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Chronik
Saturday, June 11, 2005
  5.5.05, Do
In Japan gebe es Mangas, in denen nichts passiere, als daß zwei Mädchen Tennis spielen. Nach dem Durchblättern der Hefte, werfe man sie weg.

Buch: Studs Terkel: "Der Gute Krieg" (Nachtrag zum 6.1.05)
Gespräche mit Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg.
"Muß eine Gesellschaft das Grauen erleben, um das Grauen zu verstehen?"
"15 Burschen, die zum erstenmal im Leben nicht in einer Konkurrenzgesellschaft lebten."
Japanisch: "gaman" - ausharren.
bushido ? ein Soldat ergibt sich nicht.
Im Fort zum ersten Mal New England-Akzent gehört.
Im Gefecht läuft man leicht in die falsche Richtung, weil man gar keinen Durchblick hat.
Die Russen laufen mit Pferden die Straße auf und ab, damit der Kreislauf in Schwung kommt, und man sie töten und essen kann.
In jedem deutschen Haus schwarz umrandete Bilder.
Siegfried-Linie
RAF ? Royal Air Force
Die kriegsgefangenen Briten schicken ihre Wäsche zum Waschen nach England. Fluchtkomitees unter ihnen arbeiten ständig Fluchtpläne aus.
Weil die Russen das Rote Kreuz nicht anerkannten, standen sie nicht unter dessen Schutz.
Im Stalag wird von den Deutschen für eine "Sankt-Georgs-Legion" geworben, in der Engländer für die Deutschen gegen die Russen kämpfen sollen.
GI-Bill, nach der jeder GI ein Studium finanziert bekommt.
Im Pazifik kamen auf einen Frontsoldaten 19 Mann in der Etappe.
Szene: Es ist nachts, es regnet. Einem Japaner wird die Schädeldecke weggeschossen, der Tote fällt nicht um, es sieht aus, sondern bleibt sitzen. "Wir saßen auf unseren Helmen und warteten auf die Ablösung. Ein Kumpel von mir schnippte Korallenstückchen in die Schädeldecke. Immer wenn er sein Ziel traf, spritzte es."
Weil es verboten ist, Tagebuch zu führen, lernt er die Verlustraten auswendig.
Bei Angriffen betet der eine, der andere flucht "Eines von beidem muß es gewesen sein."
Man erzählt ihnen, daß alle Japaner Brillenträger sind und ihr Angriffsziel gar nicht richtig sehen können.
Die Japaner haßten es, zu ihnen aufsehen zu müssen, weil sie größer waren.
Beriberi, Vitamin-B-Mangel. Der Körper schwemmt auf. Hoden so angeschwollen, daß er keine Hosen tragen kann.
Fakt: nach Genfer Konvention dürfen Kriegsgefangene keine Arbeit verrichten, die zur Herstellung von Kriegsmaterial dient.
"Ich habe nichts gegen die Japaner, aber ich fahre keinen Toyota und besitze auch kein Sony-Gerät."
Frau arbeitet in Munitionsfabrik. Im Pulver oranges Tetryl. Sie haben Angst, man könnte denken, sie hätten sich die Haare gefärbt, weil das damals noch eine Schande war.
"Ich weiß noch, wie jemand auf die Idee kam, alle japanischen Sachen, die man besaß zu verbrennen."
Männer kommen als rauchende Säufer aus dem Krieg.
Bei Schießereiszenen im Kino muß er zittern und gehen.
Eine Frau sagt im Bus: "Ich hoffe, der Krieg dauert noch so lange, bis ich meinen Kühlschrank abbezahlt habe."
Die Leute haben plötzlich Geld, durch die neuen Fabriken.
Der Propagandadruck auf die Frauen, einen Soldaten zu heiraten.
In jedem Propagandafilm kommt der Satz vor: "Tja, ich wurde abgelehnt." "Oh, so ein Pech!"
Frauen entdecken ihre Fähigkeiten. Dagegen in der Zeitung eine unsinnige Briefkolumne, in der eine Frau ihrem Mann schreibt: "Dies ist eine Abbildung unseres Armaturenbrettes. Brauchen wir neues Öl?" Um zu demonstrieren, wie abhängig sie von den Männern waren.
Auf den Windschutzscheiben Aufkleber: "Ist dieser Ausflug wirklich nötig?" Sie kratzen "Ausflug" weg und schreiben "Krieg" hin.
"Neulich machte ich Urlaub in Florida, und jedesmal, wenn ich eine Palme sah, rechnete ich mit einem japanischen Heckenschützen."
Die Schwarzen in der Armee. Deutsche Kriegsgefangene dürfen sich frei in der Garnison bewegen, während schwarze Soldaten ein Sperrgebiet haben. Getrennte Trinkwasserspender. Deutsche Kriegsgefangene sitzen in Amerika vorne in der Straßenbahn, Schwarze hinten.
Schießerei zwischen schwarzen und weißen Soldaten. Einer wird getroffen. Ein Rotkreuz-Mitarbeiter: "Der wird's schaffen. Nigger sterben nicht, wenn man sie in den Kopf schießt."
"Die Deutschen hatten ihren Misthaufen hinter dem Haus und die Franzosen davor. Wahrscheinlich waren sie stolz darauf."
Bombenkrieg: "1945 machte die Redensart die Runde, wir hätten mit unseren Bomben nur der deutschen Landwirtschaft das Pflügen erspart."
"Der Zweite Weltkrieg bedeutet in meinem Fall einen wunden Arsch. Der Zweite Weltkrieg, das sind für mich vier Jahre mit nervösem Durchfall."
Deutsche Kinder winken am Boden den amerikanischen Piloten zu.
"Jahrelang hatten wir Blusen aus Fallschirmseide."
Russen waschen sich in den Toiletten den Kopf.
Flieger machen nach Abschuß "Siegesrolle".
Auf dem Land bekommt die Bevölkerung in England von der Regierung Stahltische als Unterstände, die dann im Schlafzimmer stehen.
Eine Bombe trifft den Buckingham-Palast.
Landminen an Fallschirmen.
Auf den zerbombten Flächen wachsen "Jehovablümchen" (London pride)
Männer kommen aus dem Krieg, die ausgebombten Frauen wohnen in Luftschutzkellern. Die Männer besetzen 6 Monate lang das Savoy-Hotel.
Kinder spielen immer Krieg. Nehmen sich vor, sich in Kleidersäcken zu verstecken, mit Ketchup zu beschmieren und totzustellen, wenn die Deutschen kommen.
Ein aufrechter deutscher Lateinlehrer. Mustersätze: "Jemand lügt. Dr.Gobelius lügt immer."
Jeden Mittwoch HJ-Stunden (wie FDJ-Studienjahr!). Lebenslauf des Führers nachsagen.
Nach Pearl Harbour stehen sie an der Meldestelle mehrmals um den Häuserblock Schlange. Einer ist zu klein, bleibt vier Tage im Bett, um noch ein paar Zentimeter rauszuschinden. Die Mutter fährt ihn hin, er liegt die ganze Strecke auf dem Rücksitz, um nicht wieder zu schrumpfen.
Landung in der Normandie. Mitten in den Explosionen sitzt eine Flakmannschaft und liest Comics.
"Links von mir geht ein Franzose übers Feld, er führt eine Kuh und gibt ihr mit seinem Körper soviel Deckung wie möglich."
Rudern nachts über einen Fluß. Einer ist besoffen und singt plötzlich: "Row, row, row, your boat". Daraufhin krachen Granaten.
"Das Leben eines Panzersonderbataillons im Einsatz dauerte durschnittlich 10-12 Tage. Danach wurde es einfach von der Liste gestrichen, und die paar Männer, die noch übriggeblieben waren, wurden einem anderen Bataillon zugeteilt."
Schwarze werden diskriminiert. Am Ende sollen sogar Militärgeheimdienstler in Gebiete geschickt worden sein, in denen Schwarze stationiert waren, um die Bevölkerung gegen sie aufzustacheln.
Die Deutschen setzen junge Deutsche aus New York oder Chicago als Saboteure ein, um Munitionsdepots zu sprengen.
Deutscher gefangener Leutnant sagt zum schwarzen GI: "Du hast mir nichts zu befehlen, du bist ein Schwarzer" Darin von den weißen GI's noch unterstützt.
Jiddisch hilft bei der Verständigung mit den Deutschen.
Die Polen, die für die Amis im Lazarett arbeiten, schütteln die Deutschen auf dem Weg zum OP durch.
Fakt: Postoperative Sterblichkeit im 1.Wk über 60%.
"Die Army kam mir wie ein Kosakenheer vor. Sie bestand zum Großteil aus Leuten, die nur mitmachten, um dem Gefängnis zu entgehen."
PX-Läden
Bei der Siegesparade in Paris sitzen noch deutsche Heckenschützen auf den Dächern.
Ab Frühjahr '41 in den USA eine staatliche Preiskrontrolle. Allgemeine Höchstpreisverordnung friert die Preise ein. '42 Kaffeerationierung "sie war äußerst unbeliebt bei den Skandinaviern und Deutschen in Amerika".
"Das wichtigste Vermächtnis des Krieges ist der militärisch-industrielle Komplex, vor dem Eisenhower noch in seiner Abschiedsrede gewarnt hatte."
Die Schwester der Frau von Churchills Neffe war mit Oswald Mosley verheiratet, dem britischen Naziführer.
Roosevelt gründet "Fair Employment Practices Committee"
Tuskegee, einziger rein schwarzer Fliegerhorst, in Alabama. Apartheid und so strenges Aussieben, daß sie eine Elitetruppe wurden.
OWI Office of war information (Stimme Amerikas). "Für Rundfunksendungen in Deutschland zogen sie mich den Leuten vor, die perfekt Deutsch sprachen. Sie glaubten, daß Deutsche, die im Radio jemand akzentfrei sprechen hören, gleich einen Verräter vermuten würden."
Tips, wie man sich ergibt: die Panzer vorbeifahren lassen, und sich anschließend der Infanterie ergeben.
"Mir hat das ganze Abenteuer Spaß gemacht. Ich kann mich an nichts Schlimmes erinnern. Außer an den Sexfilm, den Film über Geschlechtskrankheiten, den sie uns gezeigt haben. Du großer Gott. Ich glaube, der hatte bei allen katastrophale Folgen für das Liebesleben."
"Wenn wir in Deutschland eine Stadt einnahmen, arrestierten wir den Bürgermeister und die anderen hohen Tiere und übergaben den Antifaschisten die Stadt. Drei Tage später kamen wir zurück, da hatte unsere Militärverwaltung die Offiziellen wieder freigelassen und in ihre Ämter wieder eingesetzt, und die Antifaschisten waren weg vom Fenster. Das passierte regelmäßig."
"An der Front hungerten die Leute, und hier verhökerten unsere Soldaten lastwagenweise das Zeug, ganz egal, was es war."
Gegen Ende des Kriegs immer häufiger unerlaubte Entfernung von der Truppe.
"In Paris begegnete ich einmal einem Henker. Er war Sergeant. Ein Amerikaner. Er war ein Profi und in Texas stationiert. Er hatte seinen eigenen Strick mitgebracht."
Fakt: als Hitlerjunge durfte man reisen, ohne zu bezahlen.
Von 39000 U-Boot-Matrosen sind 32000 gefallen.
Britisches Flugzeug winkt mit seinen Klappen.
"Der erste Russe, den ich sah, fuhr mit einem Deutschen auf einem alten, offenen Lastwagen. Dahinter folgte ein wilder Haufen. Das sollte die russische Armee sein, aber sie waren gar nicht richtig organisiert wie eine Armee. Da gab's welche in Zivilkleidung, manche auf dem Fahrrad, manche auf alten Lastwagen, sogar welche zu Pferd."
"In Babi Yar wächst das höchste und kräftigste Gras von Kiew" (wegen der Asche von tausenden toter Juden)
"Soldaten, die tödlich verwundet wurden oder vom Feind eingekreist waren und wußten, daß sie bald sterben würden, öffneten häuig Patronenhülsen, schütteten das Pulver weg und steckten Botschaften an ihre Frauen und Verwandten hinein. Viele Kinder suchen auch heute noch danach. Es ist wie eine Schatzsuche."
Franzosen schmuggeln Juden nach England. "Dazu benutzten wir Krankenwagen der Irrenanstalt. Wir steckten die Flüchtlinge in Zwangsjacken und brachten sie über die Grenze."
"Die Leute aus Delmenhorst fuhren am Sonntag zum Lager hinaus. Es war ein Zeitvertreib. Sie beglotzten uns, als wären wir Tiere in einem Zoo." Nach der Befreiung schneidet er einem SS-Mann mit einem Stein ein Ohr ab.
Deutsche: "Zu Hause hatten wir ständig Angst, bei jedem Stundenschlag der Uhr fuhren wir zusammen."
Displaced Persons, '46 (!) Pogrom in Kielce (Polen) "Die Polen fingen an, Juden zu töten, die aus Deutschland zurückgekehrt waren."
"Moment", vor dem Krieg größte jiddische Zeitung in Polen.
"Ich stand in der Gaskammer. Heutzutage ist es ein Museum mit weißgetünchten Wänden. Damals waren die Wände noch voller Blut. Die Menschen waren im Todeskampf mit den Köpfen dagegen gerannt."
Ein Kibbuz auf Julius Streichers früherem Bauernhof gegründet.
Ein amerikanischer Spähtrupp soll erstes Aufeinandertreffen mit den Russen vorbereiten. "Allerdings sind wir vielen Deserteuren begegnet. Ein steter Strom. Ein paar waren sogar als Frauen verkleidet."
"Wären die zwei Armeen, auch wenn sie verbündet waren, mit voller Wucht aufeinandergeprallt, wären sicher einige Kameraden zu Schaden gekommen."
An einer gesprengten Brücke eine Menschenmenge von toten deutschen Zivilisten. Zusammentreffen mit den Russen. "Da stehen wir, eigentlich in Hochstimmung, aber vor uns ein Meer von Toten. Lieutenant Kotzebue, ein tiefreligiöser Mensch, war sehr bewegt. Er sprach kein Russisch. Die Russen konnten kein Englisch. Er sagte: 'Joe, wir wollen etwas geloben, zusammen mit den Russen hier: der heutige Tag soll als bedeutsamer Tag in die Geschichte unserer beider Völker eingehen, in Gedanken an die toten Zivilisten. Reden Sie Deutsch mit ihnen.'"
Die Russen: "Sie sind wohl der lustigste Haufen Verrückter, der sich je in einer Armee zusammengefunden hat. Am treffendsten lassen sie sich so beschreiben: Sie sind genau wie wir Amerikaner, nur doppelt so sehr?"
Amerikanischer Soldat Joseph Polowsky läßt sich '83 in Torgau begraben.
"Die Deutschen waren sehr ordentliche Leute. Wenn sie nicht genug Zeit hatten, ihre Kameraden zu begraben, legten sie sie fein säuberlich nebeneinander. Da lagen die Toten in langen Reihen wie Holzscheite."
Nürnberger Prozesse: "Vielleicht erinnern Sie sich daran, daß es in Militärkreisen einen großen Aufschrei gab, als die beiden deutschen Generäle Keitel und Jodl zum Tode verurteilt wurden."
"Es gab in unseren Militärkreisen immer eine gewisse Bewunderung für das deutsche Militär."
Verhöre in England. "Ein Sergeant verkleidete sich als Deutscher, wir schmierten ihm Ketchup ins Gesicht, und er rannte schreiend hinaus, während wir jemand verhörten, der nicht reden wollte."
"Wenn ein Deutscher besonders stur war, rief ich immer nach Sergeant Kaminsky, und der Deutsche fing sofort an zu reden. Er wußte, daß Kaminsky ein polnischer Name war, und was in Waschrau passiert war."
Ost-Institut in Königsberg. Überlegen, wie sie alle Russen ausrotten können.
Das Counter Intelligence Corps. Besorgen Klaus Barbie ein Haus in Augsburg, weil sie ihn als Informanten brauchen. Zahlen ihm Dollar. SS-Leute sagen: "Ich habe Hunderte von Leuten im Einsatz, die mir per Telefon Berichte durchgeben. Unsere Informanten sitzen auch in Moskau."
Der amerikanische Nachrichtendienst besorgt Barbie Pässe. "Nachem sie für Barbie keine Verwendung mehr hatte, wußte er schon zu viel über die Arbeitsmethoden unserer Abwehr, um ihn noch an die Franzosen ausliefern zu lassen."
"In den dreißiger Jahren wurde in New York die Hochbahn in der Sixth Avenue abgerissen. Der ganze Schrott wurde nach Japan verkauft, und wir haben immer gesagt, das kommt alles wieder als Bomben zurück."
Abraham-Lincoln-Bataillon im Spanienkrieg. Später beim OSS (Office of Strategic Services, Vorläufer der CIA) Meldet sich zur Army, aber sie lassen ihn nicht an die Front. "Mich nicht und viele Linke aus Spanien auch nicht."
Brieftauben aus Italien zu den jugoslawischen Partisanen.
"Wenn sich die Army und die OSS nicht mit hohen Geldbeträgen eingemischt hätte, wäre Italien ein sozialistisches Land geworden."
Hamburg: "Die Nazis machten manchmal Razzien in einem Nachtlokal und griffen die jungen Leute heraus, die zu lange Haare hatten. Die trieben sie dann zum Friseur."
Gerücht, die Deutschen würden einen kleinen Flugzeugträger in die Hudsonbay schicken und Chicago bombardieren. Deshalb Verdunklung.
Suchen nach Beweisen für deutsches Atomprogramm. "Wir veranlaßten, daß Leute in sehr niedriger Höhe über den Flüssen in Österreich und Deutschland entlangflogen und Wattedochte durch das Wasser zogen, um Proben auf Radioaktivität zu machen."
Atombombenflugzeuge Bock's Car (nach dem Piloten) und Enola Gay (nach der Mutter von Paul Tibbet (?)).
"In kaltem, objektivem Licht betrachtet, war Pearl Harbor der größte amerikanische Sieg des Zweiten Weltkriegs. Er hat das Land mobilisiert."
"Mein Bruder ist bei der Ardennenoffensive verwundet worden. Deswegen hat er heute noch Alpträume. Er mußte die Jagd aufgeben."
Nagasaki war katholisch (?)
Die Hiroshima-Überlebenden heißen in Japan "hibakisha" und sind erheblichen Diskriminierungen ausgesetzt (!)
"Bis weit in den Krieg hinein herrschte auch beim Blutplasma strikte Trennung zwischen Schwarzen und Weißen."
Ein UNRRA (United States Relief and Rehabilitation Administration)-Mitarbeiter. Flüchtlingslager. "In Palästina hatten wir königstreue Jugoslawen und weiter im Suez 38000 Tito-Anhänger. Wir mußten sie trennen. Sie waren Todfeinde."
6 Millionen Displaced Persons in Deutschland. General Lucius Clay, Militärgouverneur der US-Besatzungszone. Sah seine Aufgabe darin: "Diese verdammten Juden hier rauszukriegen, denn mein Job ist, die deutsche Wirtschaft wieder aufzubauen, und die fressen uns die Lebensmittel weg."
Ein Jude, mit 30 Kg aus dem Lager gekommen. Heiratet, wird Vater. "Eines Tages ging er mit einem Freund durch die Straßen der Stadt, wo Hitler 'Mein Kampf' geschrieben hatte. Zwei besoffene GI's gingen mit ein paar deutschen Mädchen vorbei, und eines davon schimpfte ihn Judensau, weil die beiden nicht vom Fußweg runtergegangen waren. Die GI's schubsten sie herum, es gab eine Schlägerei. Die Militärpolizei steckte den Mann ein Jahr lang ins Gefängnis. Er schloß sich der Haganah an."

