Lunge. Von Bogenschießen geträumt, beim ersten Schuß in die Mitte der Scheibe getroffen.

9.4., Sa
Duschen und weil Handtücher fehlen mit Papiertaschentüchern abtrocknen, 10 braucht man dazu. In einem Magdeburger Telefonbuch nach Armeekollegen gesucht.
Eigentlich zum Frühstück in einem Wirtshaus, aber dann doch richtig bestellt. Herrliches, krosses Holzfällersteak mit Zwiebeln und Bratkartoffeln.

Zu Hause Anruf von Stephan, der am Theater seinen Wohnungsschlüssel abgegeben und den von der Unterkunft mitgenommen hat.

I. kommt gegen 8 mit Pizza. Sehen nochmal den 6. und den 1. Teil von "Bruderkrieg". Sie will noch Nachrichten sehen, weil gerade der "kleine Parteitag" der Grünen war. Ich weiß nicht mal, was ein "kleiner Parteitag" ist. Empfehle ihr, statt dessen römische Geschichte oder Shakespeare zu studieren, das decke doch alles ab. Aber weil sie darauf besteht, schalte ich einmal nicht ab, sobald "SPD" oder "CDU" gesagt wird und verfolge diese absurde Inszenierung. Die SPD-Basis in NRW wirkt noch ganz rührend, alte Getreue, die sich nicht unterkriegen lassen wollen. Schröder maschiert ein, und jemand singt ein peinliches Durchhaltelied. Noch schlimmer die CDU, die jetzt optisch die Amerikaner kopieren. Der Redner nicht mehr frontal auf dem Podium, sondern am Pult umgeben von Menschen. Am Ende regnet es Lametta auf Rüttgers, einen der unsympathischsten Politiker überhaupt, von dem aber Ilka weiß, daß er im Moment in Deutschland der beliebteste Politiker ist, was soll man dazu sagen?
Benutzt interessante Begriffe, wie "Borderline-Informationen."

10.4., So, Seelower, nachmittags, bedeckt
In der Nacht schlimmes, wachhaltendes Kribbeln in der Lunge. Morgens nach Jahren wieder eine Velvet-Platte, die "1969". Ganz geplättet von diesem Sound, der alles heutige in den Schatten stellt. Gerade die schlechte Aufnahme, die blecherne Stimme.

Thunfisch bleibt länger im Magen als Gänsekeule, 9 Stunden.

Mit B. ins "Im nu". Selleriecremesuppe. "Snickers"-Kuchen nennt sie ihren Krokantkuchen. Wenn er Sloterdijk im Fernsehen "aufgeblasen" findet, wie soll man sich dann über alles andere verständigen?

Kindheit: Traumberuf Rangierer. Die guckten doch immer so nach hinten aus dem Fenster.

Kunst sei es, wenn weniger Leute im Publikum sind als auf der Bühne. Sonst ist es Unterhaltung.

Kurz nach 23:00 endlich wieder Tagebuch aufgeschlossen, nach 1 Monat Arbeit (!!)

Fernsehen: Philosophisches Quartett zum Kriegsende.
Im Westen nach dem Krieg "nationalpädagogische" Nutzung der Geschichte. Bis hin zu Büchern, wie "Der Hitler in uns".
Sachlichere Geschichtsschreibung, gegen die die neue Generation den Generalverdacht äußert, Sachlichkeit sei nur eine neue Variante des Einverständnisses.
Richard Schröder holt die Fragestellungen immer schön auf die DDR und seine eigene Familie runter. Manchmal schon bemerkenswert, wie Fragen einfach übergangen werden, um zu sagen, was man sagen wollte. Und niemand merkt es, weil man so genau ja gar nicht hinhört. Im Osten hätte man den Begriff "Tag der Befreiung" abgelehnt, wegen der damit verbundenen Ideologie, die Kommunisten hätten die Nazis in den Westen vertrieben, wo diese jetzt am dritten Weltkrieg arbeiteten.
Im Osten hätten sie anders als die 68er kein selbstgerechtes Verhältnis zu den Eltern gehabt, weil man in einer ähnlichen Situation steckte, in einem Zwangsstaat zu leben. Im Westen "unbarmherziger Umgang mit der älteren Generation"
Semprun: Rede zur Verdrängung der Franco-Zeit in Spanien in den letzten 25 Jahren. Inzwischen könne man sich "den Luxus einer wahren Geschichtsschreibung leisten".

Noch einmal das herrliche neue Rammstein-Video, wo sie so dick verkleidet sind. Einen ganz eigenen Weg gefunden, aus dem Rock 'n Roll-Jugendknast für kurze Zeit auszubrechen.

Im Internet Tocotronic-Videos. Sie meinen bei "Gegen den Strich" doch tatsächlich das Buch von Huysmans. Im Video kommt es sogar gegen Ende kurz ins Bild.

11.4., Mo, Seelower, vormittags, bedeckt
3 h Zeitungsstapel seit November durchgesehen, exzerpiert und aussortiert.

In der Nazizeit gab es für frühe Mitglieder ein goldenes Parteiabzeichen.

Die Mutter wollte sie nicht aus dem Luftschutzbunker lassen. Am S-Bahnhof Neukölln war ein Zug mit Lebensmitteln entgleist, die Menschen plündern und werden von Tieffliegern beschossen. Sie rollt sich unter den Zug, eine andere Frau schafft es nicht und ist tot. Am Ende hat sie nur Klopapier erbeutet.

Freitag (1.4.05): Norbert Blüm: "Aber war Adenauers Politik deshalb schlechter, weil er abends in Rhöndorf Rosen züchtete, mittags ein Schläfchen machte und von Partys wenig hielt?" Dasselbe könnte man auch über meine Texte sagen.
Peter Glaser über Datenschutz: Wal-Marts Data-Mining-System. IT-Spezialisten untersuchen den Umsatz vor dem letzten Hurricane, um das Angebot danach auszurichten. Siebenmal mehr Erdbeer-Pop-Tarts wurden verkauft.
Eine Website "maschinen essen sich selber auf". "Bots", Programme, die automatisch Online-Formulare ausfüllen. 2200 fiktive elektronische Charaktere seien aktiv.
Auch eine Website für uralte, längst gelöschte Seiten: Waybackmaschine.org
- Ralf Hanselle über RAF als verspätete Avantgarde: Breton im Manifest des Surrealismus, die einfachste surrealistische Handlung bestehe darin, mit Revolvern in den Fäusten blindlings in eine Menschenmenge zu schießen.
Stockhausen nennt den 11.September "größtmögliches Kunstwerk".
Ende der 60er wird den Frankfurter Kaufhausbrandstiftern der Prozeß gemacht. Der Mitangeklagte Thorwald Proll tritt als Bertolt Brecht verkleidet vor den Richter.

Sarajevo: Dnevni Avaz 2.4.05: - Artikel über eine Frau, die bei seinen Aufenthalten in Ilidza für Tito gekocht hat. "Tito bat, daß man ihm ins Frühstück Aphrodisiakum mischte."
- Künstler haben ein Bruce Lee Denkmal für den Trg Espana in Mostar entworfen.

Die Zeit (16.12.04) Edgar Reitz: "Eine neue Politik kann nur vom Privaten aus gedacht werden? Das Private hat heute den Hangout des Rückzugs und steht zu Unrecht im Verdacht, sich aus der Verantwortung zu stehlen."
"Es ist wirklich fatal, daß die Kunstgeschichte des 20.J.h bestimmte Bereiche des Menschlichen tabuisiert hat, Liebe, Krankheit, Trennung, Tod. Die großen Dinge galten nicht mehr als kunstfähig, man überläßt sie dem Unterhaltungsgewerbe."

Cholesterin-Broschüre von Sandoz erwähnt die "Schaufensterkrankheit" (periphere arterielle Verschlußkrankheit, AVK) Patienten möchten sich ihre Schmerzen nicht eingestehen und gönnen ihren Beinen eine Pause, indem sie ganz interessiert Schaufenster betrachten.
Astronauten, Geologen und Testpiloten bekommen häufiger Mädchen, weil die schon im Uterus ahnen, daß der Vater viel unterwegs sein wird und sie bei der Mutter gut aufgehoben sind und keine starke Hand brauchen.

Berliner Zeitung (27.11.04): Jelinek: "Mein Lachen ist in Wahrheit ein Flehen. Tiere zeigen die Zähne, weil sie um Gnade bitten."
"Jetzt kann ich nicht mehr mit der U-Bahn fahren, weil ich es nicht ertrage, angesprochen zu werden. Ich empfinde jede Zuwendung, auch eine positive, als Körperverletzung."
"Meine Grundausstattung sind Valium, Betablocker und Antidepressiva."
"Es gibt ja nichts Authentisches. Was wir heute für die Wirklichkeit halten, ist eine Fernsehwirklichkeit."
"Ich bin Feministin, weil dieses erdrückende, phallokratische Wertsystem, dem die Frau unterliegt, über alles gebreitet ist."

FAS (13.3.05) über Naturkundemuseum: "Das Dach wurde von sowjetischen Pionieren nach einem Brand im Zweiten Weltkrieg weder aufgebaut. Der Geschichte nach sollen sich damals die Russen von den in Alkohol eingelegten Objekten aus der zoologischen Sammlung ernährt haben."

50er-Jahre-Film mit Sonja Ziemann im Fernsehen. Eigentlich ein pornographisches Arrangement, ohne aber explizit sexuell zu werden. Eine Sekretärin, die Kindchen genannt wird, angelt sich ihren mit einer Schauspielerin verbandelten Modemacher-Chef. Dauernde Machtdemonstation im Büro mit kleinen Gesten.

Daß ich nur mit gerader Anzahl Fliegen im Raum schlafen kann.

M-Bar am Fenster.
Buch: Paul Parin "Es ist Krieg, und wir gehen hin", zuende.
1991 erschienene Erinnerungen an die Zeit bei den jugoslawischen Partisanen, als Arzt in einer Schweizer Hilfsorganisation. Der Text durchsetzt von Reflexionen über das Scheitern der Utopie und den neuen Nationalismus in Jugoslawien "die Kinder und Enkel unserer Patienten".
Schweizer Ärzte hätten auch an der deuschen Ostfront ausgeholfen.
"Es gibt eine besondere Art Schönheit der Freiheitskämpfer"
Ernüchterung über den Charakter der Partei. Nur mit Mühe und Trickserei kommen sie mit ihrem Operationsbesteck überhaupt zum Einsatz. Die Partisanen trauen ihnen zunächst nicht. Er und seine Frau, beide leben noch, sehen sich als Anarchisten. Sehnsucht nach brüderlicher Solidarität. Familie und Heimat stießen sie ab. Befehle verletzten ihre Würde.
Archaische Elemente, der Arzt gilt in Montenegro als eine Art Magier.
"Nie, nicht einmal während der vielen Monate in den Dörfern tief im afrikanischen Busch, habe ich so wenig von dem gewußt, was 'in der Welt' vorging, wie im Krieg, als ich direkt am Gang der Geschichte beteiligt war."
Sie sehen ihren Einsatz als direkte Fortsetzung des antifaschistischen Kampfs für die spanische Republik.
Erlernen von russischen Ärzten im Krieg entwickelte OP-Methoden. Aber sie sind enttäuscht, als die Partisanen-Lazarette stur nach russischem Modell organisiert werden sollen, obwohl sie vorbildlich funktionierten.
"Nur, wenn man Fehler gemacht hat, kommt es im Guerillakrieg zur Bildung einer Front." So sind die sieben Offensiven der Deutschen zu sehen.
Tatsächlich tragen manche ein prawoslawisches Doppelkreuz über dem rotem Stern.
Nachts singen die Verwundeten Montenegriner, um die Schmerzen zu vergessen. Ein langes Heldenlied von Njegos.
Wissen: Bei den Österreichern heißt es statt "Vorwärts, marsch!" "Gemma, Buam!"
Jugoslawische Schwestern kippen Verletzte einfach in den Laderaum eines Schiffs, er muß immer dazwischengehen, damit man nicht so mit den Leuten umgeht. Blinddärme werden nicht fachgerecht operiert.
Die Schwestern korrigieren seine Anweisungen: für starke Schmerzen geben sie die großen Tabletten, für weniger starke die kleinen.
Partisanen schleppen prinzipiell nur Waffen und Munition mit, angeblich nicht mal im Winter Decken.
Einem schon begrabenem Toten werden seine Sachen abgenommen.
Albaner sind auf eigene Faust hinter den abziehenden Deutschen her, sie wollen bis nach Deutschland, Blutrache üben.
Verbot jeder Liebesbeziehung unter den Partisanen. Weil die Bauern ihre Töchter sonst nicht mitgehen lassen würden. Die Nazipropaganda verfemt tatsächlich auch die Partisanen als promiske Banditen in den Wäldern.
Röntgen heißt bei ihnen "na struju" ("in den Strom") und gilt als Therapie.
Alle Einheiten haben Hygieneverantwortliche wegen Läusen und Flecktyphus.
Die klandestinen Transporte der Verwundeten ersetzen Nachrichten. Man trägt sie nachts weiter und erfährt über sie neues über die Lage.
Die Patienten werfen dauernd Eierhandgranaten aus dem Fenster. Zerschießen vom Bett aus alle Kakteen.
Patienten lassen sich untersuchen und sagen, auf die Frage, was sie haben: "Cijeli zivot me boli." (Das genze Leben tut mir weh)
"Vom 'Neuen Menschen' war nichts zu merken."
Chauffeure wissen: je toller die Waffe, desto wichtiger die beförderte Person.
Engländer rauschen an und bauen in wenigen Stunden eine Behelfsbrücke über eine Schlucht. Alle sind beeindruckt.
Motiv: Ein als Kollaborateur verdächtigter Chirurg hat gleich am Anfang zwei Todesfälle in seiner Station und gerät deshalb unter Sabotageverdacht. Daraufhin läßt er alle Patienten vorsorglich amputieren, um jede Lebensgefahr abzuwenden.
Interessant, wie Parin Erfahrung immer psychoanalytisch einordnet: - konstatiert den Moment, wo die psychologische Strukturierung eintritt, die den Zusammenhalt als solidarische Gruppe ausmacht.
- Warum er zur Revolte neigt. "Einmal findet das Es sein Symbol, das wirkt weiter, solange es Unterdrückung gibt."
- "Partisanenkrankheit", eine psychische Epidemie, durch "Induktion" verbreitet, also einfach dadurch, daß man einen Anfall bei jemand anderem miterlebt. Kurze Wahnanfälle, in denen sich der Kranke im Kampfgeschehen wähnt. Angeblich kommen sie daher, daß sie vom Zivilleben überfordert sind. Im Krankenhaus zur Grübelei verdammt und bei Repression sexueller Gefühle (es geht sonst bis zur Todesstrafe). In Slowenien trat die Partisanenkrankheit nicht auf, dort herrschte kein Sexualverbot.
- Bulgaren, die mit den Russen bis nach Deutschland marschiert waren, haben auf dem Rückweg auffällig viele Blinddarmreizungen. "Wir deuteten die Epidemie von Blinddarmentzündungen der Heimkehrenden als Ausdruck eines unbewußten Konflikts zwischen dem Wunsch heimzukehren und der Angst vor dem, was sie zu Hause erwartete."
- "In der Regel erinnert man sich nicht, wann sich die eigene Ideologie gewandelt hat. In mancher Auobiographie gibt es das Ereignis, die Begegnung oder das Leseerlebnis, das 'meinem Leben einen tieferen Sinn gegeben hat'. In Wirklichkeit ist der ideologische Ruck nur selten genau so erfolgt." Kryptomnesie, Täuschung der Erinnerung.
Zum Schluß der Reise tauchen die Schweizer selbst in den Gesängen der Montenegriner auf, ohne daß die wissen, daß sie die Helden aus ihrem Lied vor sich haben.

"er foutiert sich ums Parlament"
"Sanität"
"Reisläufer"
Schweizern ist Annahme ausländischer Orden verboten.

Dann Susan Sontag "Gegen Interpretation" (1964)
Kunst: Platon Nachahmung der Nachahmung. Aristoteles therapeutischer Wert
"Die Interpretation ist eine radikale Taktik der Konservierung eines alten Textes, der für zu kostbar gehalten wird, als daß er einfach abgelehnt werden könnte." Bei Freud immer ein latenter Inhalt hinter einem manifesten Inhalt. Bei Marx Revolutionen und Kriege Anlaß für Interpretation.
Interpretation ist "Rache des Intellekts an der Kunst". "Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft, uns nervös zu machen."
"Das Werk kafkas zum Beispiel ist zum Opfer einer Massenvergewaltigung durch nicht weniger als drei Armeen von Interpreten geworden". Als soziale, psychoanalytische und religiöse Analogie interpretiert. Auch Beckett zieht Interpreten "wie Blutegel an".
"Interpretationen dieses Typs deuten stets auf eine (bewußte oder unbewußte) Unzufriedenheit mit dem Werk hin, auf den Wunsch, es durch etwas anderes zu ersetzen."
"Die meisten amerikanischen Romanautoren und Dramatiker sind im Grunde entweder Journalisten oder Sonntagssoziologen und ?psychologen."
"Wie müßte die Kritik aussehen, die dem Kunstwerk diente, statt sich an seinen Platz zu drängen?" "Während eine übertriebene Betonung des Inhalts die Arroganz der Interpretation provoziert, ist eine intensivere und umfassendere Beschreibung der Form dazu angetan, diese Arroganz zum Schweigen zu bringen."
"Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst."