Gesine Schwan in Diskussion über deutsche Unis. Die Illusion, den Überblick über das Wissen zu gewinnen, könne man sich heute abschminken. Gerade deshalb müßten die Wissensgebiete zusammenarbeiten und sich austauschen. Aber sie sieht nur Mißtrauen, Dünkel und Abgrenzung unter den Fakultäten. Zu ihrer Zeit hätte man noch studiert, um "die Wahrheit" zu finden, heute würde man dafür ausgelacht.

Als Schiller 1801 nach der Uraufführung der "Jungfau von Orléans" in Leipzig das Theater verließ, bildete sich eine Gasse in der Menschenmenge. Väter hoben ihre Kinder hoch mit den Worten: "Der da ist es!" Auf so etwas mird man wohl noch eine Weile warten müssen.

Ausdruckslose Spargelcremesuppe und verkochte Nudeln mit holzigen Auberginen im "Kültürzeit".

Chaussee: Ansage: An dem Projekt, eine Woche in meinem Körper zu verbringen, würde selbst Rüdiger Nehberg scheitern. Aber ich trage es, wie ein Man.
"Dolmetscherin": falls jemand noch kein Geschenk für mich zum Geburtstag hat, kann er mir ja Nicole Kidman schenken.
Trotz schlechtem Gefühl im Gästebuch auffällig viele begeisterte Einträge.
Gelungene Disko von Stephan.

6.5., Fr
Kein Sport. Studs Terkel zuende exzerpiert. Man ist stolz, aber worin besteht eigentlich die Leistung? Ein Sekretär hätte mir die Stellen auch abtippen können, ich muß sie ja nur anstreichen. Post: Jugendamt, BfA mit kryptischen Anweisungen und O2 mit der Behauptung, ich bräuchte ein neues Handy.

Beim Italiener in der Sredzki gute Spaghetti.
"Freitag": - Granin: "Erzählen über den Krieg ist ein Duell mit der Lüge."
- Michael Wetzel über Schiller: In der Renaissance, in Vasaris Künstlerbiographien das Bild vom Künstler als genialem Meister, "dessen herausragendes Heroentum mit seinen Merkmalen der Auserwähltheit, Gelehrtheit, des visionären und überirdischen Charakters auch ein geistiges oder körperliches Leiden an der beschränkten Existenz im Endlichen implizierte, ja in Melancholie und frühem Tod gar ein Adeslszeichen erkannte." Dazu gehören Schaffenskrisen. Thomas Mann: "Schwere Stunden"
Fiesco: "Fiesco träumt davon, das Staatsgebilde der Republik, den Volkskörper Genuas als sein Kunstwerk zu schaffen. Diesem gegenüber sieht er sich aber in der Genieposition des allein Entscheidenden, der als Tatmensch über die Kaft verfügt, seine individuelle Freiheit der richtungslosen Masse als Idee einer politischen Freiheit einzuimpfen."
"Heute, wo nach 200 Jahren das Schillersche Reich des Spiels und Scheins mit seiner Befreiung von den Fesseln des Physischen und Moralischen sich zynisch in der televisionären Dauerwerbesendung für eine schöne neue Welt grenzenlos genießender Übermenschen verwirklicht hat?"
Schiller: "Die wahre Kunst aber hat es nicht bloß auf ein vorübergehendes Spiel abgesehen, es ist ihr Ernst damit den Menschen nicht bloß in einen augenblicklichen Traum von Freiheit zu versetzen, sondern ihn wirklich und in der Tat frei zu machen."

Schockartig fällt einem in Schüben ein, was man gestern am Mikrophon alles erzählt hat. "Was habe ich getan?"

Im "Wohnzimmer" Kaffee und Rhabarberkuchen. Kempowski "Tadellöser und Wolff" angefangen. Erinnert doch sehr an Falko.

Eigentlich recht gut gelaunt zum Alex, Regionalbahn nach Potsdam, dort Stephan und Bohni. "Waschhaus", ca. 20 Leute, für die man alles gibt.
Stephan: "Wenn ihr meint, daß ich bald sterbe, dann würde ich den Text schneller lesen."
"Falkos Hochzeit" und "Bio-Markt" kommen sehr gut an. Am Ende bei "Stephan in Rennes" versagt ein bißchen die Kraft.
Einer war Buchhändler in Thüringen, läßt sich "Müller" signieren. Die Vertreterin hätte es ihnen damals empfohlen. Im Buch sei ja dann ein überraschender Bruch, erst lustig, und dann nicht mehr.
Im Nachtbus fast allein über die Glienicker Brücke. Durch den dunklen Wald, viele Stationen ohne Halt, bis zum S-Bahnhof-Wannsee. Langes Warten auf die Bahn, über den Ring zurück.

7.5., Sa, Seelower, vormittags, heiter-wolkig
Wieder kein Sport möglich.

Buch: J.M.Coetzee "Der Junge", zuende.
Derselbe überraschende Präsens-Stil wie bei "Die jungen Jahre", aber weit weniger bewegend. Stellenweise stört die ewige Unterkühltheit direkt. Außerdem ist einem Südafrika fremd.
Sadistische Lehrer, Haß auf den Vater, morbide Details. Der Ärger über die Mutter, weil sie keine eigenen Interessen hat und sich nicht gegen den Vater wehrt. Frühe Selbstdefinition als kühler Brocken und als "etwas besonderes", wenn auch noch unklar auf welchem Gebiet.
"Aus der Stellung seines Vaters im Haushalt ist er nie schlau geworden. Es ist ihm eigentlich nicht klar, mit welchem Recht er überhaupt da ist." Der Satz klingt bei ihm herzlos, von mir vorgelesen würde sicher eher gelacht. Was ist also Komik?
"Nichts was er in Worcester, zu Hause oder in der Schule, erlebt, bringt ihn auf den Gedanken, daß die Kindheit etwas anderes ist als eine Zeit, in der man die Zähne zusammenbeißen und durchhalten muß."
"Er würde gern immer so leben, mit seinem Fahrrad durch die breiten und leeren Gassen von Worcester fahren, in der Dämmerung eines Sommertages, wenn man alle anderen Kinder hereingerufen hat und nur er noch unterwegs ist, wie ein König."
"Daß er die Russen mehr mag als die Amerikaner, ist ein Geheimnis, so düster, daß er es keinem anvertrauen kann."
"?Angst vor dem rituellen Hohn, mit dem jeder Junge mit frisch geschnittenen Haren begrüßt wird."
Kino, Radio, Bücher.
Liebt ein Kinderbuch über eine schweizer Robinson-Familie. "In der Schweizer Familie gibt es keine bösen Brüder, keine mörderischen Piraten; in ihrer Familie arbeiten alle vergnügt zusammen unter der Leitung eines klugen, starken Vaters."
Auf der Farm springen sie nach der Schur auf den heißen, öligen Wollmassen herum.
"Geographie ist nicht besser ? Listen von Städten, von Flüssen, von Produkten. Wenn er aufgefordert wird, die Produkte eines Landes zu nennen, beendet er seine Aufzählung immer mit Fellen und Häuten und hofft, daß er recht hat."
"Stunden verbringt er im Badezimmer damit, sich im Spiegel zu betrachten, und ihm gefällt nicht, was er sieht. Er hört auf zu lächeln und übt sich darin, ein mürrisches Gesicht zu machen."
"Eine Weile treffen er und seine Freunde sich immer während der Pause in einer Ecke des Sportplatzes, um über Sex zu reden. [..] bald sondern sich die älteren Jungen zu eigenen Gesprächen ab, bei denen die Stimme plötzlich gesenkt und geflüstert wird, dann brüllendes Gelächter hervorbricht."
Teetassen, aus denen Farbige getrunken haben, werden weggeworfen.
"Sein eigener Tod ist etwas anderes. Nach seinem Tod ist er immer irgendwie anwesend, schwebt über der Szene, genießt den Kummer derer, die an seinem Tod schuld sind und die nun, wo es zu spät ist, wünschten, er wäre noch am Leben."

Georg Seeßlen "Faschismus, Krieg und Holocaust im deutschen Nachkriegsfilm", in: apropos: Film 2000, Jahrbuch der DEFA-Stiftung. (Nachtrag zum 9.1.05)
"Versteht man, mit den Mitteln des Kinos, den Faschismus als System (als Absicht, Methode und Sprache), so versteht man den Menschen nicht mehr, der in ihm sich zu Täter und Opfer entwickelte; nähert man sich mit den Mitteln des Kinos dem Menschen, so wird einem dieses System von Terror, Banalität und Ästhetik entrückt."
"Jeder Film über den Faschismus wird zu einer Frage an das Medium."
In den 70ern eine "Hitlerwelle": "eine bizarre Mischung aus Nostalgie, Exploitation und irritierenden Versuchen, den Faschismus unter dem Vorzeichen einer sadistisch-erotischen Inszenierung psychologisch zu deuten."
Das Publikum wird nach '45 erstaunlich schnell der Erinnerungsfilme überdrüssig.
"Das westdeutsche Kino träumte sich einen Soldaten an der Front, der das heroische Gegenbild zum faschistischen Intriganten in der Heimat war." Neue Version der Dolchstoß-Legende.
Zu Beginn der 50er 12% aller Filme Militärklamotten.
"An der Front setzte sich der Kampf zwischen den guten und den bösen Aspekten fort, und je 'soldatischer' der Mensch, desto verständlicher seine Absolution. Der Landser schließlich war nichts als das Opfer einer unverstandenen politischen Mechanik."
"Entschuldigungsmythologie"
'51-'59 224 "harte" Kriegsfilme (!)
"Bauschuß-Sequenz" in "Die Brücke", Verzicht auf untermalende Musik schockiert (!) Bei den Bundesfilmpreisen bleibt der Innenminister der Zeremonie fern.
"der komische Amerikaner", Bill Ramsey, Louis Armstrong.
In den 70ern Faschismus als Alltagserfahrung von Gewalt und Rassismus.
Drei "Mytheme" bleiben vom westdeutschen Film:
- der "faszinierende" Opportunist.
- Das Opfer, das die Gefahr nicht erkennt.
- Der unschuldige Mensch, den die Bedrohung berührt, dessen Seele aber rein bleibt.
80er: "Der Widerspruch zwischen den Erzählformen des populären Films (und Fernsehens) und der negativen Erhabenheit des Sujets mußte neu verhandelt werden."
"Im Dokumentarischen sind sehr viel mehr Wissen und sehr viel mehr Widerstand aufgehoben, als in einer Spielfilmproduktion." "Nur hier war sichtbar zu machen, wie sehr der Abgrund zur Vergangenheit nur ein Produkt der populären Kultur ist, der Transit in Wirklichkeit aber reibungslos vonstatten geht."
"Je genauer die Dokumentarfilme über den Faschismus und den Holocaust wurden, desto märchenhafter, so scheint es, mußten die Spielfime werden."
90er: war die Provinz das Opfer eines faschistischen Übergriffs, oder umgekehrt der Nährboden des Nationalsozialismus?
Immer wieder "der narzißtisch gekränkte, neurotische SS-Offizier"
Unterschwellig neue Faschismus-Theorie: "Denunziation von Menschen, die nicht richtig zu genießen wissen."
"Der deutsche Faschismus-Film der neunziger Jahre droht in einem tautologischen Ritual zu versinken: Das Leben wäre so schön, wenn es keine Faschisten gäbe."
"Der Pakt zwischen historischer Erinnerung und linker Analyse wird aufgekündigt"
"Denn ein drittes, klammheimliches und daher unheimliches Projekt schwingt in der Geschichte des 'Genres', die Sehnsucht nach einer nationalen Versöhnung." "Längst war solche Versöhnung nicht mehr wie in der DDR als Auflösung der Erfahrungen in einem neuen gesellschaftlichen Projekt zu haben."
Das Geschehene wird durch "den tragischen Zeugen", "das System, das seine Repräsentanten sucht", "den Täter", "den Mitläufer", "den Tänzer auf dem Vulkan", "den provinziellen Durchschnittsmenschen", "den genußunfähigen Kleinbürger" gezeigt. Bilanziert aber letztlich, daß wir dem Verständnis des Faschismus "keinen Meter nähergekommen sind".