Zusage von Reprodukt! Ich darf Guy Delisle "Shenzhen" übersetzen.

Beglückende Sauna. Anschließend quälender Versuch, etwas, wie Hemons "Islands" zu schreiben. Aber bei ihm steht immer der spätere Krieg im Hintergrund. Deshalb ist die von Gewalt grundierte Sommerreise der Familie nicht künstlich dramatisiert. Auch der zweite Weltkrieg, immer präsent, die Leiden des Onkels unter Stalin, alles in der Familienerzählung enthalten. Bei uns wurde nie so etwas ausgebreitet. In Wirklichkeit war eben alles idyllisch.

12.4., Di
Schöner Morgen, 16 Seiten Probeübersetzung Delise.

"Die Linguistin" und "Robert, der Derwisch" durchgesehen.

Spielplatz. Ein junger Vater ist gar nicht beunruhigt, als sein Sohn kopfüber auf dem Dach des Holzhauses kraucht.
Holzeisenbahn. Ein Junge bringt seiner Mutter ein Stück Holz: "Ein Eis!" Und die Mutter muß sich freuen. Die Kinder schreien immer: "Alle aussteigen!" Ein Junge nimmt eine grüne Buddelschippe als Signal. Räumt aber vor dem losfahren noch ein Dreirad aus dem Weg, das vor dem Zug liegt: "Strecke freimachen". "Das ist der Tank des Zuges!"

Zu acht im Mauersegler beim "WM-Studio Mitte". Vorberichterstattung über Sascha Kross und Alexander Scheer, die den ICE nach Hamburg mit Plastepistole gestoppt haben. "Irrer Schauspielstar stoppt ICE!" stand in der BZ auf der Titelseite.
Bayern-Arsenal 3:2. 4 klare Chancen, und sie kriegen wieder ein abgefälschtes Gegentor. Großartiger Live-Kommentar, überhaupt tolle Stimmung. Auch draußen Fernseher aufgebaut.

13.4., Mi, Seelower, abends
Laufen Hu-Hain, Anfangs schmerzfrei, dann fällt es schwer, die Lunge noch belastet.

Ein Brief aus New York im Kasten. Ich schwöre spontan, am Sonntag in die Kirche zu gehen, wenn es eine Zusage für das Stipendium ist, aber es ist nur die Bestätigung, daß mein Antrag bei ihnen angekommen ist. Vielleicht hätte ich noch höher pokern sollen.

Wenn ein Schachspieler sich an alle seine Partien erinnert, ob Schumi soch dann an alle seine im Leben gedrehten Runden erinnert?

Paul Parin exzerpiert. Einkaufen. Dann ist es schon halb 8, ohne Schlaf. Setze mich nochmal hin, aber Johannes kommt 15 Minuten zu früh. Was ich in dieser Zeit geschrieben hätte, wird nun also nie geschrieben werden.

Kapielski bei Radio Hochsee im Burger. Ca. 40 Zuschauer. Auch so ein Mensch, bei dem man gar nicht aufs Alter achtet, der für immer so aussehen kann. Macht Lust auf Eckkneipenbekanntschaften in Berlin. Druckst aber bei privaten Aussagen. Er hat viel studiert.
Spielt am Ende noch einen selbst aufgenommenen Song ab: "Das ist Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle? Eiskalt, läßt du meine Seele erfrieren. So ein Wahnsinn, du spielst mit meinen Gefühlen. Und mein Stolz längst schon auf dem Müll. Doch weiß ich, was ich will."

14.4., Do, Seelower, vormittags
Verdauung, warum nur? Wieder schlecht geschlafen, in letzter Zeit immer schon nach 6 h wach, danach nur noch quälen. Liegt es am leisen Ticken vom Wecker? Oder kommt heimlich immer jemand rein und und zieht an meinen Gliedern? Oder die olle Scheibe Knäckebrot von gestern, bei der ich die Vermutung hatte, daß schon Motten darin nisten?

Brigitte, Brigitte Woman, Brigitte Young Miss. Warum gibt es keine Brigitte Old Man?

Zur Chaussee mit der S-Bahn. Eine Russin schläft mit dem Blick aufs hochgehaltene Handy immer wieder ein. Dann schimpft sie mit einem Mann, der sie anruft. Sie könne nicht früher kommen. Ich denke sofort, wie gut ich es habe, daß ich doch wenigstens genug Schlaf bekomme. Das war doch in der Jugend schon ein Hauptlebensziel, endlich einmal genug schlafen zu können.

15.4., Fr
Buch: Natalija Basic "Krieg als Abenteuer"
Mirko&Slavko
Biographische Analyse und Beschreibung subjektiver Perspektiven in der Gewalt- und Täterforschung, ein wenig erschlossenes Feld.
"Erfahrungswissenschaften"
"intime" Kampferfahrung
Kohärente Erzählung der Geschichte des Krieges verleiht im nachhinein "epischen" Charakter (Problem von Kriegsfilmen)
Orientierung an mythologischen Merkmalen
Gewalt subjektiv ordnungsstiftend. Kriegsgeschehen vergleichsweise sicherer, strukturierer Handlungsraum (analog zum Schreiben über Gewalt)
Idealisierte Praxisvostellung des jug. Partisanenkriegs
Konfliktlinien von der Vergangenheit mitbestimmt (wirklich?)
Symbolische Realisierung von antifaschistischem Kampf
Privatisierungstendenzen der Gewalt
Der sozialistische Militarismus, keine pazifistische Norm. Positives Militärbild. (vgl. im Gegenteil in der DDR, trotz vormilit. Erziehung)
Soziologensprache: "Sozialisationsumfelder im Modus der Potentialität zu analysieren"
Krankheitsmetapher "angesteckt" politische "Infektion"
Umkehrung traditioneller Lernbeziehungen, nun muß die Elterngeneration lernen.
Gruppenkohäsion
Lokale Militärherrschaft, die sich in Ausbeutung realisiert
Bewährungscharakter, faszinationsträchtige Lebensphase
Konstruktion des eigenen Handlungsreperoires
Sprache: "Binnenrationalität" der Akteure
Fakten anzweifelbar, aber wichtig für Realitätsverständnis
Möglichkeit emphatischen Verstehens ohne individuelles Risiko
Sprache: "systematische Zufälligkeit"
Verteidigungsidentität
Erfahrungsvorsprung
Sprache: "Neutralitätspostulat" des Interviewers, weichen von "Reziprozitätsnormen des Alltagsgesprächs" ab. Kommun. nie neutral, Neutralität eine Fiktion
Zwang der "Selbstexplikation"
Psychologische Komponente, die Befragten wie Kranke zu anaylisieren, immer den versteckten Sinn hinter dem Gesagten suchen. Dadurch ein kolonisierender Blick.
"Weshalb fällt es schwer zuzugeben, daß das Gewaltthema für einen Forscher ein 'attraktiver' Gegenstand ist?"
PTSD Post-Traumatic-Stress-Disorder
"Gewalt als 'ganz normale Kriminalität' zu interpretieren, ist andererseits eine der Strategien, die 'Frieden' im Grunde erst möglich machen."
"Erhebungsphase"
Bosnien als Symbollandschaft, anziehend für internationale Beobachter
"seltsame Opferhierarchie" Stadt, Land.
Gefahr eines "going native" Austausch mit Außenstehenden, "systematische Distanzierungsschritte", "den fremden Blick wiede auffrischen".
Sprache: "Namen aus forschungsethischen Gründen pseudonymisiert"
S-S-S-S "Samo sloga srbina spa?ava" (nur die Einheit rettet die Serben)
"Heterostereotypen ? wie denken die kroatischen Kollegen über uns"
Interview in einer Bar, die nachts als Bordell dient
"Insidermoral" läßt scharf abgegrenzte Gruppe entstehen.
Mythenbildungsroutine.
"Militärische Vergemeinschaftung im engeren Sinne bedeutet: Die Welt reduziert sich auf ihre bedrohlichen Informationen"
Die beschworene Identität wird durch existenzielle Vergemeinschaftung ersetzt.
"Retroaktives Bewußtsein", Angst vor Wiederholungen
Serbische Mythenbildungsroutine
"Für das Mitglied einer Spezialeinheit ? die "Krönung" der militärischen Vergemeinschaftung ? konnte das Beherrschen militärischer Mittel und Kampftechniken die "Chance" für Erfolgserlebnisse und die Freude an sinnvoll empfundener Tätigkeit erhöhen. Militärisches Handeln, Fertigkeiten wie gezieltes Töten, taktische Probleme zu bewältigen, bestimmte Risiken klkuliert einzugehen u.ä. können erlernt werden ? und zwar durch die Auseinandersetzung mit militärischen Problemstellungen." Auch "Produktstolz"
Rollendistanz neutralisiert die Situation beim Erzählen.
"?die Ideen und Mythen, die dem Verteidigungskonzept des Volksbefreiungskrieges zugrunde lagen, und der Zweite Weltkrieg, der sie hervorbrachte, haben die heutigen Kriege vielleicht sogar mehr geprägt als den damaligen Volksbefreiungskrieg selbst."
(wurde in der Wehrerziehung wirklich militärische Kompetenz vermittelt? Bei uns hat man sich doch nur darüber lustig gemacht. Dann könnte man auch sagen, Indianerbücher haben den zweiten Weltkrieg verschuldet. Waren die Hollywoodmuster nicht wirksamer?)
Filme fungieren als "Interpretamente"
Sprache: "Putative Reaktion"
Motiv: Ein Briefträger ist berufsbedingt mit der ethnischen Verteilung in seiner Region vertraut
"Binnenperspektive"
"Biographiekonstruktion"
Veteranenverband "Jedinstvena organizacija boraca, JOB"
Narrative. Erzählform der Tragödie: der geliebte Kommandant rettet ihn vor dem Tod. Danach wird er Opfer des Krieges. Deshalb muß er weitermachen.
"Wegbeschreibung in den Krieg" "Verengung des Überlebenssins und der Handlungsperspektive: Kampf auf Leben und Tod." "Rhetorik der Notwendigkeit"
(Nicht nur die Gewalt schafft Ordnung, sondern auch das Studium der Gewalt. Paradox: in entfremdeten Lebenssituationen seine Forschung vermissen, die Gewalt und Leid zum Thema hat.)
Man kann aus biographischen Selbstdeutungen nicht die Gewalthandlungen rekonstruieren, allerdings "welche Deutungen Gewaltakteure ihrem Handeln im nachinhein unterlegen."
Es gibt ein "Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr"