In der Taz wird von Lowtzow gefragt: "Ihr wart doch nie politisch." Ratlos läßt einen so eine Journalistenunterstellung. Und: "Dann würdet ihr einen Song, wie 'Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein' wohl heute nicht mehr schreiben." Das ist doch gerade der Witz, daß der Slogan schon damals gleichzeitig Ironie und Sehnsucht ausdrückte. Dann muß "politisch sein" für den Journalisten wohl so etwas bedeuten, wie: Äußerungen über die "Gesellschaft" (alles, was nicht ich bin) tätigen, die keinen Zweifel beinhalten und im nächsten Schritt in Handlungen übersetzt werden können.
Bedeutet politisch sein aber nicht eher den endlosen Prozeß, sich selbst und sein Verhältnis zur Gesellschaft zu erforschen? Wobei Sprache das entscheidende Hilfsmittel ist, weil es keine Gesellschaft und keine eigene Identität jenseits der Sprache gibt?

Am Alex. Dunkin Donuts. Ein Polizist kontrolliert am Fernsehturm meine Sachen. Ob das eine Haßkappe sei fragt er bei der Wollmütze. Stehe auf einer Brunnenmauer und habe beste Sicht, bis sich nacheinander vier Jugendliche rechts neben mich drängen, die mit dem einen befreundet sind, der dort schon stand. "Von Spar", eigenartige Band, an der die 80er auch nicht spurlos vorüber gegangen sind. Der Sänger zappelt rum und singt durchgehend mit so hoher Extrabreit-Stimme. "Ey Klartext! Ey Klartext! Wir gehen davon aus, böse Menschen haben keine Lieder!" "Ich nerve! Ich nerve".
Dann eine markerschütternd peinliche Ansprache von drei der Organisatoren dieses "Deutschland, Du Opfer"-Konzerts. Alles in aufgeregter Demo-Rhetorik ins Mikrophon geschrien. Diese Selbstgerechtigkeit dieser Menschen, die sich mit ihren einfachen Parolen für Links halten.
Die Opfer waren die "Jüdinnen und Juden" (und die Täter die "Nazinnen und Nazis?") Schröder ist ein Kriegsherr, Deutschland hat bei den Gedenkfeiern in Moskau nichts zu suchen. Wir danken den Befreiern. Heute geht es für Deutschland darum wieder Großmachtpolitik machen zu können, und die Schuld zu vergessen.
Vielen Dank auch, dann seht euch mal bei den Befreiern um, wer die Großmachtpolitik macht. Und wenn Deutschland rechtzeitig zu seiner geopolitischen Verantwortung gestanden hätte, wäre der Zerfall Jugoslawiens vielleicht verhindert worden.
Kleine Zettel fliegen durch die Luft: "Oma war ein Nazi". Meine nicht.
Trotzdem betrachtet man gerührt diese bunte, deutsche Nachkriegsjugend. Abtauchen in tiefere Erinnerungsschichten, was habe ich auf diesem Platz zu verschiedenen Zeiten gemacht? Wie kann es sein, daß ich hier 20 Jahre später Tocotronic sehe? Der Palast im untergehenden Sonnenlicht, die "Zweifel"-Schrift. Man will es einfach nicht glauben, daß sie wirklich die Stirn haben, ihn abzureißen. Das ist gefährlicher für die soziale Kohäsion in Deutschland als ein paar NPD-Abgeordnete.
Tocotronic, schlichte Ansage: "Hallo Befreite und Befreite!" Spielen dieselben Songs wie beim Konzert, nur mit schlechterem Sound. Sogar am Ende das Klangewitter bei "Neues vom Hexer".

Wohnung am Volkspark Friedrichshain. Im Parterre ein Zoogeschäft: "Nagetiermenue" und "Kleintierpension" steht an der Scheibe. Der Hausbesitzer hat Türen im bayrischen Almstil einbauen lassen. Pfefferwodka, Zubrowka und Bier.
Gegen 5, die Sonne geht schon auf, mit der Straßenbahn zur Leninallee (sie wissen alle nicht mehr, daß sie früher so hieß). Wer denn Dimitroff gewesen sei, fragt der Antifa-Aktivist. Weil nur ein einziger S-Bahn-Zug pendelt, fahren wir, um nicht zu frieren, bis Ostkreuz mit und dann wieder zurück zur Schönhauser.

8.5., So
Ausgekoppelt: Der Physiologus

Zum Burger. Jakob macht Hypnose bei seinen Patienten, auch über Telefon. Bei mir würde es wohl nicht klappen.
Stein: "Wenn ich Bonobo wäre, würde ich euch jetzt einen nach dem anderen bespringen."

9.5., Mo
"Berliner" im Schwarz-Sauer. Sabine Vogel: "Tocotronic verstehen sich zwar irgendwie als politische Band? machen aber keine politischen Lieder." Was sind denn politische Lieder? Brüder zur Sonne zur Freiheit? "Weichgespültes Gitarrengeschrammel" nennt sie es.

Harald Jähner in der Berliner Zeitung über Schiller. "Begriffseuphoriker", dagegen Goethe, der Empiriker. Warum muß jede Epoche eigentlich immer einen der beiden gegen den anderen ausspielen?
Deutscher Idealismus, sein Gewaltpotential, als "Wille zur Vollstreckung von Geschichte in ihrem angeblich notwendigen Gang."
Schiller, fast nie gereist, die größte Reise war schon die Flucht zu Fuß nach Thüringen. Seine Stücke spielen aber im Ausland. "Sein Appetit auf Rohstoff, sofern er in Buchform vorliegt, ist unstillbar. Die direkte Anschauung gilt ihm wenig." Immer dieser Widerspruch zwischen Anschauung und Gedanke.
Plant ein "Seestück", das unter Freibeutern und Auswanderern in Übersee spielt.
Unvollendetes Projekt: "Die Polizei". Über Polizeisystem und Verbrechen in Paris, ein "Menschenozean". Das wäre wohl heute immer noch New York.
Mit 21 so etwas wie eine Arbeit über Psychosomatik. "Es sei der Geist, der sich den Körper schaffe, um ihn wie eine ausgebrannte Trägerrakete hinter sich zu lassen."

Zum Fußball. Im ersten Teil eine ärgerliche Pechphase. Im zweiten Teil dann sehr knappe Spielausgänge. Schieße alle 4 Tore. Rechts einen ausgedribbelt, nach links gezogen und mit links geschossen. Nicht sehr stark, aber platziert in die rechte untere Ecke. Dann kommt ein hoher Ball (Abpraller?) von links, und ich halte einfach den rechten Innenspann hin, er prallt recht scharf ab, genau in die rechte Torecke. Es ist magisch, man hat überhaupt nicht darüber nachgedacht. Also ganz zufrieden zurück. Aber zu Hause stelle ich fest, daß ich jetzt nach 5 Jahren meine Uhr verloren habe. All die Erinnerungen, die daran hängen.

Gucke dann doch "Speer und er", und es ist besser, als gedacht. Vielleicht liegt es daran, daß im ersten Teil noch viel von Plänen und nicht vom Krieg die Rede ist. Ich kann mich auch, bei aller Zurückhaltung, nicht dazu entschließen, diese Germania-Architektur schlecht zu finden. Eine gewaltige Kuppel. Ein 400000-Mann-Stadion.

10.5., Di, Seelower, vormittags, bedeckt, kühl
Buch: Hans-Peter Rullmann ? Tito (Nachtrag zum 6.12.04)
Rullmann war jahrelang Belgrad-Korrespondent für u.a. Spiegel.
Belgrader Armeeorgan "Front"
Tito nie ernsthaft krank.
Von der Armenierin Anna Aslan, die im rumänischen Bukarest eine weltberühmte "Jungmühle" unterhält, ließ er sich "Gerovital" verschaffen. Aber die "Babyhaut" wollte sich nicht einstellen.
Bei seinen Großeltern mütterlicherseits Slowenisch gesprochen. Nach dem Krieg hielten ihn viele für einen Russen.
Als Junge Bursche im Gasthof, Kegel aufstellen.
Pilsen, München, Mannheim, Ruhrgebiet. Die "Politika" schreibt: "Die Arbeiterbewegung des roten Mannheim ist heute stolz darauf, daß Josip Broz Tito mehrere Monate lang zusammen mit deutschen Arbeitern kämpfte." Aber im Mannheimer Stadtarchiv war nichts über ihn zu finden.
Einfahrer bei Daimler.
An der galizischen Front von russischen Truppen überritten. 13 Monate im Spital bei Kasan. Kriegsgefangenenlager. Müllereigehilfe bei einem russischen Bauern.
Pelagija Beloussowa geheiratet. In der Kirgisensteppe Unterschlupf bei einem wohlhabenden Muselmanen.
Sein Vater hätte gesagt: "Mein Sohn ist im spanischen Bürgerkrieg umgekommen. Tito ist ncht mein Sohn." Der echte Josip Broz sei gefallen. Eine fremde Person habe sich seiner Dokumente bedient, um sich eine Agentenlegende zu verschaffen. Stamme in Wirklichkeit aus der Ukraine.
Witz: Sollte er je in Gefahr geraten, brauche er nur nach Kumrovec (sein Geburtsort) zu gehen, denn das sei der einzige Ort, wo ihn niemand kenne.
Sein Deckname solle sich aus den kroatischen Initialen für "Geheime Internationale Terroristischer Organisationen" herleiten.
In Moskau im Balkansekretariat der Komintern. Deren Chef Wilhelm Pieck. Um nach Titos Bruch mit Stalin die Beziehungen wieder zu festigen, schickte die DDR Piecks Tochter Eleonore Staimer als Botschafterin nach Belgrad.
Zweite Frau Hertha Haas (deutschblütige Slowenin).
"Kürzlich entdeckte man, daß sich die winzige Bergrepublik Montenegro noch immer mit dem weit entfernten Japan im Kriegszustand befindet."
Hagenbeck hatte auf Brioni eine Filiale seines Tierparks.
Die noch kleinere Nachbarinsel Vanga, wo er Mandarinen züchtete, die er zum Neujahrsfest an jugoskawische Kinderheime verteilen ließ.
"Lili Marleen" kam von einem deutschen Soldatensender in Belgrad.
Im Jahr vor Titos Tod 21 Millionen Ausreisen registriert. In Triest haben Jugoslawen Waren im Wert von 1 Milliarde Dollar gekauft.
Witz: Marschieren die Russen ein, färben sich Jugoslawiens Flüsse rot von Blut. Kommen die Amerikaner, werden die Flüsse noch roter sein: von Parteibüchern, die man hineingeworfen hat.
Jugoslawien baute Jahre an einem modernen Kampfflugzeug "Orao" ("Adler")
1970 2 Milliarden Schulden
1980 14 Milliarden

Neues Notizbuch. Nach fast 5 Monaten.

Absage vom New-York-Stipendium trifft ein. "Unfortunately, this year we had an unusually large pool of highly qualified applicants" Fast schon rührender Formbrief: "Although we found your work was extremely interesting and engaging, we are not able to offer you?" Schicken sogar die Kopien zurück.

Und mit der gleichen Post die Ablehnung vom Verlag für das Bosnien-Buch. Argumentieren marktbezogen, so ein Buch kann man nur machen, wenn man bekannter ist.

Ewig an einem Antwortbrief, ohne ihn abzuschicken.

Im Bagelladen Rosenthaler einen Ciabatta, das Foto betrachtet, auf denen Erkan&Stefan zu sehen sind, die hier gegessen haben. Mich knipst keiner.

Film: "Netto", Hackesche Höfe.
Teile des Films in der Eberswalder im Parterre gedreht. Und ausgerechnet bei "My Keng", meinem Imbiß! Solche Jammermonologe eines Arbeitslosen. Obwohl man sagen muß, daß man gerade da Milan Peschel den Theaterschauspieler noch anhört. Hier und da klingt die spontane Intonation nicht richtig spontan.
Der Sohn zieht bei ihm ein. Zeigt ihm, wie man in Bewerbungen lügt, weil er das im "Berufswahlunterricht" lernt. Ist das nicht eigentlich traurig, wenn man das lernen muß, um zu funktionieren? Man versteht auch nicht, was seine nette Ex-Frau mit diesem blondierten Wessi will.
Die Jugendlichen improvisieren geradezu perfekt. "Mehr so dirty." Bei dem Jungen stimmt jede Nuance. Sie will unbedingt mit ihm ins Kino, und er kriegt es nicht mit. "Starwars" interessiert sie nicht, mit ihm würde sie aber gehen. Den Film kennt er schon: "Aber der Film ist so gut, den kannste dir eigentlich ooch alleine ansehen."
Wie sie die Rollenspiel-Zwergfiguren für ein Gespräch über Security-Philosophie benutzen.
Die geniale Country-Musik potenziert die Wirkung der Geschichte.
Dann fragt man sich, wie es ausgehen soll, und sie lassen es einfach offen. Peter Tschernig taucht auf, als eine Art reale Vorlage zur Wendeverliererfigur.
Laut Interview hat der Kamerakran für die letzte Einstellung ein Drittel des Budgets gekostet.

11.5., Mi
Laufen, Hu-Hain, schwerfällig, aber mit Musik.

Danach Texte für Voland&Quist durchgegangen, Texte fürs Magazin durchgegangen. "Nie wieder Fotos!" an Taz. Mail an den Verlag. Kurz gefaßt und trotzdem beleidigt.

Text über die typische Stimmung Freitags nach der Chaussee angefangen.

Ausgekoppelt: The day after

In den Arkaden, Kopien. Im Juwelierladen die Weiterentwickling meiner verlorenen Casio. Ob "Lap memory 50" heißt, daß sie jetzt 50 statt 10 Zwischenzeiten hat, frage ich sie. "Nein, ich glaube, das ist für Sport, daß man 50 Meter tauchen kann." Dabei steht unten drauf, daß man sogar 200 Meter tauchen kann, endlich.
Außerdem ein "Disziplin-Indikator" für Triathlon, aber vielleicht ja auch sonst nutzbar.
Die Jahresanzeige geht allerdings nur bis 2044, da kann ich sie dann wegschmeißen.

Im Feinkostladen Wein und Käse. Ob diese Läden nun die Vorboten der Gentrifizierung sind, oder doch ein sehr zu begrüßendes Konsumangebot.
Man soll seinen Löffel nicht ablecken, weil das Kind sonst Karies bekommt. Nicht alle Menschen hätten nämlich Karies.

12.5., Do, Seelower, nachmittags, Sonne
Berliner Szene "Am Schreibtisch" für die Taz.

Noch ein zweites mal bei Piper nachgefragt, Gebrauchsanweisung also jetzt schon mein bestverkauftes Buch, und das, wo mich sicher 90% der Käufer gar nicht kennen.

Die Geschichte gibt mir recht, jedenfalls die Geschichte, die ich hier geschrieben habe.