Eilig zum "I due forni".
Witz: Mujo und Sujo betteln in N.Y. Ein Mann, der ihnen immer etwas gab, sagt, er könne nicht mehr bezahlen, wegen der schlechten Zeiten müsse er sparen. "Ja, aber doch nicht auf unsere Kosten!"

Dann allein Lachsnudeln, die schwer im Magen liegen. Am Tisch ein Junge, der mit seinem Vater slowakisch oder tschechisch (?) spricht. Dann kommt die deutsche Frau, und er spricht ganz normal deutsch. Der Kellner ignoriert mich mehrfach, sogar noch beim Bezahlen, als ich freundlicherweise zu ihm an die Kasse komme.

"Freitag": - Marina Achenbach über die Familie von Ex-Rektor Heinrich Fink. War 125 Jahre (seit 1839) in Bessarabien. Mit Bibeln und Weinpflänzlingen aus Schwaben ausgereist.
1940 macht man sich bereit, nach Deutschland zurückzukehren. Inzwischen 92000 Menschen. Urvertrauen in das Deutsche, alles ist ja auch gut organisiert. 300 deutsche Militärs dürfen zur Vorbereitung in der SU einreisen, auf einem Schiff die Donau hinab. Andreas Pampuch schreibt "Heimkehr der Bessarabiendeutschen" (1941)
Es geht die Donau hoch, ins Auffanglager Semlin bei Belgrad. Volksdeutsche Mittelstelle, Berlin. Nach "völkischer Überprüfung" erhält man den "Reichsbürgerbrief". Sie sind aber in Deutschland nicht willkommen, warten zwei Jahre im Lager. Ging man zur SS, kam man sofort raus. Dann bekommen sie endlich Höfe, aber es sind offensichtlich die von vertriebenen Polen, die Betten waren noch warm, die Kühe gemolken. Der polnische Besitzer verbarg sich in der Nähe im Wald. Sie nehmen Kontakt mit ihm auf, die polnischen Knechte kommen zurück. Motiv: Weil der Kreisbauernführer kontrollierte, daß sie nicht mit ihnen am Tisch saßen, schob die Mutter die beiden Tische 10 cm auseinander. 1945 die Flucht, der polnische Knecht begleitet und beschützt sie bis zur Oder.

Film: "Kulturpark", zu 8 in die Hackeschen Höfe.
Der Kulturpark Berlin. Obwohl man nur 3-4 mal dort war, ein wichtiger Erinnerungsort. Man hatte keine Ahnung, wie das nach der Wende zerstört worden ist. Allerdings hätte das Gelände doch als Vergnügungspark ohnehin keine Chance mehr gehabt. Im Osten 3 Millionen Besucher jährlich.
Den Fluß störender Trickkram. Die Vergangenheit des Parks fast nur in abgefilmten Fotos präsent. Dafür der Nachwendeniedergang ganz plastisch. Ein Westler, der kein Geld hatte und trotzdem alle überzeugen konnte, ihm zu folgen. Riesige Kredite. Am Ende verkauft der die Achterbahn und geht damit nach Peru. Kommt noch einmal zurück mit über 100 Kg Kokain, in einem Karusselpferd versteckt. Ein komischer Berliner Musikproduzent wird befragt, der für ihn Konzerte auf dem Gelände organisiert hat. Anschließend auch im Kino anwesend: "Ja, ich bin Andy Moor, ich glaube, man kennt mich hier ?" Nein, eigentlich nicht? Eigenartig, wie unadäquat so eine Figur in diesem Ambiente wirkt. Wie stark die Gesellschaft doch auseinanderdriftet. Er ist mit einem Renommierpüppchen hier und sicher der reichste Mann im Raum.

16.4., Sa
Zu spät an den Umzug von Andreas Gläser erinnert. Noch zur Torstraße, wo keiner mehr ist. Sommerstimmung in der Pasteurstraße. An drei Umzugswagen frage ich, aber es sind andere Umzüge. Dann finde ich das Haus, komme aber zu spät.

Übersetzen. Schlaf. Texte durchgehen.

Kantine: Nur eine Frau kauft das Bretagne-Buch, und auch nur, weil es kein Buch von Micha gibt.

17.4., So
Delisle übersetzen.

Bärbels Geburtstag, ein Dutzend Kinder in der Wohnung. Kalle hat in New York im Park Schach gespielt, die waren aber viel besser, leben davon. Gewinnen immer bewußt ganz knapp.

Schlaf, dann ist der Kreislauf runter. Tatort mit Schüttauf abgeschaltet, weil es zwar ganz gut gemacht ist, Krimis aber Zeitverschwendung sind. Arbeiten allerdings auch unmöglich. Also sogar noch eine Stunde Delisle übersetzt. Dann mich aufraffen können, noch zu "Willenbrock" zu gehen, mich aber in der Zeit geirrt, so daß ich doch dableibe.

Eine Autistin, Professorin für Tierpychologie, hat bemerkt, daß es Tiere entspannt, wenn sie vor dem Schlachten mit Kopf und Körper in einem speziellen Gerät eingeklemmt werden. Sie hat sich selbst so ein Gerät fürs Büro gebaut, in das sie sich von Zeit zu Zeit legt. Den Kopf in einer Klemme, den Drucl auf den Körper mit einem Schalter regulierend. Das entspannt, weil man es selbst in der Hand hat und nach und nach die Druckdosis erhöhen kann. Körperkontakt war ihr als Kind immer unerträglich.

18.4., Mo, Seelower, vormittags, heiter-bedeckt
Den Morgen mit 10 Seiten Delise-Übersetzen begonnen. Beim Riverboat Gert Hof, der auch aus dem Osten kommt, aus Lauchau. Macht in der ganzen Welt seine Lichtshows. Mir wird flau bei dem Gedanken, solch ein Projekt, wie die China-Milleniums-Feier, stemmen zu müssen, dabei verlangt das ja gar keiner von mir.

Verdauung, leichtes Schwindelgefühl. Vernünftiger wäre es, Fußball ausfallen zu lassen, aber dann hat man ja gar nichts mehr, was einem Spaß macht.
Zur Sicherheit nur ein Durchgang. Luft noch schwach. Gleich am Anfang ist in der linken Kniekehle was gerissen, kann aber weitermachen. Drei Großchancen versiebt.