Zum DT, Vorstellung der neuen "Blätter des DT". Ein Überraschungstext aus dem Heft wird gelesen, aber nicht meiner, sondern der vom Großkritiker. Er ist auch außer mir der einzige anwesende Autor aus dem Heft, ob er etwas wußte? Als man mich dem zufällig daneben stehenden Intendanten vorstellen will, macht der vor Schreck einen Satz nach hinten, sozusagen aus dem Bild. Vielleicht hat er ja meinen Text gelesen.
Diese Schauspielerdiktion bei der Lesung, so weit entfernt von allem, was man selber will. Versuche, den Kontrast zwischen jetzt und nachher im RAW als surreale Erfahrung zu verstehen. Man hat doch längst sein eigenes Theater. Das hier ist lediglich ein viel teurerer Apparat, der einem Schauspieler und Techniker zur Verfügung stellen würde, aber vor allem Widerstände.
Wie stolz man früher auf dieses renovierte Interieur im Rangfoyer war, und heute wirken die Schnörkel und der künstliche blaue Deckenhimmel bedrückend.
Die Spree, das Märkische Museum, Angler. An der East-Side-Gallery entlang.

Den Zuschauern Brandzeichen statt Stempeln geben. Aber es käme vielleicht zu Mißbrauch, wenn sie sich die Hand amputieren.
Ein "Histrioniker", was das sei. Nicht dasselbe, wie ein Narziß. Denn der liebe sich wirklich, während Histrioniker nur süchtig nach Aufmerksamkeit sind. Teresa hatte mal das Wort "histrionico" benutzt, aber ich hatte mir nicht gemerkt, was es hieß. Wohl von Histrion, griechisch für "Gaukler".
Spider über Verlust des Langzeitgedächtnisses am Morgen. "Wessen Kopfschmerzen waren das?"
Ein Spanier am Offenen Mikro über das Gefühl, im Büro der Neue zu sein. "Der Computer ist estendig kaputt." Sehr gut anzuhören, ob es am Akzent lag?

13.5., Fr
"I due forni". Diskussion über "Netto". Eigentlich vermittelt der Film eine eigenartige Botschaft, daß man in der Gesellschaft eben funktionieren muß, bestimmte Regeln akzeptieren, Schlips tragen bei der Bewerbung, lügen, sich nicht über schlechte Behandlung aufregen, wenn es nichts bringt. Also ein Anti-Kohlhaas der Gelassenheit und Selbstkontrolle zu sein. Das hat der Sohn schon in Fleisch und Blut, während der Vater als Ex-Ossi eine Art Don Quichotte ist, der lächerlich wirkt, wenn er gegen die Windmühlen der Herablassung kämpft. Aber der Film diskutiert das leider nicht weiter. Insofern tatsächlich in der Aussage ein bißchen oberflächlich.

Beim Groben Unfug, Franzi und zwei Freundinnen getroffen. Suchen Geschenk für Stephan, lassen sich aber nicht auf einen Manga ein. Wie schön, mit jungen Leuten zu reden. Pendeln dreimal die Woche nach Frankfurt/Oder.

Film: "Schildkröten können fliegen", Hackesche Höfe, allein.
Trailer für eine Dokumentation, die in Istanbul spielt. In was für einer schönen Welt wir leben. Von überall strömen starke Geschichten auf uns zu, die uns fremde Heimaten zeigen. Überall wäre es aufregend zu leben. Wie wenig Goethe davon wissen konnte. Bei Schiller kommt in einem einzigen Text ein Indianer vor.
Gespräch auf dem Nebensitz, ein älterer, gähnender Wessi und sein Frau: "Son Film aus der DDR, wo junge Leute an die Ostsee fahren, und was die da so erleben. Mit Frank Schödel oder Schöbel, irgendson Sänger. Und da ich ja jetzt im Osten wohne, müßte ich wissen, wies da losgeht Pflichtprogramm."
Schöner Film, aber ein bißchen anstrengend, weil die ganze Zeit geschrien wird. Fast jede Äußerung ganz laut, weil immer eine Menschenmenge übertönt werden muß. Und das in einer völlig unzugänglichen Fremdsprache. Immerhin, "Pare" heißt Geld, wie auf bulgarisch und irgendwo anders auch noch (rumänisch? serbisch?)
Ein kurdisches Dorf im Irak. Ein Junge ohne Arme, der Minen mit dem Mund entschärft. Die Minen werden vom Anführer der Kinder auf dem Markt verkauft. Die Kinder ohne Hände seien die besten, weil sie keine Angst mehr hätten.
Er soll die Satellitenschüssel auf Nachrichten stellen und den Dorfältesten übersetzen, was auf CNN über sie gesagt wird.
Ein kleines Mädchen hat nach Vergewaltigung durch Baath-Söldner einen Sohn bekommen, der halb blind ist. Sie will ihn umbringen, dann sich. Setzt ihn aus, bindet ihn mit einer Schnur fest und will in eine Schlucht springen. Er macht sich los und läuft, ohne etwas zu sehen, durch ein Minenfeld.
Nachdem die Amerikaner kommen, sieht man ihre Infanteristen neben Panzerspähwagen die Straße entlang joggen. Die Kinder bringen dem von einer Mine verletzten Jungen zum Trost die Metallhand von einer Saddam-Statue. Der Umsturz, die Invasion, alles positiv geschildert, als echte Befreiung.
Man sieht endlich einmal die Soldaten als Fremde an der Bevölkerung vorbeilaufen, in wievielen Filmen war es genau umgekehrt dargestellt, aus der Perspektive der Soldaten, der die von der gesichtslosen Bevölkerung gesäumten Straßen sieht?

Anschließend im Anker. Während sich überall sonst die Pfingsttrinker stapeln, sitzt hier kaum jemand. Über Biographische Forschung in der Germanistik. Bov meint, das sei vorbei, daß sich nochmal später die Germanisten für Details in unserem Leben interessieren würden, wie bei Goethe. Aber es werden doch ständig mehr Germanisten, die müssen doch irgendwas machen.

"Zusammen oder getrennt?"
"Was jetzt, die Getränke?"

14.5., Sa
Beim Blick in die Zeitungen und Verlagsprogramme. Die drucken das doch nur alles, weil es nicht von mir ist.

Den Abfluß gereinigt. Fast macht es Spaß, diesen Dreck zu entfernen. Die weggespülten Barthaare haben sich zu einer gummiartigen Substanz entwickelt, die alles verstopft hat.

Film: Band of Brothers, Teil9.
Ihre Zweifel werden thematisiert, warum sind sie überhaupt hier? In der Feldpost ein Brief von der Frau, die ihn verläßt, er betrinkt sich systematisch mit Whisky. Auf der Suche danach in einem reichen deutschen Haushalt das Foto vom deutschen Offizier mit schwarzem Trauerrand. Die schmallippige Gattin kommt herein und tötet den Eindringling mit Blicken. Sie wissen nicht, was sie in Deutschland verloren haben. Dann entdecken sie im Wald ein Lager mit elenden Gefangenen, die sie, wenn sie noch die Kraft haben, umarmen und küssen. Die Zivilbevölkerung wird zum Bestatten der Toten gezwungen, auch die schmallippige Gattin ist darunter.
Es ist schon etwas besonderes, wenn man praktisch mit einer Handkamera in eine historische Szene eintaucht, was die Originalbilder nicht hergeben.

Bei Thalia mit Kaffee Bücher durchsehen. Unten läuft ein Pulk Hare Krishnas vorbei, aber bevor ich mich entschließen kann, mitzugehen, sind sie schon außer Sichtweite. Die Pierre-Brice-Autobiographie, leider in Bezug auf seinen Geburtsort Brest nicht sehr ergiebig. Immerhin scheint er in die Église Saint-Martin gegangen zu sein, also in meinem Viertel gewohnt zu haben.
Ein Susan-Sontag-Sammelband. Angenehm zu lesende, aber letztlich auch ein bißchen unwissenschaftlich verplauderte Essays. Viele Worte, keine Brüche im Text, die intellektuelle Beherrschtheit hinterläßt eine gewisse Leere. "Godot in Sarajewo". Die Skrupel beim Projekt. Die banale, aber erst einmal zu machende Feststellung, daß Sänger, Musiker, Tänzer im Exil arbeiten können, Schauspieler aber nur schwer.
Admir Glamocak war ihr Lucky. Izudin Bajrovic auch dabei. Wie kann man dieses kulturelle Geflecht noch nacherzählen?

Wie sich wohl der LKW-Fahrer fühlt, der Roland Barthes in Paris überfahren hat? Und ob es derselbe war, der Rolf-Dieter Brinkmann in London erwischt hat? Vielleicht hat er auch den Ast angesägt, von dem Ödon von Horwarth erschlagen worden ist?

Rambo: Wann ist zum ersten mal ein Mann in der Schlußszene eines Films in der leeren Landschaft verschwunden? Gab es das vorher schon in der Literatur? Auf dem Theater?

Post aus Japan. Ein Student hat im Unterricht "Jochen, allein zuhaus" übersetzt und schreibt mit sauberer Bleistiftschrift. Erwähnt seine "schöne deutsche Lehrerin". Aber ist Eio überhaupt ein Männername? Mit manchen Wörtern hatte er Probleme. "Selbstmitleid" und "schlechtes Gewissen", kann er nicht übersetzen. Vielleicht kommen ja daher die chinesisch-japanischen Probleme.

Meine Rolle im Kollektiv sehe ich wie bei der Frau von den Black Eyed Peas, die in jedem Lied nur eine kurze Zeile singt, und trotzdem gucken die Videos alle nur wegen ihr.

My Keng, Ente kross. Draußen fahren 5 Harleys vorbei, gefolgt von mehreren Limousinen mit schwarz vermummten Einsatzkräften, ca. 10 Wannen und einigen Polizei-Motorrädern. Die Menschen stehen staunend an der Straße.

Im Niesel zur Kantine. Falko stellt virtuos einen absurden Artikel aus der Zeitung vor. Über die Lieferung eines gerade geborgenen, 100 Jahre alten Abflußrohrs an das Rieselfeldmuseum Großbeeren.

Im Schusterjungen verärgere ich alle, weil ich mich für Publikumsbeschimpfung ausspreche und jede Lesung ohne verkauftes Buch für gescheitert erkläre. Auch, daß ich mich über Leute, die es in der Bibliothek ausleihen nicht freuen kann. Vielleicht ein wenig hart, es gibt ja wirklich Menschen, die es sich nicht leisten können. Aber die Verlage interessiert der Leserquotient nicht, sondern nur die Verkaufszahlen, und ohne die darf man nicht weitermachen.
Ina schreibt ihre Diplomarbeit und kann erklären, warum 1500 Euro Bürgergeld für jeden heute schon realistisch und bezahlbar wären. Außerdem gebe es gar keine Alternative. Hoffentlich kann ihre Arbeit die zuständigen Politiker überzeugen.

15.5., So
Adorno. Daß bei uns schon in der Sprache "frei" mit gratis gleichgesetzt wird. Tatsächlich ist es doch eigenartig, wenn unser Fernsehen "Free TV" heißt, weil es umsonst, und nicht, weil es demokratisch ist.

Ein Psychologe antwortet in unserem Internet-Gästebuch auf die Histrioniker-Diskussion. Beschreibungen finden sich im Internet. Man wird ganz gierig darauf, auch noch Psychologie zu studieren.

Coffee to go im Balzac. Unter der U-Bahn spielt eine Blaskapelle in einer Endlosschleife die Melodie aus "Der Pate". Zur Frankfurter Allee, wo wir ein DDR-Déjà-vu haben. So wenig Verkehr, das Wetter. An Bürgergeld glaubt sie nicht, wir, die wir so reden, hätten keine Ahnung von der Realität in den Betrieben.
Zum Design-Mai auf der Frankfurter Allee. In einem leeren Laden haben sie ein sowjetisches Ehrenensemble für Lenin bearbeitet. Die Sprüche halte ich fälschlich für weißrussisch, wo sie ukrainisch sind. Sofort große Lust, mir das näher anzusehen. Der Macher lebt seit 10 Jahren in Litauen, mit einer Russin. Ha lutscht meine Kaubonbons. Dann in ein Küchenstudio. Die Wände voll von Design-Ideen für Küchen. Als Designer muß man anscheinend nur eine Idee formulieren, irgendwer anders muß sich dann den Kopf über die Umsetzung zerbrechen. Ein warmer Gummifußboden, auf dem nichts zerbricht. Ein Topf, der, wenn er heiß ist, die Farbe wechselt. Eine Puppe, die auf dem Kühlschrank sitzt und bei der Küchenarbeit mit einem redet.
Nehme mir noch 3 Gratis-Kugelschreiber.

Im "Voss", gegenüber der Volksbühne, zu reichliche Kohlroulade. Am Nebentisch beschwert sich ein erwachsener Sohn bei seiner etwas verwahrlost wirkenden Mutter, daß sie nie Geld hatte, ihm zu seiner Hochzeit nur so einen "scheiß Blumenstrauß" geschenkt hat. Sie nimmt es gelassen. Wie gut man es mit der eigenen Familie noch getroffen hat.

Spontan in Film: "Das Königreich im Himmel", oder so, von Ridley Scott.
Herzensguter englischer Ritter zieht nach Jerusalem, um Frieden für seine sündige Seele zu finden.
Nach langem wieder einmal ein Film, aus dem ich fast rausgegangen wäre. Dermaßen uninspiriert und langweilig, und das vom Regisseur von "Blade Runner". Dem Genre überhaupt nichts zugefügt. Wie kommt man nach Jerusalem? "Geht dorthin, wo man Italienisch spriucht und dann geht weiter, bis man etwas anderes spricht." Als hätte es damals keine Geometer gegeben. Die ökonomische und wissenschaftliche Praxis der Kreuzzüge zu zeigen, wäre doch viel interessanter gewesen.
Außerdem so eine nervende, klebrige Toleranzbotschaft, die platt auf heute gemünzt zu sein scheint. Man würde so friedlich zusammenleben in Jerusalem, Juden, Christen, Muslime, wenn nicht einzelne, kriegslüsterne Barone wären.
Man wartet sehnsüchtig auf das nächste Gemetzel, das einen von diesen öden Dialogen erlöst. Die Araber belagern eine christliche Festung. Wie bei "Herr der Ringe", so eine faschistoide Durchhalterhetorik. Weil sie die Zivilisten beschützen wollen, geben die Soldaten nicht auf (wie bei den Nazis). Wenn sie aufgeben, würde die Zivilbevölkerung von den Arabern (Russen?) massakriert. Weil keine Ritter darunter sind, werden sie vom nonkonformistischen englischen Rittersmann gegen den Willen des Klerus einfach schnell zu welchen geschlagen (wie bei den Nazis, Volkssturm, Beförderungen, Auszeichnungen in letzter Minute) und angeblich steigere das die Kampfkraft (!! wie bei den Nazis).
Der patente Ritter, der auf seinem Erbgut in der Wüste als erstes einen Brunnen graben läßt, als hätten die Araber das nicht selbst gekonnt. Fährt ein bißchen Technik auf, die die Angriffswellen zurückschlägt. Europäischer Geist gegen arabische Mordlust. (oder wie bei den Nazis, die Wunderwaffe)
Als der weise Saladin die Stadt eingenommen hat, stellt er das umgefallene Kreuz im Tempel wieder auf den Tisch, weil er so tolerant ist.

16.5., Mo, Seelower, nachmittags, Sonne
Gleich morgens ein paar Texte durchgesehen, u.a. "Aufschreibesysteme". Gegen Mittag in die Schönholzer, dort 4 Runden. Sehr schwerfällig, aber es ist angenehm mild, auch noch nicht zu warm. 1h44:49Sek.