Film: "Palindrome" (R.: Todd Solondz), im Central.
Konsequente Weiterführung der anderen Filme. Die Technik, eigentlich bösartig pointierte Dialoge ganz selbstverständlich ausspielen zu lassen, so daß man sich gar nicht zu lachen traut. Wenn die Mutter die häßliche Tochter mit den Worten tröstet: "Egal, was passiert, du wirst immer du sein!" was ja gerade das schlimme ist. Oder, wenn sie sie überreden will, abzutreiben, bis jetzt sei das in ihrem Bauch doch kein Mensch, sondern eher ein Tumor.
Dawn aus "Welcome to the doll house" wird beerdigt. Auch sie hatte einmal Ambitionen, hat sich bei einem Talenwettbewerb beworben "she lost in the first round" mit einem Vortrag über Selbstachtung.
Ein dicker Junge zeigt beim Familienbesuch einem dicken Mädchen seine Pornos, in denen ein Dan Gerard mitspielt. Später schläft er mit ihr, wobei es sehr schnell geht. Sie fragt ihn anschließend: "Can you try it again? Like Dan Gerard?"
Abtreibungsarzt Dr.Fleischer.
Sie haut von zuhause ab und landet in einem von einer Mama Sunshine geleiteten Heim für behinderte Kinder. Die Kinder singen als "Sunshine singers" Jesus-Songs. Sie malen ein Plakat für einen Auftritt, Mama Sunshine erschrickt, weil sie gerade hereinkommt, als sie mit den Buchstaben bei "Sunshine sin" sind.
Ein Junge berichtet stolz, daß das blinde Mädchen heute selbst irgendwas geschnitten hat. Sie sagt "Guess so!" und hält lachend ihre verarztete Hand hoch.
In der Zitty hat dieser herausragende Film eine Bombe bekommen "Ansammlung von doofen Tabuverletzungen", "Kunstkacke" schreibt ein gewisser Martin Schwarz, den man sofort vom Dienst suspendieren sollte. Und man ist völlig machtlos, man kann sie ja nicht verklagen deswegen. Über unsere Beschwerdepost würden sie sich doch noch amüsieren. Man kann das Blatt boykottieren, aber das kratzt sie nicht. Viele sagen: es wäre doch langweilig, wenn alle die gleiche Meinung hätten. Dabei wäre es doch im Gegenteil paradiesisch, wenn alle die gleiche Meinung hätten, sofern es sich um etwas so gutes, wie diesen Film handelt. Wie kann man dazu eine andere Meinung tolerieren? Ich möchte nicht mit Menschen zusammen auf einem Planeten leben, die dafür blind sind.

Nachher zum amerikanischen Restaurant. Schwache Nudeln, laute Musik. 20 Spanierinnen platzen herein.

Zu Hause bis 2 Musik für die lästige Disko runtergeladen. Grimmiger Bauchschmerzen vor dem Schlafengehen.

19.4., Di
Delise übersetzen.

Ausgekoppelt: Das Drama des ersten Satzes

Kindheit: Gefahren, vor denen gewarnt wurde. Raupen nicht anfassen und die Augen reiben, weil ihre Haare Widerhaken haben. Vom Zucker essen zuckerkrank werden und das ganze Leben lang jeden Tag eine Spritze bekommen. Die Kinder im Diabetikerheim, man hörte sie förmlich schreien wegen der Spritzen. In der Badewanne hinfallen, im Rollstuhl sitzen. Mädchen kriegen Krebs vom auf die Brust schlagen. Vom Kirschkerne schlucken Blinddarmentzündung. Splitter im Finger führt zu Entzündung und Amputation.

Beim Fahrradladen erfolglos, sie haben kein Ost-Rad "Osten, Westen, ist doch längst dasselbe..." Im "Wohnzimmer" Coetzee angefangen "Der Junge". Nicht so gut, wie "Die jungen Jahre". Obwohl die gleiche Technik, alles im Präsens, nüchtern, aber weniger interessant, wenn man nie in Südafrika war. Vielleicht interessieren einen Kinder in der Literatur auch einfach weniger als Jugendliche.

Abends zum Hausvogteiplatz, der ganz renoviert ist. Die Gegend aber menschenleer und tot. Das "Institut für europäische Ethnologie". Was das überhaupt ist? Unterschied zur Soziologie? Austellung mit Roma-Fotos, eine dänische Balkan-Kapelle spielt. Langweilige Reden von den Professoren. Brezeln und ein Bier.

Im Fernsehen ein schwuler Visagist, der behauptet, in der Creme würden Bakterien gedeihen. Man solle nie reinfassen, immer einen Kosmetikspachtel benutzen. Vielleicht brennt es deshalb immer so auf der Haut?

Film: "Willenbrock", Kulturbrauerei, um 22:45.
Keiner außer mir im Saal. Als später doch noch einer kommt, grüßt er. Der Film in der Taz von Kuhlbrodt verrissen, was er sich dabei denkt? Angenehm unauffällige, aber doch bewußte Kamera. Lauter DDR-Schauspieler: Prahl, Manzel, Ursula Werner, Gerber, Hiemer, Grashof, Bendokat.
Wie fehl am Platz der Autoverkäufer auf der Studentenparty ist. Wie undurchdringlich die gesellschaftlichen Milieus. Ein Typ, der gerne seine Grenzen überschreiten würde, aber für immer festgelegt ist.
Schön peinlicher Dialog beim Bettenkauf.
Magdeburg-Ansichten.

Mail von der Taz. Die Kusturica-Kritik ist angeblich schon vergeben (2 Monate im voraus!) Sie macht sich gar nicht bewußt, was sie mir da antut.
Am nächsten Tag macht sie eine lange Kritik damit auf, daß sie zweimal von "corps exquisit" schreibt, wo sie "cadavre exquis" meint. Kann mich gerade noch zurückhalten, ihr eine spitzfindige Berichtigung zu schicken.

20.4., Mi
Gleich nach dem Aufstehen übersetzen, erst danach laufen. Sicher der bessere Rhythmus.

Film: "89 Millimeter" (R.: Sebastian Heinzel), im Acud.
Die letzten müssen auf der Treppe sitzen. Phantastische Doku über Bjelorussland, auffällig gute Kamera, trotz Digitaltechnik. Tiefer Neid, daß man so etwas nicht auch macht. Was ist Reiseliteratur dagegen, wenn man Bilder hat?
Ob es eine Diktatur sei. Der Jugendliche, der die Entenjagd liebt, verneint die Frage. Tatsächlich dürfte er bei uns nicht auf die Jagd gehen. Und die Anti-Lukaschenko-Grafitti-Sprayer würden bei uns nicht weniger Ärger bekommen, unabhängig von dem, was sie sprühen.

Schmidt singt mit dem Publikum die Internationale mit Müntefering/Lenin/Stalin-Bild im Hintergrund und einem Papst-Foto auf den Schreibtisch.

21.4., Do
Delisle übersetzen.

Chaussee: Bohni wäre der perfekte Papst, lebt zölibatär. Aber er berichtigt mich, das würden wir alle tun, weil wir nicht verheiratet sind.
Die Bibel fängt gar nicht mit "Am Anfang war das Wort" an. Dan: "Erst hieß es Genesis, dann Phil Collins"
Zur Abwechslung mal 100% gesund. Man lehnt sich zurück und genießt es, wie ein Sonnenbad. Es muß gar nichts spannendes passieren, das Gefühl ist schon ungewöhnlich genug.
Alle 10 Sekunden kommt jemand rein und will zur FU-Semesterparty nebenan.
An der Kasse schreit jemand was in den Raum. Stephan später: "Das war Gundermann, der ist gar nicht tot."
Stephan: "Gibt es jemanden, der wegen mir eine Band gegründet hat? War hier jemand beim "Bloc party"-Konzert? Ich hab beim Tanzen versucht, nicht peinlich zu wirken, sonst hätte ich das gar nicht gemußt. Ich sing einfach das Konzert nochmal vor, für die, die nicht da waren."

22.4., Fr
Delisle-Übersetzung beendet.

Im Zug nach Potsdam den heute ganz schwachen "Freitag".
Knapp 20 Leute im Waschhaus, 4 Texte muß ich lesen. Immerhin nette Reaktionen.
Konrad improvisiert eine phantastische Geschichte zu ihm unbekannten Dias, die seine Freundin einlegt. Man sieht den Ausgang einer Grotte: "Das ist meine Mutter von innen". Erklärung dafür, daß die Schrift spiegelverkehrt ist: "Das ist nach der Revolution aufgenommen."
Taxi zum Bahnhof. S-Bahn über Westkreuz. 15 Minuten steht der Zug, weil die Polizei jugendliche Vandalen aus dem Zug gegenüber abholen kommt, hoffentlich kommen sie nicht so bald wieder frei.