In der M-Bar im Palästina-Buch. Je schlimmer die Ungerechtigkeiten und das Leid, das sie dort durchmachen, umso tröstlicher für einen in seiner eigenen, persönlichen Misere.

17.5., Di
Angenehmes Nieselwetter, vielleicht bin ich einer der wenigen hier, die dieses jedem anderen Wetter vorziehen. Mal wieder den weinroten Pullover an, den S. so mochte, daß sie ihn immer anzog. Am Ende war sie enttäuscht, weil ich ihn wieder mitnehmen wollte. Im Fenster steht T's. Geranie, damals zu San Jordi geschenkt bekommen. Immer noch keine Blumen auf dem Balkon, kein Elan. Früher hat man sich ganze Tage nur um seine Pflanzen gekümmert.
Gestern hat sich ein amerikanischer Autor umgebracht, Tristan Egolf. 33, zwei Erfolgsromane, Frau und Kind. Man sucht im Internet sein Foto und versucht, am Gesicht schon sein Schicksal abzulesen. Aber es ist nichts auffälliges zu erkennen.

Mal wieder ein Gedicht schreiben?

Kosmologie
Die Welt ist eine Scheibe
auf der ich gerne bleibe
die Welt ist eine Kugel
auf der ich gerne google

Berlin
Ein grüner Baum vor meinem Haus
Damit war das Gedicht schon aus

Wer heute noch Gedichte schreibt, hat doch einen an der Glocke.

Um 11 zu Robert nach Blankenburg. Alles voller Spielzeug. Man möchte sofort bei ihnen einziehen. Von den Kindern gebastelte Kalender, gemalte Bilder. Ein Plakat, das einen großen Auftritt ankündigt, bei dem sie als "Mary und Grace" zu Britney Spears und ähnlichem tanzen werden.
Wir bekommen aber keins von den Profi-Textverarbeitungsprogrammen installiert und ich muß unverrichteter Dinge wieder gehen. Leichter Niesel, die Panke. Alles plötzlich so grün. Mit Genuß die alten S-Bahn-Stationen abgefahren.

Den Nachmittag im Internet, die plötzliche Idee, mal nach den "anderen Bands" zu gucken. "Die anderen" hatten bei ihrer Reunion vor 3-4 Jahren eine professionell wirkende Website, aber viel steht nicht drauf. Der letzte Eintrag stammt von 2003, eine deprimierend zu lesende Einschätzung des Musikbuisiness. Eine Band zu unterhalten sei zu teuer. Wenn man das liest, fragt man sich, warum es überhaupt noch Bands gibt. Auf einer anderen Seite ein Interview mit einem von ihnen. Kurz vor der Wende hatte ihnen der angebliche Produzent von Prince den Schlagzeuger "J" abgeworben und dafür von der DDR 60000 Mark für Talentförderung kassiert. Die Platte erschien dann zur Wendezeit nur in der DDR und war natürlich ein totaler Flop. "J" hat jetzt eine Internet-Fax-Firma. Im Spiegel stand ja mal ein Interview. Wahrscheinlich hat er beim Börsengang viel verdient und die Firma gibt es gar nicht mehr.
AG Geige haben eine schöne Seite, sogar mit ein paar alten Videoaufnahmen. Auf Super-8 "Zeychen und Wunder", nur eine Abfolge von Symbolen, als letztes ein Fragezeichen. Auftritte mit Papiermasken. Das war eigentlich genau das Konzept von "Sextourismus aus der Sicht thailändischer Frauen". Multimedial, verrätselt, eigenartige Texte, unrhythmisch holpernde elektronische Musik, bloß nichts zum tanzen. Warum das dann nicht weitergeht? Auch die ganzen anderen Bands haben anscheinend alle schnell aufgegeben. Das traurige ist, daß dieses Ende die Sache rückwirkend zu entwerten scheint. Man meint jetzt schlauer zu sein und zu erkennen, daß es damals eben auch schon nur nachgemachte Westmusik war. Jeder hatte so seinen Stil, allen war gemeinsam, daß man ihnen anhörte, daß es keine offizielle DDR-Musik war. Die Mangellage verschaffte einem kostenlose Werbung in der damaligen Aufmerksamkeitsökonomie.
Einer von "Wartburgs für Walter", jetzt bei einer Mittelalter-Metal-Band.
Die einzigen, die es geschafft haben, sind ein paar Volksmusikkapellen und natürlich Rammstein. Im richtigen Moment die Vergangenheit abgeschüttelt. Trotzdem scheinen sie noch etwas vom damaligen Geist zu konservieren.

Großartige Pointe, daß Ina bei AG-Geige war. Das hätte ich mir nie träumen lassen, so jemand berühmten mal kennenzulernen. Und dann merkt man es noch nichtmal?

Dann doch noch Mittagsschlaf. Es ist einfach der beste Moment des Tages. Beim Aufwachen viel erfrischter als am Morgen.

Karneval der Kulturen im Fernsehen. Mehr oder weniger in die Jahre gekommene deutsche Frauen, die sich auf dem Asphalt Salsa tanzend fortbewegen. Dazwischen auch ein paar lächelnde Männer. Man wehrt sich gegen den in einem aufwallenden Spott, weil es doch schön ist, wenn die Menschen aus sich rausgehen, aber das Resultat ist einfach nicht akzeptabel. Vor allem nicht diese deutsche Zwangsliebe zu den Ländern der Dritten Welt. Houellebecq hat das ja gnadenlos durch den Kakao gezogen.

16:00 zu Stephans Geburtstag, wo bis auf Stephans Magenkrämpfe nicht viel passiert. Ein Freund schenkt eine Mix-CD. Sie unterhalten sich, man kennt keine der erwähnten Bands. Man hat fast ein schlechtes Gewissen, weil man damit aufgehört hat, aber wenn man ehrlich ist, klingt ja auch alles neue viel langweiliger als die Kinks oder The Who.

Irgendwer hat behauptet, daß man ab 30 keine Platten mehr kauft und nicht mehr auf Konzerte geht. Warum empfindet man das als traurig? Man lutscht ja auch nicht mehr am Daumen.

Buch: Joe Sacco "Palästina"
Reist 1991 über Kairo nach Palästina. Sein Vorurteil ist von der terroristischen Aktion auf der Achille Lauro geprächt, wo ein amerikanischer Jude von palästinensischern Terroristen mit seinem Rollstuhl ins Meer gekippt wurde. Trotzdem hält er sich für aufgeklärt, weil "ich fand, daß die Palästinenser einen eigenen Stat haben und sich selbst in die Scheiße reiten sollten." Ein halbirakisches Mädchen, das mit einem Palästinenser befreundet ist und nichts von ihm will, nennt er in seinem Ärger "Terroristengroupie".
Pro und Contra-Siedlungsbau-Demos in Jerusalem.
Auf dem Markt die Araber: "Die machen mich krank, ihre großen, traurigen Augen, ihre leeren Taschen. ich könnte sie treten?"
Mit dem Taxi nach Ramallah, man führt ihn ins Krankenhaus zu den Verletzten. Geschichten von israelischen Soldaten, die das Krankenhaus stürmen und Kranke verhören, die Ärzte schlagen. Jüdische Siedler, die mit Waffen durch Hebron paradieren. Ein alter Araber führt ihn durch eine historische Stätte und wird von Siedlern verhöhnt.
Im Schlamm der Flüchtlingslager.
Soldaten, die unter dem Vorwand des Terrorschutzes uralte Olivenbäume absägen und die Familien damit ihrer Existenzgrundlade berauben. Menschen, die seit 40 Jahren im Lager leben, seit ihre Dörfer plattgemacht worden sind. Unerbittlichkeit: "Die Juden sind wie ein Hund, der ein Stück Fleisch erwischt hat? Frieden gibt es erst, wenn man den Hund tötet." Manche sind überzeugt, daß die Israelis die Getöteten als Lieferanten für menschliche Organe mißbrauchen.
In jeder Familie Geschichten von Verhaftungen, Soldatenwillkür, Chancenlosigkeit. Manchen jungen Männern ist es peinlich, wenn sie als einzige noch nie im Gefängnis waren. Aber es gibt auch Scheinheiligkeit. Ein zum Krüppel geschlagener gilt offiziell als Held, aber im Alltag ist er ein Ausgeschlossener.
Immer wieder wird Sacco verdächtigt, weil schon welche ins Gefängnis kamen, wenn sie mit angeblichen Journalisten geredet haben, die von den Israelis geschickt worden waren.
Die Zustände im Gefangenenlager, eine winzige Zelle für 20 Mann, mit einem einzigen kleinen Luftloch für Gas, im Falle eines Aufstands. Die Selbstorganisation der Insassen, sie halten sich Vorlesungen.
Das Grab des ersten Intifada-Toten. Mit seinem Blut wurden politische Parolen draufgeschrieben, mit Lack versiegelt.
Was sich hinter "gemäßigter Druck" verbirgt, der bei Verhören ausgeübt werden darf, Schläge in die Genitalien, erzwungene Geständnisse. Tagelange Einzelhaft mit einem nach Urin stinkenden Sack über dem Kopf, im Sitzen, ohne Lehne. Schlafentzug, bis zur Halluzination.
Die Benachteiligung ihrer Wirtschaft. Ihre Exporttomaten werden an der Grenze blockiert, bis sie schlecht werden. Das sich verschlechternde Wasser durch die tiefen Brunnen in den jüdischen Siedlungen. Siedler, die mit ihren anderen Nummernschildern an den Staus bei Straßensperren vorbeisausen können. Pässe spezieller Farbe für die, die schon einmal im Gefängnis waren. Beliebtheit Saddam Husseins. Ein alter Araber, der ihm erzählt, Mubarak betrüge sein Volk für amerikansches Geld, Schamir sei dagegen ein guter Mann, weil er für sein Volk arbeite.
Das Buch ist so gut, weil man ihn immer mit im Bild sieht, mit seinen dicken Brillengläsern, die schon suggerieren, wie schwer alles zu durchschauen ist. Sein Herzflattern, weil er den ganzen Tag Tee angeboten bekommt, die Zuckermenge als Maß der Gastfreundschaft. Überdruß, in noch ein Flüchtlingslager zu fahren, lieber würde er im Zimmer bleiben und Edward Said lesen.
Das billige Mitgefühl.
Hakt methodisch seine Liste mit Wunschbegegnungen ab, zu denen ihm der palästinensische Freund verhilft. Einen, der bei der Intifada verwundet wurde. Einen, der im Gefängnis war. Eine Mutter, die Kinder verloren hat, einen alten Mann, der sich an 48 erinnert, etc.

Fernsehrunde mit Naumann, Peter Schneider, Jochimsen, Sichtermann und der Dannenberg. 68er, Verbrecher oder Befreier? Die Dannenberg hat so eine beängstigend, kühle Art, anfangs verrennt sie sich mit der Behauptung, man müsse "es analytisch angehen", viel geben ihre Begriffe dann aber gar nicht her. Sichtermann ganz aufgeregt, tut einem fast schon leid. Es ist eben Teil ihres Lebens, das wird nie objektiv gesehen werden. Am Ende die Sympathien doch eher wieder bei den 68ern, weil sie plötzlich so menschlich wirken mit ihren Fehlern. Die Dannenberg steht dabei für die frühzeitige Vergreisung von Teilen der heutigen Generation und dieselbe erbarmungslose Haltung gegen die Älteren, wie sie die schon ihren Eltern gegenüber an den Tag gelegt hatten. Alles ziemlich ödipal.

18.5., Mi
Laufen, Hu-Hain. Endlich wieder schmerzfrei und fast locker. Auch so angenehmes Wetter, mild, aber frisch, die Luft vom Regen gereinigt.

Texte für Voland&Quist stark überarbeitet. Ganze Wörter fallen weg. Leider stürtzt Word jetzt immer ab, vielleicht wegen der Installationsversuche bei Robert.

Mal wieder Kinks hören. Schon komisch, daß es damals immer noch Lieder gab, die nicht von den Beatles stammten. Wie konnte denen das passieren, diese Melodien zu übersehen?

Film: Sarajevo: "Serbien im Jahre Null" (R.: Goran Markovic)
Doku über den Seelenzustand des serbischen Regisseurs zum Milleniumswechsel. Kleine Szenen filmt er mit, bei einer Richterin, bei der er den Fernsehchef unter Milosevic (Vucelic) anklagen will: "Er hat alle vergiftet" Natürlich kein kein Durchkommen, er hat ja nichts in der Hand als seine Eindrücke von damals, die er schimpfend vorträgt. In der Form eigentlich eine schöne und komische Szene, die zeigt, wie weit der Rechtsstaat vom Gerechtigkeitsempfinden entfernt ist.
Aufnahmen vom serbischen Fernsehen aus der Kriegszeit. Ein Historiker erklärt, daß die serbische Sprache noch ursprünglicher als Sanskrit sei, die Wiege der Weltkultur.
Zwischendurch immer in der Stube der Mutter, manisches Nachrichtengucken. Sie beschwert sich, daß sie immer fernsehen würden, wenn er da sei.
In der Kriegszeit mit anderen serbischen Intellektuellen eine Veranstaltung in der Pariser FNAC. Von Exilserben wegen Landesverrats und von Franzosen wegen der offiziellen sebischen Politik beschimpft. BHL setzt sich für ihn ein.
Anschließend betreibt der Schauspieler Becel (?) vom Parlament aus seine Anklage wegen Landesverrats. War Hauptdarsteller in fünf seiner Filme, hatte unter Milosevic Karriere gemacht.
Geht mit BHL auf dem Alifakovac-Friedhof in Sarajevo spazieren. BHL doziert über das besondere an diesem Krieg. Ohne Logik, denn es gab so gut wie keinen begründbaren Unterschied (ethnisch, sprachlich, kulturell) zwischen den Aggressoren und ihren Opfern. Aber ein Beispiel für den großen Haß, den gerade der besonders kleine Unterschied hervorrufe.
Diskutiert mit jüngerer Freundin über seine eigene Haltung. Innere Emigration. Nur nicht die Seele verlieren, alles andere kann man ersetzen. Wie eine Pflanze im Frost überleben.
Ausschnitte aus seinen frühen Filmen findet er inzwischen zynisch. Sie sind aber nur beißend satirisch. Ein Kinderchor singt den "Wehmutschor", der Künstler kommentiert flüsternd einem Freund. Dann kommt der "Tanz der Hygiene", die Kinder mit Schrubber.
"Dann ließ ich die Scherze"
Ljubisa Ristic, in seinen Anfängen anarchischer Künstler, '68 verhaftet, durch die Provinz getingelt. Plötzlich ist er Vorsitzender der YUL, der Partei von Mira Markovic, Milosevics Frau. Damit dritter Mann im Staat.
Vuk Babic, Regisseur, im Exil gestorben. Hat zuletzt tausende Nachrichtensendungen von allen Sendern augenommen, seiner Tochter die Videokassetten hinterlassen. Wollte daraus etwas machen.
Diskutiert mit jüngerer Freundin. Er freut sich, wenn Milosevic verurteilt wird, die Schuld brauche einen Namen und eine Adresse, man muß sie personifizieren. Sie sagt, es sei das Problem seiner Generation, die die Verurteilung wünscht, um sich weniger schuldig zu fühlen. Ihr gibt die Verurteilung nichts, sie war damals zu jung.
Am Schluß geht er durch die Silvesterfeiern 1999/2000, die ersten ohne Milosevic. Die feiernde Menge und ein nachdenklicher Mann: "Der Abgang des Mannes, der uns 10 Jahre lang terrorisiert hatte, hinterließ eine Leere in mir. Doch das scheint mir natürlich. Es hatte mich enorme Energien gekostet, unter solchen Umständen zu überleben und nun weiß ich nichts mit mir anzufangen. Wenn ich Filme drehte oder Theaterstücke schrieb, hatte ich immer nur den einen Gegner vor Augen, der mir jetzt, das muß ich gestehen, fehlt. So schlimm sie auch aussah, es war schleichzeitig eine schöne Zeit. Ich sage das, weil mir klar wird, daß zu kämpfen wichtiger ist, als wie es ausgeht. Und übrigens, wie immer sie auch war, es war meine Zeit, eine andere hatte ich nicht."
Ungeheuer, dasselbe, was viele auch über die DDR gesagt haben.