23.4., Sa, Seelower, vormittags, heiter-bedeckt
Ablehnung vom Senatsstipendium für Autoren. Unter 400 sollen 17 bessere gewesen sein.

Mail an den Regisseur vom Bjelorussland-Film geschrieben.

Delisle Korrekturlesen begonnen.

Im TIP fragt ein Journalist Lou Reed beim Telefoninterview, was "an Manhattan so faszinierend sei". Antwort: "Kaufen sie sich einen Stadtführer". Da muß er sich doch nicht wundern, wenn er ruppig reagiert. 30 Jahre lang dumme Fragen beantworten, da ist schon die Frage, was einem als Künstler mehr zusetzt, die Drogen oder die dämlichen Journalisten. "Ich mag kreative Menschen, keine Schmarotzer" (Journalisten) Bei Metal Machine Music hätte er als erster Loops eingesetzt, es sei auch die Geburt von Industrial und Noise-Rock.

24.4., So
Film: "Die Dolmetscherin", Kulturbrauerei.
Diplomatie oder Waffen. Auf seine gediegene Art ein gänzlich überflüssiger Film. Könnte ein Lehrstück über UNO-Diplomatie sein, aber es ist ja alles personalisiert, also das übliche. Der traurige Polizist und die geheimnisvolle Frau/Verdächtige. Ein bißchen aufgepeppt durch erzählende Details aus der Dolmetscherszene. Immerhin Nicole Kidman von geradezu porzellanener Schönheit. Daß sich gerade gegen sie so eine ablehnende Einheitsfront formiert. Sean Penn steht schon seit Jahren nur ein einziger Gesichtsausdruck zur Verfügung, den er nicht mal immer hinkriegt.
Langweilig, wie immer in Thrillern, daß alles so offensichtlich angelegt wird, jedes Detail ein Wink mit dem Zaunpfahl. Sie läßt verbotenerweise ihre Tasche in der Kabine liegen, später könnte es ja auch eine Waffe sein. Ihr Bruder hat als Kind zum Spaß Listen geführt, am Ende nur noch eine Todesliste mit Bürgerkriegsopfern seines Heimatlandes. Sie bekommt nach seinem Tod das Notizbuch geschickt und trägt seinen Namen nach.

25.4., Mo
Fast sechs Stunden Fischer vor dem Untersuchungsausschuß gesehen. Kann sich nicht mehr an ein Gespräch mit dem Befrager erinnern. Der Frager schon. Fischer: "Ich sehe, meine Antworten haben bei ihnen Eindruck hinterlassen, das gilt für ihre Fragen nicht."

Fußball, wieder kein Tor. Immerhin die drei Stunden durchgehalten.

Gerade so fähig zu Lou Reed ins Tempodrom zu fahren. M. fragt, ob es im Osten nicht auch einen Lou Reed gab, sie meint aber Dean Reed. Plätze ganz oben in der letzten Reihe. Sol-Bier gegen die starken Kopfschmerzen. Später gehen wir runter, um ein bißchen was zu sehen. Er hat anscheinend Grippe, die Stimme klingt belegt. Bei Perfect Day kommt er gar nicht in die Melodie rein. Peinliche Tänzer im hinteren Bereich, die sich bewegen wie bei einem Indianerfestival. Direkt vor der Bühne läuft 10 Minuten lang einer hin und her und improvisiert Spastiker-Aerobic. Zum Glück wird er irgendwann abgeführt. Für Musiker muß es noch schlimmer sein, mißverstanden zu werden, weil sich dieses Mißverstehen in der Art des Publikums zu tanzen ausdrückt. Beim Vorlesen bleibt man ja verschont davon, zu erfahren, was sie denken, sofern sie einen nicht ansprechen.
Wie macht man das, mit 63 Jahren so ein Konzert durchzustehen mit Grippe? Hilft Kokain?
Adventurer, My House, Extacy, Guilty, Talking book, Slip away, Charleys girl, Vanishing, Why do you talk so much, Guardian angel, Blue mask, Zugabe Perfect day.

26.4., Di
Bis Mittags am Lou Reed-Artikel für die Taz. Leichte Halsschmerzen rechts, vielleicht habe ich mich ja bei ihm angesteckt? Dann ziemlich kaputt zu I., die jetzt in der Duncker wohnt. Draußen liegen alle in der Sonne. Balkon im zweiten Hinterhof. Die Tochter gerade geboren, einen Monat zu früh. Ob sie nach diesem Monat psychisch eine Art richtiger Geburt erlebt? Besprechen ein paar Details aus der Delise-Übersetzung, aber ich bin zu geschwächt zum denken.

Eine Stunde muß ich im Fahrradladen stehen, bis ich das gebrauchte Raleigh bekomme, das schon fertig dasteht.

In der Linie 1 steigen ältere französisch sprechende Touristen zu. Zwei junge Italiener, auch gerade in Berlin angekommen. Die ältere Frau ist aber aus Brasilien, lebt in Genf, jetzt zwei Tage in Berlin, dann Talinn. Das junge Mädchen aus Siena, der Junge aus "Palermo". Wie er das Wort ausspricht, krampft sich einem das Herz zusammen. Das ist durch keine phonetische Umschrift wiederzugeben. "Como si chiama il fiume?" "S-prree". Wünscht der Brasilianerin beim Aussteigen: "Buona permanenza, arividerci"
Im Alter fährt man dann immer Bahn, um die Gespräche der Touristen mitzuhören. Weil man inzwischen alle Sprachen kann, ohne sie je selbst zu brauchen.

Seal, einerseits mit Heidi Klum zusammen, andererseits diese Narben im Gesicht.

Lesung bei den "Überflüssigen" im Privatclub unter der Kreuzberger Markthalle. Sie staunt, als ich sage, daß ich zum ersten mal hier bin, aber ich meine ja nicht Kreuzberg, sondern die Markthalle. So einen schönen Ort erst jetzt entdeckt. Nur 15 Leute, aber es macht fast Spaß hier zu lesen, weil man keine Stimmung machen muß.

Zu Hause leichtes Fieber. Ein Special über Fischers Weg. Erst noch mit Lederjacke. Die Grünen halten ihre Fraktionssitzungen damals öffentlich ab. Petra Kelly: "Ich fühle mich ganz eingeschüchtert von diesem Gebäude [Bundestag] Ich habe seelische Probleme, und die brechen wieder auf." Einerseits erschreckend, wie unadäquat sie im Bundestag mit ihren langen Bärten wirken, andererseits erfrischend, weil es nicht so undenkbar wie heute scheint, in diesem Milieu mitzuhalten. Dasselbe ja mit den Bürgerbewegten, die heute in Fernsehdiskussionen keinen Stich mehr sehen würden.

27.4., Mi
Schon nach 6 ½ h wach. Wegen Schwächung auf Laufen verzichtet. Rechte Gesichtshälfte gereizt, aber keine Temperatur. Leicht wundes Zahnfleisch, diese regelmäßig auftretende Problem muß etwas virales sein. Nach langem Zögern Klagemail an den Verlag, drei Monate Warten sollten das rechtfertigen.

Setze mich hin und schreibe alles auf, was mich im Moment quält. Erstaunlich, wieviel Dinge man bei allem Klagen immer noch nie ausspricht. Danach, als hätte man sich ein Geschwür rausoperiert.

Ausgekoppelt: Meine derzeitige Stimmung läßt sich mit Worten nicht beschreiben, man müßte schon singen können wie Xavier Naidoo

Immerhin herrliches Nieselwetter, das guttut. Vielleicht war es ja Heuschnupfen in der letzten Zeit.

Um 12 in der M-Bar Philipp R. aus Holland, der an einem Buch über Berlin recherchiert und ein Gespräch will. In Holland würde man die in Deutschland übliche Unterscheidung von "richtiger" und komischer Literatur absurd finden. Erkläre ihm nochmal in wenigen Worten die Wende. Er ist aber deutlich besser informiert als die meisten Westdeutschen, die ich kenne. Vielleicht wird das eines Tages meine Hauptbeschäftigung, durch die Schulklassen zu ziehen und ihnen als Zeitzeuge immer wieder alles zu erzählen.

Maria Schell war also berühmt für ihr "Lächeln unter Tränen".