UEFA-Cup-Finale, und man überlegt, ob man es überhaupt sehen will. Sofort ist klar, daß das Spiel ja langweilig werden mußte, Russen unbedarft, Portugiesen verspielt und unfähig.

19.5., Do
Endlich den Istanbul-Text zurechtgemacht. Spontan noch den Duden-Text. Für jeden Buchstaben immer 7 Wörter aus dem Duden, immer jedes 30. Daraus dann eine Geschichte.

Ausgekoppelt: "Geschichten aus dem Wörterbuch"

Chaussee, ca.230 Leute. Viele neue, eine große Gruppe älterer Turnfestteilnehmer aus dem Spessart.
Die Barkeeperin weiß aus einer Missionsbuchhandlung am Märchenbrunnen, daß sie viele meiner Bücher verkaufen würden. "Jochen Schmidt? Der war doch mal bekannt."
Diskutieren, ob man die Disko vor der Lesung machen soll.
Stephan über Jan Ulrichs Trennung. Wegen Gabi hat er die Tour nie mehr gewonnen, weil sie von ihm verlangte, daß er immer nicht so schnell fährt, wenn sie dabei ist und am Berg den Kindersitz nimmt. In Frankreich ruft sie ihn über den Kopfhörer an, er soll ihr von unterwegs ein Baguette mitbringen.
Volker: "Teenagerbedarfsladen".
Den Dudentext als allerletztes, undankbare Position. Kommt mittelmäßig an, die Hoffnung, die Begeisterung könnte einen dazu verführen, auch die übrigen Buchstaben zu schreiben, hat sich nicht erfüllt.

20.5., Fr
Laufen im Stadion. 10 km in 44:53. Von Anfang an knapp mit der Luft und kämpfen müssen. Aber danach kann man sich sagen, daß man, wenn man so eine Zeit läuft, ja nicht unheilbar krank sein kann.

Schnell duschen, und dann mit der Ringbahn zum Savigny-Platz. In der S-Bahn alles voller Trainingsanzüge vom Turntreffen. Agentur, was ich wolle, Literatur, oder "noch eine Null dranhängen"? Verstehe die Frage gar nicht, schließt sich das denn aus?
Interesse an Sarajevo bei uns bei Null Prozent.
Damit ist das ganze Projekt dann anscheinend wirklich gestorben.
(Eels in "Intro": "Meine ganze so genannte Karriere war ein langer einsamer Kampf gegen Kräfte, die versuchen, mich in Sachen hineinzuziehen, die ich nicht will.")

"Freitag": Georg Bollenbeck über Schillers Kulturkritik. Das Vertrauen in die Bildungsmacht der Schönheit sei uns heute abhanden gekommen. Kunst gilt als Sedativum (Marcuse, der "affirmative Charakter der Kultur") Ausdifferenzierungsprozesse der Moderne führen zur Deformation des Individuums. In "wenigen auserlesenen Zirkeln" ist aber schon der emanzipatorische Effekt einer "ästhetischen Erziehung" auszumachen. "Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit."

Phänomenologie unserer Gegenwart: in der Kaufhalle spricht jemand hinter mir, und ich denke zuerst, er würde mit dem Handy telefonieren. Dabei hat er mich angesprochen, damit rechnet man schon gar nicht mehr.

Die in leeren Flaschen aufgestellten, vertrockneten Rosen im Fenster von der alten Post, die jetzt endlich zu irgendwas renoviert wird. Hinter den runtergelassenen Rollos waren sie jahrelang nicht zu sehen. Damals hatten sie die Angestellten der Post dort hingestellt, muß vor 5 Jahren gewesen sein.

Ost-West-Sprache: Poli"tick" sagen statt "Poli"tiek".

In einem Anfall von Arbeitswut von 17:00 bis 0:30 Texte und Arbeitsnachweise redigiert.

21.5., Sa, Seelower, nachmittags, bedeckt
Sahara-Imbiß. Geo Mai/05. Buch: Ludwig Schirmer "Zu Hause ? Fotografien" (Ed. Braus)
Ein Müller hat in den 50ern sein Thüringer Dorf Berka aufgenommen. Dann nach Berlin gegangen, Industrie-Fotograf geworden. Die Bilder wurden jetzt in seinem Nachlaß entdeckt. Sandige Wege zur Feldarbeit. Ältere Männer ziehen beim Karneval untergehakt über die Straße, einer mit nur einem Bein, einer mit angeklebtem Hitlerbärtchen. Die Kraft der Gesichter, die Steifheit der Posen.

Die größte Vorfahrengruppe in den USA ist deutsch (!)
42,8 Millionen
30,5 Iren
24,9 Afro-Amerikaner
24,5 Engländer
18.4 Mexikaner
15.6 Italiener
9,0 Polen

Er hat zum schwimmen lernen eine Kaffeedose aus einem Westpaket mit Wachs abgedichtet und sie sich mit einem NVA-Tarnnetz auf den Rücken gebunden.

"Bornholmer Hütte", gut gefüllt zum letzten Spieltag der Saison. Leider wieder Konferenzschaltung, wodurch man immer genau die interessanten Momente verpaßt. Es geht doch nicht darum, die Szenen wiederholt zu bekommen, sondern man muß die Langeweile davor durchgemacht haben, um den Torerfolg als etwas besonderes zu erleben.

Rechtes Auge gereizt, Zahnfleisch rechts oben entzündet, leicht fiebrig und gereizte Gesichtshaut, das muß wieder dieser mysteriöse Virus sein.

Abends Kasse in der Kantine. Wegen der Virussache geschwächt, trotzdem freundlich zu allen Zuschauern, im Gegensatz zum Sicherheitsmann, der eine Frau zusammenscheißt, weil sie einfach an ihm vorbeigegangen ist. Sie wirft mir dann verärgert das Geld hin.
Bis zuletzt wird nichts von unseren Produkten verkauft, aber von Spider geht immerhin ein Flyer weg.

Durch den Grand Prix gespult, Musik durchweg grausam, sogar Zdob si Zdub enttäuschend. Die Deutsche singt für meine Ohren ziemlich falsch. Die Punktwertung kann man in Zukunft auch schon vorher ausrechnen:
Österreich: Serbien, Bosnien, Kroatien
Litauen: Lettland
Bjelorußland: Rußland
Niederlande: Türkei
Türkei: Bosnien
Island: Dänemark, Norwegen
Slowenien: Bosnien, Serbien, Kroatien
Und Monaco gibt Deutschland 2 Punkte, weil die Sängerin Gracia heißt?

22.5., So, Seelower, nachmittahs, Sonne
In einer Mail ein Foto aus Schneckenmühle. Unsere Playback-Band beim Auftritt vor dem "Julchen"-Bungalow. Die dreieckige, zebragestreifte Gitarre aus Sperrholz. Wie verführerisch müßte es sein, sich das alles in Echtzeit noch einmal anzusehen, als Film.

Halbe Stunde für die Chronik. Ins Babylon zu serbischem Film. Vor der Sparkasse Schönhauser ein Pulk Punks mit Hunden, zwei prügeln sich blutig, die Hunde bellen wie verrückt, ein trauriges Bild.
Es gibt jetzt Wein am Ausschank. Die bulgarischen Kassenzwillinge sind verschwunden. Eine leicht verwirrte Frau will mir am Eingang eine Karte verkaufen, wird aber daran gehindert, weil es eine Freikarte ist.

Film: "Sivi camion, crvene boje"
'91 in Belgrad. Ein junges Mädchen, das Turbo-Folk haßt ist schwanger und will zur Abtreibung an die Küste. Gerade, als der Krieg losgeht. Trampt mit leicht beschränktem Vokuhila-Fernfahrer, der einen roten Truck geklaut hat. In Bosnien werden sie von einem Kocina und seiner Gang angehalten, die die Gegend zur "Kocina autonomna oblast" erklärt haben. Aber er kennt die Losung, weil er einfach rät, sie ist aus "Walter brani Sarajevo", den Film hat er 5 mal gesehen.
Wegen einer auf den Penis tätowierten Python hat er aus Scham nie Sex gehabt.
Während sie am See zu Musik: Bijelo dugme "Blues za? draga" tanzen, geht auf der anderen Seite des Sees der Krieg los, was für sie wie ein Feuerwerk wirkt.
Sie geht aufs Klo, es ist ein stinkendes Loch. In Kroatien gibt es dann richtige Toiletten.
Am Ende stirbt er wie der Vater im brennenden Kamion.
Traumszene, sie sind in "Bagni die Luca", das in Italien am Meer liegt. Sie hat ihr Kind gekriegt, es ist ein schwarzer Junge. Aber dem Fernfahrer ist die Farbe egal, er ist ja Farbenblind.

Noch eine Stunde im Haliflor. Ein Russe improvisiert für Geld am Cello. Buch: Philip Roth "Professor der Begierde" angefangen. Erst langweilig, sobald es schlüpfiger wird, etwas interessanter. Aber im Prinzip ein belangloser Wortschwall.

23.5., Mo, Seelower, vormittags, bedeckt
Friseur, kurzer Prozeß: "Hinten Fasson, an den Seiten ungefähr so, und vorne auch irgendwie in der Art."

Auf der Straße ein VW-Bus mit Schriftzug auf der Rückscheibe: "Scheidung '04".

Ausgekoppelt: Dramenkonferenzschaltung

Beim Fußball konditionell 3 h gut durchgehalten. Im ersten Teil im Gewinnerteam, viele Tore. Einmal auf links den Ball mit dem rechten Hacken durch die Beine, schnelle Drehung und mit links in die linke Ecke. Dann nach Ecke Kopfball genau in die rechte, untere Ecke, selbst gestaunt.
Zweite Hälfte dann erst überrollt, weil im Team das Tempo nicht da ist. Bei einem kommt Mißstimmung auf. Später dann durch großen Kampf fast noch ins Spiel gefunden. Sage ihm zwischendurch die Meinung, daß er nicht als einziger im Team immer herumnörgeln kann. Muß noch nachts immer wieder daran denken, definitiv kein Leadertyp.

Abends
Thomas Brasch, Aufzeichnungen 1969-70, in "Das blanke Wesen", (Arbeitsbuch)
"Der letzte Satz des Vortages beweist das erschreckende Phänomen der Literarisierung."
Während die intellektuelle Jugend sich von den älteren abzuheben sucht, erlernen die Jungen im Betrieb nicht nur das Handwerk, sondern auch die Gewohnheiten der Älteren, Trunksucht.
"Jedenfalls ist der Roman nicht tot, sondern muß erschlagen werden."
Zu seiner Mutter: "Ihr Mann ist ihre Grenze."
Arbeiterlakonie. "Du hast's gut, du legst dich in die Sonne, ich muß an die Maschine." "Schlag sie doch tot."
"Respektlos belehrender Brief an Vater über den Praxis-Aspekt des Marxismus."
Ein Arbeiter: "Er habe ein neues Farbfernsehsystem entwickelt: Rotes Papier vor die Bildröhre kleben und aus einem Winkel von 60° mit einer Lampe ausstrahlen."
"Der Winter, meine schlimmste Jahreszeit, durch die ich krieche wie durch einen Tunnel."
Bei den Arbeitern Schlager als kulturelles Erlebnis Nr.1. Abneigung gegen Titel auf Englisch.
Treffen mit einer polnischen Freundin. "Nichts, wohinter ich mich versteckt habe, ist ihr wichtig." Sie läßt ihm ein Gedicht liegen. "Worte, die ich nicht begreife. Das einzige war das Fragezeichen am Schluß"
Einer hat Urlaub, fährt aber nicht weg, sondern trifft sich jeden Tag zu Feierabend vor dem Werktor mit den anderen, um sich in der Kneipe das Neueste erzählen zu lassen.
Betriebe schicken Leute in die Schulen, um Leistungsschwache für Verpackungsarbeiten abzuwerben.
In einem Klub planen Bulgaren und Polen, ihn wegen der Frau zu verprügeln.
Sie wirft ihm vor, sie "könne nicht leicht und glücklich sein mit mir, obwohl sie ein fröhlicher Mensch sei."
Je angenehmer die Freizeit, umso stärker das Warten darauf bei der Arbeit: "Die Bemühungen müssen sich auf die Arbeitszeit richten, sie muß potentiell der Freizeit angeglichen werden."
Ringt immer gegen "spießige Melancholie" bei sich.
Er kommt mit seinen Frauen nicht klar, dagegen kommt es im Betrieb kaum zu unglücklichen Liebesbeziehungen, weil man sich Fehlinvestitionen bei der knappen Zeit nicht leisten kann.
Der Maler Altenbourg "hat vom Kulturminister eine Bestätigung, daß seine Bilder keine Kunst seien. So konnte er sie als Bijouteriewaren exportieren."
DSF-Versammlung "Das scharfe Bewußtsein für die Trennung solcher offiziellen Veranstaltungen von der Wirklichkeit ("muß ja sein")" "Einige behielten den Arm bei kurz aufeinanderfolgenden Abstimmungen in den Pausen oben."
"Wenn ein Mann sein Tagebuch etwa alle zwei Jahre veröffentlicht, gäbe dies einen komischen Effekt. Jeder, der Lust dazu verspürt, könnte Literatur werden, indem er sich bemüht, im Leben dieses Mannes eine Rolle zu spielen."
"S. erzählte einem Dreher, daß in Friedrichshagen ein Mädchen wegen Notzucht mit einem Hund verurteilt wurde. Sie habe einen Hund geboren und sitze nun in Rummelsburg. Der Dreher glaubte die Geschichte."
"Oft denke ich an die Wohnung, die nun fast in Aussicht ist?. Leichte, fast weiße Tücher an den Fenstern? Kein Buch im Zimmer?" "Vieles von der augenblicklichen Unbestimmtheit, Nervosität und Unproduktivität schreibe ich den Wohnverhältnissen zu."
Am 29.10.69 wird er fürs Fernsehen gefilmt und muß einen Satz sagen. Im Archiv die Stelle suchen.
150 Mark für einen Schlagertext "Ich liebe dich, ist schnell gesagt".

Zu 19:00 ins Babylon. Am Eingang eine Broschüre von der Kulturstiftung des Bundes bekommen, die den Film bezahlt hat. Aber nur 4-5 Zuschauer wollen ihn sehen.

Film: "Lost and found: six glances at a generation"
Film aus 6 Kurzfilmen.
Bulgarien: eine Hochzeit auf dem Land. Der Hof, den man über ein schweres Holztor betritt. Der Vater bestellt noch eine zweite Kapelle, weil es sonst peinlich wäre. Das Paar ist noch nicht da. Ein langer Tisch mit Essen. Die Großfamilien tanzen. Die Großeltern sitzen wie angewurzelt auf ihren Stühlen. Schließlich ruft das Paar, er Bulgare, sie Französin, von den Niagarafällen an, eben haben sie geheiratet.
Rumänien: von Christian Mungiu die Geschichte eines Mädchens vom Dorf, das nach Bukarest muß, um den Arzt zu bestechen, damit er die Mutter, die im Krankenhaus liegt, noch einmal operiert. Wie in "Marfa si bani" tarantinoeske, dabei aber ganz realistische Dialoge. Der "Le Bigmac"-Effekt. Ihr Freund, der vor der Vereidigung steht, erklärt ihr exakt, wie man den Pförtner und anschließend den Arzt bestechen muß, mal mit, mal ohne Umschlag, mal das Geld falten, mal in die reche Tasche. Das Mädchen mit blauen Augen, dunkler Haut und schwarzen Haaren.
Bosnien: Zwei Mädchen in Mostar, die am 9.11.'93 geboren sind, am Tag, als die Brücke zerstört wurde. Dokumentaraufnahmen von ihrem Alltag, Gruppentanz nach der Schile. Fragen nach dem Krieg, sie haben von allem keine Vorstellung mehr. Gehen aber immer noch nicht nach Ost-, bzw. Westmostar.
Ungarn: verquastes Inzestdrama in schönen, dunklen Farben.
Serbien: Eine Frau, früher Flugbegleiterin, heute Kartenabreißerin in der Straßenbahn. Ihre Tochter will einen Kubaner heiraten, den sie drei Tage kennt, sie will sie davon abhalten. Kapert im Affekt die Straßenbahn und schafft es gerade noch zu stoppen, wobei sie einen verwitweten Polizisten kennenlernt und schließlich ihrer Tochter ihren Segen gibt.

24.5., Di
Joe Sacco exzerpiert, Zitty-Fernsehprogramm im Balzac, Einkaufen.

Buch: Ralph Elger ? Islam (Nachtrag, Anf. Februar '05)
inschallah ? Wenn Gott will
ayat ? Wunderzeichen
Koran ? das Rezitierte
Muhammad gab die Offenbarungen mündlich weiter, und seine Anhänger behielten sie im Gedächtnis oder schrieben sie auf Holz oder Knochen.
Wichtig ist die mündliche Überlieferung der Lehre
Khalifat Allah ? Vertreter Gottes
Jibril ? Gabriel
shahid ? Märtyrer
tafsir ? Kommentar schwieriger Begriffe
tawil ? allegorische Exegese ("Ich bin dein Herr. So zieh deine Sandalen aus, denn du bist im heiligen Tal Tuwa" ? Die Sandalen sind Seele und Leib, ohne sie wird man mit dem heiligen Geist eins")
hadith ? Rede
Fünf Säulen des Islam: Glaubensbekenntnis, Gebet (salat), Almosen (zakat) (Almosen reinigen den Besitz, offizielle Almosensteuer), Fahrt nach Mekka (hajj), Fasten (saum)
jami ? "Versammelnd", Freitagsmoschee
Sarajevo: Schafschlachtung, man gedenkt damit des Gehorsams des Propheten Abraham, dem Gott befahl, seinen Sohn Ismail zu opfern.
umma ? die islamische Gemeinschaft
Nur eine Minderheit der Muslime spricht Arabisch
fana ? spirituelle Entwerdung, mystische Auflösung des Selbst
fatwa ? Rechtsgutachten
Apostasie ? Abfall vom Islam
Bei Schiiten möglich, die Zeitehe mit vorher festgesetzter Dauer, im Minimalfall nur einige Stunden. Sunnitische Juristen sehen dies als versteckte Form der Prostitution.
"Die koloniale Beherrschung wurde nicht allgemein abgelehnt, sondern von vielen Muslimen ? zumindest zeitweise ? als Chance für die eigene Entwicklung begriffen."
Hizb Allah ? Partei Gottes (1982 im Libanon gegründet)
Harakat al-Muqawama al-Islamiyya (abgekürzt Hamas) ? Bewegung des islamischen Widerstandes (1987, Palästina)
jihad ? Anstrengung
kleiner jihad ? Kampf mit der Waffe
größerer jihad ? innere Anstrengung bei der Hingabe an Gott
dar al-islam ? Haus des Islam
dar al-harb ? Haus des Krieges (Länder, in denen Ungläubige herrschen)
mujahidun ? die den jihad führen
sunna ? Befolgung der Praxis des Propheten
jizya-Steuer, von nicht-Muslimen zu entrichten, weil nur Muslime militärische Pflichten übernahmen und Schutz gewährleisteten.
Die These, daß alle naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in irgendeiner Form im Koran enthalten sind. Gott habe z.B. Hinweise auf die Raumfahrt gegeben.
suq ? Markt (arabisch), bazar ? Markt (persisch)
In einem Vers heißt es, daß die Männer über den Frauen stehen. Manche interpretieren es aber so, daß der Mann aufstehen muß, um der Frau zu dienen.
Strafen für Ungehorsam der Frau: Mahnung, Meidung im Bett, Schlagen.
Im Westen: "Wenn der Gebetsruf dem Emissionsschutz nicht widerspricht, wird er von den zuständigen Behörden zugelassen" (wie Glockenläuten)
Koranrezitation zwar ähnlich Gesang, gilt aber nicht als Musik.
Iblis ? Teufel
madrasa ? Koranschule
riba ? Zins, Wucher
urf ? Brauch, Gewohnheit
zindiq ? Ketzer

Buch: Horst Fuhrmann "Überall ist Mittelalter" (Nachtrag 13.12.04)
Die Papstmitra wurde im 12.Jh um 90° gedreht, damit sie nicht wie der "Hörner"-Schmuck des jüdischen Hohepriesters aussieht.
Pallium, weißes Schafwoll-Band um die Schultern, soll daran erinnern, daß der Bischof, wie Jesus seine Schäflein auf den Schultern trägt.
Plötzlicher Tod galt als schlimmer Tod, anders als heute.
Begrüßungsrituale in Rom: Kußpflicht, die Frau des Hauses sollte jeden Morgen die männlichen Verwandten küssen. Sollte sicherstellen, daß sie keinen Wein trank.
"spiegelnde Strafe" Handabschlagen für Raub
Der Normannenherzog Rollo ließ 911 den Fußkuß bei König Karl III. ausführen, indem einer seiner Gefolgsleute, statt sich niederzubeugen, den Fuß des Königs zum Mund riß und den König unter allgemeinem Gelächter zu Fall brachte.
Die Salzburger Protestanten lehnten den Gruß "Gelobt sei Jesus Christus" wegen der ablaßhaften Bedeutung ab. Erzbischof Leopold, Emigrationsedikt, 1731 verlassen 22000 Protestanten das Land.
Ciao kommt von schiavo.
Kaiser Lothars I. Mittelreich von Friesland bis Norditalien wurde "Kegelbahn" genannt.
Um gekrönt zu werden, mußte man nach Rom ziehen, zum Papst.
constantia animi ? Ausgeglichenheit
In der württembergischen Salzstadt Schwäbisch Hall gründete Barbarossa eine Münzstätte für Massenproduktion, und diese minderwertigen "Heller" verdrängten im Lauf der Zeit das Geld aus nichtköniglicher Münze.
In Quedlinburg ein Haar der Jungfrau Maria, ein Tropfen ihrer Muttermilch.
Im 12.Jh. betrieb Köln einen eifrigen Handel mit Reliquien, die angeblich von in Köln von den Hunnen niedergemetzelten 11000 Jungfrauen stammten.
Schon bei Brecht träumt Mackie Messer ja davon, "ins Bankfach überzugehen", was dann in "Der Pate III" passiert.
Im Fürstenportal des Bamberger Doms ein Wucherer, der einen prallen Geldsack auf der Kette des Teufels absetzt.
Bevor die Ritter 1188 mit Richard Löwenherz auf Kreuzzug gingen, durchzogen sie mit Namenslisten die Straßen, um ihre jüdischen Gläubiger umzubringen.
An der Stelle des 1349 in Nürnberg durchgeführten Pogroms, gibt es jetzt den Christkindlmarkt.
Anstelle der Synagoge steht in den meisten Städten so gut wie immer eine Marienkirche.
"Josephsehe", keusch.
Hausmönche ? asceti domestici
Mönchsvater Benedikt sprang in einen Dornbusch, um die Begierde zu verteiben und "Wollust in Schmerz zu vertauschen.
Seelenführer
Trotzki-Mörder Mercader bekam den Leninorden.
Es gab Berufskämpfer, die sich für einen gottesgerichtlichen Zweikampf zur Verfügung stellten.
Die Kirche verbot die als heimtückisch geltenden Pfeil und Bogen. Nur im Kampf gegen Ketzer und Ungläubige sollten Fernwaffen erlaubt sein.
1701 Preußischer Orden vom Schwarzen Adler gestiftet. "Suum cuique" Jedem das Seine.
1813 im Kampf gegen Napoleon das Eiserne Kreuz gestiftet, kein Klassenorden mehr.
Universalienstreit ? Nominalisten: der Name ist eine Bezeichnung, ohne transzendente Ensprechung im Vorwissen Gottes.
Im Arbeitstisch Thomas von Aquins soll ein Segment für seinen mächtigen Bauch ausgesägt gewesen sein.
Als Judas sich erhängte, ging sein Bauch auf, und der Feigenbaum verdorrte

Film: "Graffiti"
Halbdokumentarischer Film aus New York von '82.
Ray ist Graffiti-Künstler und will nur illegal arbeiten, nicht wie andere für Geld, oder gar "Graffiti on canvas". Denn es geht um "taking the risk". Die Stadtlandschaft mit vermüllten Brachen, Grünzeug im Bürgersteig, ausgebrannte Fensterhöhlen.
Sein Tarnname ist Zoro, niemand kennt ihn. Das alles noch bevor es im Hiphop um Millionen ging. Aber einer spielt schon den Manager und versucht, ihn zu einem Interview überreden, wegen der Publicity. Die weiße Journalistin, der im Ghetto der Motor abschmiert.
Musikeinlagen, Rap, damals noch deutlich funkig und ohne Melodierefrains. Viele im Afro-look. Man sieht Grand Master Flash, wie er in so etwas wie seinem Schlafzimmer an den Plattenspielern mixt und scratcht.
Die Journalistin nimmt ihn zu einer Kunstausstellung in Manhattan mit. Rotwein mit den reichen Weißen.
"Sie sollten seine Graffiti sehen."
"Wir haben 50000 Dollar ausgegeben, um das von unseren Wänden zu entfernen"
Einer versteht immer "Rat music".
Ein spontaner Battle auf dem Basketballplatz, zwei Gangs rappen gegeneinander. Flyer werden verteilt (was man noch mit "Flugblätter" übersetzt). Als Höhepunkt eine Show in South-East. Als Bühne dient eine verkommene Betonmuschel, die Ray bemalen soll.
Große Party mit Breakdance, Rocksteady Crew, Musik.

25.5., Mi, Seelower, nachmittags, Sonne

Taz im Schwarz-Sauer: - Bernardo Provenzano, Boss der sizilianischen Mafia, seit 42 Jahren untergetaucht. Das Muster ähnelt dem Fall von Karadzic. "Er verfügt über ein so dichtes Netz von Kontakten im Staatsapparat, durch das er alle notwendigen Informationen erhält." Und schlimmer, er hat sich in direkten Verhandlungen mit dem Staat dadurch gesichert, daß er den "blutrünstigen" Flügel der Cosa Nostra stoppt.
- ErsatzStadt-Runde in der Volksbühne. "Die kreative Klasse ist vom neoliberalen Projekt längst zu unfreiwilligen Helfern auserkoren worden. Im Stadtmarketing ist Subkultur als Standortfaktor vorgeschrieben." Die kontrollierte Dosis künstlerischer "Unruhe" hilft den Ausbruch von allgemeinen Unruhen zu verhindern.
- "die alte Popgeste der Aneignung von Städten und Vierteln."
- Architekt Eyal Weizmann: "Der größte Teil der Forschung zum städtischen Raum wird heute von Leuten in Uniform vorangetrieben. Weltweit bereiten sich Militärs auf Kriege in Städten vor, gründen urbanistische Forschungsinstitute und planen Netzwerktaktiken oder das Vorgehen in Schwärmen. Die Ausbildungsbücher des israelischen Militärs lesen sich bereits jetzt wie Kommentare zu postmoderner Philosophie, voller Vokabeln wie "nichtlineares Denken", "Flache Hierarchien", "nomadisches Umherschweifen", die den Erfolg auf urbanen Kriegsschauplätzen sichern sollen."

Boris Groys im Gespräch mit Kluge.
Erst war die Kunst, Gott als Künstler, die Welt als Artefakt. Erst dann wurde die Natur erfunden.
Perestroika ein staatlicher Artefakt. Weiterentwicklung des Marxismus: soziales Engineering. Geschenk des Staats an die, die sich als Kapitalisten verkleiden dürfen.
Freiherr von Stein in England verhaftet, weil er eine Dampfmaschine abmalt.
DDR hätte als Musterstaat von Brüssel damals schon funktionieren können.
Ursprüngliche Akkumulation, Hütten der Bauern werden abgebrannt um Weideland für wertvolle Wolle zu gewinnen. Dadurch entsteht die industrielle Arbeitskraft. Tod am Galgen, Bettlerexistenz oder ausbeutbarer Arbeiter sein, man kann wählen.
Die Geheimlehre des Kapitalismus ist das totale Chaos/Casino. Heute die postpuritanische Phase. Man braucht ein leeres Herz, das sich den jeweils günstigsten Glauben aneignet. Bereitschaft, alles zu verlieren und zu gewinen. Darin gleicht der konsequente Kapitalist dem konsequenten Revolutionär: sie leben im Casino, ergreifen Chancen, leben mit dem Verlust. Revolution ja auch ein Glücksspiel.
"Mein Tod ist mein Freund" "Die Welt ist ein Hotel"
Heute freiwillige Sklaverei. Ein Fortschritt zu Rom.
Athen der Reflexion weicht dem militärischen Rom. Griechenland war die Moderne, Rom die Postmoderne. Das wiederholt sich heute, die ganze Zwischenzeit könne man vergessen.
Die Natur ist Produkt ihrer Betrachtung, ursprünglich künstlich. Die (romantische, ökologische) Rechtfertigung der Natur ist ja immer ästhetisch.
Subversive, antibürgerliche Kunsttechniken aus den 60ern (Pasolini) werden in Abu Ghraib benutzt, um wiederum in einer "unterlegenen" Gesellschaft gewaltsam den Markt einzuführen. (Für ihn ist '68 die Durchsetzung der Warengesellschaft) Das theatralische dieser Fotos.
Ist der Künstler nicht ein Nachahmer der Macht?
Theater ist Ausbeutung als Entertainment.
Sozialistischer Realismus, Propagandakunst: Irrsinn und Wärme in den Bildern. 20er/30er originelle Ausprägung der Massenkultur des 20.Jh. Werbung ohne kommerziellen Inhalt. Gesamtkunstwerk Stalin. Aus Rußland ein Kunstwerk machen.
Heute leben wir in einer Kultur, in der Politiker mehr Bilder produzieren als Künstler.
Sozialistischer Realismus als Variante des Surrealismus. Kollektivierung des Unbewußten. Unmögliche Situationen, wie die Landung Stalins in Berlin werden dargestellt.
Der Ikonoklasmus als Geist der Avantgarde, die Zerstörung von Bildern, ist in Wirklichkeit ein bildgenerierender Gestus (Buddha-Zerstörung, Twin-Towers)
Buch: "Die Erfindung Rußlands"
Rußland als barbarisches Land, was eine eigene Qualität darstellt. Systemwechsel emotionslos beobachtet, der Staat ist ohnehin immer etwas fremdes.
Rußland als Reservearmee der Weltkultur.
Die Spannung zwischen Publikum und Kunstwerk, im Westen wird das Kunstwerk ausgetauscht, wenn es nicht funktioniert, in Rußland das Publikum. Umprogrammierung des Menschen.
Will Texte edieren von Biokosmisten/Immortalisten. Deren These, der Kommunismus sei erst möglich, wenn die Menschen unsterblich sind und alle Planeten bewohnen. Abschaffung der Sexualität, rückwirkende Auferstehung der Toten, die ja am Kommunismus sonst nicht teilhaben. Museum, in dem jeder Mensch, der je gelebt hat, einen Raum bekommt, worin alles aufbewahrt wird. Künstliche Auferstehung. Sonst ist der Kommunismus nicht gerecht, weil er auf Kosten der Toten entsteht.
Die schlechte Kunst bewahrt eher den Traum als die gute Kunst.
In der Hochkultur unterliegt man dem Zwang, das neue zu tun. In der medialen Welt, dem Zwang, das gleiche zu sagen.
Es gibt keinen Ort des Gesprächs, nur Medien und Museen.
Das primäre an der Kunst ist das Zeigenwollen.
Es gibt die Situation des Nichtwissens gar nicht (auch nicht in der Liebe). Man ist immer der Kurator seiner selbst.
Das Neue ist das Verhältnis dessen, was ich tue, zum Archiv.
Aus der SU hat er das Gefühl mitgebracht, nicht zu verstehen. Schreiben nicht aus Sendungsbewußtsein, sondern weil eine allergische Reaktion zu von anderen Behauptetem eintritt.