28.4., Do
Doch noch eine Rechnung an amnesty für die Leipzig-Lesung schreiben müssen. Fahnen für Spr.i.t.z. durchgesehen und Kurzbio geschrieben. Vertrag für Falkos Buch durchgesehen.

In Australien bietet jemand Bestattungen auf einem Billigfriedhof an. Im Ökosack und, als besonderer Clou, senkrecht, was Platz und Geld spart.

In Hamburg sind 1000 Kröten in einem Todestümpel explodiert. Die Ursache waren aber nur ein paar Krähen, die ihnen die Leber rausgepickt haben. Da die Kröten sich in der Paarungszeit aufplustern, und sie kein Zwerchfell besitzen, seien sie explodiert.

Chaussee: Ansage: Frage, wer auf meinen Tip hin in "Palindrome" war: keiner. Der vom Offenen Mikro tritt ans Mikro: "Es geht um Partnersuche." Bohni: "Du mußt aber schon auch noch was lesen hier."
Muß zwischendurch ans Fenster gehen, weil die Tabakluft mir zusetzt.
In der dritten Reihe schläft einer tief und fest. Wir können ihn gerade so bewegen, sich bei der Disko etwas weiter hinter zu setzen, wo er die ganze Zeit weiterschläft. Später kommt einer in schwarzen Stiefeln mit zwei Hunden, die auf der Bühne kopulieren. Stephan wirkt, obwohl er nichts trinkt, immer betrunkener, bis er am Ende fast lallt.

29.4., Fr, Seelower, nachmittags, heiter-bedeckt
Gegen Mittag im Stadion die 10 Km unter 47 Min.

"Freitag": - Ein Thomas Demand baut mit Assistenten Fotos aus den Medien als lebensgroßes, buntes Pappmodell nach, z.B. das von der Barschelbadewanne. Fotografiert das Modell mit einer Schweizer Sinar, einer Kamera mit teleskopischer Linse. Die mehrere Quadratmeter großen Fotos werden unter Plexiglas laminiert. Welche sexuellen Perversionen muß man denn auf solche eine Weise sublimieren?

Um 8 am Alex getroffen. Nach Wannsee zur Agenturparty. Frage das Mädchen vom vom Leipzig-Institut. nach ihren schwarzlackierten Fingernägeln, und sie ist gleich ganz pikiert.
Begrüßungsspalier am Wannsee, ein Prosecco. Volker Panzer vom ZDF-Nachtstudio ruft mir am Büffet von hinten zu: "Wir sehen uns Sonntag!" aber er meinte gar nicht mich, sondern jemanden in der anderen Reihe. A. könnte gegen ihren Vater wegen der nie gezahlten Alimente jeden zweiten Tag eine "Taschenpfändung" veranlassen. Ein Neffe von ihr hat Asperger-Syndrom, einfach irgendwann beschlossen, kein s mehr auszusprechen.

30.4., Sa
Sommerstimmung, man weiß nichts damit anzufangen.

Kantine. Moderation mit Spider klappt gut: "Wer ist denn von außerhalb gekommen? Wißt ihr schon, was ihr heute kaputtmachen wollt?" Sebastian Krämer singt ein herrliches Lied über Jongleure: "Die Welt braucht keinen Jongleure, doch Jongleure brauchen die Welt." 7 Minuten dauere eine Jonglage-Nummer immer. Läßt man was fallen, sagt man, man habe "gedroppt".
Schützenvereinswerbung: "Schießen lernen ? Freunde treffen."
Sebastian wirbt für Veranstaltung am 1.Mai im Friedrichshain: "Also von hier nur einen Steinwurf entfernt." Verschenkt Freikarten gegen ein Pfand.
Spider über Terassenheizungen. Für den, der die bei sich auf dem Balkon benutzt, gilt: "Jeder von ihnen eine kleine USA".

1.5., So
Ein deprimierend sonniger Tag, fast 30 Grad. Am Nachmittag kurz Tischtennis an der Pappelallee. Aber der Ehrgeiz, mich dauernd nach dem Ball zu bücken, fehlt mir inzwischen völlig. Gerade hat sie noch geklagt, jetzt verteidigt sie schon ihre Doktorarbeit.

Die letzten Zweifel bei Delisle-Übersetzung ausgeräumt. Die Höllenkreise bei Dante nachrecherchiert. Vestibule/Limbo/ville de Satan/Malebolge. Ville de Satan ist "Die Stadt Dis". Limbo ja eigentlich die Vorhölle, aber Verstule auch. Im Limbus sitzen die antiken Philosophen, die ja nichts dafür können, keine Christen zu sein. Ihre einzige Strafe ist, daß sie Gott nie sehen dürfen.
Canard laqué ist Pekingente. Travers de porc sind Spareribs.

In einem alten Lettre-Heft eine Anzeige einer DDR-Bürgerbewegungs-Zeitschrift "Horch & Guck", die in der Seelower 14 sitzt. Dort aber an den Briefkästen keine Spur davon zu finden.

So stumpft man ab. Statt der hervorragenden "Brücke" den Rest von "Any given Sunday". Schon weil es bunt ist und mehr Stars mitspielen. Obwohl es um Football geht eine allgemeingültige Parabel auf Kapitalismus, Profisport, Generationenkrieg, Ehrgeiz, altern, Erfolg, Einsamkeit.
"Wenn ein Mann auf sein Leben zurücksieht, muß er auf alles stolz sein können, nicht nur auf die Zeit, als er den Panzer getragen hat."

2.5., Mo
Film: Sarajevo: Rambo II (Der Regisseur George P.Cosmatos war Italiener. Seine Filmographie als Schauspieler weist nur einen Eintrag auf: "Alexis Zorbas ('64), uncredited, Acne faced boy". Muß doch deprimierend sein, so eine zweifelhafte Lebensleistung.)
Deutlich schlechtere Fortsetzung, der fast völlig der Charme eines unfreiwilligen modernen Mythos von Teil I fehlt. Blödes Verfolgungskino im Dschungel.
Rambo, erfährt man, ist am 7.6.47 geboren, '64 in die Armee. Er ist indianisch-deutscher Abstammung (!! damit praktisch ein Sohn von Karl May und Winnetou. Wahrscheinlich die beeindruckendste Kombination, die sich ein Amerikanischer Drehbuchautor damals denken konnte. Auf die Art wird der Figur der deutsche Durchhaltegeist vererbt und Unberechenbarkeit und kriegerischer Charakter des Indianers.)
Er wird von seinem Ziehvater Colonel Trautmann für eine Mission in Vietnam aus dem Steinbruch geholt. Er soll Soldaten in Kriegsgefangenenlagern ausfindig machen und fotografieren. Rambo ist mißtrauisch, weil im Büro dieser Mission so viele moderne Computer stehen. Er zieht den Verstand vor. Rambo: "Um den Krieg zu überleben, muß man selbst zum Krieg werden."
Der Einsatzleiter hat Zweifel, ob Rambo der richtige Mann ist. Trautmann: "Was sie vorhin die Hölle nannten, ist sein zuhause."
Benutzt wieder sein Mehrzweck-Messer, mit Kompaß im Griff. Auch Pfeil und Bogen. Auf der Flucht kurze Annäherung an seine vietnamesische Kontaktagentin, die aber, Sekunden nachdem er sich mit Kuß bereiterklärt hat, sie mitzunehmen, von einer feindlichen Kugel getroffen wird.
Es zeigt sich, daß die ganze Gefangenen-Aktion nur ein Fake war, er sollte überhaupt keine Soldaten finden. Sein Ziehvater Colonel Trautmann, der einzige Mensch, dem er vertraut, streitet sich deshalb mit dem Einsatzleiter. Der eine will "die Männer da rausholen", der andere sagt, daß das Geiseln sind, für die sie Milliarden an Erpressungsgeld zahlen würden, mit dem die Vietnamesen dann "ihren Krieg gegen unsere Alliierten finanzieren." Das Thema müsse vom Tisch, deshalb dieser Einsatz.
Er kämpft sich natürlich durch und bringt sogar eine Hubschrauberladung voll vermißter amerikanischer Soldaten zum Stützpunkt. Als erstes zerschießt er die Computer in der Leitstelle. Dann rächt er sich am Einsatzleiter.
Showdown. Wie im ersten Teil ein Grundsatzgespräch zwischen Ziehvater und Kreatur. Colonel Trautmann: "Du kannst nicht immer weglaufen, John. Du bist jetzt frei, komm zu uns."
"Wohin zurück? Meine Freude sind hier gestorben und etwas von mir ist mit ihnen gestorben."
"Der Krieg, alles, was hier passiert ist, war falsch. Aber deshalb darfst du dein Vaterland nicht hassen."
"Hassen? Ich würde dafür sterben!"
"Was ist es dann, was du willst?"
"Ich will, was jeder andere wollte, der hier rüberging, sein Blut vergoß und alles gab, was er hatte. Ich will, daß mein Vaterland mich genauso liebt, wie wir es lieben."
"Wie wirst du weitermachen?"
"Ich weiß nicht."
Abgang des einsamen Helden in die Weite der Landschaft.