Wie konnte ich die Ausstellung "Traumfabrik Kommunismus" (24.9.03-4.1.04 in Frankfurt/Main), von Boris Groys kuratiert, übersehen?

Im Internet Rezensionen zu Büchern von Groys, fast einhellig trifft er auf Ablehnung "Helge Schneider der Kunstkritik".

In einem Winnetou-Film sprengten Reiter davon und im Hintergrund fuhr ganz klein ein Bus durchs Bild.

Im Spiegel wird eine Matheschule aus Leipzig gefeiert. Plötzlich gefällt ihnen der Elite- und Leistungsgedanke aus der DDR.

Sarajevo: Film: "Zivot je cudo" (R.: Emir Kusturica), im Babylon.
Bosnien, 1992
Anthony Perkins des Balkans, spielt Ingenieur in Golubici. Steht für eine ganz andere Generation. Seine Katze kann Vögel hypnotisieren. Taubenzucht.
Schafe auf Schienen. Schienenauto. Jungs, die Fußball spielen. Briefträger Veljo kommt zu einsamem Haus. Der Besitzer von Bären getötet, die aus Kroatien kommen, wo sie vor dem Krieg fliehen. "Tito hat doch den letzten Bären getötet."
Eisenbahnprojekt, Eröffnung eines Tunnels, ursprünglich aus Österreich-Ungarischer Zeit. Eisenbahn als verbindendes
Ein lebensmüder Esel, der sich auf die Schienen stellt als Running-Gag.
Frau Jadranka, er Luka. Sohn Milos möchte zu Partizan Belgrad.
Mutter singt für Sohn beim Fußballspiel Oper, um dem Manager zu beeindrucken.
Pinkelszene, aus Amarcord geklaut.
Bürgermeistertyp. Noch der freundliche Geschäftemacher mit Sinn fürs Gemeinwohl.
Tunnel nach Serbien. Bärenjagd, Bürgermeister wird erschossen.
Parodie auf Titofeiern zur Einführung der Eisenbahn, Marke Krauss.
"Mit dem kleinen Finger teilst du das Meer"
Eine Lokomotive aus Menschen fährt durch Papptunnel.
In den Nachrichten der Mord auf serbischer Hochzeit in Sarajevo. "Das kommt nicht hierher, hier sind die Leute vernünftig."
Statt Einladung zu Partizan kommt Gestellungsbefehl.
Offizier: "Wenn Moskau es zuläßt, nimmt die Armee es in die Hand."
Erschießt den Fernseher.
Armee rückt über die Schienen ein.
"Wo haben die Ustaschen das 120er her?" "Von Genscher!"
Frau brennt mit Ungarn durch.
Gerüchte: Ein Buch "Geheimnisse des Krieges" von Schwarzenegger. Da steht, wie man die Kehle durchschneidet.
Sein Sohn in Gefangenschaft. Muslimin Sabaha als Geisel, weil sie aus einer Beg-Familie kommen soll.
Die Schmuggler übernehmen das Geschäft. Schnupfen Kokain von den Gleisen. Der neue Bürgermeister ein Geschäftemacher. Aleksic läßt den Tunnel schließen.
Serben flüchten vor Moslems.
Herbstlandschaft. Schnitzeljagd mit seinen Klamotten, zu seinem idyllischen Geburtshaus aus Holz. Teilt Melone mit Kopfnuß.
Immer Suche nach derbem, poetischen Bild.
Serbe ruft vom Satellitentelefon bei Sex-Hotline in Deutschland an. Erschießen ihn im Tunnel, dazu pfeift er "This is the end?"
Nebenbei wird die paradiesische Landschaft in allen Farben gezeigt.
"Sie hat dich mit einem muslimischen Fluch belegt"
Will sie nicht im Austausch für seinen Sohn geben.
An der Drina, ein Toter im Wasser, Muslime schießen sie an. "Weißt du, wann ihr in Gorazde einmarschiert? Niemals!"
Zieht sie auf dem Schlitten, die Blutspur im Schnee. Im Krankenhaus gibt er sein Blut für sie. Sie stirbt nicht.
Gefangenenaustausch unter UNO-Aufsicht. Er rennt ihr nach, die weggetragen wird, und seinem Sohn in die Arme. Journalistin: "Were you prepared to die for the freedom of Bosnia?" Rülpst ins Mikro.
Er legt sich auf die Schienen, der Esel stoppt wieder den Zug. Reitet mit ihr davon.

26.5., Do
Chaussee: Hinterher ein Typ auf der Straße: "Ick bin ja aus Köpenick, ick war im Matrix, die spielen die Scharts. Ick wähle immer 0130 vorher, ditt is billijer."

27.5., Fr
Laufen wegen Hitze dann doch nur 4 Km das Tempo durchgehalten, und anschließend 1000 Meter.

Der Schmetterling zitterte, vielleicht hatte es irgendwo auf der Welt ein Unwetter gegeben.

Spontan baden mit Falko und Ina. Im offenen Trabi zum Plötzensee. An den Ampeln pusten einem die Trucks die Abgase ins Gesicht, aber ich trage wenigstens die Rennbrille. Erstaunliche Sauberkeit am Strand. Eine Assi-Großfamilie gibt ein trauriges Bild ab.

Film: "Vergeßt nie, wie es begann" (R.: Karl Siebig) im Krokodil. ZDF-Produktion von '78, heute undenkbar im Fernsehprogramm.
Vom Freundeskreis "Ernst Busch" organisiert. Leiden unter der Hitze.
In Kiel geboren, 1927 Sprung in die Metropole Berlin.
Zeitzeugen: Leopold Lindberg, Schauspieler. Grigori Schnerson, Komponist
Die 20er, in denen Schauspieler versuchten, wie Proletarier zu wirken.
In der DDR hatte man diesen Brechtton aber satt, das schneidend propagandistische.
Oratorien über die Inflation (heute denkbar?)
"Nun, da ihr wißt, wie alles werden kann, vergeßt es nie, wie es begann"
Theater am Nollendorfplatz. Westberlin der 70er, sieht aus wie Ostberlin, die alten Häuser, nur an den Auslagen der Obst-und-Gemüse-Läden erkennt man es.
Freundlicher Spott "Barrikadentauber".
2000 Mann im Sportpalast. "Die kannten das Programm, die wollten natürlich mitsingen, ich brauchte gar nichts zu machen."
"Wir schlagen Schaum, wir seifen ein" In Berlin verteilt die SPD zur Wahl Seife "Wählt SPD: Nimm dieses Stückchen Seife, auf daß es dich erfreu und schenke deine Stimme der SPD-Partei."
Stempellied: "Durch die Löcher der Kleedasche, kiekt die Sonne rein? die Lage sieht sehr flau aus, bestenfalls im Leichenschauhaus hast du noch Kredit."
Einheitsfrontlied. Er behauptet, Eisler die Melodie durchs Sprechen schon vorgegeben zu haben: "Wie man es rezitiert, so muß man es auch in die Musik reintreiben."
Für Spanien verändert er den Text: "Kommt heraus aus euern Löchern" "?dann schmeißen sie die Knarre hin und gehen."
Er war wohl schon sehr vergeßlich, kaum noch in der Lage, zusammenhängend zu erzählen.
Siebig: Konrad Wolf war nicht die DDR, eine Ausnahmeerscheinung." Publikum: "Aber auch das war die DDR!"
Der Kulturdezernent hat die SPD-Fraktion von Kiel damals nicht bewegen können, Busch den Kulturpreis der Stadt zu geben.

Ecke Greifenhagener/S-Bahn-Brücke. Unerquickliche Diskussion, in der ich dauernd wegen ästhetischer und lebensphilosophischer Überzeugungen an den Pranger gestellt werde. Weil ich bedauere, meine Tore beim Fußball nicht aufzeichnen zu können. Musil sei der größte, Thomas Mann "ein Arschloch".

28.5., Sa
Traum: Balkon in Buch. Das Bedauern, das irgendwann aufgeben zu müssen. Dabei ist es das ja längst.

Mißmutig durch den menschenleeren Hitzetag, Sahara-Imbiß. Dann an der Wiechert Spider getroffen. Im Weißen Hirsch 2 Radler.
Eine Robotergeschichte fällt uns ein. Jetzt, wo man stolz darauf ist, in Rumänien wieder ein Autowerk ohne Roboter gebaut zu haben, vielleicht gibt es ja irgendwann bei uns neue Roboter, in denen in Wirklichkeit Rumänen sitzen.
Nebentisch: "Denn ziehn wa dit Ding richtig uff, icke online, mach die janze Propaganda?"

Ausgekoppelt: Abschied von Rot-Grün: "Wer aber ist die Partei?"

Abends gegen 8 ins schöne Pankow zu Alexander. Suppe, Salat, Nudeln, Eis mit Erdbeeren. Erörtern die Weltlage, die deutsche Misere.
NVA, außer Alex waren alle, manche auch 3 Jahre. Am Ende ist man doch irgendwie stolz. Was für ein großes Thema das sei, noch nicht ausgeschöpft.
Dreijährige Jungs zeigten nachweislich weniger Empathie als Mädchen, wenn sich die Mutter in den Finger schneide.
"Fernsehen macht die Dummen dümmer und die Intelligenten intelligenter."
Sie sagt, ihr Freund gucke alles, was schwarz-weiß ist.
Gegen 12 zurück, im kurzen Hemd durch die milde Nacht.

29.5., So, Seelower, bedeckt
Alte Blogs gelöscht, man ist doch immer unangenehm überrascht, was da alles stand.

Unangenehm gutes Wetter, unmöglich dabei zu arbeiten. Um 3 gucken, ob sie wirklich am alten Ort Fußball spielen. Aber an der Duncker erkenne ich niemanden und in der Hosemannstraße ist niemand. Mit dem Fahrrad durch die flirrende Nachmittagsluft bis nach Weißensee und zurück. Kaum Verkehr, keine Menschen. Aus Frustration spontan zur Sauna.

Um halb 6 vor dem Haus auf der ungemähten Liegewiese mit den anderen. Eine Frisbee-Scheibe fliegt mir an den Kopf, der Vater entschuldigt sich sogar, was mir schon selber peinlich ist. Ich kann einfach niemandem böse sein.

Eigentlich müßte man "Bohemistik" studieren, nur als Gag.

Alle Pizzen für 2,90 auf der Schönhauser, dafür muß man aber auch 1 Stunde darauf warten.

30.5., Mo
Angst, mich gestern erkältet zu haben. Zum Glück ist die Hitzewelle schon wieder vorbei.

Nur eine Runde Fußball, aber mit vollem Einsatz gegen die eigentlich stärkere Mannschaft gegengehalten. Als Torwart aufgerückt und nach Ecke von Rechts Direktschuß in die rechte obere Ecke.

Kluge über Goebbels. Rühmanns Hitlergruß hätten sie rausgeschnitten, sie wollten nur Unterhaltung, keine Ideologie in den Filmen.

Um 5 am Kiosk Ecke Bornholmer. Im Auto nach Magdeburg, leichter Niesel. Die barbarische Stadtautobahn. Gespräch über GbR und Steuern.
In ein Café am Platz, das wir bisher nie gefunden hatten. Er sei erst zufrieden mit seiner Fahrweise, wenn er auf der Autobahn die ganze Strecke nicht bremsen mußte. Büffelmozzarellasandwich.
Zum Theaterstück ist es voll, vor allem Schulklassen. Die Jungs am Eingang: "Ist das nicht schwul, hier reinzugehen?" Die Mädchen gucken sehr aufmerksam.
Auf der Rückfahrt weggedämmert und immer wieder aufgewacht, weil das Unterbewußte einen drängt, auf den Weg zu achten. Auf die nasse Straße blinzeln im summenden Innenraum eines Autos.

31.5., Di
Buch: Joe Sacco "Safe Area Gorazde" (Nachtrag zum 20.3.05)
Jede Familie hat ein kleines Floß mit Wasserrad an der Brücke im Fluß, zur Stromerzeugung. Reparatur ist lebensgefährlich.
Nachdem die serbischen Nachbarn sich nach einer Offensive wieder zurückgezogen hatten, haben sie ihre Häuser gefilmt, wie sie sie nach der Besetzung zurückgelassen hatten. Dafür eine Kassette aus einem serbischen Haus benutzt, deshalb folgen auf die eigene Aufnahme Bilder einer serbischen Hochzeit. Die Mutter zählt die Namen der Anwesenden auf.
Die lebensgefährlichen, für viele tödlichen, nächtlichen Fußmärsche durch die verschneiten Berge in bosnisch kontrolliertes Territorium, um Essen zu holen.
Feb. '94 kam die Drohnung für Luftangriffe auf serbische Stellungen um Sarajevo. Viele schwere Waffen wurden daraufhin abgezogen und für eine Offensive auf Gorazde benutzt.
Trifft auf aggressive Männer, die ihm Vorhaltungen machen. Warum kommst du amerikanischer Journalist? Ihr denkt, wir sind primitiv.
In solchen Momenten hat er die Nase voll und will weit weg von diesen "horrible, disgusting people and their fucking wars and pathetic prospects."

Sendung über das neue BMW-Werk in Leipzig, man wird ganz ehrfürchtig. Ein Roboterballett, so ein Werk. Verwirklichte sozialistische Arbeitsatmosphäre, für die wenigen, die dort Arbeit finden. 650 Autos am Tag.

Ausgekoppelt: Das andere Deutschland

Deprimiert zur Greifswalder. Straßenbahn nach Hohenschönhausen zum Renault-Haus. Man traut sich gar nicht rein in so ein Gebäude. Wie oft im Leben betritt man schon ein Kaufhaus für Autos?
Aber 200 Zuschauer, von einer Sorte, wie man sie sonst nie bekommen würde.
In der Pause Stullen und Buletten. Der Kundenbetreuer vom Haus erzählt von seinem Herzinfarkt. Seitdem "keine harten Sachen mehr". An der Tafel stehen französische Wörter, vielleicht finden die Schulungen hier auf französisch statt. Überlege, ob ich das knipse und an die Konkurrenz verkaufe, aber erstmal die Preisvorstellungen auskundschaften.
Mache zwar Werbung für meine Bücher, aber ich bringe es nicht über mich, mich dann hinterher wie ein Wegelagerer damit an den Ausgang zu stellen. 
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