Sie spenden für russische Zwangsarbeiter, die nie entschädigt wurden, weil sie als Kriegsgefangene galten. "Wir schicken was da hin und nicht an den Tsunami, selber schuld, wenn sie so dicht am Strand bauen, wo immer Wellen kommen."

Fußball, beide Durchgänge, anfangs sogar 4 gegen 4. Dadurch am Ende kaum noch laufen können. Immerhin endlich wieder Tore.

Der Schlaf löscht zum Glück die Schmerzen fast aus. Hinterher sogar fähig zum rausgehen.

Film: "Timmimoun" (?) (R.: Michael Roes), Literaturwerkstatt.
Auf französisch in Algerien gedrehter Roadmovie, vage an die Orestie angelehnt. Zwei Freunde fahren vom Meer in den sehr traditionellen Heimatort des einen, der seine Mutter wegen Fremdgehens umbringen soll.
Digital gefilmt, Autor, Regisseur, Produzent, Schnitt, alles von Roes. Keinem was zahlen können. Dauernd auf Polizeistationen verhört.
Zum Teil aber begeisternde Reisebilder. Macht große Lust, einfach auch eine Reise zu nutzen, um unterwegs so eine Geschichte zu erzählen.
Im Gespräch mit Knut Elstermann wirkt er aber stark erschöpft. Er wolle das mit solchen Mitteln nicht noch einmal machen, weil ihn als Filmfan das Unvollkommene schmerze.

Auf dem Rückweg spontan einen Schawarma, zu spät daran gedacht, daß nach einem heißen Tag der Sauce nicht mehr zu trauen ist. Zu Hause überlegt, ob ich ihn bei mir behalte. Noch ein paarmal aufgewacht, aber dann ging es doch noch einmal gut.

3.5., Di, Seelower, vormittags, heiter
Alter Film mit Schell. O.E.Hasse spielt einen Regisseur in der Krise, der durch sie als Darstellerin wieder Lust an Leben und Arbeit gewinnt. Klagt seiner Frau (Brigitte Horney) sein Leid. Daß er ein anderes Leben will, Lust am Filmen vermiißt. Sie: "Man redet vom Leben und man meint einen Menschen."

In Taz-Artikel über Standup in Israel ein Witz: "Eine ältere Frau bestellt in einem teuren Jerusalemer Restaurant eine Flasche Wein. 'Ich empfehle unseren 94er Cabernet', sagt der Kellner. 'Nein. 1994 ist mein Mann gestorben.' ? 'Wie wäre es mit einem 87er?' ? 'Ungern: Da habe ich erfahren, dass mein Sohn schwul ist.' ? 'Wissen Sie was', sagt der Kellner genervt: 'Nehmen Sie doch einfach ein Mineralwasser!' ? 'Gute Idee', antwortet die Frau, 'but without gas - wegen meiner deutschen Oma.'"

Bandname: "Die Einschneidenden"

Am Spielplatz A. mit Kindern. Würde ihnen keine Barbie schenken, die seien Schuld an den Schönheits-OP's. At. findet dagagen Trash gut, auch Fernsehen. Hätte unsere Art, die Welt wahrzunehmen geprägt.
Dann Platzregen, wir flüchten in den Hauseingang.
Wie ein Hündchen läuft sie immer die Runde ab zu den für sie interessanten Stellen. Einmal an der Gitarre zupfen. Einmal ins Mikro sprechen. Einmal den Kassettenrekorder in der Küche auf und zuklappen. Einmal den roten Knopf vom Anrufbeantworter drücken, so daß ein Frauenstimme sagt: "Ansage Eins aktiviert, Restspeicherzeit 15 Minuten" Sie kriecht fast in den Apparat, um der Frau zu antworten.
Gegen 19:00 kommt sie ins Bett. Sie kommt aber noch dreimal ins Wohnzimmer gestapft, einmal mit Hase und kleinem Schaf. Dann mache ich die Tür zu, und es geht.
Liverpool gegen Chelsea krankt daran, daß ich für keinen von beiden bin. Außerdem kann ich mich kaum bis zum Anpfiff wachhalten.

4.5., Mi, Seelower, vormittags, bedeckt
Schwarz-Sauer, Berliner Zeitung: - Nehberg hat sich den Titel "Sir Vival" schützen lassen.
- Selbst, wenn man seine Kinder komplett enterbt, bekommen sie noch die Hälfte als Pflichtteil! Es sei denn, sie üben Gewalt gegen die Eltern aus. Einem Mann, der seine Mutter aus Ärger über die Enterbung getötet, zerstückelt, und die Teile im Wald versteckt hat, hat das Gericht aber den Pflichtteil zugesprochen, weil er bei der Tat nicht schuldfähig war.
- Drei Rentner, die viele Banken ausgeräumt haben, sind gefaßt worden. Schuld war das Alter. "Die Prostata-Erkrankung von Rudolf R. zwang die Bankräuber zu Pinkelpausen."

Noch den Rest von Kerner mit Kempowski, der wieder überzeugt. Man muß den Interviewer gar nicht ansehen, Hauptsache, man wirkt eins mit sich. "Ich war das ganze Leben noch nicht in Italien. Ich hab immer gedacht, daß das Goethe-Institut mich mal einlädt, aber das sind ja auch alles 68er, die fragen: der war in Bautzen? Den wollen wir nicht haben."
Barbara Auer hat mit 43 nach 16 1/2 Jahren das zweite Kind bekommen. Plötzlich sieht man die ganze Gesellschaft nur noch aus dieser Perspektive und fragt sich, warum einer, der Kinder hat, überhaupt noch irgendwas anderes macht.
Schweighöfer, ein bißchen zu hübsch und sichtlich bemüht, charismatisch zu wirken. Da zittert man bei so jungen Leuten immer mit, daß es nicht peinlich wird, vor allem, wenn sie keinen intellektuellen Hintergrund haben.

Viel Zeit im Internet vertändelt, weil immer noch keine Nachricht vom Verlag kommt, und man sich trösten will.
Mit Hängen und Würgen Basic exzerpiert, kaum noch mein Interesse an der Bosnien-Materie aufwärmen können.

Schillerfilm: ein bißchen sehr Mozart/Salieri-Plagiat. Wieder das romantische Bild vom rauschhaften Schreiben. Aber woher kommt denn der Text? Die Sprüche bei Schiller? Die Straßenausdrücke? Warum zeigt man den Autor nicht mal als materialsuchenden Menschen, der im Leben steht, statt immer nur so ein tagelanges, alkoholisiertes, schwitzendes Grübeln in einer Dachkammer.
Immerhin souverän gespielt vom jungen Schweighöfer.
Allerdings Böcke im Text: "Morgens kommt die Herrschaft zurück, da muß alles tiptop sein." Das müßte ihnen doch bei so einer aufwendigen Produktion auffallen.
Wie schwer sie es damals erst hatten mit ihren Krankheiten. Aber immerhin ist er trotz Selbstverarztung noch über 40 geworden, so weit sollte man es also unter heutigen Bedingungen auf jeden Fall schaffen.
Wie sähe das heute aus? Weil Bürgermeister Wowereit mir verbietet zu schreiben, flüchte ich nach Dresden, wo ich mit meinen Gedichten unter den Frauen in der Landesregierung Fürsprecherinnen gewinne, die mir einen Vertrag bei einer ARD-Anstalt verschaffen, jährlich 3 Tatort-Drehbücher zu schreiben. Aber sie sind unzufrieden mit mir, weil meine Drehbücher kein Happy End haben und zu verkopft sind, ich soll ein bißchen mehr Sex&Crime einbauen.

Ob ich wegen der Schwächung morgen die Fahrt mit Falko nach Anklam zum Trabitreffen absagen muß? Das Programm klingt verlockend:
11 Uhr Bierdosenstapeln der Damen und Herren auf Zeit
13 Uhr Keilriemenzielweitwurf der Damen und Herren
17 Uhr Getriebeweitwurf der Damen und Herren
23 Uhr Erotikshow mit Women- and Men-Strip
08-12 Uhr Nachstellen des Schriftzuges »DDR« 
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